Meine Reise durch die Ukraine im Jahr 2010

In diesem Artikel versuche ich unpolitisch zu bleiben. Denn es wird jetzt etwas persönlich. Die  Ereignisse in der Ukraine  in den letzten Wochen versetzen mich zurück ins Jahr 2010, als ich zusammen mit meiner Schwester durch das grösste europäische Land unternommen haben. Eine Reise in die Heimat unserer Mutter und damit die Entdeckung unserer Wurzeln.

Es waren drei tolle Wochen voller wunderbarer Eindrücke, die uns die Vielfalt und Eigenheiten dieses Landes nähergebracht haben. Ein Land, in welchem der Ost/West-Graben zwar täglich spürbar ist und welches trotzdem eine ganz eigene Identität entwickelt hat. Ein Land mit einem grossem Nationalstolz und gleichzeitig omnipräsenten historischen Erbe  aus der Sowjetzeit.

Eine kleine Bilderschau mit ein paar wenigen Kommentaren von mir.

Angefangen hat alles in Lwiw. In der westukrainischen historischen Stadt, die zahlreiche Besatzungen durch europäische Grossmächte in der Vergangenheit erdulden musste.

Meine Schwester und ich wurden in den Restaurants kaum bedient, wenn wir unsere Bestellung in der Russischen Sprache aufgegeben haben. Also blieb uns die Wahl zwischen Ukrainisch, Polnisch (der grösste Teil der Touristen) oder Englisch. Da wir die anderen Sprachen nicht beherrschen,  blieb uns nur Englisch.  Was sie zwar kaum verstanden haben, aber ihnen immerhin ein -für osteuropäische Verhältnisse fast schon sagenhaftes- Lächeln auf die Lippen gezaubert hat.

Wenn das nationale Selbstverständnis eine Heimat innerhalb der Ukraine hätte, dann wäre das Lwiw. Trotz des ausgeprägten (nervigen) Nationalstolzes: Diese Stadt ist wunderbar und mindestens einen Besuch wert.

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Zwei in traditioneller Tracht gekleidete Ukrainerinnen an einem Stadtfest in Lwiw.

Die Kioske mit den spaltbreit geöffneten Fensterchen.

Die Kioske mit den spaltbreit geöffneten Fensterchen. Um sich vor Überfällen zu schützen.

Eine Bar mit verspielter  typischer Inschrift für Lwix namens "Chaos".  Viele Cafés haben fast schon gothischen Charakter

Eine Bar mit einer für Lwiw typisch verspielten Inschrift namens “Chaos”. Viele Cafés in der Altstadt haben diesen gothischen Charakter. Die europäischen Einflüsse dieser mehrfach besetzten Stadt sind klar spürbar.

Auch das überall anzutreffen: Die "Alkohol und Tabak" -Geschäfte

Auch diese Schilder sind überall anzutreffen: Die “Alkohol und Tabak” -Geschäfte

Omnipräsent: Die "Marscherutkis" sind die Kleinbustaxis, die halb-privat, halb-öffentlich organisiert sind.

Omnipräsent: Die “Marscherutkis” sind die Kleinbustaxis, die halb-privat, halb-öffentlich organisiert sind.

Kiev überraschte uns sehr. Im Positiven. Wir waren mit unseren Russischkenntnissen durchaus willkommene Gäste. Unsere Kleidung und Auftreten war jedoch doch touristisch genug (ukrainische Frauen sind selten in Hosen anzutreffen), dass man uns stets  zusätzlich noch die Englische Menükarte in die Hand drückte.

Die Läden, Speisekarten sind auf Ukrainisch beschriftet. Die Leute reden aber hauptsächlich Russisch. Mit diesem Unterschied scheint man sich im Alltag arrangiert zu haben (der Unterschied zwischen Ukrainisch und Russisch ist übrigens weitaus grösser als “nur” ein Dialekt ; das Ukrainische hat  Anleihen aus der Serbokroatischen Sprache aus Ex-Jugoslawien).

Verkäuferinnen beim Bessarabski Markt.

Verkäuferinnen beim Bessarabski Markt. In der Vitrine die von uns geliebten Quarkspeisen.

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Gelebte Erinnerungskultur: Symbole zum Gedenken an den Grossen Vaterländischen Krieg (2. Weltkrieg) sind omnipräsent in der Ukraine. Und zeigen den Stellenwert der grossen historischen Verbundenheit mit Russland auf. So auch diese Kolossalstatue (Mutter-Heimat-Statue).

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Der seit November 2013 weltberühmte Maidan. Auf dem Bild eine ukrainische Bekannte, die an der Kiever Kunsthochschule studiert und meine Wenigkeit.

Werke unserer Bekannten bei der Kunstschule. Die Universität war praktisch geschlossen während der Proteste.

Werke unserer Bekannten in der renommierten Kunsthochschule von Kiev. Die Universität war während der Proteste praktisch geschlossen.

Ein dunkles Stück sowjetische Geschichte.  Den Holodomor (Hungersholocaust, 1932-1933)

Ein dunkles Kapitel sowjetischer Geschichte. Den Holodomor (Hungersholocaust, 1932-1933), der von der Ukraine erst 2006 anerkannt worden ist.

. Meine Schwester, der Cousin meiner Mutter Pavlik und ich beim Bergwerk.

Beim Werk, welches dem Cousin meiner Mutter (Mitte) Pavlik gehört in Ukrainka (einem Vorort von Kiev).

Ein typisch ukrainisch-russisches Mahl: Borschtsch.

Ein typisch ukrainisch-russisches “Zwischendurch”-Mahl: Borschtsch und Fleisch und Käse.

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Nun folgte ein grosser Sprung Richtung Osten. Wir reisten nach Dnjepretrovsk mit dem Zug und von dort aus mit dem Bus nach Saporoschje, der Heimatstadt unserer Mutter.

Auch ihn sieht man überall, insbesondere im Osten. Lenin am Fuss des grossen Prospekts. Wenn man Ampel für Fussgänger auf Grün schaltet, erklingt Tschaikowsky aus Lautsprechern.

Auch ihn sieht man fast überall, insbesondere im Osten. Lenin am Fuss des grossen Prospekts (Grosse Hauptstrasse) in Saporoschje. Wenn die Ampel für Fussgänger auf Grün beim Prospekt schaltet, erklingt Musik von Tschaikowsky  aus den Lautsprechern (kein Witz).

Die "Kosaken" nach ihrer Darbietung auf der Insel Chortiza (dem "Ballenberg" der Ukraine)

Die “Kosaken” nach ihrer Darbietung auf der Insel Chortiza (dem “Ballenberg” der Ukraine)

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Die letzte Station war Odessa im Süden der Ukraine am Schwarzen Meer.  Ankunft 6:30 morgens mit dem Nachtzug (eine sehr interessante Erfahrung, die nur dank intensiver Überzeugungsarbeit seitens meiner Schwester möglich wurde).

Diese Stadt verkörperte für mich das mediterrane Ukraine. Man findet eine Mischung aus südlichem Flair (wobei sich die Strände relativ abseits der Stadt befinden aufgrund des grossen Hafens und man kaum von einem typischen Badeort sprechen kann), dem üblichen historischen Ambiente (viele heroische Monumente zur Versinnbildlichung des 2. Weltkriegs) und Schwerindustrie vor.  Gesprochen wird hier vorwiegend Russisch. Seltsamerweise haben wir in der ganzen  Stadt fast nirgendwo frischen Fisch gefunden (die ukrainische Küche ist allgemein sehr fleischlastig). Dank ein paar netten Zufallsbekanntschaften mit Einheimischen kamen wir in den Genuss einer lebhaften alternative Ausgangsszene.

Der Hafen von Odessa.

Der Hafen von Odessa.

Diese Treppe kennt man. Potemkin.

Diese Treppe kennt man. Potemkin. Wie so oft wirkt sie grösser als sie in Wirklichkeit ist.

 

Dies ist tatsächlich der Eingang eines (alternativen) Nachtclubs. Er hiess "Schrank".

Dies ist tatsächlich der Eingang eines (alternativen) Nachtclubs. Er hiess “Schrank”.

Könnte auch in Berlin sein. Ein sympathisches Café in Odessa.

Könnte auch in Berlin sein. Ein sympathisches Café in Odessa.

Wer nun nach dieser kleinen Zeitreise in die Vergangenheit ein flammendes Plädoyer für mehr Europa von mir erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich selber bin im Herzen Europäerin. Dennoch möchte ich mir kein politisches Urteil darüber anmassen, in welche Richtung sich das Land bewegen soll. Die vordringlichste Priorität war ein Ende der beidseitigen Gewalt, was mit den aktuellen Machtverschiebungen an dem letzten Wochenende eingeleitet worden ist. Und die Organisation von fairen Wahlen, die einem Rechtsstaat würdig ist.

Die ukrainische Bevölkerung soll an der Wahlurne über die Richtung des Landes befinden können.  Vorausgesetzt es haben sich bis zum Wahlzeitpunkt echte politische Alternativen mit klaren Parteiprogrammen gebildet. Und sich glaubwürdige nicht vorbelastete politische Persönlichkeiten zur Wahl aufgestellt. Als Bürgerin die die Vorzüge einer ausgeprägten Demokratie erleben darf, würde ich mir aber für die lokale Bevölkerung natürlich ein Plebiszit und damit eine Sachabstimmung zu dieser entscheidenden Frage (EU-RUS) wünschen.

 

Wer schlief während der Budget­debatte?

(Gastbeitrag für “Karl der Grosse”)

Die Zürcher Stadtratswahlen standen im Schatten des polarisierenden Abstimmungssonntags. Dies nicht zuletzt aufgrund des wenig aufregenden Ergebnisses von Ersterem: Bis auf die Schwächung des links-grünen Blocks durch den Einzug von Filippo Leutenegger (FDP) fanden keine Erdrutschsiege statt. Die Zeichen stehen also auf rot-grüne Kontinuität mit einem bürgerlicheren Anstrich (6:3-Verhältnis). Da ich als Wahlkampfbloggerin für Karl der Grosse genau hingeschaut habe, sind mir dennoch einige Dinge aufgefallen. Diese möchte ich im Folgenden rekapitulieren.

Zu diesem Wahlkampf wollte ich schon immer ein «Listicle» schreiben, sprich, einen Artikel mit prägnanten Punkten und hohem viralen Schleuderpotenzial. Los geht‘s:

1. Andres Türler (FDP) führte das Stadtratsranking mit den meisten Stimmen an und überholte damit sogar Stadtpräsidentin Mauch. Seinem eigenen Bekanntheitsgrad schien er wohl aufgrund der FDP-Wahlniederlagenserie der letzten Jahre nicht ganz zu trauen: Auf Wahlplakaten und Inseraten war stets prominent der «Bisher»-Status zusätzlich vermerkt. Die Sorge war vergebens. Der FDP gelang sogar der Sensationssieg mit drei zusätzlichen Sitzen. Ob damit der viel beschworene Niedergang der Freisinnigen abgewendet wurde? Wir werden es spätestens 2015 erfahren.

2. Nur die blockfreien «Outsider» Alternative und Grünliberale haben in diesem Wahlkampf ihre Budgets offengelegt (GLP: 250‘000 Franken; AL: 107‘000 Franken). Nicht mal die Transparenzbefürworter SP und die Grünen bezifferten die Höhe der eingesetzten Wahlkampfgelder für Gemeinde- und Stadtrat. Enttäuschend, wie ich finde.

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im "20 Minuten"

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im “20 Minuten”

Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen:

http://www.karldergrosse.ch/wer-schlief-waehrend-der-budgetdebatte/ 

Der Mensch hinter der Arbeitskraft wird wegradiert

Wieder ging ein umstrittener Abstimmungssonntag vondannen. Wieder mal hauchknapp. Und wieder giesst das (mitte-links angehauchte) Social Web Häme über die  fremdenfeindliche Schweiz (ich vermute zwar, dass fast jedes EU-Land ähnlich entschieden hätte, wenn die Bevölkerung denn darüber befinden dürfte). 

Das Hauptphänomen- wieso die Schweiz überhaupt  so viele ausländische Fachkräfte rekrutiert – wird weder von Befürwortern und Gegnern richtig thematisiert. 

Wie aktivieren wir das inländische Arbeitspotenzial? Wenn wir “zu attraktiv” sind für Ausländer,  wie schränken wir das ein? Wollen wir unbegrenztes Wachstum oder nicht?

Ich verstehe die Befürworter. Ich verstehe insbesondere den Kanton Tessin mit seiner hohen Zustimmung, die vermutlich auf den breiten Mittelstand und auf das akademische Milieu zurückgeht. Denn wenn man mit einem abgeschlossenen Architektenstudium mit 4000 Franken Bruttolohn immer noch “zu teuer” ist für gewisse Büros weil der Student aus Milano dieselbe Arbeit für die Hälfte des Lohnes verrichtet, dann stimmt etwas nicht mehr.

Ich verstehe auch alle anderen “Dichtestress”-Pendler die genug von überfüllten Zügen haben (wobei ich nach wie vor davon ausgehe, dass sich dieses Phänomen auf die Metropolitanregionen erstreckt und ich “Dichtestress” für das Unwort des Jahres halte).

“Technokraten”-Zustrom ohne Menschlichkeit

Dennoch bin ich entschieden gegen solche einseitigen Restriktionen und Tiraden, die auf dem Buckel von arbeitswilligen Ausländern ausgetragen werden.

Mehr noch ist das “Problemlösungsangebot” der Initianten alles andere als überzeugend. Sie wollen Kontingente von einer Zentralverwaltung definieren lassen und die Steuerungshoheit gänzlich der Wirtschaft überlassen. Damit soll also eine reine Technokraten-Rekrutierung entstehen (Experten, Fachkräfte ), menschliche Beziehungen und Bindungen (Familiennachzug) werden wohl in diesem Kontingent keinen Platz haben und wegsubtrahiert.

Der Arbeiter soll nach getaner Leistung entweder die Schweiz verlassen oder darf sich hier niederlassen. Wichtig ist also, dass er möglichst als “unbeschriebenes” Blatt in unser Land kommt.

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Wie schon Max Frisch sagte: “Wir riefen nach Arbeitskräften und es kamen Menschen”. Die Steuerung nach wirtschaftlichen Kriterien war bereits in den 60er und 70er Jahren ein persönliches Desaster für die betroffenen Gastarbeiter aus Italien.  Denn die menschliche Komponente von Mobilität lässt sich nicht einfach so wegradieren.

Vermutlich (wie ich schon auf Facebook und Twitter schrieb) wünscht sich der klassische SVP-ler den Junggesellen-Informatiker aus Indien mit temporärer Aufenthaltsbewilligung wohl mehr, als den Deutschen Ingenieur und Familienvater, der mit seiner Familie in die Schweiz zieht, hier sein privates Glück sucht und seine Zukunft in diesem Land aufbauen möchte.

Diese Denke ist nicht nur problematisch, sondern auch menschenverachtend.

Wollen wir Wachstum um jeden Preis?

Ich wünsche mir von der Politik und der Öffentlichkeit einen länger angelegte Debatte darüber, in welche Richtung es gehen soll und wie wir mit Migration umgehen möchten . Wollen wir weiterhin wirtschaftliche Prosperität und unbegrenztes Wachstum? Wenn nein, wie schränken wir die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz ein?

Hier fände ich ein politisch heterogenes “Potbourri”-Massnahmenbündel (Vorschläge von links und rechts) weitaus effektiver als Zuwanderungsstopps:

  • Vielleicht sollte man doch gewisse Überlegungen zu unseren kantonalen Steuerdumpingregimen machen, dank denen Unternehmenssitze hierher verlagert werden, Bauland und Infrastruktur benötigen, ausländische Facharbeiter nachziehen (wie dies Jacqueline Badran schon mehrfach forderte).
  • Vielleicht müsste man die “inländischen” Frauen hierzulande  mit  höhere Bildungsabschluss animieren im Erwerbsprozess dauerhaft zu verbleiben und sozial aufzusteigen? Via institutionellen Zwängen (Rückzahlung der “Staatsinvestitionen” in die Bildung bei Verzicht auf Erwerbsarbeit) oder via Quote in oberen Kadern…
  • Vielleicht soll der Zugang zu Sozialleistungen wie die ALV und AHV an die Bedingung eines längeren Aufenthalts geknüpft sein als nur ein oder zwei Jahre.
  • Vielleicht führt die Einführung eines verbindlichen Mindestlohns dazu, dass Schweizer und Ausländer insbesondere in den Grenzkantonen in Sachen Salär endlich gleichgeschaltet sind (und dieser nicht unterminiert werden kann).

Es gibt viele andere Hebel die man ansetzen kann, um am “Haupttreiber”- der Nachfrage an ausländischen Fachkräften- etwas verändern zu können und dieses zu drosseln.

Direkte Instant-Demokratie

Die hauchdünne Zustimmung bei der Masseneinwanderungsinitiative offenbart auch die Schwächen unseres direktdemokratischen Systems. Die Instant-Entscheidungen an der Urne schräubeln überall ein bisschen an unseren Entwicklungen, ohne dass man dadurch ein kohärentes stimmiges Bild der Schweiz, was dieses Land genau will, ableiten könnte: Ein bisschen weniger Ausländer, weniger Abzocke, keinen Lohndeckel,  Ausbau des ÖVs um jenen Dichtestress zu bewältigen, den man einzudämmen versucht…

Wir müssen beginnen, verschiedene Ansätze und Politikfelder miteinander in Beziehungen zu setzen und zu denken. Das gibt zwar für viele politische Lager folgerichtig einen Ideologie-Konflikt. Denn ich bezweifle sehr, dass die nationalkonservativen Kräfte gegen mehr Zuwanderung und gleichzeitig für mehr (inländische) berufliche Frauenförderung sind.

Aber nur mit einer konsistenten politischen Stossrichtung kann der gestern zum Ausdruck gebrachte Unmut aufgefangen werden. Und den fehlenden “Plan B” des Bundesrats ersetzen.