Ein Hoch auf die (ungefilterte) Kommentarspalte!

Vor ein paar Monaten beklagte ich in der NZZ die fehlenden Investitionen in künstliche Kommentar-Intelligenz. An meinem Standpunkt hat sich wenig geändert. Doch ungefilterte Foren haben auch ihre Vorteile.

Polemiken, Streitereien, Leser die aufeinander eindreschen und sich so sehr verzetteln, dass ihre Beiträge kaum mehr mit dem Thema zu tun haben – welcher Community Moderator kennt dieses Problem nicht. Gerade internationale Medienthemen wie Ukraine, Nahost oder die Flüchtlingskrise bieten Zündstoffpotential.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit  unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

Wer stimmt schon für den Brexit?

Provozierende Bemerkungen, dass der andere User ja keine Ahnung von Geschichte habe, führt zur beleidigenden Gegenreaktion.  Die Eskalationsspirale ist angekurbelt, wenn der erste (oft sachfremde) Kommentar das Eis gebrochen hat. Moderatoren müssen täglich zig-fach abwägen, wie sehr und ob die oft meinungsstarken Kommentatoren die Netiquette verletzen.

Diese Gratwanderung ist unglaublich anstrengend. Jeder Redakteur, der auch nur einen Tag lang eingehende Kommentare freigeschaltet hat, kann das bestätigen. Doch sie hat angesichts der wachsenden Segregation durch Filterblasen  in sozialen Netzwerken einen Vorteil: die Kommentarspalte bleibt der Hort des ungefilterten politischen Diskurses.

Begegnungszonen unterschiedlicher Meinungen werden Mangelware 

Hier treffen reaktionäre, progressive, nationalkonservative und feministische Geister aufeinander. Das ist wichtig. Wieso? Tom Steinberg, der Direktor der NGO MySociety fragte neulich auf Facebook: Wer sind diese Leute, die für den Brexit gestimmt haben? Wo sind sie? Er kenne niemanden.

Als Community Redaktorin weiss ich, wo sie sich aufhalten: Man trifft sie in den Foren von Medienplattformen. Meist meldet sich zwar eine lautstarke Minderheit der Leserschaft zu Wort , die mit der These des Artikels nicht einverstanden ist (die stummen Leser bilden meist die zufriedene stillschweigende Mehrheit).

Doch die Stimmen der Unzufriedenen, die Wutbürger [kleiner Exkurs: Eigentlich sollten sie ja Wahrheits- oder Zeitbürger heissen, da sie sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und offenbar viel Zeit haben. Exkursende] werden dort sichtbar. Ihre kruden Argumentationen zeigen, wie wichtig unsere Stimme beim Urnengang ist. Dass wir uns aus unserer Saturiertheit und unserem homogenen Umfeld herauslösen müssen. Dass wir dagegen halten und jeden überzeugen sollten, diesen Brief rechtzeitig abzuschicken.

Sich in Sicherheit wähnen

Ansonsten passiert etwas, was das Gegenteil des von mir attestierten Potenzials von Social Media wäre: Demobilisierung. Wir gehen nicht abstimmen, weil wir davon ausgehen, dass niemand so geisteskrank sein kann, den Bruch mit der EU freiwillig riskieren zu wollen . Weil unsere singuläre Stimme nicht relevant sein kann für das Abstimmungsergebnis. Weil wir selbstreferenziell sind. Wie gefährlich das ist, hat Michael Furger in der NZZ am Sonntag am Beispiel Brexit aufgezeigt.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der NZZ am Sonntag (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der “NZZ am Sonntag” (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Bis wir die Notwendigkeit erkannt haben, neue digitale Plattformen zu designen, die das Aufeinanderprallen von politischen Meinungen gar begünstigen, bis dieser Tag eintritt, gibt es nur eine Arena für die politische Debatte, mit Sichtweisen, die unterschiedlicher nicht sein können: die Kommentarspalten von 20 Minuten, Tagi, SRF, Blick und NZZ. Auch wenn es uns unglaublich ärgert. Und wir dafür immer wieder die Komfortzone der Gleichgesinnten verlassen müssen.

Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

Social Politics & Journalism – Die Zweite

Kann Zuckerberg Trump verhindern? Vermutlich ja. Dies und andere spannende Fundstücke der letzten Woche in meiner zweiten Ausgabe von SPJ (ich werde mich mehr auf Politik als auf Journalismus fokussieren, da der Themenbereich Social Journalism mit verschiedenen Angeboten wie den smwatchblog bereits gut abgedeckt ist)

  • Wenn Facebook morgen beschliessen würde, durch aktives Löschen von Postings anderer politischer Couleur nur noch linksliberale Parteien in der Schweiz und in Deutschland zu unterstützen, hätte dies wohl keinen spürbaren Effekt auf die nächsten Wahlen. Das nationalkonservative oder wertkonservative Elektorat würde vielleicht etwas vermindert werden. Die CDU/CSU-Basis würde vielleicht ein klein wenig schwächeln. Eine SVP  bliebe die wählerstärkste Partei bei den Eidgenossen.                                                                                                                                                                                                                                                                    In  den USA hingegen sähe das ganz anders aus. Bei der hohen Facebook-Durchdringung der Gesellschaft, dem ausgebauten digitalen Ökosystem und den hohen Investitionsbereitschaft von politischen Parteien in ausgefeilte Data-Mining-Techniken für Kampagnen, könnte Marc Zuckerberg wohl auch einen Donald Trump verhindern. Wenn er denn wollte. Denn die amerikanische Verfassung sieht auch bei einer zeitgemässer Auslegung keine Beschränkung von Filterfunktionen bei reichweitenstarken Plattformen vorFacebook wouldn’t have to disclose it was doing this, and would be protected by the First Amendment,” schreibt ein Gizmodo Redakteur Michael Nunez.     

 

  • Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

    Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einfluss auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Die aufgeflammte Debatte nach einem internen Facebook-Q&A ist für mich das spannendste Thema im digitalen US-Wahlkampf.  Social Media bieten einen Rahmen für politische Debatten an, ohne dies aktiv zu wollen. Damit haben sie  nicht-legitimiert quasi-staatliche Aufgaben übernommen,                                                       Man erinnere sich an den Aufschrei über das Emotionenexperiment und die Rückblende über die Testgruppen beim “I’m a voter”-Button. Auch ich habe damals in einem NZZ-Artikel die Frage aufgeworfen, inwiefern die Placierung des Buttons die demokratischen Anhänger womöglich mehr mobilisiert hatte. Bis heute ist Facebook uns  Kritikern eine Antwort schuldig geblieben. Einzig der zuständige Professor gab freimütig zu, dass die Obama-Kampagne von viralen Effekten infolge der Testumgebung profitiert haben könnte.                                                                                                                                                                                      Das republikanische Lager wird diesen Sommer sicherlich wohl besonderes Augenmerk auf algorithmische Diskriminierung legen. Fühlt sich ein allfälliger Kandidat Trump benachteiligt, kann er sich in eine Opferrolle à la Blocher (und seiner Kritik an traditionellen Medien) emporstilisieren. Was ihm wohl noch mehr Medienaufmerksamkeit bescheren wird.

 

    • Apropos datenbasierte Digitaldemokratie: Nicht Facebook, nicht “normales” Fernsehen,  nein – YOUTUBE ist die Haupt-Spielwiese für politische Video-Werbung im US-Wahlkampf. Besonders experimentierfreudig in Sachen Video zeigt sich das junge Team rund um Bernie Sanders, welche sogar neuerdings Buzzfeed-Videos auf Twitter bewirbt und vorgängig politische Werbebotschaften einblendet. Diese Erkenntnisse habe ich dank eines interessanten Wired-Artikels gewonnen.
      Dazu einige interessante Zahlen: Seit Oktober 2015 haben Ausgaben in politische Werbung um 294 Prozent zugenommen. 50 % aller politischer Video-Ads werden mobile konsumiert. Youtube bietet differenzierte Statistiken an, so dass man die Absprungsrate möglichst minimieren kann (leider gibt es dazu keine Informationen). Der Vorteil gegenüber dem grössten Player und Video-Überflieger Facebook: Youtube wird bewusst angesteuert, weil sie Bewegtbild-Formate konsumieren möchten.                                                                                                                                                     Die grösste visuelle Plattform hat ein tragfähiges Geschäftsmodell basierend auf Video-Ads entwickelt. Bei Facebook hingegen springen einem ungefragt die im organischen Newsfeed hinaufgeladenen Kurzfilmchen  beim Scrollen an. Was wiederum die Zahl der Aufrufe künstlich aufbläht.  Ausserdem fehlen die Monetarisierungsmöglichkeiten: Politische Wahlkampfwerbung lässt sich nur als eigener Inhalt als klassisches Posting “ausstrahlen”.  Die Wirksamkeit von TV-Werbung direkt zu messen, ist bis heute ein erfolgloses Unterfangen…

 

 

  •  Ein süffisant geschriebener Text über den irischen Wahlkampf (Parlament), den Digitalevangelisten wieder übermotiviert feurig als DEN Social Media-Wahlkampf betitelten. Was er selbstverständlich nicht gewesen war. Wobei man sagen muss, dass die Insel in der Vergangenheit dem Ideal am ehesten entsprochen hat: Und zwar letztes Jahr im Vereinigten Königreich bei den Unterhauswahlen.

    All Politics are social – Hübsche Infografik, die ich auf Pinterest entdeckt habe:


  • Ein interessantes Stück über Bot-Kriegsführung/, Informationskrieg 2.0 oder den maschinengemachten Shitstorm lieferte die WELT.  Was passiert, wenn Roboter-Armeen den politischen Diskurs steuern?

Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt, die größte Gefahr, die von Social Bots ausgehe, sei es, dass die Roboter die reale Politik und damit eine Gesellschaft beeinflussten. Weil sie durch ihre schiere Masse Stimmungen relativ schnell zum Kippen bringen könnten – in den sozialen Netzwerken.

Wenn Tausende Bots auf ein Thema aufspringen, sich ähnlich äußern, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, können sie den Eindruck erwecken, eine Stimmungslage habe sich gedreht. Politiker – und Journalisten – stützen ihre Arbeit auch auf Analysen der Netzwerke. Und richten sie danach aus – dabei haben sie es womöglich nicht mit Wählern oder mit der mutmaßlichen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sondern mit Maschinen. Ähnlich könnten das auch Unternehmen und einzelne Menschen erfahren: der maschinengemachte Shitstorm”

Im Kleinen beobachten wir diese irreführenden Konklusionen im Kommentarwesen von Medienportalen. Obwohl nur eine Minderheit der Leserschaft sich zu Wort meldet – meistens diejenigen, die nicht mit der These oder der Leistung des Journalisten zufrieden sind – schliessen gemäss verschiedenen Studien sowohl Leser als auch Autoren induktiv auf die vorherrschende Meinung zum Werk. Negative Kommentare (unabhängig davon ob es sich um maschinelle oder menschliche Trolle handelt) beeinflussen somit auch die Rezeption und Urteilsbildung zu publizistischen Inhalten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse dies zu ändern. Mit Massnahmen für einen besseren Leserdialog und dem Kampf gegen Bot-Armeen.

  •  Warum es Open Data braucht, das haben auch die beratungsresistentesten öffentlichen Institutionen begriffen. 2016 wird das Jahr des WIE werden (Medium.com).
parteien social media ostern

Social Journalism & Social Politics- Klappe, die Erste

Ich stosse in meinem Alltag auf etliche spannende Lesestücke und Analysen zu meinem Lieblingsthemen Social Journalism (alles rund um Social Media als Dialog-, Distribution- und Recherche-Kanal für den Journalismus) und Social Politics (Politische Kommunikation 2.0, Digitale Demokratie, technologische Demokratie-Innovationen).

Deswegen möchte in einem regemässigen Rythmus (bitte nicht darauf behaften später) ein paar aufgeschnappte Perlen frei kommentieren, Denkanstösse liefern und ein paar Insights aus dem Social Newsroom der NZZ zum Besten geben.  

  • Zuerst einmal ein inhouse Projekt, unsere andauernde Spitzensport-Serie bei der Serie: Zusammen mit dem Projektteam haben wir ein Teaservideo für die gesamte Serie eigens für soziale Medien produziert. Das Video wird bei jedem neuen Artikel der Serie am Vorabend als Ankündigung ausgespielt. Zwei Mal haben wir eine Leserdebatte durchgeführt gemeinsam mit verschiedenen Autoren (u.a. zu einem sehr emotionalisierenden Thema wie den Schattenseiten des Spitzensports), bei denen wir Kommentare von Betroffenen und Fachexperten auf sehr hohem Niveau erhalten haben. Und dann denke ich mir: Warum nicht immer so…?
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Sportredaktor Christof Gertsch am 16.3 beantwortete auf nzz.ch geduldig die vielen kritischen  aber niveauvollen Gegenfragen unserer Leser.

  • Internet-Pranger: Immer wieder stosse ich auf Mitschnitte von kuratierten User-Beiträgen in der Facebook-Aktivistengruppe “Perlen aus Blocheristan”, einem Sammelbecken für die Sichtbarkeit von diffamierenden, verleumderischen und diskriminierenden Facebook-Postings. Die Gruppe dient als eine Art Korrektiv für die Versäumnisse des Community Managements von Facebook. Eigentlich eine gute Sache. Doch wurde ich mit zwei grenzwertigen Fällen (Leserbeiträge von nzz.ch) konfrontiert, bei denen die Kommentare verfremdet, aus dem Kontext gerissen worden sind und die Administratoren kein Entgegenkommen zeigten. Verfehlen Internet-Pranger damit – ob von linker oder rechter Seite – trotz hehren Absichten damit nicht ihr Ziel?
  • Ich möchte euch gerne ein Stück über Conversational Journalism von Martin Giesler nahe lagen. Die Chat-Bots von Medienhäusern innerhalb von Messenger-Apps (oder Eigeninnovationen) bergen für mich – mehr als Virtual Reality – die grössten Zukunftspotenziale für die Publizistik: Weil die persönliche Ansprache und massgeschneiderte Medieninhalte die Service- und Personalisierungsleistungen erbringen, die ich bei der heutigen Priorisierung von Medienportalen so vermisse (weil sie uns nicht abholen). Ein Chat-Bot hingegen lernt: Wo will ich Vertiefung und mit welchen Themen will ich gar nie konfrontiert werden?
  • Amerikas oberste politische Technologie-Chefin, die CTO des Weissen Hauses, Megan Smith hat sich in einem Interview über das toxische Diskussionsklima und Mobbing im Netz geäussert. Bei aller Verteufelung des Web 2.0: Es gibt keine genuin im Internet verselbständigenden Mechanismen, die die menschlichen Abgründe perpetuieren. Dafür braucht es immer erst den Menschen. Analoge Gedanken werden ins Netz transportiert: “…they bring all of that that exists in analog; it’s just so much more visible and it’s faster to move, because of the way the digital technologies are” Allerdings: Die fehlende Sichtbarkeit -die von Angesicht zu Angesicht vorhanden wäre- kann sehr wohl zu einer Enthemmung führen.
  • You need to build an audience on each platform you put a video onto.. Never assume your reputation precedes you.” sagt Christian Bennett, global head of audio and video Guardian. Ein kluges Fazit von der news:rewired ‘video focus’ -Konferenz. Auch altehrwürdige Marken wie der Guardian, BBC und im deutschsprachigen Raum ZEIT oder gar die NZZ können nicht von ihrem Renommee zehren bei neuen Plattforme. Sie beginnen für den Aufbau einer Community immer wieder von null. Die Millennials pfeifen nämlich auf Traditionshäuser.
  • Die deutsche FDP päppelt sich wieder auf und verzeichnet -im Schatten der AfD- erste Wahlerfolge (Landtagsparlamente). Die Schweizer FDP als grosse Wahlsiegerin verbucht vor Ostern auch noch einen Social Media-Erfolg. Gemäss dem Pluragraphen, einem eigens konstruierten Social Media-Barometer meines geschätzten Kollegen Martin Fuchs aus Hamburg ( der @wahl_beobachter), haben die Freisinnigen das grösste Wachstum  zu verzeichnen (dicht gefolgt von den Sozialdemokraten). Ein Blick auf die FB-Page bestätigt, dass die FDP Schweiz sich besonders experimentierfreudig mit neuen interaktiven Stilmitteln zeigt und sich einiges von den linksgrünen Parteien abgeschaut hat (Verwendung von FB Notes, Native Videos mit Untertitelungetc.), was mir im  Wahlherbst schon mal aufgefallen ist.  Ausserdem erzielte ein emotionales Posting über den verstorbenen Guido Westerwelle besonders viel Reaktionen.
parteien social media ostern

Ausschnitt des Facebook-Rankings der Schweizer Parteien (Quelle: Pluragraph.de)

  • Der US-Wahlkampf macht sich nun auch in den Newsfeeds auf Facebook bemerkbar. Die viralsten Postings im letzten Monat haben einen relativ hohen politischen Gehalt, wie die Auswertung des Social Discovery Tools Newswhip. Und 90 %  davon- vermute ich mal schwer- setzten sich inhaltlich mit der Reizfigur Trump auseinander. Die Medien widmen die ganze Aufmerksamkeit diesem Kandidaten und verschaffen ihm damit noch mehr Popularität. Genau so wurde jedoch in der Schweiz auch Christoph Blocher zum Volkstribun….
  • Was das SRF bis heute nicht zustande bringt mit der #Arena, ist Japan vor 4 Jahren gelungen, wie ein “Blick zurück”-Lesestück von Civicist zeigt: Ein TV-Duell von mehreren politischen Kandidaten, welche via Livestreamingplattform “Nico Nico Douga” übertragen worden ist und wo User-Kommentare zeitnah sichtbar auf den Screens placiert worden sind. Der Premierminister Abe (damals noch nicht gewählt) von der Partei LDP hatte damals selbst die Übertragung via der populären Plattform gewünscht. Diese Offenheit überrascht angesichts der restriktiven Wahlkampfgesetzen im fernöstlichen Land. So dürfen Parteien und Politiker Social Media nicht als Wahlkampfvehikel nutzen und müssen sich in Zurückhaltung üben. Doch die Fortschrittlichkeit trügt. Twitter-Nutzer kritisierten, dass erstens  vor allem die Anhängerschaft Abes mobilisierte (was nicht von ungefähr kommt und auf handgeprüfte Selektion vermuten lässt ), zweitens die Beiträge zeitverzögert und drittens meistens nur in den TV Pausen eingeblendet worden sind. Es hapert also noch überall (auch in den USA) mit der offenen Real Time-Einbindung von Zuschauerreaktionen, die auch in den politischen Diskurs mündet und sinnvoll in den Gesprächsverlauf eingebunden wird.

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Stand 29.2.2016 um 8:00.

Zivilgesellschaft 2.0 versus Katzen

Ich habe mich vorgestern zur Aussage hinreißen lassen, dass am letzten Abstimmungssonntag auch Social Media gewonnen habe. 48 Stunden -und eine Erwähnung- später stehe ich immer noch dazu. Ich möchte in diesem Blogartikel kurz erklären weshalb.

Nein, nun folgt keine empirische Viralitätsanalyse. Ja, es gab bis Montagmorgen mehr als 10’200 Tweets zu #abst16 und ja, das sind in dieser Grössenordnung bestimmt nicht wenige (mehr als bei den Eidgenössischen Wahlen). Der Platz in den Twitter-Charts der Schweiz war trotz der Oskarnacht gewiss.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Dennoch: Haupttreiber sämtlicher Social Media-Kampagnen der NEIN-Lager (#DSI und #Heiratsstrafe) war nur eine Plattform: Facebook.

Politisch durchtränkter Newsfeed

Bei fast 3,6 Millionen Schweizer Usern lässt sich von einer enorm hohen Durchdringung eines Netzwerks sprechen (bei Twitter sind es circa 750’000 User, die ähnlich wie in Deutschland eher eine akademische linksliberale Elite repräsentieren).

Facebook bietet als semi-öffentliches Netzwerk kaum brauchbare Analyse-Instrumente ausser der Messung von Facebook-Fanpages (Anzahl Fans und deren demographischen Merkmale) und dem Graph Search (bei entsprechender US Englisch-Spracheinstellung).

Der Facebook-Newsfeed eines politisch durchschnittlich interessierten Schweizer Bürgers war in den letzten Wochen regelrecht durchtränkt mit politischen Botschaften. Natürlich befand ich mich aufgrund meiner politischen Präferenz in einer algorithmusgetriebenen Informationsbubble, die stark von den Nein-Lagern bewirtschaftet wurde. Doch auch mit gesponserten Postings der Befürwortern wurde man unweigerlich konfrontiert.

Was auch ein Vorteil ist: Die Interessenzuordnung bei Werbezielgruppen erfolgt bei Facebook vorwiegend semantisch und nicht nach intelligenten Kriterien. So kann man sich – wie im öffentlichen Raum bei Plakaten – auch mit den Argumenten und Schlagworten der Kontrahenten auseinandersetzen. Oder einfach wegsehen (bzw. klicken). Ich für meinen Teil habe mir einige Gefechte geliefert mit #Heiratsstrafe- und #DSI- Befürwortern (was nicht immer erbauend war).

Medien profitieren von Social Media

Die These der schwindenden Deutungs/Informationshoheit der Massenmedien und des Bedeutungszuwachses von Social Media bei politischen Fragen halte ich für falsch.  Es gibt kein entweder oder. Kein Antagonismus. Gerade während der heissen Phase wurden von beiden Lagern sämtliche Medienlinks zur Untermauerung  der Positionen auf Facebook und Twitter gepostet.

Auch das ist mittlerweile Benchmark der Online-Kampagnenführung geworden. Social Media dienen als Reichweiten-Generatoren für Medieninhalte, gerade während des Abstimmungskampfs. Jede Umfrage bei Redaktionsleitern von Newsrooms würde die wachsenden Social-Anteile zu Abstimmungsthemen bestätigen.

Breites Repertoire an digitalen Stilmitteln 

Ausserdem: Dank Stilmitteln wie Memes und neuen Online Tools für Infografiken, Livestream-Funktionen und direktem Videoupload wurde jedoch noch nie so viel originärer kreativer Social Media Inhalt von zivilgesellschaftlichen Akteuren (engagierte Bürger, Parteien, Verbände, Kampagnen-Lager) geschaffen. Auf dieses breite digitale Repertoire konnten die politischen Akteure bei der #MEI-Abstimmung (2014) noch nicht zurückgreifen.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten (gepostet von meinem FB-Freund André Müller).

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Doch die (infolge tausendfacher Sharings multiplizierte) enorme Reichweite zu rekonstruieren und auszuwerten, ist fast unmöglich. Memes und Grafiken lassen sich nicht vertaggen. Die Suchfunktion steht nur bei öffentlichen Fanpages und nicht für Profile zur Verfügung.

Ob virale Inhalte der politischen Lager auch die mehrheitlich politisch homogenen Facebook-Freundeskreise zum politischen Meinungsumschwung bewegen konnten, bezweifle ich.

ABER: Die zahlreichen Appelle und Abstimmungsreminder in unseren Feeds dienten zur Aktivierung.  Lasst uns also präzisieren: Auch Social Media siegte am letzten Abstimmungssonntag. In Sachen Mobilisierung. 

Ich reiche nun den Ball weiter an Politan und DeFacto, die die Rolle von Social Media bei den letzten #abst16-Themen (hoffentlich) noch fundierter untersuchen werden.

Zu Recht meinte ein Facebook-Freund von mir, dass die vernachlässigten Katzen wohl laut “Reclaim the Facebook-Feed” nun miauen. Sie dürfen ihr Plätzchen im Newsfeed zurückerobern, aber bitte nicht zu schnell.

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Ist Facebook-Video bei Schweizer Medienhäusern angekommen?

Video, Video, Video: Die Netzavantgarde und Digital-VordenkerInnen unter den Medienschaffenden aus Deutschland haben Bewegtbild auf Social Media zum Supertrend 2016 erklärt.  Welche Rolle spielt dieses Format im Social Media-Alltag der Schweizer Medienhäuser?

Bewegtbildformat oder eben Videos und Gifs gehören zu den beliebtesten Inhalten auf Social Media. Die Plattformen und Messenger überbieten sich mit Superlativen: 8 Milliarden Videoaufrufe vermeldete Snapchat. Auch Facebook mischt als neuer Video-Player kräftig mit und honoriert alle “geschenkten” genuinen Aufnahmen – also direkt hinaufgeladenen Videos – algorithmisch (wird Nutzern öfters angezeigt als andere Formate).

Entscheidend ist die mediumsgerechte Aufarbeitung von Videos

Die Zutaten für ein erfolgreiches Video haben die Macher der Social Media Discovery-Plattform Newswhip zusammengefasst: Untertitelung (das Video muss mobile und stumm funktionieren), eine Länge von circa 20-50 Sekunden, viele Schnitte, keine langen Sprechszenen, viel Handlung und ein  eingebetteter Call to Action-Button.

Fakt ist: Videos, die auf ein externes Medienportal locken sollen, müssen in einer spezifischen Teaser-Fassung extra produziert werden. Unsere Auswertungsdaten der NZZ zeigen, dass trotz hoher Viewszahlen nur eine kleine Zahl von Usern das Video länger als 30 Sekunden anschaut.

Der Themenreigen der erfolgreichsten Videos (bei der NZZ) ist breit: Von Lokalkolorit (Güterzug durch die Stadt Zürich) über Zeitgeist-Themen und wissenschaftlichen Erklärstücken bis zu Porträts von Flüchtlingen.  Kurz zusammengefasst lassen sich die Videos unter der Formel “Berührend, erklärend und involvierend” subsumieren.

Illustrierte und audiovisuell ansprechende und aufwendige Erklärstücke (wie das Beispiel von Channel 4 News) eigenen sich besonders gut für Medien, die dem Qualitätsjournalismus verpflichtet sind.

Who will vote to leave the EU?A university graduate is more than twice as likely to want Britain to stay in the EU than someone with no qualifications.What else do we know about how people will vote in the referendum? And what does it say about the deep divisions in British society?

Posted by Channel 4 News on Freitag, 19. Februar 2016

Die Nachteile des “bewegenden” Facebook-Hypes: Ein Monetarisierungssystem wie bei Youtube durch Vermarktung von Video Ads scheint keine Priorität auf der Entwicklungsagenda von Facebook zu sein. Video-Künstlern, die sich nicht nur von Luft ernähren wollen, sei somit nicht empfohlen, auf eine reine Facebook-Präsenz zu setzen.

Und auch für Medien gilt: Mit direkt hinaufgeladenen Kurzfilmen und ganzheitlichen Formaten wird Publizistik einmal mehr verschenkt. Nur ein Bruchteil der Zuschauer nimmt die am Schluss aufgeblitzten “Mehr ansehen”-Button (die auf die Portale verlinken) noch wahr.

Allerdings erfassen die gängigen Metriken wie Klicks und Shares das Social Media-Konsumverhalten der meisten Nutzer unzureichend, wie ich schon an früherer Stelle konstatiert habe (Stichwort: Neue Relevanzkritieren des Plattform-Journalismus und “unsichtbare” Interaktionen wie Verweildauer, Views ).

 

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Facebook hat an allen Stellen des Newsfeed-Algorithmus geschraubt, um Videos zum beliebtesten (weil im Newsfeed meist ausgespieltesten) Medieninhalt avancieren zu lassen. Aufrufzahlen werden durch die automatische Wiedergabe in den Newsfeeds der Nutzer teilweise künstlich aufgebläht. Youtube und Vimeo-Links hingegen werden in Form einer verkleinerten Vorschau abgestraft. Man merkt: Der Social Gigant mag keine externen Videoplattformen mehr.

Welche Video-Aktivitäten bei Facebook verfolgen die Kolleginnen und Kollegen des Tagesanzeiger, SRF, Blick, 20 Minuten und Watson? Ich habe mir die prozentualen Anteile der verwendeten Facebook-Formate ( Quelle: Fanpagekarma.com) im letzten halben Jahr angeschaut (20 Minuten Online ist aus technischen Gründen nicht auffindbar beim besagten Monitoringtool, die Betreiber der Plattform wissen Bescheid. Ich habe bewusst SRF 3 wegen des hohen Videoanteils ausgewählt).

Hinweis: Diese Infografik misst nur die Formate-Verteilung und keine Performance (Views, Times spent, Likes, Shares etc.) der jeweiligen Postings.

Im Vergleich zu den reichweitenorientierten Portalen mit Fokus auf Unterhaltungsthemen wie beispielsweise beim Blick.ch/ Blick am Abend oder innerhalb des SRF-Sendeangebots SRF3  spielen Videos bei der Facebook-Bewirtschaftung bei der NZZ noch eine Nebenrolle. watson und Blick kuratieren viele virale Fremdinhalte, was auch die Beitragsreichweite erhöht. Es geht ja bekanntlich, wie oben erwähnt, nicht immer nur um Klicks.

Doch sowohl bei uns wie auch – denn Gesprächen nach – beim SRF, Tagesanzeiger, Blick und Watson wird eine tragfähige und plattformübergreifende Bewegtbild-Strategie  ein wichtiger Schwerpunkt der digitalen Publizistik im Jahr 2016 sein. Auch die Schweizer Medienhäuser haben somit die sozialen Signale der Zeit erkannt.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Kei Ahnig vo BOT-anik

Wer vorgestern am #comsum16-Abend – organisiert vom Zürcher Presseverein (ZPV) und der Zürcher PR-Gesellschaft (ZPRG)- teilgenommen hat, wähnte sich im Jahr 2010. Damals sprach man in der Schweiz noch begeistert von diesem neuen Twitter mit dem man sich die Zeit vertreiben kann und  vom “Distributionskanal Social Media”.  

Hier ein Vorschlag, worüber man beim Leitthema “Aufmüpfige und kreative Geister” stattdessen hätte reden sollen.

Meine Herrschaften, lieber Herr Lipp: Das waren eine ermüdende restrospektive Debatte, die sich PR und Journalismus heute gar nicht mehr leisten können. Heute sollte man nicht darüber diskutieren, wie man neben Social Media noch Zeit für die eigentliche Kernaufgabe wie Schreiben hat und was man mit diesen Neuen Medien (die bereits schon alt sind) noch Verrücktes anstellen kann.

Im Jahr 2016 müsste es darum gehen, herauszufinden, wie die disruptiven Medienoffensiven von Technologiefirmen im Silicon Valley und Roboterisierung uns morgen nicht überflüssig machen (weil geschäftsrelevant). Und welche Fertigkeiten man in der Ausbildung zur angehenden Journalistin und PR-Fachperson stattdessen lernen und aneignen soll.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum war, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

“Kei Ahnig vo Botanik” resümierte mein Begleiter Dani verärgert nach dem Publikumsapplaus  das Podium. Ich finde diese Redewendung – leicht adaptiert- bezeichnend für den vorgestrigen Abend in der ETH. Von Themen wie Bots war nämlich gar nicht die Rede.

Wie wir Bits, Pixel, Canvas,  Native  Videos gewinnbringend und kreativ für Kommunikation, Marketing und Medieninhalte nutzen – wie es viele junge Journalisten und PR-Fachleute längst tun, aber längst nicht alle- wären die Fragen gewesen, die ich am Dienstagabend gerne verhandelt gehört hätte.

Auch ein Votum: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter...Wirklich?

Das Votum eines Podiumsteilnehmers: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter…Wirklich?

 Frank A. Meyer war wohl zu abstrakt

Gefragt und vor allem hinterfragt wurde wenig. Der Imperativ von Frank A. Meyer im einleitenden Referat (“Journalisten müssen wieder fragen lernen”) verhallte im Nichts. Es wurde lediglich nur festgestellt, ein bisschen Verständnis für die Vertreterin der jungen Generation geheuchelt und Mitgefühl für die angeblich unumstösslichen Hierarchien innerhalb von Redaktionen ausgesprochen.

Der Abend und die Performance der einzelnen Redner und Podiumsgäste wurde bereits schon zutreffend zusammengefasst (hier und hier) , deswegen skizziere ich kurz was meiner Ansicht die jungen Wilden  - die gar nicht jung sein müssen- auszeichnet.

Der Nachwuchs von Journalismus und PR vereint Stärken von Beidem

Im Journalismus und PR entstehen neue Berufsbilder.  Wie können wir von Einsteigern, die teilweise gar keine klassische Ausbildung absolviert und sich profiliert haben, lernen? Wie können wir ihnen Freiraum für Entfaltung geben und sie fördern? Vielleicht ist diese vielbeschworene Trennung von PR und Journalismus und Print vs. Online gerade beim Kompetenzprofil des Nachwuchses völlig obsolet.

Denn im Typus des neuen jungen aufmüpfigen Geists sind idealerweise Stärken von beiden publizistischen Berufsgattungen vereint: Dieser sollte einerseits die  Spiel- und Experimentierfreudigkeit und die Neugier von vielen jungen Marketeers, PR-Fachleuten und Bloggern für technologische Innovationen und Apps und andererseits die Analyseskills,  das Gespür für publizistische Themen und die Abenteuerlust für investigative Recherchen von Journalisten mitbringen.

Mit diesem Rucksack ist man meiner Meinung nach für die Herausforderungen der Digitalisierung nicht schlecht gerüstet.  Wer beim Alten verharrt wird, wird morgen weggespart, weil wegroboterisiert. So meine Hypothese, die gerne hinterfragt werden darf.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen

Lesen Sie in Zeitungen und Online-Medienportalen? Hoffentlich ja. Wieviele Male pro Tage teilen und kommentieren Sie Links mit Bezug zu einem politischem Thema in Ihren sozialen Netzwerken? Höchstens einmal? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Lesen bedeutet nämlich auch Wahrnehmung. Warum die These der neuen jungen “News-Abstinenzler” nicht haltbar ist.

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Ich durfte bereits in der Kontextsendung von SRF mit Philippe Wampfler darüber reden (auch Input hat es aufgenommen). Da das Thema aber erst in der zweiten Sendungshälfte behandelt wurde und wohl kaum alle Zuhörer die ganzen 50 Minuten mitgeschnappt haben, wiederhole ich die Diskussion in schriftlicher Form. Es geht um die Studie des Nutzungsverhaltens bei Medieninhalten auf Social Media (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft -auch Fög genannt-  der Universität Zürich).

Nur süffisante seichte Kost wird geteilt

Sie besagt, dass die auf Social Media meistgeteilten Artikel von Medien der 61% der Kategorie “Soft News” zuzuordnen sind. Diese bieten also keine Einordnung eines politisch relevanten Themas und hätten mehr unterhaltenden als informativen Charakter (Anmerkung: die Studie bezieht sich auf die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die Social Media-Monitoring-Plattform Newswhip mit ihren jüngsten Befunden: Die meist geteilten Artikeln im Dezember waren allesamt “Hard news”-Themen aus Washington Post, Guardian etc.).

Fazit also : Die Jugend befasst sich lieber mit seichter Kost und vertreibt sich die Zeit eher mit Unterhaltungsangeboten als mit hard news.

So weit, so falsch. Wenn die Messmethode allein auf das Interaktionsverhalten (Kommentieren, Sharing, liken) und auf das Viralitätspotenzial beruht, dann ziehen Medienportale mit Qualitätsansprüchen natürlich schnell den Kürzeren (Zu den Indikatoren, siehe Zusammenfassung der NZZ: “Von den 200 Beiträgen, die im vergangenen Jahr am meisten verlinkt oder mit einem «Like» versehen wurden…”). Das Leseverhalten aus der Studie auszuschliessen, vernachlässigt jedoch eine wichtige Nutzungsform.

It’s the Verweildauer, stupid!

Mit der Lancierung des “Instant Articles”-Formats wird klar, dass Facebook vor allem der Rezeption von Artikeln zwecks Werbevermarktung enorme Bedeutung zumisst. Nicht mehr das Engagement allein ist massgebend, sondern auch die Verweildauer, die Scrolltiefe und die Klickaktivitäten innerhalb eines Formats.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. Ein entsprechender Artikel sieht beispielsweise so aus.

Die “Engagement-Müdigkeit” ist kein Phänomen, welches alleine auf die Jugend zutrifft. Dass sich die Interaktionsfreudigkeit generell immer mehr auf ein “Like” reduziert, hat auch Ingrid Brodnig in ihrem netzpolitischen Referat konstatiert: “Umfragen des Marktforschers GlobalWebIndex zeigen, dass im dritten Quartal 2015 nur noch jeder Dritte seinen Status aktualisierte. Im Jahr zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. Dafür wird Facebook zunehmend passiv genutzt: Man liest Artikel, schaut Videos oder hinterlasst Kommentare bei Freunden”.

Doch für den Giganten ist dies kein besorgniserregender Trend. Auch Brodnig gelangt zur Konklusion, dass Zuckerberg mit seiner Medienoffensive vor allem die Exit-Türen der Plattform unterbinden möchte. Mit anderen Worten: Verlasse nie wieder Facebook. Sie zitiert den Leiter der Studie von Global WebIndiex: “Die Verweildauer bleibt hoch. Für Facebook ist entscheidend, dass es weiterhin vielen Menschen Werbung einblenden kann”.

Nachrichten-Dilemma lädt nicht zur Interaktion ein

Die Seiten und Profile von Medienhäuser gehören erfahrungsgemäss zu den Fan-Magneten einer Plattform, was auch ein Grund dafür ist, weshalb die Technologiefirmen ein Interesse daran haben, neue tragfähige Geschäftsmodellen für Medien zu entwickeln. Junge Personen abonnieren diese Seiten genauso wie ältere Personen. Nur weil Postings und Tweets kein unmittelbaren Reaktionen auslösen, bedeutet nicht, dass sie nicht konsumiert werden.

Ein weiterer Grund für mangelndes Social Echo: Medienportale vermelden mehrheitlich “bad news”. Sich dabei in den vorhandenen “social”-Währungen adäquat zu artikulieren, wirkt manchmal deplatziert und unangemessen (das damit verbundene “Nachrichten-Dilemma” und die von Facebook versprochene Abhilfe durch Emojis-Button habe ich auf meinem Blog bereits einmal diskutiert).

Der Newsfeed von Facebook wird politischer 

Die These des Rückzugs in private konfliktfreie Katzenvideo-Filterbubble ist zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Doch man darf nicht die Schuld der digitalaffinen politikverdrossenen Jugend zu schieben, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Agentur Munich Digital bei über 1000 deutschsprachigen Facebook-Nutzern zeigt.

munich digital folie

Viele deutschsprachige Facebook-Nutzer registrieren ein aufgeheiztes politisches Klima auf Facebook.

Die gute Nachricht der Studie: Der News-Feed wird immer politischer (gemäss der subjektiven Empfindung der Teilnehmer). Die schlechte: Die geäusserten politischen Meinungen und die aufgeheizten Stimmungen werden als zu extrem wahrgenommen, was neben der Nachrichtenlage (Flüchtlinge, Köln etc.) auch auf unser Filteralgorithmus-Problem zurückgeht, welches homogene politische Meinungsräume begünstigt. Dies schreckt immer mehr Nutzer ab und bewog in der Vergangenheit viele dazu, sich von ihren Kontakten zu “ent-freunden”.

Der Rückzug in ein lustiges heiles Refugium und die These neuen “News-Deprivierten” ist erstens eine masslose Übertreibung. Und zweitens ein hausgemachtes Problem von Facebook. Mir sind keine empirischen Zahlen bekannt, die auf ein sinkendes politisches Interesse von Social Media-Nutzern hindeuten.

Snapchat-Journalismus bietet Chancen

Gutes Anschauungsmaterial für diese Gegenposition liefert die Messenger-App Snapchat, die aufgrund ihrer Geschlossenheit (kein offenes Netzwerk) wohl kaum in der fög-Studie berücksichtigt wurde. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin hatte mich im letzten Sommer gefragt, wann die NZZ denn mal endlich auf Snapchat präsent sein würde.

Sie selber hätte die Informationen über die Griechenland-Krise vollständig aus den Snapchat-Kanälen der Medien bezogen (wohlgemerkt auf Englisch, da bis jetzt nur Vox.com, Buzzfeed, CNN und andere Portale aus den USA für die App exklusiv produzieren dürfen).

In der Discover-Sparte bereiten ausgewählte Medienpartner Inhalte im Cardsstil (Informationshäppchen), Bewegtbilder wie Gifs und Video und Artikelabschnitte auf, durch die sich junge Nutzer mittels Wischbewegungen intuitiv navigieren können.

Wahrscheinlich waren wir alle noch nie so gut informiert wie heute.  Doch es fehlt bei den meisten oberflächlichen Informationen an Tiefe.  Das Medienportal Vox.com setzt daher auf Erklärstücke und visuellen hintergründigen Dossierjournalismus, ohne dabei sträfliche Komplexitätsreduktion zu betreiben und ins Triviale zu verfallen.

Die wichtigste Metrik bei Snapchat lässt sich nicht in Form von Aktivitäten erfassen, es zählt lediglich das “View”.  Und diese Zahl schnellte in den letzten 12 Monaten auf schwindelerregende Höhe. Martin Giesler hat die Vorteile des aufblühenden Snapchat-Journanalismus zusammengefasst.

Kurz und gut: Mit solchen rein positivistischen Studien wie die des FöG-Instituts der Universität Zürich wird man  der ganzen Komplexität des Nutzungsverhalten von Medieninhalten -besonders beim “unsichtbaren” passiven Konsum von audiovisuellen Erzählformen- nicht gerecht. Und zwar bei Jung und Alt.

 Update 26. Januar: Spannende Studie über die politische Radikalisierung auf Facebook und kognitive Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

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Verwilderte Kommentargärtchen, reiches Silicon Valley, Virtual Reality für mehr Empathie – Mein “Listicle” zum Thema Online-Leserkommentare

Ich war in den letzten  Wochen einige Male eingeladen worden, um über den besseren Umgang mit Leserkommentaren im Netz zusprechen. Das Thema beschäftigt die Medienredaktionen, wie auch die illustre Runde beim gestrigen #Medienclub von SRF bewies.

Wie immer vermag man bei solchen Anlässen angesichts der knapp bemessenen Zeit (Radio-Sendung und Podium) und der Nervosität nicht alle Aspekte zu artikulieren, die einem durch den Kopf schwirren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nochmals alle virulenten Thesen diskutieren.

Eine Klarnamenpflicht vergrault die wünschenswerten User 

Der Presserat hat vor einigen Wochen – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt (im  deutschsprachigen Raum hat fast nur SRF berichtet) –  entschieden, dass Online-Kommentare bei Medienportalen in Zukunft nicht mehr anonym verfasst sein dürfen. Wie das im Alltag genau umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich der Rat aus. Ein paar ältere Eminenzen haben von Online-Redaktoren nun die Anpassung an Printkategorien gefordert. Eine realitätsfremde Entscheidung.

Wieso? Namen und Geschichten leben im Netz unbegrenzt weiter. Meine schriftlichen Meinungen werden von Google indexiert, verschlagwortet und Teil meines digitalen Erbes. Im schlimmsten Fall müsste man sich wöchentlich mit Google und Lesern gerichtlich einigen, wenn letztere auf das “Recht auf Vergessen” pochen. Der Print-Leserbrief ist aber morgen bereits Altpapier und verschwindet irgendwann aus den Köpfen.

Der umsichtige Leser wird das wissen und auf einen Beitrag im Forum verzichten, auch wenn ihm das Thema unter den Nägeln brennt und er sogar mit Fachwissen den Artikel bereichern dürfte. Somit werden die falschen Personen abgeschreckt: Besonnene Leser, die womöglich mit moderaten und differenzierten Ansichten den Hardlinern und Trollen in den Foren Paroli bieten möchten.

Ausserdem könnte eine Klarnamenpflicht auch justiziable Folgen haben für Newsportale. Bei hängigen Gerichtsentscheidungen, über die aktuell berichtet wird, dürften betroffene Protagonisten gar nicht unterhalb der Artikel ihre Sichtweisen niederschreiben. Denn Medienportale haften für jene Aussagen, gerade bei laufenden Verfahren.

Zielführender wäre es stattdessen auf provozierende, Stellung beziehende Pseudonyme wie zum Beispiel “DerkleineErdogan”  zu verzichten und bürgerliche Namen verlangen. Ob mir nun Marc Berger oder Marc Burger aus Spiez antwortet, ist letzten Endes unerheblich für die Diskussion. Hauptsache der Community Redaktion ist die Person bekannt. Denkbar wäre es eine “Klarnamenregistration” samt Telefonnummer (wie es das SRF derzeit macht) einzuführen. Den Benutzernamen könnte man wiederum frei wählen.

 

 

Medienportale kapitulieren und schliessen die Leserkommentarspalte. Falsch.

Erstens würde ich nicht von einer Kapitulation sprechen. Es handelt sich beim sogenannten Trend vorwiegend – mit Ausnahme der Sueddeutschen-  um amerikanische Newsportale. Man sollte diese Entwicklung im richtigen kulturellen Kontext verorten. Die Social Media-Durchdringung in den USA ist ungleich grösser als in Europa. Angesichts begrenzter Ressourcen und fragmentierter Kommentaröffentlichkeiten hat man pragmatisch entschieden, die Moderationskräfte dort zu investieren, wo die Musik spielt: Nämlich in den sozialen Netzwerken.

Ich gehe aber mit vielen Kritikern einig, dass man mit der Auslagerung von Publikumsdebattem einmal mehr die Konzernspitzen der Technologieunternehmen im Silicon Valley  reich macht. Dennoch sollte man die Diskussionskulturen nicht allein aus businessrelevanten Gesichtspunkten betrachten. Denn demokratische Diskurse finden immer mehr in den Kommentarspalten statt.

Zweitens könnte dieser Schritt als ernstzunehmende Adelung der Online-Kommentare gewertet werden. Mit der Abschaffung von Leserkommentaren geht vielerots wie beim Portal “Motherboard” die Kreation von neuen Gefässen einher. Ausgewählte Beiträge von Lesern werden in selektiven Foren kuratiert und erhalten analog zum Leserforum mit einer spezifischen Rubrik sogar noch grössere Publizität.

Treat Readers Comments as Content” empfehlen passenderweise Community Redaktoren der New York Times. Um publiziert zu werden, muss man sich vorgängig anhand festgelegter Kritierien “qualifizieren”. Insofern emanzipieren sich Online-Leserkommentare zu den Print-Leserbriefen und werden von den printfixierten leserbriefnostalgischen Redaktoren als gleichwertige Inhalte behandelt.

Überhaupt sollte man sich vom Begriff Kommentare verabschieden (die mehr Reiz-Reaktion-Reflexe suggerieren) und eine echte Debatte als nächste Evolutionsstufe des zivilisierten Web 2.0 anstreben. “Make Conversations, not comments” heisst ein empfehlenswerter Artikel auf Medium.com.

Die Redaktionen hatten es verpasst, Tonalität und inhaltliche Wünsche an ihre Leser transparent zu signalisieren. Denn worüber genau soll die Leserin sich äussern? Soll sie die These des Artikels reflektieren, die vernachlässigten Aspekte aufzählen, den Gegenstand an sich diskutieren? Dies führt mich zu meinem nächsten Gedanken.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der "Reflexion"-zum Thema "Publikums-Kritik im Netz " war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der “Reflexion”-zum Thema “Publikums-Kritik im Netz ” war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Was wollt ihr genau von euren Lesern konkret wissen? Gar nichts? Dann bietet kein Forum an.

Es gibt mittlerweile einen Begriff für diese Problematik: “Derailing” Das gezielte Entgleisen lassen einer Debatte. Ablenken vom Kerngehalt eines Artikel mit indirekten sachfremden Beiträgen. Was ist die Ursache dafür? Ganz einfach: Das Desinteresse und die Gleichgültigkeit von Redaktionen. Ein Beispiel, welches ich immer gerne wieder erwähne: Kurz von den Wahlen vom 18. Oktober 2015 haben Medien über das neueste Wahlbarometer der SRG berichtet, mit den  prognostizierten Wähleranteilen der Parteien.

Der ersten Kommentar eines Wutbürgers unterhalb des besagten Artikels lautete typischerweise: Wieso verschwende ich meine Steuergelder für solche Wahlbarometer? In der Folgeantwort verteidigt ein erboster Leser die SRG. Der dritte User vermutet Manipulationen zugunsten der Mobilisierung der Linken. Und die ungesunde verschwörungstheoretische Dynamik nimmt ihren Lauf.

Wie lassen sich solchen verselbstständigten destruktiven Diskussionen vorbeugen? Beispielsweise mit einer ganz bestimmten Frage. In diesem Beispiel: “Die SVP und FDP werden die eidgenössischen Wahlen 2015 für sich entscheiden. Was denken Sie, wird dieses Szenario eintreffen?” Und der Autor verpflichtet sich darauf mindestens 3 Antworten – eine Regel, die übrigens der Guardian seinen Journalisten aufoktroyiert hatte – zu liefern.

Es liegt im ureigenen Interesse von Redaktoren ausgewogene Reaktionen auf ihren Text erzielen. Denn ein Überhang an negativen Kommentaren beeinflusst auch massgeblich die Leser in ihrer Urteilsfindung zum Artikel, wie verschiedene Studien beweisen.

Sie erachten die Qualität des Texts als schlecht, wenn viele Nutzer kritisieren (auch wenn es sich dabei um eine laute Minderheit der Leserschaft handelt).  Der Haupttreiber der Motivation, um einen Kommentar zu verfassen, ist es, eine alternative Sichtweise zu einem Thema niederzuschreiben und vom Autor anerkannt zu werden, wie eine Umfrage der New York Times gezeigt hat. Nur wenige (5 Prozent) schreiben, um mit anderen Nutzern zu interagieren. Doch auch zu diesem Aspekt gibt es unterschiedliche Studienresultate: Readers have mixed feelings about journalists interacting on Facebook.

Facebook hat im Vergleich zu Medienportalen das intelligentere Kommentarsystem entwickelt

Eine gewagte These? Nicht unbedingt. Viele Nutzer stellen sich auf Facebook ihre personalisierte Zeitung zusammen, indem sie die Fanseiten von Medienportalen abonnieren. Interagiert der Administrator einer Facebook-Seite mit seinen Fans und generieren Beiträge viele Kommentare, so wird dies von Facebook honoriert.

Die positive Bewertung durch den Newsfeed-Algorithmus bei vielen Kommentaren sorgt für eine längere Halbwertszeit eines Postings, der Beitrag dringt in noch mehr Newsfeeds von Fans und wird noch mehr geklickt etc. Eine Auseinandersetzung mit Facebook-Fans ist somit auch kommerziell attraktiv. Investitionen in die Moderation von Facebook-Kommentaren lohnen sich also ungleich mehr. Die Facebookseite von Medienportalen wird zum digitalen Schaufenster oder zur Visitenkarte.

Im Vergleich zu den lausigen Kommentarsystemen von Newsportalen, in denen einfach der neuste Beitrag eines User nach oben gespült wird, hat das grösste sozialen Netzwerk sich bessere Anreize für die Anordnung von Kommentaren ausgedacht. Medienportale haben sich bis heute  höchstens überlegt, wie man die die intelligentesten Kommentare sichtbarer machen  und den Mob möglichst  ”verbergen” könnte. Sie haben sich nicht überlegt, wie sie ihre eigenen Redaktoren zur Beteiligung in Debatten incentivieren und bewegen können.

Natürlich hat man auf einer fremden Plattform keine Hoheit über sein Gärtchen. Community Manager fungieren oftmals als Brandlöscher und müssen im Nachhinein reagieren, indem sie gepostete Kommentare entfernen.

Doch Facebook gibt Moderatoren hilfreiche Funktionen in die Hand, wie zum Beispiel den “Verbergen”-Button. Wird diese aktiviert, so ist der Kommentar nur noch für den User selber sichtbar. Er wähnt sich nach wie vor als Teil des Kommentarthreads, während alle anderen Nutzer von den Weisheiten verschont bleiben.  Solche Funktionen führen zu einer Deeskalation.

Mit den künftigen Emojis-Buttons werden dem Facebook-Nutzer neben dem Like und Share ein breites Repertoire von non-verbalen Interaktionsinstrumenten zur Verfügung gestellt,  im Gegensatz zu Medienportalen. Emotionen zu einem bestimmten Text und einem Artikel können so besser kanalisiert werden, bevor man in die Tasten haut.

Die Dominanz von Facebook & Co als Trafficgeneratoren für Medienportale befördert weichgespülten Social Journalism und seichte Kost. Falsch.

Diese vorherrschende Auffassung lässt sich empirisch widerlegen. Natürlich lassen sich die fög-Befunde der emotionalisierenden enpolitisierenden Viralhits wie Katzenvideos nicht wegdiskutieren. Konzentriert man sich auf die Fanseiten von Medienportalen, die Qualitätsjournalismus anbieten, kommt man zu einem anderen Schluss.

Unsere Fancommunity goutiert beispielsweise Eigenleistungen, exklusive Geschichten und ignoriert simple Agenturmeldungen. Das können lange Essays, Reportagen von Korrespondenten oder Analysen von Experten sowie streitbare Gastbeiträge sein.

In fünf Jahren… wird es immer noch Leserkommentare geben

… allerdings in institutionalisierten Gefässen und in einer produktiveren Variante mit publizistischen Verwertungsmechanismen. Die meisten Medienportale orientieren sich neu und befinden sich in einer Umbruchsphase. Die meisten entwerfen überhaupt nach Jahren resignierten Zuschauens in ihrer Geschichte eine tragfähige Community Strategie. Viele Redaktoren sind ernüchtert und wundern sich, wie diese toxische Ghettoisierung unterhalb ihrer Artikel zustande kam.

Sie werden nun die Weichen stellen müssen und sich fragen: Welche Community passt zu unserer Medienmarke? Moderation kostet etwas, sowohl Knowhow als auch Technologien. Wie intelligent ein Kommentarsystem ausgestaltet ist, hat letzten Endes Einfluss auf unsere Motivation, uns an Diskussionen zu beteiligen.

Die Netzgemeinschaft befindet sich in einer Vor-Adoleszenzphase. Vielerorts sieht man jetzt die hässliche Seite eines ungehemmten, entfesselten digitalen Pöbels. Den meisten Nutzern scheint nicht klar zu sein, dass die rechtlichen Normen und die Regeln des Anstands nicht nur im persönlichen Gespräch und im öffentlichen Raum draussen, sondern auch im Web 2.0 gelten. Dass sich hinter einer virtuellen Identität ein realer Mensch verbirgt.

Nun fallen die ersten gerichtlichen Entscheidungen, es werden teilweise sogar Freiheitsstrafen ausgesprochen, wie ein Fall in Deutschland gezeigt hat. Auch müssen sich untätige Facebook-Manager vor Gericht verantworten, aktueller Vorwurf: Volksverhetzung. Durch Unterlassung.

Viele Polizeibehörden in Deutschland raten bei klar diskriminierenden Aussagen in jedem Fall zu einer Anzeige. Kommentare sollen mit Screenshots illustriert werden. Das verhängte Strafmass wird auf jeden Fall erzieherische und disziplinierende Wirkung haben. In fünf Jahren sind wir hoffentlich reifer und erwachsener unterwegs im Netz, die Online-Community reguliert sich womöglich selber.

Vielleicht bedarf es hierfür einiger Virtual Reality- Innovationen, so dass sich man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und vermehrt auch “spürt”. Denn das Netz ist zurzeit ein grosser abstrakter verschriftlicher Ort, wie es die Medienjournalistin Ingrid Brodnig am #JourTag2015 in ihrem Referat treffend formuliert: “Im Netz fehlen diese subtilen Formen der sozialen Sanktion, wenn einzelne sich im Ton vergreifen. Es fehlt der Augenkontakt des Gegenübers, wo man sofort erkennt, wenn man die andere Person gekränkt hat“,

 

 

 

 

 

Der selbst finanzierte Shitstorm

Während meiner Beobachtung des Schweizer Online-Wahlkampfs sind mir einige unbeholfene Fettnäpfchen von Parteien aufgefallen, die man mit etwas mehr Dialogbereitschaft und Knowhow einfach hätte vermeiden können. Ein Beispiel.

Parteien und Politiker (und vor allem Unternehmen) haben begriffen, dass inhaltliche Reichweite ihren Preis hat auf Facebook. Nichts ist gratis auf den sozialen Plattformen trotz kostenloser Anmeldung. Wir bezahlen mit persönlichen Daten und neuerdings auch mit Cash, um überhaupt gesehen zu werden.

Wer im Inhaltewettbewerb der verschiedenen Pages und Profile bestehen möchte, muss mit pfiffigen Postingtexten und  multimedialen Skills trumpfen und manchmal in die Tasche greifen für eine längere Halbwertsdauer einzelner Postings.

Die “Sponsored Posts”, mit denen man einzelne Seiten bewerben kann, sind eine sehr kreative Werbeform. Das Angebot fügt sich nahtlos in den Newsfeed hinein und muss denselben redaktionellen Kriterien entsprechen wie organische Postings, um aufzufallen.

Der finanzielle Aufwand lohnt sich, denn anders als bei kommerziellen Werbekampagnen werden bei Wahlkampfwerbung von Parteien nicht zwingend kostenrelevante Klicks angestrebt. «Die Botschaft wird auch so wahrgenommen», sagte Michael Sorg von der SP im Rahmen meiner Umfrage (die ich für die NZZ ausgeführt habe).

Das Problem: Genauso wie “normale” Status-Updates evozieren auch sponsored posts Kommentare, die unmittelbar sichtbar angezeigt werden. Viele Betreiber von Facebook-Seiten wissen jedoch nicht, dass unliebsame Kommentare während der gesamten Kampagnendauer mit “ausgeliefert” werden. Die beworbenen Postings werden – “social”  halt – samt ihren Reaktionen in die Newsfeeds geschleust.

piraten teil I

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf eingesetzt wird. Sie schalteten Kampagnen, sponsored posts, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten im Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen werden nicht beantwortet.

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf einzusetzen ist. Sie schalteten im September und Oktober Kampagnen auf Facebook, sogenannte “sponsored posts”, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten in Sachen Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen wurden ignoriert.

Gewisse Parteien und Unternehmen wären somit gut darin beraten, die generierten Reaktionen gewissenhaft zu moderieren und ihnen wenigstens Stellungnahmen entgegenzuhalten. Solche Interventionen wirken sich auch bekanntlich positiv auf die Interaktionsrate und damit auch auf die  Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus aus.

Ansonsten befördert man fahrlässig die boshaften unbeantworteten Leserreflexe mit  und – viel schlimmer- finanziert diese noch mit dem eigenen Werbebudget! Ob sich dann der Werbeeffekt in Wählerstimmen ummünzen wird, wage ich zu bezweifeln.

Weniger digitaler Analphabetismus – Warum der Empathie-Button eine wichtige digitale Währung werden könnte

Der künftige “Empathie -Button”(Bezeichnung noch unklar) von Facebook dürfte Publishern aufgrund des täglichen News-Dilemmas eine wertvolle neue Interaktionsform in die Hand geben. Kein Zweifel. Doch wirklich freuen können sie sich erst, wenn dadurch ihre Postings im Rahmen des Newsfeed-Algorithmus aufgewertet werden. 

Community Manager von Medienhäusern kennen die Problematik: Sie bewerben publizistische Formate zu politischen Brennpunkten auf Facebook.  Wie die ausgelösten Likes zu den oft eher traurigen Themen zu interpretieren sind, bleibt Spekulation: Wird mit dem Like die journalistische Eigenleistung honoriert? Oder ist das Like als politische Parteinahme für Erdogan oder der Kurdenpartei HDP zu werten? Die Motive  hinter einem “like” lassen sich nur erahnen.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische  Zustimmung für den Protagonisten oder als Wertschätzung für die Exklusivität des Interviews werten. Oftmals sind die Zahlen der "Gefällt mir"-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische Zustimmung werten. Oftmals sind die Zahlen der “Gefällt mir”-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

News-Dilemma auf Facebook

Die wenigsten User sind instinktiv geneigt, das vorgestrige Erdbeben in Chile mit Stärke 8.2 mit “Gefällt mir” zu markieren. Viele Fans von Newssseiten entgehen dem Dilemma, indem sie ein wertneutraleres Instrument nutzen und unterhalb des Postings kommentieren.

Nun schafft das grösste Social Network Abhilfe und testet eine “Empathie”-Funktion (diese wurde zuerst irrtümlich als Dislike-Funktion kolportiert) . Verschiedene Medien dürften darüber erfreut sein. Gerade aufgrund der Tagesaktualitäten und aufgrund der politischen Grosswetterlage haben Medienhäuser täglich mehrheitlich unerfreuliche Dinge zu vermelden (es gibt natürlich neue journalistische Ansätze wie der “Konstruktiv-Journalismus“, wie das beispielsweise Ulrik Haagerup propagiert, um diese Negativität zu minimieren, doch das soll hier jetzt nicht der Gegenstand sein).

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

“Like” bemisst die Importanz nicht die Zustimmung eines Users

Die Vermarktung der publizistischen Produkte scheint im Widerspruch mit der Social-Mechanismen zu sein, die dem Nutzer vorwiegend Erfreuliches in die Newsfeeds “spülen” soll. Mit bedeutenden Konsequenzen:”The choice of ‘like’ as a primary signal in the world’s biggest social network has substantive political consequencesschrieb die Tech-Soziologin Zeynep Tucefky in einem offenen Brief.

Mit dem Sympathie-Button erhalten die Medien ein neues Instrument, der diesen täglichen Widerspruch auflöst.  Das Online-Magazin Vice sieht darin eine wertvolle Handhabe:  ”Umständliche Erklärungen, wie man als User sein „Like” bei ernsten Postings meint, könnten sich damit erledigt haben”.

Die Gewichtung im Algorithmus wird entscheidend sein

Die Washington Post hingegen erachtet als kollektiven Denkfehler, ein “like” mit Zustimmung gleichzusetzen. Es handle sich lediglich um ein Signal, wie wichtig ein Thema für den User ist.  Die Einführung von “+1″ (wie beim  Netzwerk Google +) wäre das angemessenere Substitut.

Interessant dürfte die Gewichtung dieses neuen Faktors im Rahmen des komplexen Newsfeed-Algorithmus sein, dem Herzstück von Facebook. Auch wenn Nutzer in Zukunft – so von Facebook in Aussicht gestellt- mehr Autonomie in der Verwaltung ihres Streams zugestanden wird: Der Algorithmus verfügt weiterhin über eine hohe Macht in der Strukturierung unserer Aufmerksamkeit (da sich ein grosser Teil der Facebook-Community dieser Selektionsmechanismen nicht bewusst ist und sich an die Filtervorgänge gewöhnt hat, sogar zufrieden ist mit ihnen). Shares gelten in der aktuellen Version des Facebook-Universums als Gold, Kommentare als Silber und Likes als Bronze zu werten.

Zu differenziertem Online-Verhalten konditionieren

Das Mitgefühl wäre wie das “like” vorerst eine“schwache” Interaktionsform. Sind demnach 120 Mitgefühlsbekundungen zu einem bestimmten Inhalt ein Äquivalent zu 120 Likewerten? Bleibt das “Like”  zu einem Posting vom Autor als erstrebenswert, so werden Publisher ihre Content-Strategie weiterhin auf Good News und polarisierende effekthascherische Inhalte ausrichten.  Doch wenn Medien nur noch die Spielregeln der verzerrten heilen “Social Welt” mitspielen, so hätte das demokratiepolitisch verheerende Folgen.

Womöglich wartet der Konzern allfällige Verhaltensänderungen der Test-User ab, bevor die Datawissenschaftler über die Priorisierung innerhalb der Formeln entscheiden. Kommentieren User weniger, wenn ihnen eine andere Funktionen zur Verfügung gestellt wird? Wird damit Trollen Tür und Tor geöffnet, die Werbeanzeigen nach unten downvoten können, wie das “Vice” befürchtet?

Werden die Nutzer zu differenziertem Online-Verhalten konditioniert, wäre der neue Button in der Tat eine Bereicherung im nicht-verbalen Handlungsrepertoire von Facebook. Die ersten Usability-soziologischen Studien zu diesem Testversuch bleiben abzuwarten.

Die richtige Währung für Betroffenheit

Meine Hoffnung ist, dass dadurch die leisen Geschichten, die uns traurig, betroffen oder wütend machen, den ihnen gebührenden Respekt erlangen. Die Geschichten, denen wir bisher aufgrund der “sozialen Ontologie” nur mit digitalem Analphabetismus begegnen konnten.  So dass sie sich im täglichen aufmerksamkeitökonomischen Inhalte-Wettbewerb durchsetzen können.

Und dass wir, die Nutzer, Betroffenheit nicht verdrängen, sondern digital adäquat in die “richtige Währung” umwandeln können. Fast nach Immanuel Kant: Dass wir aus unserer (nicht selbst verschuldeten) “Unmündigkeit austreten können”. Vielleicht wird gar die daraus resultierende Debatte unterhalb des Postings zivilisierter geführt, wenn man a priori den “richtigen” Gefühlen Ausdruck verleihen vermag.

 

Update: Facebook hielt sich bedeckt, was die Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus betrifft und verweist auf das Q&A mit Marc Zuckerberg: But over the years of people asking for this, what we kind of have come to understand is that people aren’t looking for an ability to down vote other people’s posts, what they really want is to be able to express empathy. Not every moment is a good moment and if you are sharing something that is sad, whether it’s something in current events, like the refugees crisis that touches you or if a family member passed away, then it may not feel comfortable to like that post. But your friends and people want to be able to express that they understand and that they relate to you, so I do think it’s important to give people more options than just like as a quick way to emote and share what they’re feeling on a post. We’ve been working on this – it’s surprisingly complicated for an interaction that you want to make that simple but we have an idea that we think we’re going to be ready to test soon, and depending on how that does, we’ll roll it out more broadly. That you for all the feedback on this over the years — I think we’ve finally heard you and we’re working on this and hopefully we’ll deliver something that meets the needs of our community

Update II: Angeblich wird die neue Funktion keinen Dislike-Button, sondern daraus entstehen Emojis: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Reactions-Facebooks-Like-Button-wird-um-Emojis-erweitert-2841015.html

Hier wird über Politisches, Transparentes und andere soziale Webgeschichten gebloggt.