Kategorie-Archiv: Schweiz

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Weshalb ich mir freiwillig fast 14’000 neue Vorgesetzte zulege

Ich fing an, den bittersüssen Geschmack der Freiheit zu geniessen. Selber zu entscheiden, wann ich etwas schreiben wollte und für wen. Nun lege ich mich freiwillig wieder in Ketten. Ich habe auf einen Schlag fast 14’000 Vorgesetzte bekommen, genauer gesagt sind es 14000 Verlegerinnen und Verleger. Denn wenn die Republik ruft, will ich ihr dienen.

In meinem letzten Blogbeitrag auf dieser Seite (zwischenzeitlich habe ich nur noch auf politikviernull.com publiziert) habe ich meine eigene neue Selbständigkeit zelebriert. Meine Rechnung ging auf: Neben dem Buchprojekt hatte ich die Möglichkeit für verschiedene Medien und Unternehmen zu publizieren, die Nachfrage riss nicht ab. Im Gegenteil. Diese Monate waren intensiv, manchmal schlaflos und natürlich nervig (und haben mir erneut meine Inkompetenz für allerlei administrative Arbeiten vor Augen geführt, was ein erheblicher Anteil am Selbständigkeitsdasein ausmacht)

Wer gestern den Newsletter des neuesten Medien-Startups öffnete und sich wunderte, hat richtig gelesen. Ja ich schmeisse meine (hier vor 9 Monaten verkündeten ) Vorsätze wieder über Bord. Die Republik hat gerufen und ich möchte ihr dienen.
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Die Selbständigkeitspläne seien hier vorübergehend auf Eis gelegt (bis auf meine Dozentenverpflichtungen natürlich). Zu attraktiv war die  Aussicht mit den brillantesten Köpfen der Medienszene ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren. Und zu verlockend ist es mit neuen Interaktionsformen zwischen Leser, Verlegern und Redakteuren zu experimentieren. Es ist diese Symbiose von Digital-, Qualitäts- und Communityjournalismus, die ich Kanal auf und ab immer wieder gepredigt habe. Mit der Republik hab ich ein Labor für diese Konzepte gefunden.

Was können nun die rund 14’000 Verlegerinnen und Verleger von einem Politik und Technik-Geek wie mir erwarten? Wer mich kennt, weiss um meine Liebe zu Nischenthemen Bescheid (wobei die Bezeichnung “Nische” immer mehr ungerechtfertigt ist, doch dazu gleich mehr): Alle Facetten zur Netzpolitik, die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Demokratie.  Diese Fragen interessieren mich und werden mich weiterbeschäftigen. Ihre Bedeutung und ihre Dimension werden wachsen.

Die Reaktionen auf meine Buchankündigung und mein wachsendes Netzwerk (von Lesern und natürlich auch von Kritikern) zu diesen Themen bestätigen dies. Leider haben es die Medienhäuser versäumt der Digitalisierung der Demokratie den ihr gebührenden Platz einzuräumen.  Viele Journalisten hinken in der Analyse stets hinterher, sich heute fragend auf welche künstlichen Debatte (da von Bots gesteuert) man gestern “reingefallen” ist.

Wer sonst wenn nicht  eine “Republik” könnte für diese Fragen das richtige Forum bieten? Endlich habe ich das richtige redaktionelle Zuhause gefunden. Ich freue mich auf die Auseinandersetzungen, das Ringen, das Argumentieren, auf Kritik und darauf, viel zu lernen. Die Republik und ich – es passt.

Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

Social Politics & Journalism – Die Zweite

Kann Zuckerberg Trump verhindern? Vermutlich ja. Dies und andere spannende Fundstücke der letzten Woche in meiner zweiten Ausgabe von SPJ (ich werde mich mehr auf Politik als auf Journalismus fokussieren, da der Themenbereich Social Journalism mit verschiedenen Angeboten wie den smwatchblog bereits gut abgedeckt ist)

  • Wenn Facebook morgen beschliessen würde, durch aktives Löschen von Postings anderer politischer Couleur nur noch linksliberale Parteien in der Schweiz und in Deutschland zu unterstützen, hätte dies wohl keinen spürbaren Effekt auf die nächsten Wahlen. Das nationalkonservative oder wertkonservative Elektorat würde vielleicht etwas vermindert werden. Die CDU/CSU-Basis würde vielleicht ein klein wenig schwächeln. Eine SVP  bliebe die wählerstärkste Partei bei den Eidgenossen.                                                                                                                                                                                                                                                                    In  den USA hingegen sähe das ganz anders aus. Bei der hohen Facebook-Durchdringung der Gesellschaft, dem ausgebauten digitalen Ökosystem und den hohen Investitionsbereitschaft von politischen Parteien in ausgefeilte Data-Mining-Techniken für Kampagnen, könnte Marc Zuckerberg wohl auch einen Donald Trump verhindern. Wenn er denn wollte. Denn die amerikanische Verfassung sieht auch bei einer zeitgemässer Auslegung keine Beschränkung von Filterfunktionen bei reichweitenstarken Plattformen vorFacebook wouldn’t have to disclose it was doing this, and would be protected by the First Amendment,” schreibt ein Gizmodo Redakteur Michael Nunez.     

 

  • Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

    Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einfluss auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Die aufgeflammte Debatte nach einem internen Facebook-Q&A ist für mich das spannendste Thema im digitalen US-Wahlkampf.  Social Media bieten einen Rahmen für politische Debatten an, ohne dies aktiv zu wollen. Damit haben sie  nicht-legitimiert quasi-staatliche Aufgaben übernommen,                                                       Man erinnere sich an den Aufschrei über das Emotionenexperiment und die Rückblende über die Testgruppen beim “I’m a voter”-Button. Auch ich habe damals in einem NZZ-Artikel die Frage aufgeworfen, inwiefern die Placierung des Buttons die demokratischen Anhänger womöglich mehr mobilisiert hatte. Bis heute ist Facebook uns  Kritikern eine Antwort schuldig geblieben. Einzig der zuständige Professor gab freimütig zu, dass die Obama-Kampagne von viralen Effekten infolge der Testumgebung profitiert haben könnte.                                                                                                                                                                                      Das republikanische Lager wird diesen Sommer sicherlich wohl besonderes Augenmerk auf algorithmische Diskriminierung legen. Fühlt sich ein allfälliger Kandidat Trump benachteiligt, kann er sich in eine Opferrolle à la Blocher (und seiner Kritik an traditionellen Medien) emporstilisieren. Was ihm wohl noch mehr Medienaufmerksamkeit bescheren wird.

 

    • Apropos datenbasierte Digitaldemokratie: Nicht Facebook, nicht “normales” Fernsehen,  nein – YOUTUBE ist die Haupt-Spielwiese für politische Video-Werbung im US-Wahlkampf. Besonders experimentierfreudig in Sachen Video zeigt sich das junge Team rund um Bernie Sanders, welche sogar neuerdings Buzzfeed-Videos auf Twitter bewirbt und vorgängig politische Werbebotschaften einblendet. Diese Erkenntnisse habe ich dank eines interessanten Wired-Artikels gewonnen.
      Dazu einige interessante Zahlen: Seit Oktober 2015 haben Ausgaben in politische Werbung um 294 Prozent zugenommen. 50 % aller politischer Video-Ads werden mobile konsumiert. Youtube bietet differenzierte Statistiken an, so dass man die Absprungsrate möglichst minimieren kann (leider gibt es dazu keine Informationen). Der Vorteil gegenüber dem grössten Player und Video-Überflieger Facebook: Youtube wird bewusst angesteuert, weil sie Bewegtbild-Formate konsumieren möchten.                                                                                                                                                     Die grösste visuelle Plattform hat ein tragfähiges Geschäftsmodell basierend auf Video-Ads entwickelt. Bei Facebook hingegen springen einem ungefragt die im organischen Newsfeed hinaufgeladenen Kurzfilmchen  beim Scrollen an. Was wiederum die Zahl der Aufrufe künstlich aufbläht.  Ausserdem fehlen die Monetarisierungsmöglichkeiten: Politische Wahlkampfwerbung lässt sich nur als eigener Inhalt als klassisches Posting “ausstrahlen”.  Die Wirksamkeit von TV-Werbung direkt zu messen, ist bis heute ein erfolgloses Unterfangen…

 

 

  •  Ein süffisant geschriebener Text über den irischen Wahlkampf (Parlament), den Digitalevangelisten wieder übermotiviert feurig als DEN Social Media-Wahlkampf betitelten. Was er selbstverständlich nicht gewesen war. Wobei man sagen muss, dass die Insel in der Vergangenheit dem Ideal am ehesten entsprochen hat: Und zwar letztes Jahr im Vereinigten Königreich bei den Unterhauswahlen.

    All Politics are social – Hübsche Infografik, die ich auf Pinterest entdeckt habe:


  • Ein interessantes Stück über Bot-Kriegsführung/, Informationskrieg 2.0 oder den maschinengemachten Shitstorm lieferte die WELT.  Was passiert, wenn Roboter-Armeen den politischen Diskurs steuern?

Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt, die größte Gefahr, die von Social Bots ausgehe, sei es, dass die Roboter die reale Politik und damit eine Gesellschaft beeinflussten. Weil sie durch ihre schiere Masse Stimmungen relativ schnell zum Kippen bringen könnten – in den sozialen Netzwerken.

Wenn Tausende Bots auf ein Thema aufspringen, sich ähnlich äußern, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, können sie den Eindruck erwecken, eine Stimmungslage habe sich gedreht. Politiker – und Journalisten – stützen ihre Arbeit auch auf Analysen der Netzwerke. Und richten sie danach aus – dabei haben sie es womöglich nicht mit Wählern oder mit der mutmaßlichen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sondern mit Maschinen. Ähnlich könnten das auch Unternehmen und einzelne Menschen erfahren: der maschinengemachte Shitstorm”

Im Kleinen beobachten wir diese irreführenden Konklusionen im Kommentarwesen von Medienportalen. Obwohl nur eine Minderheit der Leserschaft sich zu Wort meldet – meistens diejenigen, die nicht mit der These oder der Leistung des Journalisten zufrieden sind – schliessen gemäss verschiedenen Studien sowohl Leser als auch Autoren induktiv auf die vorherrschende Meinung zum Werk. Negative Kommentare (unabhängig davon ob es sich um maschinelle oder menschliche Trolle handelt) beeinflussen somit auch die Rezeption und Urteilsbildung zu publizistischen Inhalten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse dies zu ändern. Mit Massnahmen für einen besseren Leserdialog und dem Kampf gegen Bot-Armeen.

  •  Warum es Open Data braucht, das haben auch die beratungsresistentesten öffentlichen Institutionen begriffen. 2016 wird das Jahr des WIE werden (Medium.com).
Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Kei Ahnig vo BOT-anik

Wer vorgestern am #comsum16-Abend – organisiert vom Zürcher Presseverein (ZPV) und der Zürcher PR-Gesellschaft (ZPRG)- teilgenommen hat, wähnte sich im Jahr 2010. Damals sprach man in der Schweiz noch begeistert von diesem neuen Twitter mit dem man sich die Zeit vertreiben kann und  vom “Distributionskanal Social Media”.  

Hier ein Vorschlag, worüber man beim Leitthema “Aufmüpfige und kreative Geister” stattdessen hätte reden sollen.

Meine Herrschaften, lieber Herr Lipp: Das waren eine ermüdende restrospektive Debatte, die sich PR und Journalismus heute gar nicht mehr leisten können. Heute sollte man nicht darüber diskutieren, wie man neben Social Media noch Zeit für die eigentliche Kernaufgabe wie Schreiben hat und was man mit diesen Neuen Medien (die bereits schon alt sind) noch Verrücktes anstellen kann.

Im Jahr 2016 müsste es darum gehen, herauszufinden, wie die disruptiven Medienoffensiven von Technologiefirmen im Silicon Valley und Roboterisierung uns morgen nicht überflüssig machen (weil geschäftsrelevant). Und welche Fertigkeiten man in der Ausbildung zur angehenden Journalistin und PR-Fachperson stattdessen lernen und aneignen soll.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum war, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

“Kei Ahnig vo Botanik” resümierte mein Begleiter Dani verärgert nach dem Publikumsapplaus  das Podium. Ich finde diese Redewendung – leicht adaptiert- bezeichnend für den vorgestrigen Abend in der ETH. Von Themen wie Bots war nämlich gar nicht die Rede.

Wie wir Bits, Pixel, Canvas,  Native  Videos gewinnbringend und kreativ für Kommunikation, Marketing und Medieninhalte nutzen – wie es viele junge Journalisten und PR-Fachleute längst tun, aber längst nicht alle- wären die Fragen gewesen, die ich am Dienstagabend gerne verhandelt gehört hätte.

Auch ein Votum: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter...Wirklich?

Das Votum eines Podiumsteilnehmers: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter…Wirklich?

 Frank A. Meyer war wohl zu abstrakt

Gefragt und vor allem hinterfragt wurde wenig. Der Imperativ von Frank A. Meyer im einleitenden Referat (“Journalisten müssen wieder fragen lernen”) verhallte im Nichts. Es wurde lediglich nur festgestellt, ein bisschen Verständnis für die Vertreterin der jungen Generation geheuchelt und Mitgefühl für die angeblich unumstösslichen Hierarchien innerhalb von Redaktionen ausgesprochen.

Der Abend und die Performance der einzelnen Redner und Podiumsgäste wurde bereits schon zutreffend zusammengefasst (hier und hier) , deswegen skizziere ich kurz was meiner Ansicht die jungen Wilden  - die gar nicht jung sein müssen- auszeichnet.

Der Nachwuchs von Journalismus und PR vereint Stärken von Beidem

Im Journalismus und PR entstehen neue Berufsbilder.  Wie können wir von Einsteigern, die teilweise gar keine klassische Ausbildung absolviert und sich profiliert haben, lernen? Wie können wir ihnen Freiraum für Entfaltung geben und sie fördern? Vielleicht ist diese vielbeschworene Trennung von PR und Journalismus und Print vs. Online gerade beim Kompetenzprofil des Nachwuchses völlig obsolet.

Denn im Typus des neuen jungen aufmüpfigen Geists sind idealerweise Stärken von beiden publizistischen Berufsgattungen vereint: Dieser sollte einerseits die  Spiel- und Experimentierfreudigkeit und die Neugier von vielen jungen Marketeers, PR-Fachleuten und Bloggern für technologische Innovationen und Apps und andererseits die Analyseskills,  das Gespür für publizistische Themen und die Abenteuerlust für investigative Recherchen von Journalisten mitbringen.

Mit diesem Rucksack ist man meiner Meinung nach für die Herausforderungen der Digitalisierung nicht schlecht gerüstet.  Wer beim Alten verharrt wird, wird morgen weggespart, weil wegroboterisiert. So meine Hypothese, die gerne hinterfragt werden darf.

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Verwilderte Kommentargärtchen, reiches Silicon Valley, Virtual Reality für mehr Empathie – Mein “Listicle” zum Thema Online-Leserkommentare

Ich war in den letzten  Wochen einige Male eingeladen worden, um über den besseren Umgang mit Leserkommentaren im Netz zusprechen. Das Thema beschäftigt die Medienredaktionen, wie auch die illustre Runde beim gestrigen #Medienclub von SRF bewies.

Wie immer vermag man bei solchen Anlässen angesichts der knapp bemessenen Zeit (Radio-Sendung und Podium) und der Nervosität nicht alle Aspekte zu artikulieren, die einem durch den Kopf schwirren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nochmals alle virulenten Thesen diskutieren.

Eine Klarnamenpflicht vergrault die wünschenswerten User 

Der Presserat hat vor einigen Wochen – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt (im  deutschsprachigen Raum hat fast nur SRF berichtet) –  entschieden, dass Online-Kommentare bei Medienportalen in Zukunft nicht mehr anonym verfasst sein dürfen. Wie das im Alltag genau umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich der Rat aus. Ein paar ältere Eminenzen haben von Online-Redaktoren nun die Anpassung an Printkategorien gefordert. Eine realitätsfremde Entscheidung.

Wieso? Namen und Geschichten leben im Netz unbegrenzt weiter. Meine schriftlichen Meinungen werden von Google indexiert, verschlagwortet und Teil meines digitalen Erbes. Im schlimmsten Fall müsste man sich wöchentlich mit Google und Lesern gerichtlich einigen, wenn letztere auf das “Recht auf Vergessen” pochen. Der Print-Leserbrief ist aber morgen bereits Altpapier und verschwindet irgendwann aus den Köpfen.

Der umsichtige Leser wird das wissen und auf einen Beitrag im Forum verzichten, auch wenn ihm das Thema unter den Nägeln brennt und er sogar mit Fachwissen den Artikel bereichern dürfte. Somit werden die falschen Personen abgeschreckt: Besonnene Leser, die womöglich mit moderaten und differenzierten Ansichten den Hardlinern und Trollen in den Foren Paroli bieten möchten.

Ausserdem könnte eine Klarnamenpflicht auch justiziable Folgen haben für Newsportale. Bei hängigen Gerichtsentscheidungen, über die aktuell berichtet wird, dürften betroffene Protagonisten gar nicht unterhalb der Artikel ihre Sichtweisen niederschreiben. Denn Medienportale haften für jene Aussagen, gerade bei laufenden Verfahren.

Zielführender wäre es stattdessen auf provozierende, Stellung beziehende Pseudonyme wie zum Beispiel “DerkleineErdogan”  zu verzichten und bürgerliche Namen verlangen. Ob mir nun Marc Berger oder Marc Burger aus Spiez antwortet, ist letzten Endes unerheblich für die Diskussion. Hauptsache der Community Redaktion ist die Person bekannt. Denkbar wäre es eine “Klarnamenregistration” samt Telefonnummer (wie es das SRF derzeit macht) einzuführen. Den Benutzernamen könnte man wiederum frei wählen.

 

 

Medienportale kapitulieren und schliessen die Leserkommentarspalte. Falsch.

Erstens würde ich nicht von einer Kapitulation sprechen. Es handelt sich beim sogenannten Trend vorwiegend – mit Ausnahme der Sueddeutschen-  um amerikanische Newsportale. Man sollte diese Entwicklung im richtigen kulturellen Kontext verorten. Die Social Media-Durchdringung in den USA ist ungleich grösser als in Europa. Angesichts begrenzter Ressourcen und fragmentierter Kommentaröffentlichkeiten hat man pragmatisch entschieden, die Moderationskräfte dort zu investieren, wo die Musik spielt: Nämlich in den sozialen Netzwerken.

Ich gehe aber mit vielen Kritikern einig, dass man mit der Auslagerung von Publikumsdebattem einmal mehr die Konzernspitzen der Technologieunternehmen im Silicon Valley  reich macht. Dennoch sollte man die Diskussionskulturen nicht allein aus businessrelevanten Gesichtspunkten betrachten. Denn demokratische Diskurse finden immer mehr in den Kommentarspalten statt.

Zweitens könnte dieser Schritt als ernstzunehmende Adelung der Online-Kommentare gewertet werden. Mit der Abschaffung von Leserkommentaren geht vielerots wie beim Portal “Motherboard” die Kreation von neuen Gefässen einher. Ausgewählte Beiträge von Lesern werden in selektiven Foren kuratiert und erhalten analog zum Leserforum mit einer spezifischen Rubrik sogar noch grössere Publizität.

Treat Readers Comments as Content” empfehlen passenderweise Community Redaktoren der New York Times. Um publiziert zu werden, muss man sich vorgängig anhand festgelegter Kritierien “qualifizieren”. Insofern emanzipieren sich Online-Leserkommentare zu den Print-Leserbriefen und werden von den printfixierten leserbriefnostalgischen Redaktoren als gleichwertige Inhalte behandelt.

Überhaupt sollte man sich vom Begriff Kommentare verabschieden (die mehr Reiz-Reaktion-Reflexe suggerieren) und eine echte Debatte als nächste Evolutionsstufe des zivilisierten Web 2.0 anstreben. “Make Conversations, not comments” heisst ein empfehlenswerter Artikel auf Medium.com.

Die Redaktionen hatten es verpasst, Tonalität und inhaltliche Wünsche an ihre Leser transparent zu signalisieren. Denn worüber genau soll die Leserin sich äussern? Soll sie die These des Artikels reflektieren, die vernachlässigten Aspekte aufzählen, den Gegenstand an sich diskutieren? Dies führt mich zu meinem nächsten Gedanken.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der "Reflexion"-zum Thema "Publikums-Kritik im Netz " war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der “Reflexion”-zum Thema “Publikums-Kritik im Netz ” war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Was wollt ihr genau von euren Lesern konkret wissen? Gar nichts? Dann bietet kein Forum an.

Es gibt mittlerweile einen Begriff für diese Problematik: “Derailing” Das gezielte Entgleisen lassen einer Debatte. Ablenken vom Kerngehalt eines Artikel mit indirekten sachfremden Beiträgen. Was ist die Ursache dafür? Ganz einfach: Das Desinteresse und die Gleichgültigkeit von Redaktionen. Ein Beispiel, welches ich immer gerne wieder erwähne: Kurz von den Wahlen vom 18. Oktober 2015 haben Medien über das neueste Wahlbarometer der SRG berichtet, mit den  prognostizierten Wähleranteilen der Parteien.

Der ersten Kommentar eines Wutbürgers unterhalb des besagten Artikels lautete typischerweise: Wieso verschwende ich meine Steuergelder für solche Wahlbarometer? In der Folgeantwort verteidigt ein erboster Leser die SRG. Der dritte User vermutet Manipulationen zugunsten der Mobilisierung der Linken. Und die ungesunde verschwörungstheoretische Dynamik nimmt ihren Lauf.

Wie lassen sich solchen verselbstständigten destruktiven Diskussionen vorbeugen? Beispielsweise mit einer ganz bestimmten Frage. In diesem Beispiel: “Die SVP und FDP werden die eidgenössischen Wahlen 2015 für sich entscheiden. Was denken Sie, wird dieses Szenario eintreffen?” Und der Autor verpflichtet sich darauf mindestens 3 Antworten – eine Regel, die übrigens der Guardian seinen Journalisten aufoktroyiert hatte – zu liefern.

Es liegt im ureigenen Interesse von Redaktoren ausgewogene Reaktionen auf ihren Text erzielen. Denn ein Überhang an negativen Kommentaren beeinflusst auch massgeblich die Leser in ihrer Urteilsfindung zum Artikel, wie verschiedene Studien beweisen.

Sie erachten die Qualität des Texts als schlecht, wenn viele Nutzer kritisieren (auch wenn es sich dabei um eine laute Minderheit der Leserschaft handelt).  Der Haupttreiber der Motivation, um einen Kommentar zu verfassen, ist es, eine alternative Sichtweise zu einem Thema niederzuschreiben und vom Autor anerkannt zu werden, wie eine Umfrage der New York Times gezeigt hat. Nur wenige (5 Prozent) schreiben, um mit anderen Nutzern zu interagieren. Doch auch zu diesem Aspekt gibt es unterschiedliche Studienresultate: Readers have mixed feelings about journalists interacting on Facebook.

Facebook hat im Vergleich zu Medienportalen das intelligentere Kommentarsystem entwickelt

Eine gewagte These? Nicht unbedingt. Viele Nutzer stellen sich auf Facebook ihre personalisierte Zeitung zusammen, indem sie die Fanseiten von Medienportalen abonnieren. Interagiert der Administrator einer Facebook-Seite mit seinen Fans und generieren Beiträge viele Kommentare, so wird dies von Facebook honoriert.

Die positive Bewertung durch den Newsfeed-Algorithmus bei vielen Kommentaren sorgt für eine längere Halbwertszeit eines Postings, der Beitrag dringt in noch mehr Newsfeeds von Fans und wird noch mehr geklickt etc. Eine Auseinandersetzung mit Facebook-Fans ist somit auch kommerziell attraktiv. Investitionen in die Moderation von Facebook-Kommentaren lohnen sich also ungleich mehr. Die Facebookseite von Medienportalen wird zum digitalen Schaufenster oder zur Visitenkarte.

Im Vergleich zu den lausigen Kommentarsystemen von Newsportalen, in denen einfach der neuste Beitrag eines User nach oben gespült wird, hat das grösste sozialen Netzwerk sich bessere Anreize für die Anordnung von Kommentaren ausgedacht. Medienportale haben sich bis heute  höchstens überlegt, wie man die die intelligentesten Kommentare sichtbarer machen  und den Mob möglichst  ”verbergen” könnte. Sie haben sich nicht überlegt, wie sie ihre eigenen Redaktoren zur Beteiligung in Debatten incentivieren und bewegen können.

Natürlich hat man auf einer fremden Plattform keine Hoheit über sein Gärtchen. Community Manager fungieren oftmals als Brandlöscher und müssen im Nachhinein reagieren, indem sie gepostete Kommentare entfernen.

Doch Facebook gibt Moderatoren hilfreiche Funktionen in die Hand, wie zum Beispiel den “Verbergen”-Button. Wird diese aktiviert, so ist der Kommentar nur noch für den User selber sichtbar. Er wähnt sich nach wie vor als Teil des Kommentarthreads, während alle anderen Nutzer von den Weisheiten verschont bleiben.  Solche Funktionen führen zu einer Deeskalation.

Mit den künftigen Emojis-Buttons werden dem Facebook-Nutzer neben dem Like und Share ein breites Repertoire von non-verbalen Interaktionsinstrumenten zur Verfügung gestellt,  im Gegensatz zu Medienportalen. Emotionen zu einem bestimmten Text und einem Artikel können so besser kanalisiert werden, bevor man in die Tasten haut.

Die Dominanz von Facebook & Co als Trafficgeneratoren für Medienportale befördert weichgespülten Social Journalism und seichte Kost. Falsch.

Diese vorherrschende Auffassung lässt sich empirisch widerlegen. Natürlich lassen sich die fög-Befunde der emotionalisierenden enpolitisierenden Viralhits wie Katzenvideos nicht wegdiskutieren. Konzentriert man sich auf die Fanseiten von Medienportalen, die Qualitätsjournalismus anbieten, kommt man zu einem anderen Schluss.

Unsere Fancommunity goutiert beispielsweise Eigenleistungen, exklusive Geschichten und ignoriert simple Agenturmeldungen. Das können lange Essays, Reportagen von Korrespondenten oder Analysen von Experten sowie streitbare Gastbeiträge sein.

In fünf Jahren… wird es immer noch Leserkommentare geben

… allerdings in institutionalisierten Gefässen und in einer produktiveren Variante mit publizistischen Verwertungsmechanismen. Die meisten Medienportale orientieren sich neu und befinden sich in einer Umbruchsphase. Die meisten entwerfen überhaupt nach Jahren resignierten Zuschauens in ihrer Geschichte eine tragfähige Community Strategie. Viele Redaktoren sind ernüchtert und wundern sich, wie diese toxische Ghettoisierung unterhalb ihrer Artikel zustande kam.

Sie werden nun die Weichen stellen müssen und sich fragen: Welche Community passt zu unserer Medienmarke? Moderation kostet etwas, sowohl Knowhow als auch Technologien. Wie intelligent ein Kommentarsystem ausgestaltet ist, hat letzten Endes Einfluss auf unsere Motivation, uns an Diskussionen zu beteiligen.

Die Netzgemeinschaft befindet sich in einer Vor-Adoleszenzphase. Vielerorts sieht man jetzt die hässliche Seite eines ungehemmten, entfesselten digitalen Pöbels. Den meisten Nutzern scheint nicht klar zu sein, dass die rechtlichen Normen und die Regeln des Anstands nicht nur im persönlichen Gespräch und im öffentlichen Raum draussen, sondern auch im Web 2.0 gelten. Dass sich hinter einer virtuellen Identität ein realer Mensch verbirgt.

Nun fallen die ersten gerichtlichen Entscheidungen, es werden teilweise sogar Freiheitsstrafen ausgesprochen, wie ein Fall in Deutschland gezeigt hat. Auch müssen sich untätige Facebook-Manager vor Gericht verantworten, aktueller Vorwurf: Volksverhetzung. Durch Unterlassung.

Viele Polizeibehörden in Deutschland raten bei klar diskriminierenden Aussagen in jedem Fall zu einer Anzeige. Kommentare sollen mit Screenshots illustriert werden. Das verhängte Strafmass wird auf jeden Fall erzieherische und disziplinierende Wirkung haben. In fünf Jahren sind wir hoffentlich reifer und erwachsener unterwegs im Netz, die Online-Community reguliert sich womöglich selber.

Vielleicht bedarf es hierfür einiger Virtual Reality- Innovationen, so dass sich man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und vermehrt auch “spürt”. Denn das Netz ist zurzeit ein grosser abstrakter verschriftlicher Ort, wie es die Medienjournalistin Ingrid Brodnig am #JourTag2015 in ihrem Referat treffend formuliert: “Im Netz fehlen diese subtilen Formen der sozialen Sanktion, wenn einzelne sich im Ton vergreifen. Es fehlt der Augenkontakt des Gegenübers, wo man sofort erkennt, wenn man die andere Person gekränkt hat“,

 

 

 

 

 

Der selbst finanzierte Shitstorm

Während meiner Beobachtung des Schweizer Online-Wahlkampfs sind mir einige unbeholfene Fettnäpfchen von Parteien aufgefallen, die man mit etwas mehr Dialogbereitschaft und Knowhow einfach hätte vermeiden können. Ein Beispiel.

Parteien und Politiker (und vor allem Unternehmen) haben begriffen, dass inhaltliche Reichweite ihren Preis hat auf Facebook. Nichts ist gratis auf den sozialen Plattformen trotz kostenloser Anmeldung. Wir bezahlen mit persönlichen Daten und neuerdings auch mit Cash, um überhaupt gesehen zu werden.

Wer im Inhaltewettbewerb der verschiedenen Pages und Profile bestehen möchte, muss mit pfiffigen Postingtexten und  multimedialen Skills trumpfen und manchmal in die Tasche greifen für eine längere Halbwertsdauer einzelner Postings.

Die “Sponsored Posts”, mit denen man einzelne Seiten bewerben kann, sind eine sehr kreative Werbeform. Das Angebot fügt sich nahtlos in den Newsfeed hinein und muss denselben redaktionellen Kriterien entsprechen wie organische Postings, um aufzufallen.

Der finanzielle Aufwand lohnt sich, denn anders als bei kommerziellen Werbekampagnen werden bei Wahlkampfwerbung von Parteien nicht zwingend kostenrelevante Klicks angestrebt. «Die Botschaft wird auch so wahrgenommen», sagte Michael Sorg von der SP im Rahmen meiner Umfrage (die ich für die NZZ ausgeführt habe).

Das Problem: Genauso wie “normale” Status-Updates evozieren auch sponsored posts Kommentare, die unmittelbar sichtbar angezeigt werden. Viele Betreiber von Facebook-Seiten wissen jedoch nicht, dass unliebsame Kommentare während der gesamten Kampagnendauer mit “ausgeliefert” werden. Die beworbenen Postings werden – “social”  halt – samt ihren Reaktionen in die Newsfeeds geschleust.

piraten teil I

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf eingesetzt wird. Sie schalteten Kampagnen, sponsored posts, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten im Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen werden nicht beantwortet.

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf einzusetzen ist. Sie schalteten im September und Oktober Kampagnen auf Facebook, sogenannte “sponsored posts”, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten in Sachen Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen wurden ignoriert.

Gewisse Parteien und Unternehmen wären somit gut darin beraten, die generierten Reaktionen gewissenhaft zu moderieren und ihnen wenigstens Stellungnahmen entgegenzuhalten. Solche Interventionen wirken sich auch bekanntlich positiv auf die Interaktionsrate und damit auch auf die  Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus aus.

Ansonsten befördert man fahrlässig die boshaften unbeantworteten Leserreflexe mit  und – viel schlimmer- finanziert diese noch mit dem eigenen Werbebudget! Ob sich dann der Werbeeffekt in Wählerstimmen ummünzen wird, wage ich zu bezweifeln.

Blogger-Manifest: Bitte nur den kleinst gemeinsamen Nenner

Eigentlich wollte ich meinem nächsten Blogpost nach 3 Monaten Blogpause (shame on me) ein bisschen hinter die NZZ-Kulissen blicken und Bilanz ziehen. Doch dank der losgetretenen Diskussion über “gekaufte” Blogger und Journalisten wird es Zeit das Geschehene kurz Revue passieren zu lassen, Missverständnisse aufzuklären und nochmals den eigenen Standpunkt herauszukristallisieren. Dankbarer Stoff für einen neuen Blogpost. 

Den Kontext zur Auseinandersetzung mit dem Thema, die dank dem barcampCH möglich wurde, kennen die Meisten und brauche ich an dieser Stelle nicht mehr zu wiederholen. Wer das noch einmal rekapitulieren  möchte, kann das gerne hier, hier und hier tun.

Marken bringen sich ins öffentliche Netzgespräch

Vorweg: Unternehmen und Marken tun eigentlich das Richtige. Sie bringen sich ins Gespräch und nutzen die geballte Kommunikationskraft und – macht von neuen Meinungsbildnern im Web. Sie laden Personen mit viel Reichweite ein, so dass diese ihre Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen frei äussern. Blogger und Influencer gelten zu Recht als neue wichtige PR-Kraft. Und genau diese neue Form von PR-Arbeit bedarf einiger Regeln, damit Unabhängigkeit gewahrt und der Instrumentalisierung  vorgebeugt wird.

Die von Kevin und mir ausgelöste Debatte zeigt, dass die bisherige Praxis auch von anderen Bloggern kritisch beobachtet wird.  Einige Kommentatoren wollten dabei weitergehen und mehr regulieren. Ich selber aber glaube  zum Beispiel nicht, dass ein Manifest die richtige Grundlage dafür ist, den Bloggern vorzuschreiben, was sie zu deklarieren haben und was nicht.

Kein Hashtag-Missbrauch bei Konsumenten

Mir persönlich geht es um PR-Events und -veranstaltungen. Womit ich mich schwer tue und ich denke, das habe ich in der Diskussion oft genug hervorgehoben, ist die Vermischung von Einladungen mit suggeriertem privatem und offensichtlichen kommerziellen Charakter.  Ich plädiere für eine klare Kommunikation der Eventform, des Absenders und für keine irreführenden Themendefinitionen (Hashtags). Hierbei nehme ich nicht Blogger in die Pflicht, sondern die Organisatoren. Sobald diese Punkte transparent sind, obliegt die Entscheidung den einflussreichen Influencern. Sie können tun und lassen, sich einladen und beschenken lassen, darüber schreiben oder nicht. Mir egal.

Klar sollten für Medienschaffende dieselben Richtlinien gelten. Ich bin aber nicht sicher, ob diese freiwillig geneigt sind, während einer Medienkonferenz den Namen des einladenen Brands permanent zu vertwittern, wenn sie im Anschluss einen Artikel abliefern müssen.

Mein Albtraum: Dank #zoacardinal14-Pflichttweets (fiktives Beispiels) gratis ans Openair

Doch zum Ausgleich (auf die bekannten Cases von Swisscom und Search.ch sind wir genug eingegangen) zwei Beispiele der Medienwelt, in der solche mir suspekten “Hashtags-Sponsorenhappenings” ebenfalls zelebriert werden. Da wäre beispielsweise der Versuch von Watson durch das Sponsoring von Live-Tickern den Nutzern mit #heinekenlive Sponsorentweets aufzuoktroyieren. Und auch der Web-Jugendsender Joiz kann dank Sponsoren ganze Musik-Formate realisieren (“mycokemusic”) . Dies ist natürlich insofern legitim, als dass solche Formate durch Sponsoren erst möglich sind und diese natürlich verdankt werden sollen. Doch frage ich mich, weshalb ausgerechnet die Nutzer in ihrem natürlich spontanen Kommunikationshabitus formalistisch (also vorgesetzt vom Sender) missbraucht werden müssen, wenn es doch allgemein um ein Fussballspiel geht. Denn konsumiere ich jetzt einfach den Match oder die Marke und wie kommuniziere ich das?

Mein Albtraum ist:  Wenn ich an einem Openair Zürich anstelle von #zoa14 noch #zoacardinal14 twittern müsste, um an billigere oder gar Gratis-Tickets zu gelangen. Und 4 Freundlichkeitspflichttweets zu anderen Sponsoren absetzen müsste.

Randnotiz: Auch hier scheinen Journalisten nicht vor Befangenheit gefeit zu sein, laut Reda El Arbi.

 

Ich wünsche mir dass wir am 24. September auf einen grünen Zweig kommen werden. Und das im Gegensatz zu einigen Medienschaffenden, die Blogger als gänzlich unrelevant erachten, wir alle auf gleicher Augenhöhe miteinander reden können. Ich glaube wir sollten uns dabei auf den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner über alle Publizitätsgattungen hinweis einigen und kein ungelebtes Bürokratiemonster schaffen. Denn mit einem verbindlichen Konsens schaffen wir Akzeptanz für unser verabschiedetes Richtlinienwerk, dem sich hoffentlich per Unterzeichnung viele Publisher anschliessen werden.

 

 

 

 

Nach dem Jobwechsel: Wem gehört der Corporate Twitter-Account?

Eine gute Nachfolgeregelung ist nicht nur bei der Beerbung des Chefsessels gefragt. Nachhaltigkeit sollte auch bei der personellen Besetzung der digitalen Aussenkommunikation ein Thema sein. Gerade bei meinem aktuellen Stellenwechsel wird mir die Bedeutung einer “sauberen” Social Media-Accountsübergabe bewusst. Denn die Frage “Wem gehören Social Media Accounts” sorgte in der Vergangenheit für einigen Ärger. 

Wie ich schon angekündigt habe, werde ich im Juni eine neue Stelle antreten. Damit einhergehend endete auch meine Anstellung beim Technologieunternehmen Axon Active AG und die Verantwortung bei der Bespielung der jeweiligen Social Media Plattformen im Namen von Axon Active. Meinem künftigen Nachfolger habe ich ein kleines selbst erarbeitetes Manual und Skript mit To Do’s & Don’ts, Zielen, Massnahmen  hinterlassen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie wichtig die Klärung einer weiteren Details ist: Die klare Übergabe der Administratorenrechte bei Firmenaccounts.

Social Media Manager geben dem Unternehmen auch ein “Gesicht”

In der digitalen Welt werden Unternehmensbrands oft  mit den repräsentierenden Persönlichkeiten assoziiert. Wechselt daher der betreffende Social Media Manager die Stelle, so sollte die Übergabe der Firmenaccounts akkurat geregelt werden. Vor allem nach einer Aufbauphase der Präsenzen. Denn in diesem sensiblen Zeitraum trägt der verantwortliche Digital Manager u.a. auch mit seinem Gesicht und  seinem Namen  massgebend zum Erfolg und zur “Gefolgschaft” des Unternehmensbrands bei. So dass bei einer Trennung vom Arbeitnehmenden bei ungenügender Absprache die Frage der Zugehörigkeit der jeweiligen Benutzeraccounts plötzlich virulent sein könnte.

Bei den “Aufräumarbeiten” meiner letzten Stelle wurde mir bewusst, wie immanent wichtig diese Frage der Nachfolgeregelung ist. Besitzt ein Unternehmen keinen verpflichtenden Social Media-Richtlinien für die gesamte Belegschaft, so müssen diese Regeln unbedingt bilateral zwischen Social Media Manager und Vorgesetzten (Führungsetage) ausgehandelt werden.

Die Bedeutung dieses Details lässt sich schön an der Nachfolge-Verwaltung der Google+- Unternehmensseite illustrieren. Um eine solche Seite aufzusetzen respektive betreiben zu können, setzt Google+ einen eigenen persönlichen Account voraus. Einen genuinen  Unternehmensaccount einzurichten, wird schwierig. Google+ akzeptiert nur Echtnamen und keine kryptischen “Unternehmens-Vornamen”.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Es ist gang und gäbe in grösseren Betrieben, dass mehrere Personen jene Unternehmensseite verwalten. In vielen sozialen Netzwerken  wie bei Google+ kann der “Ur-Administrator” beliebig viele neue Personen hinzufügen. Es wäre jedoch auch ein Leichtes, nach Abgang als alleiniger Community Manager jene Unternehmensseite umzubenennen und die generierten Fans und Followers gleich “mitzunehmen” (sollte das Unternehmen diesem Punkt keine Priorität einräumen und Social Media stiefmütterlich behandeln, was nicht wenig der Fall ist). Natürlich handelt man sich damit im Nachhinein jede Menge Ärger ein. Und natürlich empfehle ich Niemandem eine solche Aktion.

Bei PhoneDog Media vs. Noah Kravitz ging es um 17000  ”verlorene” Followers

Selbstverständlich war ich nicht die erste Person mit diesem Gedankenspiel.  In den USA setzte ein Mitarbeiter den verlockenden Gedanken in Realität um: Ein öffentlichkeitswirksamer Präzedenzfall gab es im Januar 2012 zwischen dem Unternehmen PhoneDog Media und dem Mitarbeiter Noah Kravitz, der nach Beendigung seiner Anstellung die 17000 Follower “mitnahm” und den Account entsprechend auf seinen Namen und natürlich das Passwort änderte.

twitter

Die Frage “Wem gehören Social Media Accounts?” im Fall Phone Dog vs Kravitz wurde auch von Advokaten im deutschsprachigen Raum verfolgt und erörtert. In Deutschland erschien basierend auf dem US-Gerichtsfall ein Artikel von Dr. Carsten Ulbricht zu diesem Thema. Und in der Schweiz setzte sich der Jurist Oliver Staffelbach mit der Frage des Social Media-Eigentums auseinander.

Besonders schwierig bei der rechtlichen Beurteilung war gemäss den beiden Experten der Umstand der untrennbaren Verknüpfung der Person und des Arbeitgebers im besagten Twitter-Namen “phonedog_noah”. Der besagte Social Media Manager hat unter dieser“Hybrid”-Bezeichnung auch persönliche Inhalte vertwittert, die nichts mit seinem Arbeitskontext zu tun haben, was die Klärung der “Social Media Ownership” zusätzlich erschwert hat. Somit muss bei der Beurteilung jeweils  die  gesamte “Gestaltung und Historie des Accounts” in Betracht gezogen werden.

Dr. Ulbricht bietet zur Klärung des Eigentums folgende Parameter, die Anhaltspunkte für eine rechtliche Beurteilung liefern können:

Wer hat den Account angemeldet ?

• Wie ist die Ausgestaltung (auch Nutzungsbedingungen) des jeweiligen Sozialen Netzwerkes ?

• Wer bezahlt etwaige Kosten des Accounts ?

• Wie ist der Accountname (z.B. Firmenname enthalten) ?

• Auf welche Email-Anschrift wurde der Account angemeldet?

• Wird der Account schwerpunktmässig privat oder geschäftlich genutzt ?

So oder so: Eine rechtliche Vereinbarung zwischen Unternehmen und Social Media Manager ist vonnöten

Wie ist  nun der Rechtsstreit ausgegangen? Gemäss Wikipedia gab es im Januar 2013 eine Einigung, die aber als vertraulich und nicht öffentlich gilt. Noah Kravitz twittert unter dem Namen @noahkravitz weiter und verfügt über 22000 Followers. Ich gehe davon aus, dass es sich um denselben Account handeln muss.

Wie sieht die Sachlage in der Schweiz aus? Claudia Keller, eine bekannte Social Media-Rechtsexpertin und Arbeitskollegin von Oliver Staffelbach sagte auf Anfrage, sie haben in ihrer Praxis Musterverträge aufgesetzt in Fällen, bei denen mit externen Dienstleistern gearbeitet worden sei. In der Schweiz gebe es zu diese Frage keine Gerichtspraxis, auf die man sich berufen könne.

Es gilt also vor Antritt eines neuen Arbeitnehmers im Bereich der Webkommunikation sauber die Eigentümerschaft der zu betreibenden Social Media Accounts zu klären und die Geschäftsbenutzersdaten (Name; Passwort) für alle verbindlich festzuhalten am Besten in Form eines Vertrags oder als Bestandteil eines Social Media Kodexes des Unternehmens. So erspart sich das Unternehmen grossen Ärger. Und der Social Media Manager wird von Anfang angehalten, Persönliches von Beruflichem zu trennen.

Ich plädiere ausserdem dafür, dass keine Unternehmensname Element eines persönlichen Social Media-Acccounts sein dürfe.  Diese Meinung teilen aber nicht alle Social Media-ExpertInnen. Aber ich zumindest werde mich davor hüten meinen Namen in NZZ_adfichter umzuwandeln.

Was ist eure Ansicht dazu?

 

 

 

“re:publica 2014″: Ukraine, Kommentarkultur und Ethik in der Technologie

“re: publica 2014″ – Das waren vier Tage über Netzpolitik, Big Data, Journalismus, Ethik, Ukraine/Russland und die Welt. Und auch etliche persönliche Gespräche über Politik, Gott (Anlass: Es gab auf dem Gelände “Atheisten”-Schuhe zu kaufen) Verlässlichkeit, das launische Wetter, das doofe Flaschenpfand und Berlin (der Eurovision Song Contest kam natürlich auch nicht zu kurz). Vieles wurde schon andernorts resümiert. Ich beleuchte hierbei nochmals meine drei persönlichen Highlights der Konferenz.

Es war meine zweite “re:publica“. Und sie gewann im Vergleich zum letzten Jahr meiner Meinung nach an Substanz und Profil. So beschäftigte man sich neben dem “post-traumatischen” Umgang mit den Snowden-Enthüllungen auch eingehend mit der Frage, wie wir die Themen einer Netzgemeinde für den Mainstream übersetzen und politisierbar machen können.

(Meinen Rückblick und meine Klagen über die pseudowissenschaftlichen Spass-Veranstaltungen von Aktivisten der re:publica 2013 könnt ihr übrigens hier nachlesen).

Viele spannende Sessions habe ich verpasst, weil man aufgrund des grossen Andrangs schon 20 Minuten vor dem Start hätte Platz nehmen müssen, um überhaupt etwas davon mitbekommen zu können.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Da ich gerne antizyklisch bei Grossveranstaltungen verfahre, habe ich bevorzugt die Nischenveranstaltungen besucht.

Nun folgen drei ausgewählte Referate mit bleibenden Eindrücken:

1. Die DiskussionReporting from and about Ukraine: Während der grösste Teil der re:publica-Besucherschar sich David Hasselhoffs Comeback oder Neustart in der Netzpolitik (oder was auch immer er mit jenem Thema zu tun hat…) anschauen ging, verfolgte ich die Diskussion zwischen einer ukrainischen Aktivistin (Oksana Romaniuk) und einer russischen Bloggerin (Alena Popova). Die Russin wurde meiner Meinung von Anfang zu Beginn etwas in die Defensive gedrängt von ihrer ukrainischen Gesprächspartnerin, Oksana Romaniuk, obwohl Popova grundsätzlich gegen die  Politik ihrer Landesregierung stark opponiert.

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova. (Name der Moderatorin habe ich leider nicht herausgefunden, von der "Deutschen Welle")

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova und Moderatorin Kristin Zeier.

“Ja wir haben Propaganda, aber denkt dran, eure Medien vermitteln auch Propaganda” meinte Alena Popova und schilderte ihre Schikane bei der Einreise nach Deutschland, in der sie ausführlich von der Grenzpolizei über ihren Aufenthalt befragt worden ist. Sie getraue sich hierzulande kaum zu sagen, woher sie komme. Man solle generell unterscheiden zwischen der Bevölkerung und der institutionellen Politik in einem Land.

Die Kernfrage der Diskussion, wie man Propaganda in Medien ermitteln und dekonstruieren kann, wurde von der Moderatorin mehrfach wiederholt. Das Thema schien aber zu emotional, virulent und brisant zu sein, als dass man sich in der Diskussion auf technische Tools oder Methoden nun konzentrieren könnte. Die Gesprächsteilnehmerinnen erklärten mehrfach den Konflikt, die fliessenden Geldströme, die Auseinandersetzungen und ihre Erfahrungen. Doch blieben sie bei den Aktivistenmethoden relativ unkonkret.

Beide ermahnten jedoch das Publikum: Kein Medium bildet wirklich die Wahrheit ab. Geht hin und macht euch euer eigenes Bild.

2.  Die Session “News Deeply: Beeindruckt war ich vom Mut der Journalistin Lara Setrakian, die ihren gut bezahlten Job im Fernsehen aufgegeben hat um von null auf ein komplett neues Newsportal zu etablieren. Aufgerüttelt über die “Desinformation” der amerikanischen Bevölkerung über den Nahen Osten (45 % der Amerikaner hatten laut Umfragen keine Meinung darüber, ob eine Intervention der USA in Syrien gerechtfertigt sei oder nicht) entwickelte sie ein neues Nachrichtenmodell: Ein Single-Issue-Portal, mit jeglichen Kontextinformationen zu einem Thema und dies multimedia aufbereitet.  Ein Topic, eine Landing Page und eine ganzheitliche User Experience sollen das Informationsbedürfnis zu einer bestimmten Frage umfassend befriedigen. So entstand “Syria Deeply”, bei der sämtliche Newskanäle anderere Zeitungen zum Syrienkonflikt eingebunden, persönliche Geschichten von Reportern vor Ort recherchiert, Expertenmeinungen präsentiert, Social Media-Kanäle hashtag-gesteuert abgebildet  und wo mit den Korrespondenten vor Ort via Google Hangout gesprochen werden kann.

Natürlich lasse sich für jedes wichtige politische Topic oder globale Thema eine weitere Website eröffnen.  Doch Lara Setrakian gibt sich zurückhaltend: Sie setzt auf ein behutsames Vorgehen bei der Bewirtschaftung eines neuen Themas. Denn dafür benötigt sie die notwendigen Kontakte vor Ort und Experten. Diese Ressourcen seien massgebend auch Bestandteil des Erfolgs von “News Deeply”.

3. Als angehende Community Redakteurin war der Besuch des Workshops “Broken Comment Culture- Let’s fix it!” von Ingrid Brodnig und Terese Bücker natürlich Pflichtprogramm. Hilfreich hätte ich es gefunden wenn man eine Teilnehmerliste des Workshops erstellt hätte. Denn es haben sich viele Social Media Editoren renommierter Deutscher Medien (ZEIT, Stern, Spiegel Online) zu Wort gemeldet. Den Austausch über die Frage, wie man eine konstruktive Kommentarkultur in neue journalistische Erzählformen einbinden kann, war inspirierend.

Workshop "Broken Comment Culture"

Workshop “Broken Comment Culture”

Vier Punkte, vorgetragen von Ingrid Brodnig, für Redakteure und Community Manager möchte ich stichwortartig noch festhalten:

1.  Gute Kommentare sichtbar machen (und damit auch “adeln”)

2. Sich in die Debatte einmischen

3. Fixe Online-Identitäten schaffen (ob mit Klarnamen oder unter Pseudonym ist sekundär)

4. Der Community Verantwortung übergeben

Die Hauptherausforderungen der Netzgemeinde? Überwachung sichtbar und Technologie humanzentriert machen

Und da wäre noch die omnipräsente Leitfrage der Konferenz nach dem Jahr 1 nach Snowden: Wie gehen wir mit der technologischen Überwachung um? Wogegen und gegen wen soll man agitieren? Die Antworten darauf sind unterschiedlich: Pragmatismus (Felix Schwenzel), vehementen politischen Widerstand ( Sascha Lobo), neue Narrative (Karig Friedemann “Überwachung macht impotent” ). Es gibt keine eindeutigen Anleitungen. Denn was man nicht unmittelbar spürt und vorerst“nicht weh tut”, bleibt eben doch fast nur ein abstrakter Gedanke.  Und das muss sich wohl die sehr sensibilisierte Netzgemeinde, deren Technologieeuphorie die -skepsis wohl ebenfalls überwiegt, an der re:publica 2014 letzten Endes auch eingestehen.  Aber nicht in Resignation verfallen.

 Immerhin: Wertgeleitete Technikgestaltung wurde als Credo der Technologischen Zukunft auf der re:publica 2014 gross geschrieben. Spannende Inputs gab es da beispielsweise (mit einem latent ironischen Unterton vorgetragen) von Sarah Spiekermann im Referat “Die ethische Maschine”.

Damit alle diese wichtigen Appelle auch ihre Wirkung entfalten können, hätten wohl neben Netzaktivisten auch Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley im Publikum sitzen sollen.

Und weshalb digital affine Europaparlamentarier die Plattform nicht für Austausch und Wahlkampf genutzt haben, ist mir ein Rätsel.

Hier ebenfalls lesenswerte Zusammenfassungen zur “re:publica 2014″:

- Von Bettina Werren (@Frau_W) für “Marketing& Kommunikation” mit gesammelten Eindrücken anderer  Blogger und Social Media Manager der Schweiz: http://www.mk-fokus.ch/republica-2014-eindruecke-und-empfehlungen-aus-schweizer-sicht/

- Von Tapio Liller – sehr treffend- über die Netzgemeinde zwischen Ohnmacht und Widerstand:  http://prreport.de/home/aktuell/article/8323-netzgemeinde-zwischen-ohnmacht-und-widerstand/?L=%255C%2527%253F&cHash=84504fad8456776ecbc2b5bbeb3f0cf9

- Von @kusito zum netzpolitischen Appell von Sascha Lobo: http://kusito.ch/netzpolitik-schweiz/?replytocom=121#respond

 -  Von Yannick Haan, Sprecher des netzpolitischen Forums der Berliner SPD: Support your local Netzpolitiker

- Und nochmals @Frau_W über das vielfältige Rahmenprogramm zur #rp14 (ich scheine noch mehr verpasst zu haben, als ich dachte, aber egal).

-Von @clipperli auch eine sympathische, gut zu lesende und persönliche Rückblende

Weitere Zusammenfassungen nehme ich gerne auf. Hinterlasst doch einfach einen kurzen Kommentar mit Link.

Die vergessenen #XINGFails

Im Schatten des Schweizer #XINGfail-Shitstorms wurden noch weitere unbemerkte Preiserhöhungen vom deutschsprachigen Businessnetzwerk durchgesetzt und kommunikative Vergehen begangen, die zu bemängeln sind. Welches diese sind und wieso XING und LinkedIn zu Unrecht als soziale B2B-Netzwerke gelten, möchte in diesem Blogpost aufzeigen. 

Bei den Neuerungen von XING verliert man schnell mal den Überblick.  Die XING-Premiumpreiserhöhung war auf Blogs und in den Medien omnipräsent. Vergessen und unbemerkt im medialen Wirbel sind weitere Funktionen abgeschaltet, komplizierte Gruppen-Modi eingeführt und andere Angebotspreise erhöht worden.  Ein Klagelied können neben Premium-Mitgliedern nämlich auch Administratoren von XING-Gruppen und Unternehmensprofilen singen. So auch ich.

Auf 3 mühsame Neuerungen möchte ich hier genauer eingehen:

“Neue Gruppen”: XING-User sind auf den Goodwill von Gruppenadmins angewiesen

Schauen wir uns zum Beispiel die Transformation der XING-Gruppen in das “Neuen Gruppen“-Gewand an, die ein Administrator nur durch aktive Kontaktaufnahme beanspruchen kann.

D.h. um als aktives kommunikationsfreudiges XING-Mitglied die gestalterischen Vorzüge der “Neuen Gruppe” zu geniessen, ist man auf den Goodwill wacher XING-Administratoren angewiesen. Immerhin: Eine Gesamtmigration aller XING-Gruppen hat XING auf Anfrage meinerseits in Aussicht gestellt. 

Schleichend wurde auch zweitens ohne Getöse die bisherige “Unternehmensprofil-Palette” abgeschafft.  Neben dem Basisangebot hatte man bis letztes Jahr noch die Möglichkeit ein erschwingliches Standard-Profil zu erwerben. Dieses bot dem Unternehmen die Assets, kununu-Arbeitgeberbewertungen einzubetten und die jeweiligen Produkte und Dienstleistungen mit Videos und Pdfs optisch aufzuwerten. Diese hübsch aufgemachte Übersichtsseite machten sich inbesondere einige Sales Manager meines Unternehmens (damals bei der OFWI) bei der Company-Präsentation im Netz zunutze.

Dass ich als Administratorin ein veraltetes nicht aktives Unternehmensprofil betreibe, habe ich dann irgendwann mal selber zufällig entdeckt als ich weitere Pdfs hinzufügen wollte (was aber nicht möglich war, da das alte Profil ja offiziell nicht mehr angeboten wurde). Nun bleibt den Administratoren die Möglichkeit, die wenigen Optionen des herabgestuften “kargen” Basis-Profils (gratis) zu nutzen oder auf das horrend teure “Employer Branding” (395 Euro monatlich) upzugraden. Zweiteres bietet umfassende Vernetzungsmöglichkeiten im Recruitingbereich, was aber nicht unbedingt zum Tagesgeschäft einer KMU gehört. (Ausserdem hat XING bis heute noch keine brauchbare Handhabe vermittelt, wie man gezielt die Followerzahl bzw. Abonnentenzahl eines Unternehmensprofils erhöhen könnte. Aber dies nur als Randbemerkung).

Klickpreise pro Stellenanzeige lautlos erhöht

Drittens wurden die Preise nicht nur bei den Premium-Mitgliedschaften erhöht. Betroffen sind auch die Klickpreise bei geschalteten Stellenanzeigen des Formats “Text”.  Bis vor Kurzem  kostete der Klickpreis noch 0.85 Euro. Die von uns (damals bei der OFWI) geschaltete Stellenanzeige wurde bereits nach wenigen Wochen ohne Benachrichtigung mit dem neuen Preis abgerechnet, 1.05 Euro pro Klick. Der neue Klickpreis beträgt also umgerechnet nun 1. 25 Franken. Welche Summe sich da zusammenläppert nach einigen Klicks, kann man sich denken…

Die XING-Preise noch im 6. Februar 2014

Die XING-Preise noch am 6. Februar 2014

Die Abrechnung Ende Februar(28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

Die Abrechnung Ende Februar (28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

 

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

LinkedIn ist usabilitytechnisch eine Katastrophe

Alle diese schlecht kommunizierten Neuerungen XING anzulasten und aus Trotz das viel bessere LinkedIn hinaufzujubeln, ist aber aber ebenfalls nicht angebracht. Denn LinkedIn ist zwar internationaler aufgestellt, enthält mit Pulse eine “vitale” Nachrichten-App mit einflussreichen Opinion Leaders und registriert viel mehr Aktivitäten in den Themengruppen, ist usability-technisch jedoch eine einzige Katastrophe. Und in Sachen Unternehmenskommunikation genauso intransparent wie der Konkurrent aus dem deutschsprachigen DACH-Raum.

So wurde auch hier letzte Woche der “Produkt und Dienstleistung”-Bereich des Unternehmensprofils abgeschaltet und die Administratoren “genötigt”, eine Fokusseite für das jeweilige Produkt aufzubauen. Dass jene Fokusseiten für Submarken nur Sinn bei grossen Brands machen (zum Beispiel ein “M-Budget” für Migros), damit sie eine genauso grosse Gefolgschaft aufbauen kann wie bei der Stammseite (also das Unternehmensprofil auf LinkedIn) ist evident. Diese kleine Änderung erfuhr man via Emailbenachrichtigung 2 Wochen vor dem entscheidenden Release und findet man irgendwo versteckt auf der Hilfeseite von LinkedIn.

Eine detaillierte Abrechnung der Kreditkartenbelastung für geschaltete Sponsored Posts und LinkedIn-Ads sucht man als Admin vergeblich. Bis heute konnte ich unserer Buchhaltung lediglich einen Screenshot meines Analysedashboards des Paid Content vorweisen um die Transaktionen auf LinkedIn nachvollziehen können.

Fazit: Für B2B-Marketer sind Twitter und Google + besser geeignet

XING und LinkedIn werden oft als DIE sozialen B2B-Plattformen beschworen. Zu Unrecht, wie ich finde. Die grössten Bewegungen finden im Recruiting und Employer Branding-Bereich statt. In jene Geschäftsfelder wurde von Seiten XING und LinkedIn auch kräftig investiert in den letzten Jahren.

Die Zahl der Aktivitäten und Interaktionen in den Themen-Gruppen sind gefühlt sehr niedrig (XING präsentiert lediglich Umsatz und Mitgliederzahlen) , die bisher gelesenen Beiträge von Usern werberisch, langweilig, “sales-driven” und einseitig.  Für B2B-Marketer insbesondere im KMU-Bereich sind Twitter und Google+ einiges geeigneter. Dies ist einfach mein subjektiver Eindruck nach 3 Jahren Community Management im Business-to-Business-Sektor.

Update 24. April 2014: Dank dem Hinweis von Stephan im Kommentarfeld gibt es doch einen (einfacheren) Weg, wie man zu den LinkedIn-Rechnungen gelangt: http://linkedinsiders.wordpress.com/2012/09/02/linkedin-rechnungen-richtig-steuerlich-absetzen/ 

 

 

 

Vom Badge-Basar zur lichtdurchfluteten Wandelhalle

(Gastbeitrag für polithink.ch)

Am Dienstag wurde mit einer datenjournalistischen Innovation ein grosses Stück Transparenz über die Vernetzungen unter der Bundeshauskuppel geschaffen. Wieso die Parlamentarier nun gut daran tun, den natürlichen Lauf der digitalen Evolution nicht mit anachronistischen politischen Entscheidungen zu stoppen versuchen. Und wieso mehr Transparenz in der Wandelhalle das Milizparlament stärkt.

Im Dezember 2012 wurde ein Stück Parlamentsgeschichte geschrieben. Mittels Filmaufnahmen machte Politnetz publik, dass die Stimmen im Ständerat falsch ausgezählt worden sind. Diese Bekanntmachung und der zunehmende öffentliche Druck führte dazu, dass die kleine Kammer ihre Absage gegenüber elektronischen Erfassungssystemen beim Abstimmungsverhaltenkorrigierte und der Motion von This Jenny zustimmte.

Im Schatten dieses historischen Ereignisses hat derselbe Ständerat in der Wintersession ein anderen Vorstoss verworfen, der ebenfalls für mehr Licht hinter den Bundeshausmauern hätte sorgen sollen: Die Motion von Lukas Reimann (übernommen von Alt-Nationalrat Alexander J. Baumann), die die Offenlegung von Lobby-Aktivitäten der BundesparlamentarierInnen und sämtliche Interessensbindungen der Zutrittsberechtigten ins Bundeshaus verlangt, wurde von einer Mehrheit abgelehnt.

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Den ganzen Artikel gibt es auf polithink.ch zu lesen.