Nach dem Jobwechsel: Wem gehört der Corporate Twitter-Account?

Eine gute Nachfolgeregelung ist nicht nur bei der Beerbung des Chefsessels gefragt. Nachhaltigkeit sollte auch bei der personellen Besetzung der digitalen Aussenkommunikation ein Thema sein. Gerade bei meinem aktuellen Stellenwechsel wird mir die Bedeutung einer “sauberen” Social Media-Accountsübergabe bewusst. Denn die Frage “Wem gehören Social Media Accounts” sorgte in der Vergangenheit für einigen Ärger. 

Wie ich schon angekündigt habe, werde ich im Juni eine neue Stelle antreten. Damit einhergehend endete auch meine Anstellung beim Technologieunternehmen Axon Active AG und die Verantwortung bei der Bespielung der jeweiligen Social Media Plattformen im Namen von Axon Active. Meinem künftigen Nachfolger habe ich ein kleines selbst erarbeitetes Manual und Skript mit To Do’s & Don’ts, Zielen, Massnahmen  hinterlassen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie wichtig die Klärung einer weiteren Details ist: Die klare Übergabe der Administratorenrechte bei Firmenaccounts.

Social Media Manager geben dem Unternehmen auch ein “Gesicht”

In der digitalen Welt werden Unternehmensbrands oft  mit den repräsentierenden Persönlichkeiten assoziiert. Wechselt daher der betreffende Social Media Manager die Stelle, so sollte die Übergabe der Firmenaccounts akkurat geregelt werden. Vor allem nach einer Aufbauphase der Präsenzen. Denn in diesem sensiblen Zeitraum trägt der verantwortliche Digital Manager u.a. auch mit seinem Gesicht und  seinem Namen  massgebend zum Erfolg und zur “Gefolgschaft” des Unternehmensbrands bei. So dass bei einer Trennung vom Arbeitnehmenden bei ungenügender Absprache die Frage der Zugehörigkeit der jeweiligen Benutzeraccounts plötzlich virulent sein könnte.

Bei den “Aufräumarbeiten” meiner letzten Stelle wurde mir bewusst, wie immanent wichtig diese Frage der Nachfolgeregelung ist. Besitzt ein Unternehmen keinen verpflichtenden Social Media-Richtlinien für die gesamte Belegschaft, so müssen diese Regeln unbedingt bilateral zwischen Social Media Manager und Vorgesetzten (Führungsetage) ausgehandelt werden.

Die Bedeutung dieses Details lässt sich schön an der Nachfolge-Verwaltung der Google+- Unternehmensseite illustrieren. Um eine solche Seite aufzusetzen respektive betreiben zu können, setzt Google+ einen eigenen persönlichen Account voraus. Einen genuinen  Unternehmensaccount einzurichten, wird schwierig. Google+ akzeptiert nur Echtnamen und keine kryptischen “Unternehmens-Vornamen”.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Es ist gang und gäbe in grösseren Betrieben, dass mehrere Personen jene Unternehmensseite verwalten. In vielen sozialen Netzwerken  wie bei Google+ kann der “Ur-Administrator” beliebig viele neue Personen hinzufügen. Es wäre jedoch auch ein Leichtes, nach Abgang als alleiniger Community Manager jene Unternehmensseite umzubenennen und die generierten Fans und Followers gleich “mitzunehmen” (sollte das Unternehmen diesem Punkt keine Priorität einräumen und Social Media stiefmütterlich behandeln, was nicht wenig der Fall ist). Natürlich handelt man sich damit im Nachhinein jede Menge Ärger ein. Und natürlich empfehle ich Niemandem eine solche Aktion.

Bei PhoneDog Media vs. Noah Kravitz ging es um 17000  ”verlorene” Followers

Selbstverständlich war ich nicht die erste Person mit diesem Gedankenspiel.  In den USA setzte ein Mitarbeiter den verlockenden Gedanken in Realität um: Ein öffentlichkeitswirksamer Präzedenzfall gab es im Januar 2012 zwischen dem Unternehmen PhoneDog Media und dem Mitarbeiter Noah Kravitz, der nach Beendigung seiner Anstellung die 17000 Follower “mitnahm” und den Account entsprechend auf seinen Namen und natürlich das Passwort änderte.

twitter

Die Frage “Wem gehören Social Media Accounts?” im Fall Phone Dog vs Kravitz wurde auch von Advokaten im deutschsprachigen Raum verfolgt und erörtert. In Deutschland erschien basierend auf dem US-Gerichtsfall ein Artikel von Dr. Carsten Ulbricht zu diesem Thema. Und in der Schweiz setzte sich der Jurist Oliver Staffelbach mit der Frage des Social Media-Eigentums auseinander.

Besonders schwierig bei der rechtlichen Beurteilung war gemäss den beiden Experten der Umstand der untrennbaren Verknüpfung der Person und des Arbeitgebers im besagten Twitter-Namen “phonedog_noah”. Der besagte Social Media Manager hat unter dieser“Hybrid”-Bezeichnung auch persönliche Inhalte vertwittert, die nichts mit seinem Arbeitskontext zu tun haben, was die Klärung der “Social Media Ownership” zusätzlich erschwert hat. Somit muss bei der Beurteilung jeweils  die  gesamte “Gestaltung und Historie des Accounts” in Betracht gezogen werden.

Dr. Ulbricht bietet zur Klärung des Eigentums folgende Parameter, die Anhaltspunkte für eine rechtliche Beurteilung liefern können:

Wer hat den Account angemeldet ?

• Wie ist die Ausgestaltung (auch Nutzungsbedingungen) des jeweiligen Sozialen Netzwerkes ?

• Wer bezahlt etwaige Kosten des Accounts ?

• Wie ist der Accountname (z.B. Firmenname enthalten) ?

• Auf welche Email-Anschrift wurde der Account angemeldet?

• Wird der Account schwerpunktmässig privat oder geschäftlich genutzt ?

So oder so: Eine rechtliche Vereinbarung zwischen Unternehmen und Social Media Manager ist vonnöten

Wie ist  nun der Rechtsstreit ausgegangen? Gemäss Wikipedia gab es im Januar 2013 eine Einigung, die aber als vertraulich und nicht öffentlich gilt. Noah Kravitz twittert unter dem Namen @noahkravitz weiter und verfügt über 22000 Followers. Ich gehe davon aus, dass es sich um denselben Account handeln muss.

Wie sieht die Sachlage in der Schweiz aus? Claudia Keller, eine bekannte Social Media-Rechtsexpertin und Arbeitskollegin von Oliver Staffelbach sagte auf Anfrage, sie haben in ihrer Praxis Musterverträge aufgesetzt in Fällen, bei denen mit externen Dienstleistern gearbeitet worden sei. In der Schweiz gebe es zu diese Frage keine Gerichtspraxis, auf die man sich berufen könne.

Es gilt also vor Antritt eines neuen Arbeitnehmers im Bereich der Webkommunikation sauber die Eigentümerschaft der zu betreibenden Social Media Accounts zu klären und die Geschäftsbenutzersdaten (Name; Passwort) für alle verbindlich festzuhalten am Besten in Form eines Vertrags oder als Bestandteil eines Social Media Kodexes des Unternehmens. So erspart sich das Unternehmen grossen Ärger. Und der Social Media Manager wird von Anfang angehalten, Persönliches von Beruflichem zu trennen.

Ich plädiere ausserdem dafür, dass keine Unternehmensname Element eines persönlichen Social Media-Acccounts sein dürfe.  Diese Meinung teilen aber nicht alle Social Media-ExpertInnen. Aber ich zumindest werde mich davor hüten meinen Namen in NZZ_adfichter umzuwandeln.

Was ist eure Ansicht dazu?

 

 

 

“re:publica 2014″: Ukraine, Kommentarkultur und Ethik in der Technologie

“re: publica 2014″ – Das waren vier Tage über Netzpolitik, Big Data, Journalismus, Ethik, Ukraine/Russland und die Welt. Und auch etliche persönliche Gespräche über Politik, Gott (Anlass: Es gab auf dem Gelände “Atheisten”-Schuhe zu kaufen) Verlässlichkeit, das launische Wetter, das doofe Flaschenpfand und Berlin (der Eurovision Song Contest kam natürlich auch nicht zu kurz). Vieles wurde schon andernorts resümiert. Ich beleuchte hierbei nochmals meine drei persönlichen Highlights der Konferenz.

Es war meine zweite “re:publica“. Und sie gewann im Vergleich zum letzten Jahr meiner Meinung nach an Substanz und Profil. So beschäftigte man sich neben dem “post-traumatischen” Umgang mit den Snowden-Enthüllungen auch eingehend mit der Frage, wie wir die Themen einer Netzgemeinde für den Mainstream übersetzen und politisierbar machen können.

(Meinen Rückblick und meine Klagen über die pseudowissenschaftlichen Spass-Veranstaltungen von Aktivisten der re:publica 2013 könnt ihr übrigens hier nachlesen).

Viele spannende Sessions habe ich verpasst, weil man aufgrund des grossen Andrangs schon 20 Minuten vor dem Start hätte Platz nehmen müssen, um überhaupt etwas davon mitbekommen zu können.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Da ich gerne antizyklisch bei Grossveranstaltungen verfahre, habe ich bevorzugt die Nischenveranstaltungen besucht.

Nun folgen drei ausgewählte Referate mit bleibenden Eindrücken:

1. Die DiskussionReporting from and about Ukraine: Während der grösste Teil der re:publica-Besucherschar sich David Hasselhoffs Comeback oder Neustart in der Netzpolitik (oder was auch immer er mit jenem Thema zu tun hat…) anschauen ging, verfolgte ich die Diskussion zwischen einer ukrainischen Aktivistin (Oksana Romaniuk) und einer russischen Bloggerin (Alena Popova). Die Russin wurde meiner Meinung von Anfang zu Beginn etwas in die Defensive gedrängt von ihrer ukrainischen Gesprächspartnerin, Oksana Romaniuk, obwohl Popova grundsätzlich gegen die  Politik ihrer Landesregierung stark opponiert.

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova. (Name der Moderatorin habe ich leider nicht herausgefunden, von der "Deutschen Welle")

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova und Moderatorin Kristin Zeier.

“Ja wir haben Propaganda, aber denkt dran, eure Medien vermitteln auch Propaganda” meinte Alena Popova und schilderte ihre Schikane bei der Einreise nach Deutschland, in der sie ausführlich von der Grenzpolizei über ihren Aufenthalt befragt worden ist. Sie getraue sich hierzulande kaum zu sagen, woher sie komme. Man solle generell unterscheiden zwischen der Bevölkerung und der institutionellen Politik in einem Land.

Die Kernfrage der Diskussion, wie man Propaganda in Medien ermitteln und dekonstruieren kann, wurde von der Moderatorin mehrfach wiederholt. Das Thema schien aber zu emotional, virulent und brisant zu sein, als dass man sich in der Diskussion auf technische Tools oder Methoden nun konzentrieren könnte. Die Gesprächsteilnehmerinnen erklärten mehrfach den Konflikt, die fliessenden Geldströme, die Auseinandersetzungen und ihre Erfahrungen. Doch blieben sie bei den Aktivistenmethoden relativ unkonkret.

Beide ermahnten jedoch das Publikum: Kein Medium bildet wirklich die Wahrheit ab. Geht hin und macht euch euer eigenes Bild.

2.  Die Session “News Deeply: Beeindruckt war ich vom Mut der Journalistin Lara Setrakian, die ihren gut bezahlten Job im Fernsehen aufgegeben hat um von null auf ein komplett neues Newsportal zu etablieren. Aufgerüttelt über die “Desinformation” der amerikanischen Bevölkerung über den Nahen Osten (45 % der Amerikaner hatten laut Umfragen keine Meinung darüber, ob eine Intervention der USA in Syrien gerechtfertigt sei oder nicht) entwickelte sie ein neues Nachrichtenmodell: Ein Single-Issue-Portal, mit jeglichen Kontextinformationen zu einem Thema und dies multimedia aufbereitet.  Ein Topic, eine Landing Page und eine ganzheitliche User Experience sollen das Informationsbedürfnis zu einer bestimmten Frage umfassend befriedigen. So entstand “Syria Deeply”, bei der sämtliche Newskanäle anderere Zeitungen zum Syrienkonflikt eingebunden, persönliche Geschichten von Reportern vor Ort recherchiert, Expertenmeinungen präsentiert, Social Media-Kanäle hashtag-gesteuert abgebildet  und wo mit den Korrespondenten vor Ort via Google Hangout gesprochen werden kann.

Natürlich lasse sich für jedes wichtige politische Topic oder globale Thema eine weitere Website eröffnen.  Doch Lara Setrakian gibt sich zurückhaltend: Sie setzt auf ein behutsames Vorgehen bei der Bewirtschaftung eines neuen Themas. Denn dafür benötigt sie die notwendigen Kontakte vor Ort und Experten. Diese Ressourcen seien massgebend auch Bestandteil des Erfolgs von “News Deeply”.

3. Als angehende Community Redakteurin war der Besuch des Workshops “Broken Comment Culture- Let’s fix it!” von Ingrid Brodnig und Terese Bücker natürlich Pflichtprogramm. Hilfreich hätte ich es gefunden wenn man eine Teilnehmerliste des Workshops erstellt hätte. Denn es haben sich viele Social Media Editoren renommierter Deutscher Medien (ZEIT, Stern, Spiegel Online) zu Wort gemeldet. Den Austausch über die Frage, wie man eine konstruktive Kommentarkultur in neue journalistische Erzählformen einbinden kann, war inspirierend.

Workshop "Broken Comment Culture"

Workshop “Broken Comment Culture”

Vier Punkte, vorgetragen von Ingrid Brodnig, für Redakteure und Community Manager möchte ich stichwortartig noch festhalten:

1.  Gute Kommentare sichtbar machen (und damit auch “adeln”)

2. Sich in die Debatte einmischen

3. Fixe Online-Identitäten schaffen (ob mit Klarnamen oder unter Pseudonym ist sekundär)

4. Der Community Verantwortung übergeben

Die Hauptherausforderungen der Netzgemeinde? Überwachung sichtbar und Technologie humanzentriert machen

Und da wäre noch die omnipräsente Leitfrage der Konferenz nach dem Jahr 1 nach Snowden: Wie gehen wir mit der technologischen Überwachung um? Wogegen und gegen wen soll man agitieren? Die Antworten darauf sind unterschiedlich: Pragmatismus (Felix Schwenzel), vehementen politischen Widerstand ( Sascha Lobo), neue Narrative (Karig Friedemann “Überwachung macht impotent” ). Es gibt keine eindeutigen Anleitungen. Denn was man nicht unmittelbar spürt und vorerst“nicht weh tut”, bleibt eben doch fast nur ein abstrakter Gedanke.  Und das muss sich wohl die sehr sensibilisierte Netzgemeinde, deren Technologieeuphorie die -skepsis wohl ebenfalls überwiegt, an der re:publica 2014 letzten Endes auch eingestehen.  Aber nicht in Resignation verfallen.

 Immerhin: Wertgeleitete Technikgestaltung wurde als Credo der Technologischen Zukunft auf der re:publica 2014 gross geschrieben. Spannende Inputs gab es da beispielsweise (mit einem latent ironischen Unterton vorgetragen) von Sarah Spiekermann im Referat “Die ethische Maschine”.

Damit alle diese wichtigen Appelle auch ihre Wirkung entfalten können, hätten wohl neben Netzaktivisten auch Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley im Publikum sitzen sollen.

Und weshalb digital affine Europaparlamentarier die Plattform nicht für Austausch und Wahlkampf genutzt haben, ist mir ein Rätsel.

Hier ebenfalls lesenswerte Zusammenfassungen zur “re:publica 2014″:

- Von Bettina Werren (@Frau_W) für “Marketing& Kommunikation” mit gesammelten Eindrücken anderer  Blogger und Social Media Manager der Schweiz: http://www.mk-fokus.ch/republica-2014-eindruecke-und-empfehlungen-aus-schweizer-sicht/

- Von Tapio Liller – sehr treffend- über die Netzgemeinde zwischen Ohnmacht und Widerstand:  http://prreport.de/home/aktuell/article/8323-netzgemeinde-zwischen-ohnmacht-und-widerstand/?L=%255C%2527%253F&cHash=84504fad8456776ecbc2b5bbeb3f0cf9

- Von @kusito zum netzpolitischen Appell von Sascha Lobo: http://kusito.ch/netzpolitik-schweiz/?replytocom=121#respond

 -  Von Yannick Haan, Sprecher des netzpolitischen Forums der Berliner SPD: Support your local Netzpolitiker

- Und nochmals @Frau_W über das vielfältige Rahmenprogramm zur #rp14 (ich scheine noch mehr verpasst zu haben, als ich dachte, aber egal).

-Von @clipperli auch eine sympathische, gut zu lesende und persönliche Rückblende

Weitere Zusammenfassungen nehme ich gerne auf. Hinterlasst doch einfach einen kurzen Kommentar mit Link.