Kategorie-Archiv: Schweiz

Warum Sozialwissenschaftler “arbeitsmarkttauglicher” sind, als man denkt

Sozialwissenschaftler sind oft praxiserprobte flexible “Allrounder”. Genau in diesen Stärken liegen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Als ehemalige Absolventin der Politikwissenschaft bin ich für einmal selbst “betroffener” Gegenstand einer aktuellen politischen Debatte. Hier folgt nun meine persönliche Meinung zum kritisierten Ansturm auf geistes- und sozialwissenschaftliche Studiengänge in Schweizer Universitäten. 

Die von Experten konstatierten Zahlen und Trends in den Medien sind weder zu bestreiten. Noch handelt es sich um besonders neue Aussagen. Denn schon zu meiner Studienzeit (Beginn Ende 2002) sprach man vom anhaltenden Boom der besagten Phil I-Studiengänge und warnte vor den dünn gesäten Jobs in diesen Bereichen.

Ich halte die Rezepte und Diagnose von Wirtschaftdachverbände jedoch für etwas  verfehlt. Ein bewährtes Selektionsinstrument wie der Numerus Clausus wird den Andrang auf die beliebten “Phil I”-Lehrgänge nicht eindämmen. Ebensowenig sehe ich in der höheren Arbeitsbelastung der ETH-Ausbildungen den Grund für die anhaltende Popularität von Sozialwissenschaften. Wir fürchten uns nicht vor dem Lerndruck bei naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen, sondern interessieren uns schlichtweg mehr für die Erforschung der Mechanismen der Europäischen Union oder von psychischen Erkrankungen.

Euro-Krise verstehen wollen 

Der Grund für die hohe Zahl von Geistes- und Sozialwissenschaftlern liegt in den (für uns) spannenden Lerninhalten und am Willen, komplexe Phänomene der sozialen Realität verstehen zu wollen. Unsere Ausbildung befähigt uns zwar nicht zur Ausübung eines -konkret auf unsere Fähigkeiten zugeschnittenen- Berufs. Doch eröffnen sich uns eine Vielfalt von potenziellen Berufsfeldern. In „meinem Fall“ (Politikwissenschaft) sind es Arbeitskontexte wie Forschung, Journalismus, öffentlicher Sektor (Verwaltung und Institutionen), Kommunikation/PR, Banken, NGOs, Verbände , Markt- und Sozialforschung, Diplomatie.

Wirksamer als ein Numerus Clausus: Das etwas umständlich geschriebene Einführungsbuch für Politikwissenschaftler, welches jeder Erstsemester durchpauken muss. Und schon manchen Ex-Kommilitonen vorzeitig zum Abbruch des Studiums veranlasste.

Vielleicht wirksamer als ein Numerus Clausus: Das etwas umständlich geschriebene Einführungsbuch für Politikwissenschaftler (von Werner J. Patzelt), welches jeder Erstsemester an der Uni Zürich durchpauken musste. Und schon manchen Ex-Kommilitonen zum vorzeitigen Abbruch des Studiums veranlasste.

It’s the experience, stupid

Das mangelnde Interesse der Privatwirtschaft ist aber nicht schön zu reden: Die harte Selektion durch künftige Arbeitgeber schreckt meiner Meinung nach ohnehin einen Grossteil potenzieller “lic.phil”-Studenten a priori ab. Diese Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage frustrierte auch viele Abgänger meines Jahrgangs, die sich nach erfolgreichem Studium oft in ein „Doktorat“ hinüberretteten, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Auch wenn wir mittlerweile als das neue „Prekariat” gelten, bringen Geistes- und Sozialwissenschaftler jedoch einige wissenswerte arbeitsmarkttaugliche Kompetenzen mit.

Der kreative und fruchtbare Umgang mit der eher tristen Jobperspektive verlangt von uns nämlich ein besonderes Engagement neben dem Studium ab. Denn oftmals – wie auch bei Wirtschaftswissenschaftlern der Fall- ist es das Praxisknowhow, welches neben dem Diplomtitel die massgebende Qualifikation für die Erstanstellung nach einem Studium darstellt. Mangelnde Erfahrung ist dabei eines der grössten Stolpersteine akademischer Jobaspiranten, welche zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Bewerbungsprozess führt. Für viele frisch gebackene Sozial- und Geisteswissenschaftler beginnt damit ein tautologisch zermürbender Teufelskreislauf (denn ohne Erstanstellung erlangen wir auch keine Erfahrung und umgekehrt.).

Keiner fragt in der Stellenausschreibung nach einem Soziologen oder Historiker

Im Wissen des beschränkten Jobangebots sind wir daher permanent angehalten, während des Studium uns notwendige kompetitive “Durchsetzungsskills” anzueignen und werden früh gezwungen,  unseren “Marktwert” zu testen.  Ebenso müssen wir uns früh ein professionelles Netzwerk aufbauen und stets „personal branding“ betreiben (was ich auch mit meinem Blog ein Stück weit versuche).

So zog sich auch mein Studium zeitlich schleichend bis zur zweistelligen Semesterzahl hin, weil ich nebenbei zuerst in einer NGO als Kommunikationshilfkraft jobbte, Daten in einem Marktforschungsinstitut eintippte (im selben Institut intern immerhin zur Datenauswertung „aufstieg“) und gleich einen Tag nach meiner letzten Lizentiatsprüfung das Hochschulpraktikum bei der Bundesverwaltung begann (obwohl ich mir eigentlich lieber eine Auszeit gegönnt hätte). Ich habe versucht, jegliche Opportunitäten zu nutzen und nichts unversucht zu lassen.  Bei keinem meiner damaligen Stellen (und auch jetzigen Stellen), waren jemals „Politikwissenschaftler“ gesucht. So habe ich je nach Stellenprofil die erworbenen Fertigkeiten aus Studium und Praxis unterschiedlich stark angepriesen und mich selber dabei in unterschiedlichen Rollen definiert.

Künstliche Beschränkungen und Zutrittsbarrieren würden zwar die Zahl der effektiven Phil I-er wohl reduzieren. Doch neben der damit verbundenen Abwertung der Schweizerischen Maturität fände mit einem NC eher eine Verlagerung der Studierendenschaft auf weitere “sachverwandte” Lehrgänge (PR, Soziale Arbeit, Journalismus-Hochschulen) statt.  Das ursprüngliche Ziel, mehr Studierende für Natur- und Technikwissenschaften zu begeistern, wäre mit dieser Massnahme wohl kaum erreicht. Einen Ausbau unserer Fachhochschulen erachte ich als den vielversprechenderen Weg, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Fehlen die einflussreichen Politiker am Meisten während den Sessionen?

Politnetz veröffentlicht für die Sonntagszeitung zum Abschluss der einjährigen Legislatur die Liste mit den meisten Schwänzern. Prominente politische Köpfe und wirtschaftliche Schwergewichte führen die Liste der unentschuldigten Absenzen an. Laut dem Geschäftsführer Thomas Bigliel fehlen vor allem Politiker von bürgerlichen Kreisen, “die Firmeninhaber, Wirtschaftsführer und Politiker mit Doppelmandat” repräsentieren.  Handelt es sich dabei vor allem um wirtschaftlich einflussreiche Mandatekönige? Ich habe diese Hypothese anhand des Mandatetool “Floralies” von Infocube.ch (betrieben von Orell Füssli Wirtschaftsinformationen OFWI) überprüft.

Das Mandatetool (eine Anwendung von Infocube.ch) Floralies misst den Einfluss unserer Bundesparlamentarier anhand von wirtschaftlichen Kontakten. Dabei zeigt der innere Kreis die Zahl der direkten Kontakte (Mandate in Stiftungen, Firmen, Vereinen etc.) und der äussere Kreis der theoretische Zugang zu den Netzwerken aller Mit-Verwaltungsräte und -manager dieser Mandatsverpflichtungen. Ein Lesebeispiel: Spitzenreiterin Roberta Pantani Tettamanti (Lega) hält insgesamt 32 Mandate in unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Damit verschafft sie sich direkten Zugang zu 255 Entscheidungsträgern und indirekt zu 110’404 weiteren Personen (Mulitplikation der Netzwerke aller Kaderpersonen der 32 Mandate). Der wirtschaftliche Einfluss wird also über die Zahl quantiativer wirtschaftlicher Kontakte operationalisiert.

Unter den ersten 10 Namen fungieren gerade mal 3 Namen aus der von Politnetz veröffentlichten Schwänzer-Liste: SVP Peter Spuhler (Platz 2 ), FDP Fulvio Pelli (Platz 6) und FDP Olivier Francais (Platz 9).

Nationalräte mit der grössten Zahl indirekter wirtschaftlicher Kontakte (http://parlament.infocube.ch/floralies/)

Nationalräte mit der grössten Zahl indirekter wirtschaftlicher Kontakte. (Quelle: http://parlament.infocube.ch/floralies/)

FDP-Mann Filippo Leutenegger, der ebenfalls durch Abwesenheit glänzte, rangiert auf Platz 19 (70 direkte Entscheidungsträger, 6609 indirekte wirtschaftliche Kontakte). Und der ehemalige BDP-Parteipräsident Hans Grunder ist mit seinem wirtschaftlichen Umfeld im unteren Drittel aller Bundesparlamentarier (22 direkte Entscheidungsträger, 209 indirekte wirtschaftliche Kontakte) angesiedelt. Interessantes Detail: SVP-Vordenker/Stratege, Tribun, Ex-Bundesrat und Neo-Nationalrat Christoph Blocher verfügt trotz seiner beachtlichen politischen Laufbahn nur über einen begrenzten wirtschaftlichen Einfluss (21 direkte Entscheidungsträger, 463 indirekte wirtschaftliche Kontakte).

Mein Fazit: Es fehlen nicht zwingend die wirtschaftlich best vernetzten Politiker während den Sessionen. Natürlich handelt es sich sowohl beim Politnetz-Ranking als auch beim Floralies-Tool um rein quantitative Auswertungen. Interessant wäre in einem nächsten Schritt eine qualitative Untersuchung der Mandatsart (Firmeninhaber, Verwaltungsrats-Präsidien, Stiftungsräte etc.) der abwesenden parlamentarischen Volksvertreter. Eine solche Auszählung würde einen Rückschluss auf zeitintensive Mandate und die damit verbundene berufliche Belastung erlauben. Dieser Frage widme ich mich in einem nächsten Blogpost.

Hier ist die ganze Liste der Politiker mit den meisten direkten/indirekten Mandaten und ihrem Einfluss zu wirtschaftlichen Kreisen einsehbar.

Der Ständerat: Letztes Bollwerk gegen die Transparenzwelle

Der Ständerat will an seinem Mythos der anonymen Stimmabgabe und der Verschleierung der Interessensbindungen von Ex-Parlamentariern und Lobbyisten festhalten. Private Initiativen hebeln diese Entscheidungen durch eigene Aktionen aus- mit grosser Resonanz in den Medien und bei politikinteressierten Bürgern.  Der Erfolg solcher Transparenz-Projekte liegt auch in den Errungenschaften der Netzavantgarde und der OpenData-Community begründet, die mittlerweile salonfähig geworden sind. 

Nachdem das Ständeratsbüro die Filmaufnahmen der Politnetz AG nicht als rechtens bezeichnete, krebste es wieder zurück und liess das private Unternehmen wieder gewähren. Da die Auszählungsfehler nach den jüngsten Vorkommnissen selbst von offizieller Seite als erheblich eingestuft worden sind, darf die Abstimmung des Vorstosses von This Jenny  für die Einführung einer elektronischen Abstimmungsanlage im Ständerat wiederholt werden.  Somit wird auf den wachsenden Unmut (man stelle sich nur einmal die grosse “Dunkelziffer” der Abstimmungsfehler in der Vergangenheit vor) in der Bevölkerung reagiert, der durch die aufgedeckte Pannenserie geschürt wurde.

Private Initiativen erfüllen quasi-staatliche Funktionen

Das SRF hat exklusive Filmrechte“- Was früher kaum eine Nachrichtennotiz wert war, sorgte in den Twitter-Timeslines für grosses Aufsehen. Scheinbar wurde bisher weder der ausschliessliche Leistungsvertrag mit der SRG  hinterfragt noch deren Filmaufnahmen vom SRG selbst akribisch ausgewertet. Dass ausgerechnet jetzt private Initiativen sich diesen quasi-staatlichen Aufgaben annehmen, ebenfalls auf eine Filmbefugnis pochen und damit ein derart grosses Echo auslösen, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe:

1.       Es beginnt sich allmählich ein zivilgesellschaftliches Bewusstsein für politische Transparenz zu konstituieren.

2.       Die Kompetenzbündelung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sozialwissenschaftlern, Programmierern und Web-Designern wird vermehrt institutionalisiert (OpenData-Camps, Hackdays, neue Geschäftsmodelle von Start-Ups)

3.       Viele Datensätze zur Politik und Wirtschaft sind bereits öffentlich verfügbar. Ihre offizielle Veröffentlichung auf der Website von Behörden bedarf nicht zwingend einer vorgängigen politischen Entscheidung sondern Fleissarbeit (Aggregation und Visualisierung). 

Die ersten beiden Gründe kann ich empirisch mit meiner beruflichen Erfahrung belegen. Und zwar anhand meiner ideellen Initialzündung für die Visualisierung des Abstimmungsverhaltens des Nationalrats seinerzeit bei Politnetz:

Als ich damals auf die kryptischen Abstimmungsprotokolle der Parlamentsdienste gestossen bin, benötigte ich zuerst ein paar Minuten, bis ich die + und – Positionen auf korrekte Weise der Positionen (JA/NEIN) unseren Nationalräten zuordnen konnte.

Hier das Beispiel eines Abstimmungsprotokolls, welches bei den Parlamentsdiensten abrufbar ist  (Fiala: Schweizer Bürgerrecht als Voraussetzung der Rechtspflege)

Hier das Beispiel eines Abstimmungsprotokolls, welches bei den Parlamentsdiensten abrufbar ist (Fiala: Schweizer Bürgerrecht als Voraussetzung der Rechtspflege)

Dann wurde mir bewusst, welche immenses Potenzial eine ansprechende Aufarbeitung des Entscheidungsverhaltens unserer Nationalräte (inklusive den Fakten, ob sie überhaupt anwesend waren) hätte und wie diese Innovation unsere Wahrnehmung der Politik in Bundesbern beeinflussen wird. Um diese Idee umzusetzen, braucht es den Ideengeber oder “Entdecker” (in diesem Fall ich), den Graphic Designer (Thomas), den Entwickler und Programmierer (Gabriel, Lukas, Markus). Ein Gemeinschaftswerk also. Die Abstimmungsprotokolle waren übrigens schon jahrelang auf der Website der Parlamentsdienste verfügbar. Nur interessierte sich niemand dafür.

Den dritten Grund lässt sich am Beispiel meines aktuellen Projekts bei Orell Füssli Wirtschaftsinformationen OFWI veranschaulichen. Der Ständerat lehnte in derselben Woche den Vorstoss von Lukas Reimann für mehr Transparenz im Lobbyismus am 27. November mit 22 gegen 17 Stimmen – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit- ab.  Die kleine Kammer scheint somit im Gegensatz zum Nationalrat nichts von der Lobbying-Praxis ehemaliger Bundesparlamentarier und Erweiterung des Lobby-Registers wissen zu wollen.

Ob Politiker wollen oder nicht: Handelsregisterdaten sind offen verfügbar

Unabhängig von der Entscheidung der politischen Gremien, gilt folgendes: Die Daten über Mandate von ehemaligen Parlamentariern, Lobbyisten und aktuellen Bundesparlamentarier sind bereits öffentlich im Web abrufbar! Eine entsprechendes Selbstbekenntnis von Seiten der politischen Exponenten ist somit gar nicht nötig.

Da der Parlamentsdienst keine Befugnis zur Veröffentlichung entsprechender Daten erhielt, startete ich im Rahmen meiner Arbeit bei OFWI/Infocube ein Crowdsourcing-OpenDataprojekt für die Recherche der Interessensbindungen (Mandate bei Unternehmen, Stiftungen und Vereinen) der Lobbyisten. Als Basis dient den Anhängern und Befürwortern politischer Transparenz die öffentliche Wirtschaftsdatenbank infocube.ch Mithilfe des Insider-Wissens des Einzelnen, der Fleissarbeit von Vielen und der Verifikation durch das Expertenteam von Infocube können die Interessensbindungen der Lobbyisten fast zu 100% identifiziert werden. Ich hoffe, wir können das Projekt noch vor den nächsten OpenData- Hackdays im März 2013 erfolgreich abschliessen!

Einmal mehr wird somit eine unaufhaltsame Entwicklung, die der Ständerat mit seinem Entscheid zu unterbinden versuchte, von einer privaten Initiative vorangetrieben.  Denn dieses Projekt  zeigt exemplarisch auf, dass die Freigabe von wirtschaftlichen Mandaten nicht vom Goodwill einzelner Politiker abhängt, sondern diese Datensätze bereits öffentlich verfügbar sind!

Hier die auf Infocube.ch angegebene Mandatsliste von Alfred Squaratti, dem Zutrittsberechtigten des CVP-Nationalrats Yannick Buttet. Auf der Liste des Parlaments ist lediglich sein Arbeitgeber "Union Suisse des Sociétés d’Ingénieurs Conseils (usic)" angegeben.

Hier die auf Infocube.ch angegebene Mandatsliste von Alfred Squaratti, dem Zutrittsberechtigten des CVP-Nationalrats Yannick Buttet (insgesamt 14 Mandate). Auf der Liste des Parlaments ist lediglich sein Arbeitgeber “Union Suisse des Sociétés d’Ingénieurs Conseils (usic)” angegeben.

Die Zeit ist reif für OpenData

Der Ständerat versucht mit seinen Entschlüssen gegen die Offenlegung des Abstimmungsverhaltens und der Interessensbindungen seine Entscheidungshoheit in Sachen Informationstransparenz zu wahren. Dieser Kampf zum Erhalt des (antiquierten, da Handzeichendemokratie) Status Quo mutet angesichts der zunehmenden Digitalisierung in einer Wissensgesellschaft fast schon anachronistisch und grotesk an. Der Ständerat verkennt dadurch die Chance, seine parlamentarische Arbeit dem Bürger näher zu bringen und seine jeweiligen Positionen zu begründen (oder wissen Sie etwa, ob die Standesvertreter Ihres Kantons Sie angemessen repräsentieren?).

Stattdessen taucht die Mehrheit der bürgerlichen Politiker (die sich gegen ein elektronisches Abstimmungssystem aussprachen) nach ihrer Wahl lieber für 4 Jahre in die dunkle Reflexionskammer ab.  Empirische Evidenz über deren Leistungsausweis erhielten wir bisher lediglich durch entsprechende Medienberichte. Doch zusammen erweitern wir die Grundlagen für eine umfassende Meinungsbildung und Performanzbeurteilung für den Bürger. Denn: Datensätze und Aufzeichnungsmittel sind bereits vorhanden. Ihre richtige Anordnung und ihr Gebrauch eine Frage des Willens und ein reiner Arbeitsakt.  Sperren sich Politiker dagegen, so füllen zivilgesellschaftliche Initiativen oder kommerzielle Auftragsgeber wie Politnetz und OFWI das Informationsvakuum aus. Möge die Politik sich nicht länger gegen den Informationswandel stemmen, sondern die fruchtbare Nutzung öffentlicher Daten und Förderung privater Unternehmen begünstigen.

Über die blöden sozialen Medien: Ein offener Brief an Herrn Strittmatter

Lieber Herr Strittmatter

Ich lese seit geraumer Zeit die Handelszeitung und habe mir neulich das Interview mit Ihnen zu Gemüte geführt. Leitthema des Interviews war die Frage, weshalb die Bindungen zwischen Auftraggeber und (Werbe-)Agenturen in den letzten Jahren fluktuativer geworden sind. Und wie sich der verschärfte Wettbewerb auf die Anbieter auswirkt.

Auf die Frage Ihres Interviewpartners, ob Sie für Ihre Kunden auch den Einsatz von Social Media anbieten, antworteten Sie unverfroren: „Wir setzen da externe Spezialisten ein, die nichts dagegen haben, für solche Sachen blöd genug zu sein”

Mal abgesehen von ihren offensiven Beleidigung Ihrer Partner, die sich offenbar gerne „intellektell unterfordern” lassen, eine kleine Stellungnahme von Jemandem aus der betroffenen blöden Social Media-Gilde (da vermutlich wenig LeserInnen der Handelszeitung in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, ist es wohl die Erste dieser Art):

Ich selber arbeite nicht in der Werbebranche und auch Ihr Name war mir vorher unbekannt. Ihre provokative Aussage hat jedoch mein Interesse für Ihre Person geweckt. Denn selten habe ich eine so herablassende Äusserung über die professionelle Nutzung von Social Media in der Medienöffentlichkeit gehört. Die meisten exponierten Personen in der Politik-, Wirtschafts- und Medienwelt, die mit sozialen Netzwerken nichts anzufangen wissen, halten sich eher vornehm zurück. Und begründen Ihre negative Einstellung mit ihrem Alter, ihrer Überforderung oder anderen (Lern-) Resistenzen gegenüber Web-Plattformen. Sie hingegen schienen Ihrem Urteil keine Erklärung beifügen zu wollen (vielleicht wurde eine allfällige Begründung auch aus Platzspargründen entfernt, was ich dann natürlich der Redaktion und nicht Ihnen anlasten würde).

Ich habe mir daraufhin von verschiedenen Seiten sagen lassen (u.a. auch von informierten vermeintlich „blöden“ Berufskollegen Ihrer Branche via Twitter), Sie gehörten in früheren Jahren zu den Granden der Werbebranche und führen eine renommierte Werbeagentur (die GGK) mit prestigeträchtigen Kunden.  Ihr Stern sei jedoch nach Meinung von Kennern verglüht und diese Aussage demonstriere einmal mehr ihre Frustration über diesen Wandel, der sich auch in der Werbebranche vollzogen habe. Den Sie offensichtlich nicht mittragen möchten. (Auch diese Diskussion führte ich übrigens auf dem „blöden“ Twitter)

Mich würde interessieren: Woher stammt nur diese abwertende Haltung gegenüber sozialen Medien und ihren Nutzern, denen Sie offensichtlich einen niedrigen Intelligenzquotienten zuschreiben?

Offensichtlich erachten Sie die Verpackung Ihrer Inhalte im Rahmen von 140 Zeichen als Trivialisierung der Werbekunst. Sind denn klassische Werbeslogans denn nicht meist noch kürzer formuliert? Appellieren denn Beiträge, Tweets und Postings auf Facebook, Twitter und Co. in denen zur Mitwirkung und Engagement aufgefordert wird, nicht mehr an den Verstand? Sind involvierende Fragen nicht anregender, spannender für den Konsumenten? Erhöht sich die Identifikation mit einer gewissen Marke nicht gerade dadurch?

Erfordert das Konzipieren und Produzieren klassischer Werbemittel tatsächlich mehr Intelligenz? Zeichnen sich passivere Rezipienten Ihrer Werbebotschaften tatsächlich durch höheres Niveau in ihrem Konsumverhalten aus?

Scheinbar – und nun stelle ich einige Vermutungen an, die ich aber bei anderem Sachverhalt gerne bereit bin, zu revidieren- sind Sie nicht sonderlich interessiert an den Reaktionen der angesprochenen Zielgruppen. Und bevorzugen die etablierte Einwegkommunikationsschiene. Sie verhöhnen als “enfant terrible”  der Schweizer Werbeszene somit lieber die Dialogmedien und deren Knowhow-Träger mit plumpen Worten. Wahrscheinlich weil neue Agenturen, die sich in den letzen Jahren auf digitale Werbekampagnen spezialisierten, Sie vom Spitzenplatz des Werbeolymps verdrängt haben. Das ist bedauernswert.

Natürlich, Sie brauchen sich auch nicht Feuer und Flamme für den Einsatz von Social Media zu begeistern. Schweigen darüber oder ein diskreter Verweis auf die Auslagerung des “Online-Zeugs” an Ihre Partneragenturen hätten es auch schon getan. Mit dieser Bemerkung haben Sie sich meiner Ansicht nach aber als Werbeprofi disqualifiziert. Sie bestätigen damit viel mehr das Bild des typischen selbstgefälligen Werbers. Ich hoffe, die Redakteure der Handelszeitung erweitern ihr Expertennetzwerk um einige offenere Branchenkenner, mit ganzheitlicherem Blick für Werbe- und Marketingmethoden. Denn nur eine solche Konsequenz würde die jüngste Berichterstattung über die Phänomene rund um soziale Medien und deren Bedeutung für die Wirtschaftswelt, denen sich die Redaktion mit grosser Offenheit und Neugier widmete, glaubwürdig erscheinen lassen.

Als Letztes möchte ich noch eine abschliessende Bemerkung als Konsumentin und potenzielle Kundin Ihrer Auftraggeber machen: Früher habe ich oft bei Werbespots oder Bannerwerbung weggeschaut, geklickt oder –geschaltet. Und wenn das Werbefenster stets zeitlich begrenzt war, dann halt einfach über mich “ergehen” lassen. Nun habe ich die Möglichkeit meine Meinung zur Kampagne kundzutun und den Unternehmen in einem einfachen Kommentarfeld mitzuteilen, wie clever, intelligent, witzig ich die jeweilige Werbeidee und –umsetzung empfinde. Schon alleine aufgrund des Muts, sich den kritischen Meinungen der Weböffentlichkeit zu stellen, würde ich aber auf die Verwendung des Adjektivs „blöd“ tunlichst verzichten. Die Web-Netiquette in Social Media hat nämlich eine disziplinierende Wirkung unter den Web-Nutzern. Gerade Kraftausdrücke gelten in der Online-Community oft als verpönt.

Über eine Antwort oder mehrere Antworten (zugegeben, ich habe auch viele Fragen gestellt) von Ihnen würden ich und bestimmt auch viele andere “blöde” Social Web-NutzerInnen sich freuen. 

Mit freundlichen Grüssen.

Adrienne Fichter

 PS: Auf Ihrer Website wurden Sie in Ihrem Porträt als “Pionier und Bewahrer” umschrieben: Ich hoffe, der Pioniergeist wird wieder aufflammen und gegenüber dem zweiten Element überwiegen.  Denn ich glaube Konservatismus macht sich nicht so gut in Ihrer Branche.