Die OpenData-Bewegung: Warum ihre eigene Wiege, das Gratis-Web, ihr im Weg stehen wird

Ein Thema, zwei unterschiedliche Meinungen: Mein Besuch bei der OpenData-Konferenz letzten Donnerstag in Zürich und meine anschliessende Lektüre zweier kritischer Blogartikel zur Transparenz-Gesellschaft (Philippe Wampfler) und Echtzeit-Archäologie (Sascha Lobo) offenbarten mir am gleichen Tag zwei kontradiktorische Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Die postmoderne idealistische OpenData-Bewegegung beschwört Heilsbringerwirkung durch öffentlich zugängliche Daten. Die Transparenz-Kritiker befürchten einer gläsernen Echtzeit-Datengesellschaft den Zerfall unserer Kultur und Werte. Welche Seite hat nun Recht?

Vereinfacht lautet der Grundkonflikt : Permanenter Veröffentlichungszwang aller Daten zwecks Weltverbesserung versus Recht auf Schutz und Privatsphäre in einer gläsernen Gesellschaft. Beide Meinungen haben legitime Forderungen und Bedenken. Ich halte jedoch beide Postulate etwas für übertrieben und unrealistisch. Viel wichtiger für den richtigen Umgang mit mehr Transparenz scheinen mir zwei rare Ressourcen: Die Kompetenz, öffentlichen Datenquellen richtig zu interpretieren. Und Zeit.

Daten lesen will gelernt sein

Beginnen möchte ich diesen Artikel mit zwei Zitaten der Kritikerseite:

Wampfler zitiert aus dem Büchlein des Medientheoretiker und Philosoph Byung-Chul Han zur “Transparenzgesellschaft”: “Zweitens gibt es in der Transparenzgesellschaft kein Nicht-Wissen mehr und damit auch kein Vertrauen. Wenn man alles weiß, ist Vertrauen unnötig. Es gibt auch keine Wahrheit und keinen Schein mehr, alles ist wie es ist”

Und noch einen Punkt von Sascha Lobos Kolumne “Aus dem Archiv des Grauens”: „Es wird ekelhaft werden, wenn die jüngste, politische Geschichte digital immer schneller und einfacher nachvollziehbar wird, die absurde Unfähigkeit, die unfassbaren Mauscheleien, das unwürdige Kleinklein. Vor allem aber wird es für jeden recherchierbar bleiben. Informationen, die früher in Archiven nur für Experten und Redakteure zugänglich waren, bleiben öffentlich gespeichert und sind in Millisekunden nach Stichwort auffindbar. Wer zur Ermittlungsarbeit über den Nazi-Terror der NSU ein wenig herumgoogelt, wird darüber stolpern, dass die Hamburger Polizei einen Hellseher engagierte“

Beide kulturpessimistischen Zukunftsszenarien haben ihre Berechtigung. Doch bezweifle ich ihr Eintreffen. Ich glaube weder an das plötzliche Aufkommen massenweiser eifriger Amateur-Webforscher noch an die Möglichkeit„des Nicht-Wissens“ infolge vollständiger Transparenz. Die Offenlegung aller Verwaltungsdaten alleine wird keine Revolution auslösen. Wissen ist schliesslich ein schöpferischer Akt und Produkt eines Denkprozesses.

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Als ich auf die kryptischen Abstimmungsprotokolle der Parlamentsdienste gestossen bin, benötigte ich zuerst ein paar Minuten bis ich die + und – Positionen auf korrekte Weise der Positionen (JA/NEIN) unseren Nationalräten zuordnen konnte. Dann wurde mir bewusst, welche immenses Potenzial eine ansprechende Aufarbeitung des Entscheidungsverhaltens unserer Nationalräte (inklusive den Fakten, ob sie überhaupt anwesend waren) hätte und unsere Wahrnehmung der Politik in Bundesbern beeinflussen wird. Um diese Idee umzusetzen, braucht es den Konzepter (in diesem Fall ich), den Graphic Designer, den Entwickler und Programmierer. Und am Schluss die Verbreitung und Veröffentlichung via Online-Kanäle. Ein arbeitsteiliges Gemeinschaftwerk also. Erst wir, die Entdecker, Übersetzer und Vermittler dieser Daten, die schon lange online auf der Website der Parlamentsdiensten verfügbar waren und in ihrer maschinenlesbaren Form kaum jemanden interessierten, machten das politische Geschehen auf anschauliche Weise für jedermann anschaulich.

Das „Weiterverarbeitungsrecht“, neben dem offenen Zugang von Behördendaten gemäss dem Referenten Daniel Dietrich die zweite wesentliche Komponente für OpenData, erfordert neben dem Interesse an der Weiterverarbeitung also eine weitere wesentliche Voraussetzung: Die Kompetenz der richtigen Aufbereitung und Visualisierung.

Auch die Aussage der Zürcher Finanzdirektorin Maja Menn, die eine eher kritische Haltung gegenüber den Forderungen der Open Data Government-Community an der Konferenz einnahm, ist mir in diesem Zusammenhang hängengeblieben: „Eine Behörde wie die Finanzverwaltung hat die Aufgabe, die Komplexität zu reduzieren und in ihren Publikationen ,intelligent zu trivialisieren’. Vollständige Transparenz bedeutet daher auch die Wiedergabe vollständiger Komplexität”. Die Komplexität der Daten in ihrer Gesamtheit würde also leiden, wenn sich jeder daran „vergreifen“ und damit rumbasteln würde.

Gratiskultur erschwert Nachhaltigkeit von OpenData-Projekten

Es braucht also die hellen Köpfe und Cracks, die sich dem “Crowd Sourcing”-Gedanken verpflichtend die Informationen vorsondieren, Wichtiges herausextrahieren, filtern, verarbeiten und gestalten. Es braucht –wie in der Konferenz von verschiedenen Speakers gefordert wurde- für eine produktive OpenData-Industrie gar eine Bildungsoffensive, beispielsweise dem Aufbau sogenannter „Data Schools“.

Die Institutionalisierung und Professionalisierung der aufkeimenden Bewegung wird massgebend für den Durchbruch von OpenData werden. Denn was passiert, wenn der Pioniergeist der visionären OpenData-Community erlahmt? Sind die entstandenen Ideen und Konzepte der OpenData-HackDays überhaupt noch nachhaltig?

Gerade das Problem der Entschädigung des Mehrwerts durch OpenData-Projekte ist meiner Meinung nach auf den Entstehungsort der “Open Data”-Bewegung zurückzuführen:  Im Internet. Wo die meisten Informationen gratis verfügbar sind.

Wer bezahlt nun diese Dienste, die Apps, die NICHT ein Bürgerbedürfnis mit einem unmittelbaren persönlichen Nutzen wie den Wetterdiensten, den Information nach umliegenden Unfallstellen etc. erfüllen? Wer sind die Abnehmer? Die Behörden? Jene Institutionen, die man in einem langwierigen Prozess zur Offenlegung ihrer Dokumente zwingen musste, sollen im Sinne eines gemeinnützigen öffentlichen Interesses für die Kosten der Verarbeitung aufkommen? Besteht überhaupt ein legitimierbares öffentliches Interesse nach offenen Behördendaten? Oder soll das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage darüber entscheiden? Solange die Marktteilnehmer und die Geschäftsmodelle noch nicht definiert werden können, wird wohl kaum ein florierender Wirtschaftszweig aus der Bewegung sich entwickeln und etablieren können. Die Empfehlung des Directors der Open Knowledge Foundation Rufus Pollock an der Konferenz, nicht aufs Geratewohl Daten zu sammeln, sondern problemlösungsorientiert vorzugehen und Daten „on demand“ zu veröffentlichen, halte ich daher für einen richtigen Ansatz.

Stell Dir vor, es gibt überall Daten…Und keiner schaut hin

Eine andere mögliche kontraproduktive Wirkung von Opendata mag ihre zunehmende Nicht-Wahrnehmung sein: Werden wir vielleicht „oberflächlicher“, wenn alle gesammelten Daten öffentlich und frei im Web diffundieren? Führt eine Omnipräsenz von Protokollen, Tabellen, Listen zur Abstumpfung, so dass wir ihnen gegenüber sogar „taub“ werden? Ich glaube nicht, dass frei flottierende abstrakte Behördeninformationen über Budgetposten dieselben Effekte haben werden, wie die  Dauerberieselung durch omnipräsente Werbebotschaften. Permanente provokative – wie zum Beispiel sexualisierte oder gewaltverherrlichende- Werbung bewirkte in den letzten Jahren bekanntermassen eine gewisse Abstumpfung in unseren Köpfen gegenüber jenen Reizen.

Bei Rohdaten des Staats verhält es sich wahrscheinlich anders: Die Masse wird diese nämlich schlichtweg ignorieren. Vielleicht mag ich von einem zu negativen Menschenbild ausgehen. Doch auch hier argumentiere ich wieder mit der notwendigen “man power”, die zuerst in die Wertschöpfung von OpenData investiert werden muss. Die Zeit und Musse für die Verarbeitung komplexer Informationen, werden nur wenige Personen und Institutionen aufbringen. Daten einfach zum Selbstzweck zu publizieren, ohne damit ein konkretes Informationsbedürfnis zu befriedigen, finde ich daher weder gefährlich noch von grossem Nutzen.

Daten-Architekten werden wichtiger als die Archäologen

Den Hauptgrund für diese Gleichgültigkeit orte ich wiederum in der naturgemässen Keimzelle des OpenData-Schauplatzes, im Web 2.0: Je schnelllebiger und dynamischer unsere Informationsgesellschaft, je mehr Social Media unser Aufmerksamkeitsvermögen und unsere Auffassungsgabe prägen und je nervöser wir durch langatmige Klickpfade werden, desto seltener, gefragter und relevanter werden diejenigen „Geeks“ sein, die sich diesen Informationen geduldig annehmen. Besonnene, ruhige und nachdenkliche Wissensträger, die die Daten verknüpfen, interpretieren und Zusammenhänge darin erkennen.

In einem Echtzeit-Datendschungel -oder wie es Sascha Lobo nennt„Echtzeit-Archäologie“- braucht es die Denker, die eine Architektur aus den Informationen fabrizieren. Und die Leute, die Fähigkeit mit sich bringen, diese Gerüste immer wieder kritisch zu hinterfragen. Beide Gruppen müssen aber für ihre Denkarbeit auf irgendeine Art und Weise entlöhnt werden.

Stehlen die Grünliberalen den Piraten die Show?

Die ZDF-Doku über den Aufstieg der Piraten erinnerte mich daran, dass ich schon seit Längerem einmal die Piraten und Grünliberalen einem kleinen Vergleich unterziehen wollte . Der Siegeszug der Deutschen Piraten in einigen Bundesländern liess mich vor ein paar Wochen zur provokanten These auf Twitter hinreissen, die Schweizer Grünliberalen seien das Äquivalent zu den Deutschen Piraten. Mit der Begründung: “Beide kupfern überall Wähleranteile ab und man weiss nicht so recht, wofür sie stehen”. Dieser Tweet löste eine kleinen Sturm der Entrüstung aus. Piraten und andere Twitterer warfen mir vor, ich tue einer so jungen Partie Unrecht….

Diese Analogie war natürlich bewusst etwas zugespitzt. Der Vorwurf der Ideen- und Programmlosigkeit entspricht nicht meiner persönlichen Wahrehmung. Vielmehr handelt es sich um einen Kritikpunkt, der immer wieder gerne von den politischen Kontrahenten in der öffentlichen Debatte ins Spiel gebracht wird. Auch die Medien pflegen ein ambivalentes Verhältnis zu den Piraten und Grünliberalen: Mit einer Mischung aus Wohlgesinnung, Faszination aber auch belächelnder Herablassung berichten und rätseln sie über den Erfolg und Aufstieg der neuen Player auf dem politischen Parkett.

Da ich als politisch sehr interessierte Person die Entwicklungen beider Parteien relativ genau verfolge, möchte ich über die eher oberflächliche mediale Beobachtung hinaus einen etwas fundierteren Vergleich anstellen:

Was unterscheidet und verbindet die Grünliberalen mit den Piraten (in Deutschland und auch in der Schweiz)? 

Hier einige Punkte:

  • Frischlinge: Beide Parteien haben noch den Charme des Unverbrauchten und Neuen, da sie bisher noch in keiner Regierungsverantwortung gestanden sind. Ihre politische Erfolge müssen die neu gewählten Parlamentarier in den jeweiligen Legislativen zuerst noch erbringen. Viele Parteimitglieder lernen das politische Handwerk von Grund auf und waren vorher meist noch keiner Partei zugehörig.
  • Technokraten: Die Mitglieder ersten Stunde beider Parteien waren insbesondere Technokraten, die v.a. viel Expertise in ihrem jeweiligen Fachgebiet mitgebracht haben. Sie begründeten mit ihrem Wissen gewissermassen das inhaltliche Fundament der Gruppierungen und mobilisierten in ihrem jeweiligen “Milieu”. Die Parteinamen “Grünliberal” und “Piraten” sind Programm- Womit sich zugleich deren Schwächen offenbart:  Denn so spontan fallen mir bei beiden Parteien keine kohärenten und klaren Positionen zu Politikbereichen ein, die über die jeweiligen Kernthemen (Unternehmertum und Energiepolitik; Netzpolitik und Urheberrecht) hinausgehen.  Allerdings, so zeigen die Abbildungen der Online-Plattform politnetz.ch, legt die grünliberale Fraktion in ihrer politischen Entscheidungsfindung eine geradezu erstaunliche Geschlossenheit an den Tag. So brachten sie mit wechselnden Positionen unterschiedliche Mehrheiten zustande und lösten damit die CVP in ihrer Rolle als “Zünglein an der Waage” ab. In migrationspolitischen Kurs unterstützen die Grünliberalen den “Hardliner”-Kurs der bürgerlichen Parteien, in gesellschaftspolitischen Fragen pflegen sie eher eine liberale Einstellung, während sie in ökologischen Fragen die Komponente “Grün” dem “Liberalen” gegenüber priorisieren.

3 Beispiele aus der Sommersession 2012 im Nationalrat (auf das jeweilige Bild klicken), die das geschlossene Abstimmungsverhalten der Grünliberalen Fraktion illustrieren:

Über das Abstimmungsverhalten der Piraten lässt sich hingegen nur spekulieren, zumal diese in den Bundesländern erst frisch eingezogen sind und deren Positionen erst beobachtet werden müssen. In Umfragen zeichneten sich zumindest bei den Schweizer Piraten beispielsweise in der EU-Frage und bei der Abstimmung zur Waffenschutzinitiative tiefe Gräben ab.

  • Urbane Wähler: Beide Parteien sprechen ein eher urbanes-liberales Wählerklientel an. Allerdings zeigen sich Unterschiede bei den Wählerverschiebungen: Die Deutsche Piratenpartei bediente sich des ganzen Spektrums, d. h. sie zog Protestwähler aus der SPD, FDP, CDU und Grüne an, insbesondere diejenigen BürgerInnen,  die mit der schwarz-gelben Regierungskoalition in Bundesberlin nicht zufrieden waren. Die Schweizer Grünliberalen hingegen vermochten v.a. Erst- und Neuwähler mit ihrem Angebot anzusprechen. Ausserdem fühlen sich immer mehr Bürgerlichere oder liberale eingestellte ehemalige SP und Grüne- Wähler durch die  programmatische Verknüpfung von Ökonomie und Ökologie besser repräsentiert.

Wieso ist die Siegeswelle der Deutschen Piraten noch nicht auf die Schweiz übergeschwappt? Woran happerts bei unseren Piraten?

Diese Frage lässt sich einerseits vor dem Hintergrund der jeweiligen Parteilandschaft beantworten. Andererseits erklärt auch meine einleitende These zu einem grossen Teil dieses Phänomen. Weil: Die Grünliberalen etablierten sich als die neue junge Kraft und stahlen somit auch den hiesigen Piraten bei den letzten Eidgenössischen Wahlen “die Show”. 

Meine Begründung:

Bei netzpolitischen Diskussionen rund um das ACTA-Abkommen, Netzsperren in Deutschland hatten die etablierten Volksparteien CDU, SPD und FDP wenig schlüssige Antworten parat,  womit sich ein Vakuum für die neu gegründeten Piraten geöffnet hat. Wähler, die sich nicht mehr mit den genannten Alternativen identifizieren konnten, wandten sich den dynamischen und neuen Piraten zu. Das Gesamtpaket “Bisschen liberal, individualistisch, jung, pragmatisch, partizipativ, dauer-online und gegen staatliche Eingriffe” vermochte bei den gut ausgebildeten Bürgern zu punkten.

Dieselben Wähler, so behaupte ich, wurden in der Schweiz von den Grünliberalen abgeholt. Diese besetzten ebenfalls eine Nische,  in dem sie die Vereinbarkeit von Ökologischen Schwerpunkten mit Marktwettbewerb proklamierten. Ausserdem sind die netzpolitischen Diskussionen in der Schweiz nicht so fortgeschritten und die damit verbundenen Fragen nicht so akut, als dass sie sofortige Lösungen verlangen würden.

Allgemein (auch systembedingt durch unsert Proporzverfahren, Zauberformel und anderen Institutionen) verfügt die Schweiz über eine fragmentiertere Parteilandschaft im Vergleich zu Deutschland. Abspaltungen und Neugründungen während der letzten 10 Jahren haben insbesondere die politische Mitte (CVP, FDP, EVP, GLP und BDP)  noch mehr zersplittert. Der deutsche Parteienmarkt ist meiner Meinung nach noch nicht so übersättigt. Die letzten rebellische Bottom-Up-Partei, die aus einer grösseren Bewegung entstanden ist, waren die Grünen in den 80er Jahren. Diese sind mittlerweile institutionell fest eingebunden und mussten als Realpolitiker viele rebellische Züge abstreifen (ich vermute, dass sich unter den Deutschen Grünen ein grosses Reservoir an mutmasslichen grünliberalen Wählern tummeln würde).

Städtische Kommunalwahlen sind gute Kontextbedingungen für Schweizer Piraten

In der Schweiz konnte bisher ein einziger Pirat ein politisches Amt ergattern, nämlich Marc Wäckerlin. Seine Wahlsieg im Grossen Gemeinderat Winterthur ist sicherlich auf seinen engagierten Wahlkampf zurückzuführen  Viel bedeutender erachte ich aber die konkreten polit-geografischen Voraussetzungen, unter denen er agierte und die in Winterthur geradezu optimal zu sein scheinen.  Gerade Kommunalwahlen mit einem ausschliesslich städtische Wahlkreis eignen sich als gutes Umfeld für die Piraten, da in den urbanen Einzugsgebieten besonders viel Arbeitnehmer und Selbständige der Kreativiwirtschaft, IT- und Start-Up-Szene tätig sind.

Last but not least: “Unsere” Piraten sind organisatorisch längst nicht so gut und breit aufgestellt, wie ihre deutschen Kollegen. Bis heute wurden in Zürich, Luzern, Bern, Sankt Gallen und einigen kleineren Kantonen Sektionen gegründet. Hier besteht in den nächsten 4 Jahren bestimmt noch Aufholpotenzial. Die grössten Wahlchancen sehe ich dabei nicht auf kantonaler Ebene sondern in Gemeindewahlen.  In den grösseren Städten mit gut vernetzten Kandidaten anzutreten, ist sicherlich der erfolgsversprechendere Weg (auch in Deutschland war Berlin der erste Meilenstein der Piraten).

Man gebe beiden  jungen Gruppierungen – Piraten und Grünliberalen- in der Schweiz und Deutschland die Chance, sich zu beweisen. Die Suche nach dem Haar in der Suppe und allfälligen Inkonsistenzen innerhalb der Partei empfinde ich als wenig ergiebig und unnötig. Lassen wir sie den innerparteilichen Reife- und Selbstfindungsprozess abschliessen und beurteilen wir sie nach dem effektiven Leistungsausweis in den nächsten Jahren.

Im falschen Film: Ständerat gegen “Verfassungsgerichtsbarkeit light”

Lag es an dem bevorstehenden Euro-Auftakt, anderen vermeintlich wichtigeren Abstimmungen (wie zum Beispiel der “Kiffer”-Busse) in der Session oder den tragischen Tod des berühmten Nationalrats Otto Ineichen, der diese gesamte Sessionswoche überschattete? Anders kann ich mir nämlich kaum erklären, weshalb diese wichtige Entscheidung des Ständerats spurlos an der öffentlichen Wahrnehmung vorbeiging: Ich spreche vom “Nein” der kleinen Kammer zu einer Einführung einer Verfassungsgerichtbarkeit.

Ich dache zuerst, ich hätte nicht richtig gelesen. Auch die twitternden Politiker schwiegen sich zu dem Thema seltsamerweise aus. Bis auf Barbara Schmid-Federer, die sich mit mir zusammen genauso darüber empörte.

Wir erinnern uns: Am 6. Dezember fiel der Nationalrat (das in jener Session zum ersten Mal in der neuen Zusammensetzung tagte) den historischen und längst überfällen Entscheid, dass das Bundesgericht keine verfassungswidrige Bundesgesetze mehr im konkreten Fall anwenden muss. Dieser staatspolitischen Zäsur haben die neuen Mittekräfte (GLP und BDP-Fraktion) massgeblich zum Durchbruch verholfen (siehe Politnetz-Visualisierung unten). Das prompte Ja hat mich damals selber überrascht. Hatte ich doch unsere Volkskammer eher eine populistische Neigung in dieser wichtigen Frage zugetraut, trotz der unsäglichen Vorgeschichte wie dem  Minarettdebakel und der Diskussion, wie die angenommene Ausschaffungsinitiative bei Einhaltung aller internationalen Konventionen und Verpflichtungen wortgetreu umgesetzt werden kann.

Hier der direkte Link auf die Abstimmung im Nationalrat auf politnetz.ch

Nun hat der Ständerat mit einer Mehrheit von 27 gegen 17 Stimmen diesen Vorstoss wieder rückgängig gemacht.  Dabei schienen in der Debatte laut NZZ Wortmeldungen gefallen zu sein, wie zum Beispiel man wolle keinen “Richterstaat” einrichten, die “Gewaltentrennung ” sei genügend austariert. Ich wähnte mich im falschen Film, als ich diesen Artikel las. Da im Ständerat nach wie vor kein elektronischen Abstimmungssystem existiert, mit welcher die sogenannte “Dunkelkammer” ausgeleuchtet werden kann, kann man nur vermuten, welche “liberalen” CVP und FDP-PolitikerInnen sich gegen eine Stärkung des Rechtsstaats entschieden haben (einen interessanten Beitrag zur aufgeflammten Transparenz-Debatte über das Stimmverhalten des Ständerats gibt es übrigens auf dem Blog von SoMePolis zu lesen: http://somepolis.ch/2012/06/offentliche-abstimmungsergebnisse-im-standerat/)

Der Ständerat, dem Chambre de Réflexion, in welchem Staatsräson und Besonnenheit hochgeschrieben und Parteipolitik hinten angestellt wird, hätte ich in dieser bedeutenden Frage mehr Mut zugetraut. Zumal es sich bei diesem Vorstoss gar nicht um eine wirkliche Verfassungsgerichtsbarkeit gehandelt hätte: Mit dem Vorstoss würde kein Richterobrigkeit geschaffen werden, die politisch über demokratisch gefällte Entscheidungen richten und diese korrigieren würde. Sondern der Vorstoss wäre lediglich ein präventiver Filter, der die Bundesparlamentarier und Parteien dazu anhalten würde, nicht gegen die Verfassung zu politisieren und keine völkerrechtswidrige Initiative zu lancieren. Die Entscheidungen des Souveräns hätten nach wie vor Vorrang, das Bundegericht hätte ja nur im Streitfall (also bei Klage vor Gericht) etwas zu melden…

Natürlich ist damit angesichts der Modi und der bekannten Langsamkeit des Schweizerischen Gesetzgebungsprozess noch nichts definitiv entschieden.  Die Vorlage wird wieder zurückgewiesen an den Nationalrat. Dieser- so hoffe ich- soll bei einem zweiten Anlauf an dieser “Verfassungsgerichtsbarkeit light”-Version bitte festhalten.

Update: Just am selben wie Tag wie der Veröffentlichung dieses Blogartikels hat der Ständerat – es grenzt fast an Ironie- eine kleine Sensation beschlossen und scheint sich zumindest in einer Sache demokratiepolitisch vorwärts  bewegen zu wollen.  Mit 22 gegen 21 Stimmen beschloss die kleine Kammer die elektronische Stimmabgabe (Initiative des Glarner Ständerats This Jenny)  und damit seinen Ruf als ominöse Dunkelkammer abzustreifen. Bald erhalten wir mehr also endlich mehr Transparenz darüber, was mit unserer politischen Stimme im “Stöckli” genau passiert. 

Google+: Meine Läuterung

Zu Beginn des Somexcloud-Lehrgangs habe ich hier in einem Blogpost über das soziale Netzwerk Google+ gelästert, bzw. über dessen Alleinstellungmerkmal gerätselt und um Erleuchtung gebeten.  Nun 10 Wochen, etliche Kommentare auf meinen Blogpost und ein Modul später, korrigiere ich einige meiner Vorwürfe und habe meine Meinung in weiten Teilen geändert. Mehr noch: Ich beginne mich allmählich zu einer begeisterten Anhängerin zu entwickeln.  Morgens logge ich in einem Zug in alle 3  Netzwerke ein, was ein Zeichen dafür ist dass sich Google + gegenüber Facebook und Twitter  als ein gleichwertiges Netzwerk emanzipiert hat. Und ich erwische mich mittlerweile dabei, wie ich mehrmals täglich auch meine Startseite aktualisiere.

Was mich zu meinem Sinneswandel bewogen hat? Nach einer beruflich bedingten vertieften Auseinandersetzung und einigen Inputs von Reto Stuber gibt es einige Punkte, die mir Google+ nicht nur sympathisch gemacht, sondern mir auch eine neue Art von „Social Media“-Erfahrung offenbart haben:

-          Themen: Ganz klar besticht der thematische Ansatz. Einerseits durch die Ansprache eines gezielten Zielpublikums, die ich in meinen „Circles“ sortiert habe. Andererseits  kann ich in der Suchfunktion bei einem Thema nach Profilen und Seiten suchen, sowie auch nach Postings und anderen relevante Websiten „aus dem Web“, die Google indexiert hat. Dadurch erhalte ich zu einem konkreten Stichwort einen Überblick, wer sich dazu engagiert, was darüber geredet wird und welche weitere interessante Quellen im Netz zu finden sind. Das Stöbern durch die Treffer hat Unterhaltungswert. Diese Kombination aus klassischen Suchmaschineresultaten und gut sozial vernetzen Multiplikatoren, die passende Inhalte empfehlen, hebt die ganze Vernetzung auf ein neues, qualitativ höheres Niveau als bei Facebook und Twitter.

-          Interaktionen: Auch trifft man mittlerweile nicht mehr nur Social Media- Geeks der ersten Stunde, die sich über neue SEO-Massnahmen ereifern und stolpert weniger über „tote Profile“, deren Nutzer sich dem Hype vor einem Jahr beugten und widerwillig ein Profil erstellten. Allmählich trennt sich die Spreu vom Weizen und ich stosse immer mehr auf aktive Nutzer, die länger als 2 Minuten auf Google+ verweilen. Ausserdem erlebte ich bereits einige interessante Dialoge mit neuen (mir noch unbekannten) Kontakten, die im Rahmen von 140 Zeichen gar nicht möglich gewesen wären.

-          Suchmaschine: Die prophezeiten positiven Effekte auf das Google-Ranking habe ich durch viele Selbstversuche erlebt: Auf der ersten Seite der Suchtreffer wird die Integration des Netzwerks in die Suchmaschine immer relevanter. Und die Bedeutung als übergreifender integrativer Klebstoff für alle Google-Dienste (Mail, Maps, Docs) nimmt zu.

-          Vollständigkeit: Es gibt, im Gegensatz zu Facebook,  keinen –entschuldigt- verdammten Edge Rank, der mir meinen Newsstream vorfiltert und entscheidet, was mich interessieren könnte. Ich sehe alle Beiträge meiner Kreiskontakte und kann dann selber entscheiden, wen ich bei „Übermüllung“ wieder aussortiere.

-          Ästhetische Finessen: Visuell und technisch ist das Netzwerk top. Die Beiträge können nach Veröffentlichung wieder bearbeitet werden, Bilder und speziell Fotos wirken in einem Post besonders gross und eindrucksvoll.

Nach dem Loblied nun aber auch ein gewichtiger Kritikpunkt: Oftmals wird in der Blogosphäre davon geschwärmt, Google+ werde im Gegensatz zu Facebook DAS B2B-Netzwerk und unverzichtbar für jedes Unternehmen.  Nun: Sollte das wirklich das Ziel sein, macht es uns Google aber nicht gerade leicht: Eine aktive Vernetzung „als“ Unternehmensseite ist nicht möglich. Die Kreise können erst gefüllt werden, nachdem jemand anderes meine Unternehmensseite zu seinen Kontakten hinzugefügt hat. Klar könnte man den share und +1-Button in die eigene Website einbauen, um seine Positionierung bei der Suchmaschine zu optimieren. Aber mit einer Google+-Seite fühlt man (noch) sich irgendwie auf einer Party mit Redeverbot. Und dementsprechend alleine. Obwohl rundherum Plauderstimmung herrscht.

Welche Tipps kann ich dem einen oder anderen Google+-Muffel (den ich bis vor Kurzem selber war) unter euch mitgeben, um dieses neuartige und begeisternde „Google+-Erlebnis“ mit mir zu teilen?

Klar ist: Passives Abwarten auf das grosse “Wow”-Feeling bringt nichts. Bringt euch aktiv in die Dialoge einbringen, kommentiert und teilt Links, die ihr mögt. Die Resonanz und das Echo auf eure Interaktionen werden in Zukunft bestimmt zuzunehmen. Nicht zuletzt wegen der erstarkten Gegenbewegung vieler Google+-User auf die unsäglichen Unkenrufe digitaler Opinion Leaders, die die in Blogs und Foren Google+ bereits für tot erklärt haben