Blogger-Manifest: Bitte nur den kleinst gemeinsamen Nenner

Eigentlich wollte ich meinem nächsten Blogpost nach 3 Monaten Blogpause (shame on me) ein bisschen hinter die NZZ-Kulissen blicken und Bilanz ziehen. Doch dank der losgetretenen Diskussion über “gekaufte” Blogger und Journalisten wird es Zeit das Geschehene kurz Revue passieren zu lassen, Missverständnisse aufzuklären und nochmals den eigenen Standpunkt herauszukristallisieren. Dankbarer Stoff für einen neuen Blogpost. 

Den Kontext zur Auseinandersetzung mit dem Thema, die dank dem barcampCH möglich wurde, kennen die Meisten und brauche ich an dieser Stelle nicht mehr zu wiederholen. Wer das noch einmal rekapitulieren  möchte, kann das gerne hier, hier und hier tun.

Marken bringen sich ins öffentliche Netzgespräch

Vorweg: Unternehmen und Marken tun eigentlich das Richtige. Sie bringen sich ins Gespräch und nutzen die geballte Kommunikationskraft und – macht von neuen Meinungsbildnern im Web. Sie laden Personen mit viel Reichweite ein, so dass diese ihre Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen frei äussern. Blogger und Influencer gelten zu Recht als neue wichtige PR-Kraft. Und genau diese neue Form von PR-Arbeit bedarf einiger Regeln, damit Unabhängigkeit gewahrt und der Instrumentalisierung  vorgebeugt wird.

Die von Kevin und mir ausgelöste Debatte zeigt, dass die bisherige Praxis auch von anderen Bloggern kritisch beobachtet wird.  Einige Kommentatoren wollten dabei weitergehen und mehr regulieren. Ich selber aber glaube  zum Beispiel nicht, dass ein Manifest die richtige Grundlage dafür ist, den Bloggern vorzuschreiben, was sie zu deklarieren haben und was nicht.

Kein Hashtag-Missbrauch bei Konsumenten

Mir persönlich geht es um PR-Events und -veranstaltungen. Womit ich mich schwer tue und ich denke, das habe ich in der Diskussion oft genug hervorgehoben, ist die Vermischung von Einladungen mit suggeriertem privatem und offensichtlichen kommerziellen Charakter.  Ich plädiere für eine klare Kommunikation der Eventform, des Absenders und für keine irreführenden Themendefinitionen (Hashtags). Hierbei nehme ich nicht Blogger in die Pflicht, sondern die Organisatoren. Sobald diese Punkte transparent sind, obliegt die Entscheidung den einflussreichen Influencern. Sie können tun und lassen, sich einladen und beschenken lassen, darüber schreiben oder nicht. Mir egal.

Klar sollten für Medienschaffende dieselben Richtlinien gelten. Ich bin aber nicht sicher, ob diese freiwillig geneigt sind, während einer Medienkonferenz den Namen des einladenen Brands permanent zu vertwittern, wenn sie im Anschluss einen Artikel abliefern müssen.

Mein Albtraum: Dank #zoacardinal14-Pflichttweets (fiktives Beispiels) gratis ans Openair

Doch zum Ausgleich (auf die bekannten Cases von Swisscom und Search.ch sind wir genug eingegangen) zwei Beispiele der Medienwelt, in der solche mir suspekten “Hashtags-Sponsorenhappenings” ebenfalls zelebriert werden. Da wäre beispielsweise der Versuch von Watson durch das Sponsoring von Live-Tickern den Nutzern mit #heinekenlive Sponsorentweets aufzuoktroyieren. Und auch der Web-Jugendsender Joiz kann dank Sponsoren ganze Musik-Formate realisieren (“mycokemusic”) . Dies ist natürlich insofern legitim, als dass solche Formate durch Sponsoren erst möglich sind und diese natürlich verdankt werden sollen. Doch frage ich mich, weshalb ausgerechnet die Nutzer in ihrem natürlich spontanen Kommunikationshabitus formalistisch (also vorgesetzt vom Sender) missbraucht werden müssen, wenn es doch allgemein um ein Fussballspiel geht. Denn konsumiere ich jetzt einfach den Match oder die Marke und wie kommuniziere ich das?

Mein Albtraum ist:  Wenn ich an einem Openair Zürich anstelle von #zoa14 noch #zoacardinal14 twittern müsste, um an billigere oder gar Gratis-Tickets zu gelangen. Und 4 Freundlichkeitspflichttweets zu anderen Sponsoren absetzen müsste.

Randnotiz: Auch hier scheinen Journalisten nicht vor Befangenheit gefeit zu sein, laut Reda El Arbi.

 

Ich wünsche mir dass wir am 24. September auf einen grünen Zweig kommen werden. Und das im Gegensatz zu einigen Medienschaffenden, die Blogger als gänzlich unrelevant erachten, wir alle auf gleicher Augenhöhe miteinander reden können. Ich glaube wir sollten uns dabei auf den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner über alle Publizitätsgattungen hinweis einigen und kein ungelebtes Bürokratiemonster schaffen. Denn mit einem verbindlichen Konsens schaffen wir Akzeptanz für unser verabschiedetes Richtlinienwerk, dem sich hoffentlich per Unterzeichnung viele Publisher anschliessen werden.

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Blogger-Manifest: Bitte nur den kleinst gemeinsamen Nenner“

  1. Kleine und unbedeutende Blogger wie ich machen das so: Sie zahlen bei Events Eintritt oder kaufen sich die Gadgets selbst, über die sie bloggen. Bei Gratis-Anlässen mit Sponsoren erwähne ich diese allenfalls nur dann, wenn mir die Sache wirklich gefallen hat.

  2. Was ich noch nicht ganz verstehe: Wieso tust du dich mit Hashtags zu Events so schwer? Es ist bloss ein Name. Und ehrlich gesagt ist es mir schnurzegal, ob es nun #klassentreffen, #s14app oder sonst was ist. Ich lese mich ein, sehe, worum es geht und die Sache ist erledigt. Der Sinn von Hashtags ist, einer Konversation teilnehmen zu können und, dass die Tweets zu einem Thema auch wieder gefunden werden.

    Die Auseinandersetzung zum Thema finde ich gut. Ob ich ein solches Manifest unterzeichnen möchte? Kommt auf den Inhalt an. Aber grundsätzlich schätze ich als Blogger meine Unabhängigkeit und biete im Gegensatz eine Transparenz, die bei den traditionellen Medien niemals vorhanden war. Ich als Blogger bin unabhängiger als jeder Journalist, zumal er 1) bezahlt wird und 2) die Investoren und Teilhaber der Zeitung auch automatisch Einfluss auf den Inhalt haben. Was ich sagen möchte: Man wird von mehreren Seiten beinflusst und viele Blogger (nicht alle davon) sind heute sehr viel unabhängiger. Ich erhoffe mir nur noch eine grössere Transparenz und Offenlegung von gesponserten Dingen.

    Ach und noch was: Schade, dass man in deinem Blog neue Kommentare nicht abonnieren kann. So sehe ich jetzt z.B. nicht, wenn du mir antwortest. Vielleicht würdest du mir das dann ja auf Twitter mitteilen? ;-)

    1. Hallo Michael.

      Leider ist in meinem Blog-Theme doch noch vieles fehlerhaft, sorry…

      “Der Sinn von Hashtags ist, einer Konversation teilnehmen zu können und, dass die Tweets zu einem Thema auch wieder gefunden werden”

      Eben, genau. Deswegen ist die Definition eines solchen Themas von grosser Wichtigkeit. Weil wir als öffentliche Social Media-Nutzer (zum Beispiel Twitter) auch Öffentlichkeit herstellen mit unseren Beiträgen. Es ist das Eine, wenn ich intrinsisch motiviert über etwas blogge und twittere, was mich begeistert (eine neue App, ein freundlicher Kundenservice etc).

      Es ist aber was Anderes, wenn ich da etwas vorgesetzt bekommt, was aber nicht dem Charakter und Inhalt des Themas entspricht. Wenn ich mich nicht mit anderen zum Open Air Zürich unterhalte sondern gezwungenermassen über das Open Air Zürich mit Sponsorennamen reden muss.

      Ich weiss, vielen ist das egal und Dir scheinbar auch. Und wenn es Dir egal ist, sollst Du weiterhin tun und lassen können, was Du willst. Ich persönlich will nicht Gratis-Öffentlichkeit für einen Brand herstellen, wenn ich davon ausgehe, dass der Anlass eine ganz andere Ausrichtung hat; oder mir das zumindest so kommuniziert worden ist.

      Natürlich ich kann dann das Ganze boykottieren und einfach gar nichts twittern/bloggen. Aber da ich ja auch “social” unterwegs bin und mich mit genauso kommunikationsfreudigen Gleichgesinnten vernetzen und austauschen möchte (was ja auch wohl Anlass für meine Einladung ist), würde ich das kaum sein lassen…

      Ich nehme damit vor allem die Organisatoren in die Pflicht, die damit verantwortungsvoll umgehen und transparent kommunizieren sollen.

  3. Liebe Adrienne

    Danke für diesen Blogeintrag. Irgendwie finde ich etwas schade, dass wir dieses Thema mit Hashtags verbinden
    .
    Hashtags wurden 2006 erfunden um das Nutzen von Twitter einfacher zu machen. Dort werden Sie jedoch auch für Werbezwecke benutzt von grossen Marken. Doch eher selten misbraucht.
    Siehe: https://twitter.com/DrKPIcom/status/14748867498

    Auch private Nutzer lieben hashtags. Das diese auch genutzt werden zeigt wenn man berücksichtigt, dass Facebook wie auch Google Plus diese eingeführt haben.

    Das Thema – Ethik und Blogging
    Oben beschreibst du dieses sehr gut. Die Problematik mit den Eintrittskarten für Konzerte, usw. ist uns allen bekannt. Doch dies ist eigentlich kein Problem …. denn:

    1. Auch Journalisten kriegen Gutscheine von Zalando oder aber kostenlose Kinoeintritte oder werden an teure Konferenzen eingeladen in Zürich.

    2. Journalisten wie Blogger schreiben darüber.

    Das Einzige was wir brauchen ist Disclosure oder Transparenz….
    Ich war am Konzert als Gast von…. .

    Doch diese Information sollte am Ende eines Zeitungsartikels wie auch eines Blogeintrages aufgeführt werden. Das meine Besprechung eines Produktes oder Kritik eines Films jetzt aber nur gut sein kann, ist bei den meisten Schreiberlingen nicht der Fall.

    Ich glaube wir sprechen hier auch die Problematik des “Native Advertising” an.

    1. Da ging was verloren Sorry ich schrieb noch

      Native Advertising oder bei einige auch Influence Marketing genannt gibt es zwar schon seit den 50er Jahren.
      Nur aus diesem Grunde gab es ja überhaupt sogenantte Soaps am Nachmittag am amerikanischen Fernsehen. Diese Sendungen – damals primär für Hausfrauen – sollte deren Einkauf am nächsten Tag beinflussen (Waschmittel, Zahnpasta, usw).

      Aber heute würde es wohl keinen James Bond Film mehr geben ohne Product Placement (über 100 pro Film) durch welche Millionen an Einnahmen generiert werden können.
      Es gibt Online Zeitungen für die Native Advertising wie auch Influence Marketing das A und O ist warum diese überhaupt existieren wie z.B. Buzzfeed.

      Ich bin für Transparenz – lese deshalb auch nicht sowas wie Buzzfeed – nur wenn unbedingt notwendig (z.B. weben einem Kunden). Aber es wird für Leser wie auch Blogger und Journalisten immer schwieriger zwischen recherchiertem Inhalt (d.h. Qualität) und gesponsortem BlaBla zu unterscheiden.

      Ich hoffe da sind wir uns einig Adrienne :-)
      Danke auch für Deinen ausführlichen Kommentar zum Thema hier:

      Ciao aus Gurin
      Urs

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