Sharing Economy tut der Hochpreisinsel gut

Ist die sogenannte Sharing Economy wirklich eine Ausgeburt des “Wild West-Kapitalismus”? Ja und nein. Zum einen werden damit sicherlich unregulierte Marktmissstände und Dienstleistungen zu Dumpingpreisen befördert. Doch zum Anderen entstehen dadurch neue Märkte für Konsumenten,  die bisher von bestehenden Angeboten gar nicht angesprochen worden sind. Vielleicht bin ich aber auch zu privilegiert, um darüber zu urteilen.

„Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird“. Peng! Dieser Satz sitzt.  Eine der vielbeschworenen magischen verheissungsvollen Leitbegriffe der Tech-Branche „Disruption“ wird von Sascha Lobo in seiner Kolumne im Spiegel entzaubert und zerlegt. Disruption bedeutet trotz Innovationskraft immer auch Zerstörung. Zerstörung von altgedienten Strukturen, von Monopolen, von etablierten Sozialpartnerschaften zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerverbänden.

Hauptvorwurf: Fehlende soziale Standards und Verlust von Arbeitsplätzen

Sharing-Economy-Dienste wie Uber und Airbnb haben mit traditionellen Konzernen und korporatistischen organisierten Strukturen der Wirtschaft in vielen Ländern zu kämpfen.  Beklagt wird auch hier die negative Seite der Disruption. Oftmals wird mit Verlust bestehender oder Prekariat neuer Arbeitsplätze argumentiert. „Dass es in der Sharing Economy kaum Versicherungs- und Kündigungsschutz gibt, weder festgeschriebene Arbeitszeiten noch Mindestlöhne“ schreibt auch Christoph Fellmann in einem Essay für den Tagesanzeiger.

Die Alternative für viele Uber-Nutzer war: Gar nicht Taxi fahren

Doch werden damit wirklich Arbeitsplätze gefährdet und ganze Branchen einbrechen, wie postuliert? Nehmen wir als Beispiel die Taxibranche in Zürich. Die Taxis sind überteuert, der Service ist mässig und bereits vor dem Zeitalter von Uber & Co. maulte die Branche, wie schlecht es ihr gehe. Viele Zürcher wählten bisher Nachtbusse als Alternative oder generell den ÖV als Fortbewegungsvehikel innerhalb der Stadt.

Oftmals wird also ganz auf eine Taxifahrt verzichtet und auf günstigere Mittel zurückgegriffen. Die Budget-Variante von Uber (UberX) holt nun jene Personen ab, die sich ohnehin keine Heimfahrt von 40 Franken mit dem Taxi leisten können (meine Testfahrt mit UberX kostete 24 Franken).

Die Taxi-Branche wird von Sharing Economy wie Uber und Lyft angegriffen. Doch handelt es sich hierbei wirklich um eine Verdrängung oder eher um eine Erweiterung des Markts?

Die Taxi-Branche wird von Sharing Economy-Anbietern wie Uber und Lyft angegriffen. Doch handelt es sich hierbei wirklich um eine Verdrängung oder eher um eine Erweiterung des Markts? Bildquelle: Pixabay.com

Ich verfüge leider über keine Zahlen der „Umsteiger“ von Taxipassagieren zu Uberfahrern. Aber in einem Hochpreisland wie der Schweiz werden gewisse Dienste wohl gar nicht erst beansprucht von Einwohnern der Mittelschicht. Weil zu teuer. Lieber organisiert man sich kostenlos selber mit Privatautos beispielsweise. Mit anderen Worten: Die Bedürfnisse sind zwar da, aber aufgrund fehlendem personalisiertem Angebot, verzichtete man darauf. Gewisse Kundensegmente wurden also gar nicht erst angesprochen und fielen durch die “Maschen” des Marktes.

Konzerne sind zu träge für ein Nischenangebot und versäumten Markpotenziale

Ein anderes Beispiel. Ich beispielsweise leiste mir  dank vorhandenem Einkommen und weil es so bequem ist, zum ersten Mal den Full-Service eines Möbelhauses. Vor Jahren als Studentin habe ich -wie viele andere Schweizer Haushalte- als Handwerkerlaie mich selber an die Möbelkompositionen von Ikea rangemacht.

Eine kostengünstigere Variante wäre es gewesen, mir die Möbel liefern zu lassen oder selber abzuholen und von gewissen neuen Startups- Diensten Gebrauch zu machen. Viele Anbieter  in dem Haushalts- und Handwerkerbereich sind kleine Nischenplayer. Schweizer und Deutsche Tech-Startups wie Mila, Jacando oder Shippies bieten kleinere Handwerksarbeiten anbieten (zum Beispiel Befestigung der Garderobenvorrichte, wohlgemerkt: Gelernte Facharbeiter und nicht Hobbyhandwerker die einen finanziellen Zustupf brauchen) oder vermitteln Helfer für den Einkaufstütenschleppdienst. Dienstleistungen, die bei keinem angestammten Möbelhaus oder Supermarkt auf dem Plan stehen oder nur zu horrenden Kosten abgerechnet werden.

Mir persönlich geht es bei der Nutzung dieser Dienstleistungen um zwei Dinge. Um Zeitersparnis und um eine massgeschneiderte Dienstleistung, die mir bisher gefehlt hatte. Wenn ich durch das Delegieren von mühseligen kleinen Alltagsarbeiten Zeit freischaufeln und mich kurzfristig flexibel organisieren kann, profitieren davon mindestens zwei Personen. Ich und die Fachkraft. Und ja, natürlich auch die vermittelnde Sharing-Plattform.

Daher wage ich zu behaupten, dass die Verdrängung von etablierten Konzernen durch kleine agile Startups in einem geringeren Masse ist, als wir befürchten (Beim Interessensverband der Sharing Economy-Unternehmen “Sharecon” sind über 30 Mitglieder gelistetRené Lisi von Sharecon ist derzeit daran, anhand einer umfassenden Umfrage eine Bestandesaufnahme zur Wertschöpfung der Sharing Economy-Branche in der Schweiz zu machen). Und dass dadurch neue kleinere Nischenmärkte entstehen, die von den Grossen nur mangelhaft abgedeckt worden sind. Dies aufgrund ihrer Trägheit oder ihrer mangelnder Kundenorientierung oder fehlender Innovation. Oder weil es einfach schlichtweg nicht rentieren würde.

 Wenn die Sharing Economy den Journalismus für sich entdeckt, dann…

Nichtsdestotrotz: Die Regulierung dieser boomenden Sharing Economy-Szene ist ein Thema, das auf der politischen Agenda bleiben soll. Denn Kooperationen mit Grosskonzernen wie Facebook zwecks Datensammlung oder gänzlich fehlende soziale Standards der Marktteilnehmer sind besorgniserregende Entwicklungen.  Und freilich: Nicht alle meine Sharing -Erlebnisse waren bisher prickelnd. Ich erinnere mich da an meine Airbnb-Wohnung in New York…

Aber ja, vielleicht argumentiere ich bei diesem Thema auch aus einer zu privilegierten Warte. Denn wenn die Sharing Economy mal in die Medienbranche Einzug einhält, wer weiss, ob ich dann diesem Sektor immer noch so wohlgesinnt gegenüber bleibe.  Ersetzt werden will ja niemand. Der Roboterjournalismus lässt grüssen.