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Ist Facebook-Video bei Schweizer Medienhäusern angekommen?

Video, Video, Video: Die Netzavantgarde und Digital-VordenkerInnen unter den Medienschaffenden aus Deutschland haben Bewegtbild auf Social Media zum Supertrend 2016 erklärt.  Welche Rolle spielt dieses Format im Social Media-Alltag der Schweizer Medienhäuser?

Bewegtbildformat oder eben Videos und Gifs gehören zu den beliebtesten Inhalten auf Social Media. Die Plattformen und Messenger überbieten sich mit Superlativen: 8 Milliarden Videoaufrufe vermeldete Snapchat. Auch Facebook mischt als neuer Video-Player kräftig mit und honoriert alle “geschenkten” genuinen Aufnahmen – also direkt hinaufgeladenen Videos – algorithmisch (wird Nutzern öfters angezeigt als andere Formate).

Entscheidend ist die mediumsgerechte Aufarbeitung von Videos

Die Zutaten für ein erfolgreiches Video haben die Macher der Social Media Discovery-Plattform Newswhip zusammengefasst: Untertitelung (das Video muss mobile und stumm funktionieren), eine Länge von circa 20-50 Sekunden, viele Schnitte, keine langen Sprechszenen, viel Handlung und ein  eingebetteter Call to Action-Button.

Fakt ist: Videos, die auf ein externes Medienportal locken sollen, müssen in einer spezifischen Teaser-Fassung extra produziert werden. Unsere Auswertungsdaten der NZZ zeigen, dass trotz hoher Viewszahlen nur eine kleine Zahl von Usern das Video länger als 30 Sekunden anschaut.

Der Themenreigen der erfolgreichsten Videos (bei der NZZ) ist breit: Von Lokalkolorit (Güterzug durch die Stadt Zürich) über Zeitgeist-Themen und wissenschaftlichen Erklärstücken bis zu Porträts von Flüchtlingen.  Kurz zusammengefasst lassen sich die Videos unter der Formel “Berührend, erklärend und involvierend” subsumieren.

Illustrierte und audiovisuell ansprechende und aufwendige Erklärstücke (wie das Beispiel von Channel 4 News) eigenen sich besonders gut für Medien, die dem Qualitätsjournalismus verpflichtet sind.

Who will vote to leave the EU?A university graduate is more than twice as likely to want Britain to stay in the EU than someone with no qualifications.What else do we know about how people will vote in the referendum? And what does it say about the deep divisions in British society?

Posted by Channel 4 News on Freitag, 19. Februar 2016

Die Nachteile des “bewegenden” Facebook-Hypes: Ein Monetarisierungssystem wie bei Youtube durch Vermarktung von Video Ads scheint keine Priorität auf der Entwicklungsagenda von Facebook zu sein. Video-Künstlern, die sich nicht nur von Luft ernähren wollen, sei somit nicht empfohlen, auf eine reine Facebook-Präsenz zu setzen.

Und auch für Medien gilt: Mit direkt hinaufgeladenen Kurzfilmen und ganzheitlichen Formaten wird Publizistik einmal mehr verschenkt. Nur ein Bruchteil der Zuschauer nimmt die am Schluss aufgeblitzten “Mehr ansehen”-Button (die auf die Portale verlinken) noch wahr.

Allerdings erfassen die gängigen Metriken wie Klicks und Shares das Social Media-Konsumverhalten der meisten Nutzer unzureichend, wie ich schon an früherer Stelle konstatiert habe (Stichwort: Neue Relevanzkritieren des Plattform-Journalismus und “unsichtbare” Interaktionen wie Verweildauer, Views ).

 

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Facebook hat an allen Stellen des Newsfeed-Algorithmus geschraubt, um Videos zum beliebtesten (weil im Newsfeed meist ausgespieltesten) Medieninhalt avancieren zu lassen. Aufrufzahlen werden durch die automatische Wiedergabe in den Newsfeeds der Nutzer teilweise künstlich aufgebläht. Youtube und Vimeo-Links hingegen werden in Form einer verkleinerten Vorschau abgestraft. Man merkt: Der Social Gigant mag keine externen Videoplattformen mehr.

Welche Video-Aktivitäten bei Facebook verfolgen die Kolleginnen und Kollegen des Tagesanzeiger, SRF, Blick, 20 Minuten und Watson? Ich habe mir die prozentualen Anteile der verwendeten Facebook-Formate ( Quelle: Fanpagekarma.com) im letzten halben Jahr angeschaut (20 Minuten Online ist aus technischen Gründen nicht auffindbar beim besagten Monitoringtool, die Betreiber der Plattform wissen Bescheid. Ich habe bewusst SRF 3 wegen des hohen Videoanteils ausgewählt).

Hinweis: Diese Infografik misst nur die Formate-Verteilung und keine Performance (Views, Times spent, Likes, Shares etc.) der jeweiligen Postings.

Im Vergleich zu den reichweitenorientierten Portalen mit Fokus auf Unterhaltungsthemen wie beispielsweise beim Blick.ch/ Blick am Abend oder innerhalb des SRF-Sendeangebots SRF3  spielen Videos bei der Facebook-Bewirtschaftung bei der NZZ noch eine Nebenrolle. watson und Blick kuratieren viele virale Fremdinhalte, was auch die Beitragsreichweite erhöht. Es geht ja bekanntlich, wie oben erwähnt, nicht immer nur um Klicks.

Doch sowohl bei uns wie auch – denn Gesprächen nach – beim SRF, Tagesanzeiger, Blick und Watson wird eine tragfähige und plattformübergreifende Bewegtbild-Strategie  ein wichtiger Schwerpunkt der digitalen Publizistik im Jahr 2016 sein. Auch die Schweizer Medienhäuser haben somit die sozialen Signale der Zeit erkannt.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Kei Ahnig vo BOT-anik

Wer vorgestern am #comsum16-Abend – organisiert vom Zürcher Presseverein (ZPV) und der Zürcher PR-Gesellschaft (ZPRG)- teilgenommen hat, wähnte sich im Jahr 2010. Damals sprach man in der Schweiz noch begeistert von diesem neuen Twitter mit dem man sich die Zeit vertreiben kann und  vom “Distributionskanal Social Media”.  

Hier ein Vorschlag, worüber man beim Leitthema “Aufmüpfige und kreative Geister” stattdessen hätte reden sollen.

Meine Herrschaften, lieber Herr Lipp: Das waren eine ermüdende restrospektive Debatte, die sich PR und Journalismus heute gar nicht mehr leisten können. Heute sollte man nicht darüber diskutieren, wie man neben Social Media noch Zeit für die eigentliche Kernaufgabe wie Schreiben hat und was man mit diesen Neuen Medien (die bereits schon alt sind) noch Verrücktes anstellen kann.

Im Jahr 2016 müsste es darum gehen, herauszufinden, wie die disruptiven Medienoffensiven von Technologiefirmen im Silicon Valley und Roboterisierung uns morgen nicht überflüssig machen (weil geschäftsrelevant). Und welche Fertigkeiten man in der Ausbildung zur angehenden Journalistin und PR-Fachperson stattdessen lernen und aneignen soll.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum war, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

“Kei Ahnig vo Botanik” resümierte mein Begleiter Dani verärgert nach dem Publikumsapplaus  das Podium. Ich finde diese Redewendung – leicht adaptiert- bezeichnend für den vorgestrigen Abend in der ETH. Von Themen wie Bots war nämlich gar nicht die Rede.

Wie wir Bits, Pixel, Canvas,  Native  Videos gewinnbringend und kreativ für Kommunikation, Marketing und Medieninhalte nutzen – wie es viele junge Journalisten und PR-Fachleute längst tun, aber längst nicht alle- wären die Fragen gewesen, die ich am Dienstagabend gerne verhandelt gehört hätte.

Auch ein Votum: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter...Wirklich?

Das Votum eines Podiumsteilnehmers: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter…Wirklich?

 Frank A. Meyer war wohl zu abstrakt

Gefragt und vor allem hinterfragt wurde wenig. Der Imperativ von Frank A. Meyer im einleitenden Referat (“Journalisten müssen wieder fragen lernen”) verhallte im Nichts. Es wurde lediglich nur festgestellt, ein bisschen Verständnis für die Vertreterin der jungen Generation geheuchelt und Mitgefühl für die angeblich unumstösslichen Hierarchien innerhalb von Redaktionen ausgesprochen.

Der Abend und die Performance der einzelnen Redner und Podiumsgäste wurde bereits schon zutreffend zusammengefasst (hier und hier) , deswegen skizziere ich kurz was meiner Ansicht die jungen Wilden  - die gar nicht jung sein müssen- auszeichnet.

Der Nachwuchs von Journalismus und PR vereint Stärken von Beidem

Im Journalismus und PR entstehen neue Berufsbilder.  Wie können wir von Einsteigern, die teilweise gar keine klassische Ausbildung absolviert und sich profiliert haben, lernen? Wie können wir ihnen Freiraum für Entfaltung geben und sie fördern? Vielleicht ist diese vielbeschworene Trennung von PR und Journalismus und Print vs. Online gerade beim Kompetenzprofil des Nachwuchses völlig obsolet.

Denn im Typus des neuen jungen aufmüpfigen Geists sind idealerweise Stärken von beiden publizistischen Berufsgattungen vereint: Dieser sollte einerseits die  Spiel- und Experimentierfreudigkeit und die Neugier von vielen jungen Marketeers, PR-Fachleuten und Bloggern für technologische Innovationen und Apps und andererseits die Analyseskills,  das Gespür für publizistische Themen und die Abenteuerlust für investigative Recherchen von Journalisten mitbringen.

Mit diesem Rucksack ist man meiner Meinung nach für die Herausforderungen der Digitalisierung nicht schlecht gerüstet.  Wer beim Alten verharrt wird, wird morgen weggespart, weil wegroboterisiert. So meine Hypothese, die gerne hinterfragt werden darf.