parteien social media ostern

Social Journalism & Social Politics- Klappe, die Erste

Ich stosse in meinem Alltag auf etliche spannende Lesestücke und Analysen zu meinem Lieblingsthemen Social Journalism (alles rund um Social Media als Dialog-, Distribution- und Recherche-Kanal für den Journalismus) und Social Politics (Politische Kommunikation 2.0, Digitale Demokratie, technologische Demokratie-Innovationen).

Deswegen möchte in einem regemässigen Rythmus (bitte nicht darauf behaften später) ein paar aufgeschnappte Perlen frei kommentieren, Denkanstösse liefern und ein paar Insights aus dem Social Newsroom der NZZ zum Besten geben.  

  • Zuerst einmal ein inhouse Projekt, unsere andauernde Spitzensport-Serie bei der Serie: Zusammen mit dem Projektteam haben wir ein Teaservideo für die gesamte Serie eigens für soziale Medien produziert. Das Video wird bei jedem neuen Artikel der Serie am Vorabend als Ankündigung ausgespielt. Zwei Mal haben wir eine Leserdebatte durchgeführt gemeinsam mit verschiedenen Autoren (u.a. zu einem sehr emotionalisierenden Thema wie den Schattenseiten des Spitzensports), bei denen wir Kommentare von Betroffenen und Fachexperten auf sehr hohem Niveau erhalten haben. Und dann denke ich mir: Warum nicht immer so…?
gertsch

Sportredaktor Christof Gertsch am 16.3 beantwortete auf nzz.ch geduldig die vielen kritischen  aber niveauvollen Gegenfragen unserer Leser.

  • Internet-Pranger: Immer wieder stosse ich auf Mitschnitte von kuratierten User-Beiträgen in der Facebook-Aktivistengruppe “Perlen aus Blocheristan”, einem Sammelbecken für die Sichtbarkeit von diffamierenden, verleumderischen und diskriminierenden Facebook-Postings. Die Gruppe dient als eine Art Korrektiv für die Versäumnisse des Community Managements von Facebook. Eigentlich eine gute Sache. Doch wurde ich mit zwei grenzwertigen Fällen (Leserbeiträge von nzz.ch) konfrontiert, bei denen die Kommentare verfremdet, aus dem Kontext gerissen worden sind und die Administratoren kein Entgegenkommen zeigten. Verfehlen Internet-Pranger damit – ob von linker oder rechter Seite – trotz hehren Absichten damit nicht ihr Ziel?
  • Ich möchte euch gerne ein Stück über Conversational Journalism von Martin Giesler nahe lagen. Die Chat-Bots von Medienhäusern innerhalb von Messenger-Apps (oder Eigeninnovationen) bergen für mich – mehr als Virtual Reality – die grössten Zukunftspotenziale für die Publizistik: Weil die persönliche Ansprache und massgeschneiderte Medieninhalte die Service- und Personalisierungsleistungen erbringen, die ich bei der heutigen Priorisierung von Medienportalen so vermisse (weil sie uns nicht abholen). Ein Chat-Bot hingegen lernt: Wo will ich Vertiefung und mit welchen Themen will ich gar nie konfrontiert werden?
  • Amerikas oberste politische Technologie-Chefin, die CTO des Weissen Hauses, Megan Smith hat sich in einem Interview über das toxische Diskussionsklima und Mobbing im Netz geäussert. Bei aller Verteufelung des Web 2.0: Es gibt keine genuin im Internet verselbständigenden Mechanismen, die die menschlichen Abgründe perpetuieren. Dafür braucht es immer erst den Menschen. Analoge Gedanken werden ins Netz transportiert: “…they bring all of that that exists in analog; it’s just so much more visible and it’s faster to move, because of the way the digital technologies are” Allerdings: Die fehlende Sichtbarkeit -die von Angesicht zu Angesicht vorhanden wäre- kann sehr wohl zu einer Enthemmung führen.
  • You need to build an audience on each platform you put a video onto.. Never assume your reputation precedes you.” sagt Christian Bennett, global head of audio and video Guardian. Ein kluges Fazit von der news:rewired ‘video focus’ -Konferenz. Auch altehrwürdige Marken wie der Guardian, BBC und im deutschsprachigen Raum ZEIT oder gar die NZZ können nicht von ihrem Renommee zehren bei neuen Plattforme. Sie beginnen für den Aufbau einer Community immer wieder von null. Die Millennials pfeifen nämlich auf Traditionshäuser.
  • Die deutsche FDP päppelt sich wieder auf und verzeichnet -im Schatten der AfD- erste Wahlerfolge (Landtagsparlamente). Die Schweizer FDP als grosse Wahlsiegerin verbucht vor Ostern auch noch einen Social Media-Erfolg. Gemäss dem Pluragraphen, einem eigens konstruierten Social Media-Barometer meines geschätzten Kollegen Martin Fuchs aus Hamburg ( der @wahl_beobachter), haben die Freisinnigen das grösste Wachstum  zu verzeichnen (dicht gefolgt von den Sozialdemokraten). Ein Blick auf die FB-Page bestätigt, dass die FDP Schweiz sich besonders experimentierfreudig mit neuen interaktiven Stilmitteln zeigt und sich einiges von den linksgrünen Parteien abgeschaut hat (Verwendung von FB Notes, Native Videos mit Untertitelungetc.), was mir im  Wahlherbst schon mal aufgefallen ist.  Ausserdem erzielte ein emotionales Posting über den verstorbenen Guido Westerwelle besonders viel Reaktionen.
parteien social media ostern

Ausschnitt des Facebook-Rankings der Schweizer Parteien (Quelle: Pluragraph.de)

  • Der US-Wahlkampf macht sich nun auch in den Newsfeeds auf Facebook bemerkbar. Die viralsten Postings im letzten Monat haben einen relativ hohen politischen Gehalt, wie die Auswertung des Social Discovery Tools Newswhip. Und 90 %  davon- vermute ich mal schwer- setzten sich inhaltlich mit der Reizfigur Trump auseinander. Die Medien widmen die ganze Aufmerksamkeit diesem Kandidaten und verschaffen ihm damit noch mehr Popularität. Genau so wurde jedoch in der Schweiz auch Christoph Blocher zum Volkstribun….
  • Was das SRF bis heute nicht zustande bringt mit der #Arena, ist Japan vor 4 Jahren gelungen, wie ein “Blick zurück”-Lesestück von Civicist zeigt: Ein TV-Duell von mehreren politischen Kandidaten, welche via Livestreamingplattform “Nico Nico Douga” übertragen worden ist und wo User-Kommentare zeitnah sichtbar auf den Screens placiert worden sind. Der Premierminister Abe (damals noch nicht gewählt) von der Partei LDP hatte damals selbst die Übertragung via der populären Plattform gewünscht. Diese Offenheit überrascht angesichts der restriktiven Wahlkampfgesetzen im fernöstlichen Land. So dürfen Parteien und Politiker Social Media nicht als Wahlkampfvehikel nutzen und müssen sich in Zurückhaltung üben. Doch die Fortschrittlichkeit trügt. Twitter-Nutzer kritisierten, dass erstens  vor allem die Anhängerschaft Abes mobilisierte (was nicht von ungefähr kommt und auf handgeprüfte Selektion vermuten lässt ), zweitens die Beiträge zeitverzögert und drittens meistens nur in den TV Pausen eingeblendet worden sind. Es hapert also noch überall (auch in den USA) mit der offenen Real Time-Einbindung von Zuschauerreaktionen, die auch in den politischen Diskurs mündet und sinnvoll in den Gesprächsverlauf eingebunden wird.

NicoNico-Nov-12-Debate

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Zivilgesellschaft 2.0 versus Katzen

Ich habe mich vorgestern zur Aussage hinreißen lassen, dass am letzten Abstimmungssonntag auch Social Media gewonnen habe. 48 Stunden -und eine Erwähnung- später stehe ich immer noch dazu. Ich möchte in diesem Blogartikel kurz erklären weshalb.

Nein, nun folgt keine empirische Viralitätsanalyse. Ja, es gab bis Montagmorgen mehr als 10’200 Tweets zu #abst16 und ja, das sind in dieser Grössenordnung bestimmt nicht wenige (mehr als bei den Eidgenössischen Wahlen). Der Platz in den Twitter-Charts der Schweiz war trotz der Oskarnacht gewiss.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Dennoch: Haupttreiber sämtlicher Social Media-Kampagnen der NEIN-Lager (#DSI und #Heiratsstrafe) war nur eine Plattform: Facebook.

Politisch durchtränkter Newsfeed

Bei fast 3,6 Millionen Schweizer Usern lässt sich von einer enorm hohen Durchdringung eines Netzwerks sprechen (bei Twitter sind es circa 750’000 User, die ähnlich wie in Deutschland eher eine akademische linksliberale Elite repräsentieren).

Facebook bietet als semi-öffentliches Netzwerk kaum brauchbare Analyse-Instrumente ausser der Messung von Facebook-Fanpages (Anzahl Fans und deren demographischen Merkmale) und dem Graph Search (bei entsprechender US Englisch-Spracheinstellung).

Der Facebook-Newsfeed eines politisch durchschnittlich interessierten Schweizer Bürgers war in den letzten Wochen regelrecht durchtränkt mit politischen Botschaften. Natürlich befand ich mich aufgrund meiner politischen Präferenz in einer algorithmusgetriebenen Informationsbubble, die stark von den Nein-Lagern bewirtschaftet wurde. Doch auch mit gesponserten Postings der Befürwortern wurde man unweigerlich konfrontiert.

Was auch ein Vorteil ist: Die Interessenzuordnung bei Werbezielgruppen erfolgt bei Facebook vorwiegend semantisch und nicht nach intelligenten Kriterien. So kann man sich – wie im öffentlichen Raum bei Plakaten – auch mit den Argumenten und Schlagworten der Kontrahenten auseinandersetzen. Oder einfach wegsehen (bzw. klicken). Ich für meinen Teil habe mir einige Gefechte geliefert mit #Heiratsstrafe- und #DSI- Befürwortern (was nicht immer erbauend war).

Medien profitieren von Social Media

Die These der schwindenden Deutungs/Informationshoheit der Massenmedien und des Bedeutungszuwachses von Social Media bei politischen Fragen halte ich für falsch.  Es gibt kein entweder oder. Kein Antagonismus. Gerade während der heissen Phase wurden von beiden Lagern sämtliche Medienlinks zur Untermauerung  der Positionen auf Facebook und Twitter gepostet.

Auch das ist mittlerweile Benchmark der Online-Kampagnenführung geworden. Social Media dienen als Reichweiten-Generatoren für Medieninhalte, gerade während des Abstimmungskampfs. Jede Umfrage bei Redaktionsleitern von Newsrooms würde die wachsenden Social-Anteile zu Abstimmungsthemen bestätigen.

Breites Repertoire an digitalen Stilmitteln 

Ausserdem: Dank Stilmitteln wie Memes und neuen Online Tools für Infografiken, Livestream-Funktionen und direktem Videoupload wurde jedoch noch nie so viel originärer kreativer Social Media Inhalt von zivilgesellschaftlichen Akteuren (engagierte Bürger, Parteien, Verbände, Kampagnen-Lager) geschaffen. Auf dieses breite digitale Repertoire konnten die politischen Akteure bei der #MEI-Abstimmung (2014) noch nicht zurückgreifen.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten (gepostet von meinem FB-Freund André Müller).

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Doch die (infolge tausendfacher Sharings multiplizierte) enorme Reichweite zu rekonstruieren und auszuwerten, ist fast unmöglich. Memes und Grafiken lassen sich nicht vertaggen. Die Suchfunktion steht nur bei öffentlichen Fanpages und nicht für Profile zur Verfügung.

Ob virale Inhalte der politischen Lager auch die mehrheitlich politisch homogenen Facebook-Freundeskreise zum politischen Meinungsumschwung bewegen konnten, bezweifle ich.

ABER: Die zahlreichen Appelle und Abstimmungsreminder in unseren Feeds dienten zur Aktivierung.  Lasst uns also präzisieren: Auch Social Media siegte am letzten Abstimmungssonntag. In Sachen Mobilisierung. 

Ich reiche nun den Ball weiter an Politan und DeFacto, die die Rolle von Social Media bei den letzten #abst16-Themen (hoffentlich) noch fundierter untersuchen werden.

Zu Recht meinte ein Facebook-Freund von mir, dass die vernachlässigten Katzen wohl laut “Reclaim the Facebook-Feed” nun miauen. Sie dürfen ihr Plätzchen im Newsfeed zurückerobern, aber bitte nicht zu schnell.