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Verwilderte Kommentargärtchen, reiches Silicon Valley, Virtual Reality für mehr Empathie – Mein “Listicle” zum Thema Online-Leserkommentare

Ich war in den letzten  Wochen einige Male eingeladen worden, um über den besseren Umgang mit Leserkommentaren im Netz zusprechen. Das Thema beschäftigt die Medienredaktionen, wie auch die illustre Runde beim gestrigen #Medienclub von SRF bewies.

Wie immer vermag man bei solchen Anlässen angesichts der knapp bemessenen Zeit (Radio-Sendung und Podium) und der Nervosität nicht alle Aspekte zu artikulieren, die einem durch den Kopf schwirren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nochmals alle virulenten Thesen diskutieren.

Eine Klarnamenpflicht vergrault die wünschenswerten User 

Der Presserat hat vor einigen Wochen – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt (im  deutschsprachigen Raum hat fast nur SRF berichtet) –  entschieden, dass Online-Kommentare bei Medienportalen in Zukunft nicht mehr anonym verfasst sein dürfen. Wie das im Alltag genau umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich der Rat aus. Ein paar ältere Eminenzen haben von Online-Redaktoren nun die Anpassung an Printkategorien gefordert. Eine realitätsfremde Entscheidung.

Wieso? Namen und Geschichten leben im Netz unbegrenzt weiter. Meine schriftlichen Meinungen werden von Google indexiert, verschlagwortet und Teil meines digitalen Erbes. Im schlimmsten Fall müsste man sich wöchentlich mit Google und Lesern gerichtlich einigen, wenn letztere auf das “Recht auf Vergessen” pochen. Der Print-Leserbrief ist aber morgen bereits Altpapier und verschwindet irgendwann aus den Köpfen.

Der umsichtige Leser wird das wissen und auf einen Beitrag im Forum verzichten, auch wenn ihm das Thema unter den Nägeln brennt und er sogar mit Fachwissen den Artikel bereichern dürfte. Somit werden die falschen Personen abgeschreckt: Besonnene Leser, die womöglich mit moderaten und differenzierten Ansichten den Hardlinern und Trollen in den Foren Paroli bieten möchten.

Ausserdem könnte eine Klarnamenpflicht auch justiziable Folgen haben für Newsportale. Bei hängigen Gerichtsentscheidungen, über die aktuell berichtet wird, dürften betroffene Protagonisten gar nicht unterhalb der Artikel ihre Sichtweisen niederschreiben. Denn Medienportale haften für jene Aussagen, gerade bei laufenden Verfahren.

Zielführender wäre es stattdessen auf provozierende, Stellung beziehende Pseudonyme wie zum Beispiel “DerkleineErdogan”  zu verzichten und bürgerliche Namen verlangen. Ob mir nun Marc Berger oder Marc Burger aus Spiez antwortet, ist letzten Endes unerheblich für die Diskussion. Hauptsache der Community Redaktion ist die Person bekannt. Denkbar wäre es eine “Klarnamenregistration” samt Telefonnummer (wie es das SRF derzeit macht) einzuführen. Den Benutzernamen könnte man wiederum frei wählen.

 

 

Medienportale kapitulieren und schliessen die Leserkommentarspalte. Falsch.

Erstens würde ich nicht von einer Kapitulation sprechen. Es handelt sich beim sogenannten Trend vorwiegend – mit Ausnahme der Sueddeutschen-  um amerikanische Newsportale. Man sollte diese Entwicklung im richtigen kulturellen Kontext verorten. Die Social Media-Durchdringung in den USA ist ungleich grösser als in Europa. Angesichts begrenzter Ressourcen und fragmentierter Kommentaröffentlichkeiten hat man pragmatisch entschieden, die Moderationskräfte dort zu investieren, wo die Musik spielt: Nämlich in den sozialen Netzwerken.

Ich gehe aber mit vielen Kritikern einig, dass man mit der Auslagerung von Publikumsdebattem einmal mehr die Konzernspitzen der Technologieunternehmen im Silicon Valley  reich macht. Dennoch sollte man die Diskussionskulturen nicht allein aus businessrelevanten Gesichtspunkten betrachten. Denn demokratische Diskurse finden immer mehr in den Kommentarspalten statt.

Zweitens könnte dieser Schritt als ernstzunehmende Adelung der Online-Kommentare gewertet werden. Mit der Abschaffung von Leserkommentaren geht vielerots wie beim Portal “Motherboard” die Kreation von neuen Gefässen einher. Ausgewählte Beiträge von Lesern werden in selektiven Foren kuratiert und erhalten analog zum Leserforum mit einer spezifischen Rubrik sogar noch grössere Publizität.

Treat Readers Comments as Content” empfehlen passenderweise Community Redaktoren der New York Times. Um publiziert zu werden, muss man sich vorgängig anhand festgelegter Kritierien “qualifizieren”. Insofern emanzipieren sich Online-Leserkommentare zu den Print-Leserbriefen und werden von den printfixierten leserbriefnostalgischen Redaktoren als gleichwertige Inhalte behandelt.

Überhaupt sollte man sich vom Begriff Kommentare verabschieden (die mehr Reiz-Reaktion-Reflexe suggerieren) und eine echte Debatte als nächste Evolutionsstufe des zivilisierten Web 2.0 anstreben. “Make Conversations, not comments” heisst ein empfehlenswerter Artikel auf Medium.com.

Die Redaktionen hatten es verpasst, Tonalität und inhaltliche Wünsche an ihre Leser transparent zu signalisieren. Denn worüber genau soll die Leserin sich äussern? Soll sie die These des Artikels reflektieren, die vernachlässigten Aspekte aufzählen, den Gegenstand an sich diskutieren? Dies führt mich zu meinem nächsten Gedanken.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der "Reflexion"-zum Thema "Publikums-Kritik im Netz " war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der “Reflexion”-zum Thema “Publikums-Kritik im Netz ” war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Was wollt ihr genau von euren Lesern konkret wissen? Gar nichts? Dann bietet kein Forum an.

Es gibt mittlerweile einen Begriff für diese Problematik: “Derailing” Das gezielte Entgleisen lassen einer Debatte. Ablenken vom Kerngehalt eines Artikel mit indirekten sachfremden Beiträgen. Was ist die Ursache dafür? Ganz einfach: Das Desinteresse und die Gleichgültigkeit von Redaktionen. Ein Beispiel, welches ich immer gerne wieder erwähne: Kurz von den Wahlen vom 18. Oktober 2015 haben Medien über das neueste Wahlbarometer der SRG berichtet, mit den  prognostizierten Wähleranteilen der Parteien.

Der ersten Kommentar eines Wutbürgers unterhalb des besagten Artikels lautete typischerweise: Wieso verschwende ich meine Steuergelder für solche Wahlbarometer? In der Folgeantwort verteidigt ein erboster Leser die SRG. Der dritte User vermutet Manipulationen zugunsten der Mobilisierung der Linken. Und die ungesunde verschwörungstheoretische Dynamik nimmt ihren Lauf.

Wie lassen sich solchen verselbstständigten destruktiven Diskussionen vorbeugen? Beispielsweise mit einer ganz bestimmten Frage. In diesem Beispiel: “Die SVP und FDP werden die eidgenössischen Wahlen 2015 für sich entscheiden. Was denken Sie, wird dieses Szenario eintreffen?” Und der Autor verpflichtet sich darauf mindestens 3 Antworten – eine Regel, die übrigens der Guardian seinen Journalisten aufoktroyiert hatte – zu liefern.

Es liegt im ureigenen Interesse von Redaktoren ausgewogene Reaktionen auf ihren Text erzielen. Denn ein Überhang an negativen Kommentaren beeinflusst auch massgeblich die Leser in ihrer Urteilsfindung zum Artikel, wie verschiedene Studien beweisen.

Sie erachten die Qualität des Texts als schlecht, wenn viele Nutzer kritisieren (auch wenn es sich dabei um eine laute Minderheit der Leserschaft handelt).  Der Haupttreiber der Motivation, um einen Kommentar zu verfassen, ist es, eine alternative Sichtweise zu einem Thema niederzuschreiben und vom Autor anerkannt zu werden, wie eine Umfrage der New York Times gezeigt hat. Nur wenige (5 Prozent) schreiben, um mit anderen Nutzern zu interagieren. Doch auch zu diesem Aspekt gibt es unterschiedliche Studienresultate: Readers have mixed feelings about journalists interacting on Facebook.

Facebook hat im Vergleich zu Medienportalen das intelligentere Kommentarsystem entwickelt

Eine gewagte These? Nicht unbedingt. Viele Nutzer stellen sich auf Facebook ihre personalisierte Zeitung zusammen, indem sie die Fanseiten von Medienportalen abonnieren. Interagiert der Administrator einer Facebook-Seite mit seinen Fans und generieren Beiträge viele Kommentare, so wird dies von Facebook honoriert.

Die positive Bewertung durch den Newsfeed-Algorithmus bei vielen Kommentaren sorgt für eine längere Halbwertszeit eines Postings, der Beitrag dringt in noch mehr Newsfeeds von Fans und wird noch mehr geklickt etc. Eine Auseinandersetzung mit Facebook-Fans ist somit auch kommerziell attraktiv. Investitionen in die Moderation von Facebook-Kommentaren lohnen sich also ungleich mehr. Die Facebookseite von Medienportalen wird zum digitalen Schaufenster oder zur Visitenkarte.

Im Vergleich zu den lausigen Kommentarsystemen von Newsportalen, in denen einfach der neuste Beitrag eines User nach oben gespült wird, hat das grösste sozialen Netzwerk sich bessere Anreize für die Anordnung von Kommentaren ausgedacht. Medienportale haben sich bis heute  höchstens überlegt, wie man die die intelligentesten Kommentare sichtbarer machen  und den Mob möglichst  ”verbergen” könnte. Sie haben sich nicht überlegt, wie sie ihre eigenen Redaktoren zur Beteiligung in Debatten incentivieren und bewegen können.

Natürlich hat man auf einer fremden Plattform keine Hoheit über sein Gärtchen. Community Manager fungieren oftmals als Brandlöscher und müssen im Nachhinein reagieren, indem sie gepostete Kommentare entfernen.

Doch Facebook gibt Moderatoren hilfreiche Funktionen in die Hand, wie zum Beispiel den “Verbergen”-Button. Wird diese aktiviert, so ist der Kommentar nur noch für den User selber sichtbar. Er wähnt sich nach wie vor als Teil des Kommentarthreads, während alle anderen Nutzer von den Weisheiten verschont bleiben.  Solche Funktionen führen zu einer Deeskalation.

Mit den künftigen Emojis-Buttons werden dem Facebook-Nutzer neben dem Like und Share ein breites Repertoire von non-verbalen Interaktionsinstrumenten zur Verfügung gestellt,  im Gegensatz zu Medienportalen. Emotionen zu einem bestimmten Text und einem Artikel können so besser kanalisiert werden, bevor man in die Tasten haut.

Die Dominanz von Facebook & Co als Trafficgeneratoren für Medienportale befördert weichgespülten Social Journalism und seichte Kost. Falsch.

Diese vorherrschende Auffassung lässt sich empirisch widerlegen. Natürlich lassen sich die fög-Befunde der emotionalisierenden enpolitisierenden Viralhits wie Katzenvideos nicht wegdiskutieren. Konzentriert man sich auf die Fanseiten von Medienportalen, die Qualitätsjournalismus anbieten, kommt man zu einem anderen Schluss.

Unsere Fancommunity goutiert beispielsweise Eigenleistungen, exklusive Geschichten und ignoriert simple Agenturmeldungen. Das können lange Essays, Reportagen von Korrespondenten oder Analysen von Experten sowie streitbare Gastbeiträge sein.

In fünf Jahren… wird es immer noch Leserkommentare geben

… allerdings in institutionalisierten Gefässen und in einer produktiveren Variante mit publizistischen Verwertungsmechanismen. Die meisten Medienportale orientieren sich neu und befinden sich in einer Umbruchsphase. Die meisten entwerfen überhaupt nach Jahren resignierten Zuschauens in ihrer Geschichte eine tragfähige Community Strategie. Viele Redaktoren sind ernüchtert und wundern sich, wie diese toxische Ghettoisierung unterhalb ihrer Artikel zustande kam.

Sie werden nun die Weichen stellen müssen und sich fragen: Welche Community passt zu unserer Medienmarke? Moderation kostet etwas, sowohl Knowhow als auch Technologien. Wie intelligent ein Kommentarsystem ausgestaltet ist, hat letzten Endes Einfluss auf unsere Motivation, uns an Diskussionen zu beteiligen.

Die Netzgemeinschaft befindet sich in einer Vor-Adoleszenzphase. Vielerorts sieht man jetzt die hässliche Seite eines ungehemmten, entfesselten digitalen Pöbels. Den meisten Nutzern scheint nicht klar zu sein, dass die rechtlichen Normen und die Regeln des Anstands nicht nur im persönlichen Gespräch und im öffentlichen Raum draussen, sondern auch im Web 2.0 gelten. Dass sich hinter einer virtuellen Identität ein realer Mensch verbirgt.

Nun fallen die ersten gerichtlichen Entscheidungen, es werden teilweise sogar Freiheitsstrafen ausgesprochen, wie ein Fall in Deutschland gezeigt hat. Auch müssen sich untätige Facebook-Manager vor Gericht verantworten, aktueller Vorwurf: Volksverhetzung. Durch Unterlassung.

Viele Polizeibehörden in Deutschland raten bei klar diskriminierenden Aussagen in jedem Fall zu einer Anzeige. Kommentare sollen mit Screenshots illustriert werden. Das verhängte Strafmass wird auf jeden Fall erzieherische und disziplinierende Wirkung haben. In fünf Jahren sind wir hoffentlich reifer und erwachsener unterwegs im Netz, die Online-Community reguliert sich womöglich selber.

Vielleicht bedarf es hierfür einiger Virtual Reality- Innovationen, so dass sich man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und vermehrt auch “spürt”. Denn das Netz ist zurzeit ein grosser abstrakter verschriftlicher Ort, wie es die Medienjournalistin Ingrid Brodnig am #JourTag2015 in ihrem Referat treffend formuliert: “Im Netz fehlen diese subtilen Formen der sozialen Sanktion, wenn einzelne sich im Ton vergreifen. Es fehlt der Augenkontakt des Gegenübers, wo man sofort erkennt, wenn man die andere Person gekränkt hat“,

 

 

 

 

 

Der selbst finanzierte Shitstorm

Während meiner Beobachtung des Schweizer Online-Wahlkampfs sind mir einige unbeholfene Fettnäpfchen von Parteien aufgefallen, die man mit etwas mehr Dialogbereitschaft und Knowhow einfach hätte vermeiden können. Ein Beispiel.

Parteien und Politiker (und vor allem Unternehmen) haben begriffen, dass inhaltliche Reichweite ihren Preis hat auf Facebook. Nichts ist gratis auf den sozialen Plattformen trotz kostenloser Anmeldung. Wir bezahlen mit persönlichen Daten und neuerdings auch mit Cash, um überhaupt gesehen zu werden.

Wer im Inhaltewettbewerb der verschiedenen Pages und Profile bestehen möchte, muss mit pfiffigen Postingtexten und  multimedialen Skills trumpfen und manchmal in die Tasche greifen für eine längere Halbwertsdauer einzelner Postings.

Die “Sponsored Posts”, mit denen man einzelne Seiten bewerben kann, sind eine sehr kreative Werbeform. Das Angebot fügt sich nahtlos in den Newsfeed hinein und muss denselben redaktionellen Kriterien entsprechen wie organische Postings, um aufzufallen.

Der finanzielle Aufwand lohnt sich, denn anders als bei kommerziellen Werbekampagnen werden bei Wahlkampfwerbung von Parteien nicht zwingend kostenrelevante Klicks angestrebt. «Die Botschaft wird auch so wahrgenommen», sagte Michael Sorg von der SP im Rahmen meiner Umfrage (die ich für die NZZ ausgeführt habe).

Das Problem: Genauso wie “normale” Status-Updates evozieren auch sponsored posts Kommentare, die unmittelbar sichtbar angezeigt werden. Viele Betreiber von Facebook-Seiten wissen jedoch nicht, dass unliebsame Kommentare während der gesamten Kampagnendauer mit “ausgeliefert” werden. Die beworbenen Postings werden – “social”  halt – samt ihren Reaktionen in die Newsfeeds geschleust.

piraten teil I

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf eingesetzt wird. Sie schalteten Kampagnen, sponsored posts, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten im Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen werden nicht beantwortet.

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf einzusetzen ist. Sie schalteten im September und Oktober Kampagnen auf Facebook, sogenannte “sponsored posts”, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten in Sachen Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen wurden ignoriert.

Gewisse Parteien und Unternehmen wären somit gut darin beraten, die generierten Reaktionen gewissenhaft zu moderieren und ihnen wenigstens Stellungnahmen entgegenzuhalten. Solche Interventionen wirken sich auch bekanntlich positiv auf die Interaktionsrate und damit auch auf die  Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus aus.

Ansonsten befördert man fahrlässig die boshaften unbeantworteten Leserreflexe mit  und – viel schlimmer- finanziert diese noch mit dem eigenen Werbebudget! Ob sich dann der Werbeeffekt in Wählerstimmen ummünzen wird, wage ich zu bezweifeln.

Weniger digitaler Analphabetismus – Warum der Empathie-Button eine wichtige digitale Währung werden könnte

Der künftige “Empathie -Button”(Bezeichnung noch unklar) von Facebook dürfte Publishern aufgrund des täglichen News-Dilemmas eine wertvolle neue Interaktionsform in die Hand geben. Kein Zweifel. Doch wirklich freuen können sie sich erst, wenn dadurch ihre Postings im Rahmen des Newsfeed-Algorithmus aufgewertet werden. 

Community Manager von Medienhäusern kennen die Problematik: Sie bewerben publizistische Formate zu politischen Brennpunkten auf Facebook.  Wie die ausgelösten Likes zu den oft eher traurigen Themen zu interpretieren sind, bleibt Spekulation: Wird mit dem Like die journalistische Eigenleistung honoriert? Oder ist das Like als politische Parteinahme für Erdogan oder der Kurdenpartei HDP zu werten? Die Motive  hinter einem “like” lassen sich nur erahnen.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische  Zustimmung für den Protagonisten oder als Wertschätzung für die Exklusivität des Interviews werten. Oftmals sind die Zahlen der "Gefällt mir"-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische Zustimmung werten. Oftmals sind die Zahlen der “Gefällt mir”-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

News-Dilemma auf Facebook

Die wenigsten User sind instinktiv geneigt, das vorgestrige Erdbeben in Chile mit Stärke 8.2 mit “Gefällt mir” zu markieren. Viele Fans von Newssseiten entgehen dem Dilemma, indem sie ein wertneutraleres Instrument nutzen und unterhalb des Postings kommentieren.

Nun schafft das grösste Social Network Abhilfe und testet eine “Empathie”-Funktion (diese wurde zuerst irrtümlich als Dislike-Funktion kolportiert) . Verschiedene Medien dürften darüber erfreut sein. Gerade aufgrund der Tagesaktualitäten und aufgrund der politischen Grosswetterlage haben Medienhäuser täglich mehrheitlich unerfreuliche Dinge zu vermelden (es gibt natürlich neue journalistische Ansätze wie der “Konstruktiv-Journalismus“, wie das beispielsweise Ulrik Haagerup propagiert, um diese Negativität zu minimieren, doch das soll hier jetzt nicht der Gegenstand sein).

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

“Like” bemisst die Importanz nicht die Zustimmung eines Users

Die Vermarktung der publizistischen Produkte scheint im Widerspruch mit der Social-Mechanismen zu sein, die dem Nutzer vorwiegend Erfreuliches in die Newsfeeds “spülen” soll. Mit bedeutenden Konsequenzen:”The choice of ‘like’ as a primary signal in the world’s biggest social network has substantive political consequencesschrieb die Tech-Soziologin Zeynep Tucefky in einem offenen Brief.

Mit dem Sympathie-Button erhalten die Medien ein neues Instrument, der diesen täglichen Widerspruch auflöst.  Das Online-Magazin Vice sieht darin eine wertvolle Handhabe:  ”Umständliche Erklärungen, wie man als User sein „Like” bei ernsten Postings meint, könnten sich damit erledigt haben”.

Die Gewichtung im Algorithmus wird entscheidend sein

Die Washington Post hingegen erachtet als kollektiven Denkfehler, ein “like” mit Zustimmung gleichzusetzen. Es handle sich lediglich um ein Signal, wie wichtig ein Thema für den User ist.  Die Einführung von “+1″ (wie beim  Netzwerk Google +) wäre das angemessenere Substitut.

Interessant dürfte die Gewichtung dieses neuen Faktors im Rahmen des komplexen Newsfeed-Algorithmus sein, dem Herzstück von Facebook. Auch wenn Nutzer in Zukunft – so von Facebook in Aussicht gestellt- mehr Autonomie in der Verwaltung ihres Streams zugestanden wird: Der Algorithmus verfügt weiterhin über eine hohe Macht in der Strukturierung unserer Aufmerksamkeit (da sich ein grosser Teil der Facebook-Community dieser Selektionsmechanismen nicht bewusst ist und sich an die Filtervorgänge gewöhnt hat, sogar zufrieden ist mit ihnen). Shares gelten in der aktuellen Version des Facebook-Universums als Gold, Kommentare als Silber und Likes als Bronze zu werten.

Zu differenziertem Online-Verhalten konditionieren

Das Mitgefühl wäre wie das “like” vorerst eine“schwache” Interaktionsform. Sind demnach 120 Mitgefühlsbekundungen zu einem bestimmten Inhalt ein Äquivalent zu 120 Likewerten? Bleibt das “Like”  zu einem Posting vom Autor als erstrebenswert, so werden Publisher ihre Content-Strategie weiterhin auf Good News und polarisierende effekthascherische Inhalte ausrichten.  Doch wenn Medien nur noch die Spielregeln der verzerrten heilen “Social Welt” mitspielen, so hätte das demokratiepolitisch verheerende Folgen.

Womöglich wartet der Konzern allfällige Verhaltensänderungen der Test-User ab, bevor die Datawissenschaftler über die Priorisierung innerhalb der Formeln entscheiden. Kommentieren User weniger, wenn ihnen eine andere Funktionen zur Verfügung gestellt wird? Wird damit Trollen Tür und Tor geöffnet, die Werbeanzeigen nach unten downvoten können, wie das “Vice” befürchtet?

Werden die Nutzer zu differenziertem Online-Verhalten konditioniert, wäre der neue Button in der Tat eine Bereicherung im nicht-verbalen Handlungsrepertoire von Facebook. Die ersten Usability-soziologischen Studien zu diesem Testversuch bleiben abzuwarten.

Die richtige Währung für Betroffenheit

Meine Hoffnung ist, dass dadurch die leisen Geschichten, die uns traurig, betroffen oder wütend machen, den ihnen gebührenden Respekt erlangen. Die Geschichten, denen wir bisher aufgrund der “sozialen Ontologie” nur mit digitalem Analphabetismus begegnen konnten.  So dass sie sich im täglichen aufmerksamkeitökonomischen Inhalte-Wettbewerb durchsetzen können.

Und dass wir, die Nutzer, Betroffenheit nicht verdrängen, sondern digital adäquat in die “richtige Währung” umwandeln können. Fast nach Immanuel Kant: Dass wir aus unserer (nicht selbst verschuldeten) “Unmündigkeit austreten können”. Vielleicht wird gar die daraus resultierende Debatte unterhalb des Postings zivilisierter geführt, wenn man a priori den “richtigen” Gefühlen Ausdruck verleihen vermag.

 

Update: Facebook hielt sich bedeckt, was die Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus betrifft und verweist auf das Q&A mit Marc Zuckerberg: But over the years of people asking for this, what we kind of have come to understand is that people aren’t looking for an ability to down vote other people’s posts, what they really want is to be able to express empathy. Not every moment is a good moment and if you are sharing something that is sad, whether it’s something in current events, like the refugees crisis that touches you or if a family member passed away, then it may not feel comfortable to like that post. But your friends and people want to be able to express that they understand and that they relate to you, so I do think it’s important to give people more options than just like as a quick way to emote and share what they’re feeling on a post. We’ve been working on this – it’s surprisingly complicated for an interaction that you want to make that simple but we have an idea that we think we’re going to be ready to test soon, and depending on how that does, we’ll roll it out more broadly. That you for all the feedback on this over the years — I think we’ve finally heard you and we’re working on this and hopefully we’ll deliver something that meets the needs of our community

Update II: Angeblich wird die neue Funktion keinen Dislike-Button, sondern daraus entstehen Emojis: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Reactions-Facebooks-Like-Button-wird-um-Emojis-erweitert-2841015.html

Plattform-Journalismus: Pakt mit dem Feind oder Chance für die Medien?

Social Media werden immer mächtigere Player im aufmerksamkeitsökonomischen Wettbewerb der Medien. Die Strategien von Facebook, Twitter, Snapchat & Co. deuten eine schleichende Entwicklung an, die die Geschäftsmodelle der Medien mitprägen wird. Was wir derzeit beobachten, ist das Aufkommen des „Plattform-Journalismus“.

Ich hatte mich neulich auf zwei Referate zum Thema “Social Media im Newsroom” vorbereitet. Darin erläuterte ich die vielfältige Bedeutung von Facebook & Co für Journalistinnen und Journalisten. Sie dienen den Medien als Distributionskanal, als Trafficquellen, als Dialogplattform oder als Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Recherche. Aber sie beeinflussen in Zukunft das journalistische Schaffen noch profunder, als wir es bisher kennen.

Technologieunternehmen im Silicon Valey diktieren uns die Spielregeln

Doch der Reihe nach: Social Media beinhalten erstens einen immensen Fundus an Daten für die redaktionelle Recherche, denn fast jeder Smartphonebesitzer ladet einmal Fotos von seiner unmittelbaren Umgebung auf seine Profile. Agenturen verlieren an Gatekeeper-Wert. “Es gibt immer jemanden, der noch näher am Geschehen dran ist” lautet das Credo der Social Media News-Agentur Storyful.

Facebook und Twitter substituieren zweitens immer mehr auch die Startseite von Newsportalen. Eine neuere Studie des Pew Research Center zeigt, dass 63 Prozent der befragen Personen (aus den USA)  Social Media als Tor für ihren Nachrichtenkonsum dient.

Soziale Medien sind drittens  Sprachrohr der Unternehmenskommunikation einer Medienmarke. Sie weisen  viertens naturgemäss auch eine Schnittstelle zum Marketing auf, da sich die kostenlosen Plattformen durch bezahlte Werbeanzeigen der Unternehmen finanzieren.

Bei der Recherche für den Vortrag und auch während der Diskussion mit den Teilnehmern des Kolloquiums wurde mir bewusst, wie sehr Social Media das Wesen des Journalismus derzeit verändern wird. Fast wöchentlich lesen wir von den Medienoffensiven der Tech-Unternehmen in Kalifornien. Die Online-Giganten möchten von den Like-Magneten, den Newsportalen, profitieren. Gleichzeitig begeben wir uns mit diesen neuartigen Händel in neue Abhängigkeiten. Wer am längeren Hebel sitzt, ist klar.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer Käuferzielgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer ZIelgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle. Quelle: Eigene Illustration.

Nie wieder Facebook verlassen

Um diese These empirisch zu untermauern, trage ich etwas Anschauungsmaterial aus der jüngeren Vergangenheit zusammen: Das neue Facebook-Format Instant Articles brauche ich nicht näher zu erklären. Ziel von Zuckerberg ist es, die Verweildauer der Nutzer zu erhöhen, so dass diese den Medieninhalt komplett auf Facebook rezipieren.

Das Instant Articles- Format  von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung.

Das Instant Articles- Format von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung. Quelle: Instant Articles auf Facebook

Ob Facebook damit auf Nutzungsgewohnheiten der jüngsten Generation reagiert oder diese befördert, ist unerheblich. Der Faulheit wird damit Vorschub geleistet. “Der Klick ist tot” titelte jüngste ein Web-Magazin. Ob die Rechnung für die Medien dank der Beteiligung an Werbeeinnahmen – der gesamte Erlös Werbeanzeigen geht an die Publisher, wird kolportiert – aufgehen wird, wird sich zeigen.  Angeblich hätten Verlage auch Forderungen nach Bezahlmodellen vorgebracht. Meine Meinung dazu erläutere ich später.

Das grösste soziale Netzwerk aus Palo Alto will noch mehr, nämlich das zentrale Forum für den politischen Diskurs in den USA bieten : Am 6. August möchte Facebook in Zusammenarbeit mit Fox News die erste Debatte der Republikaner zu den Präsidentschaftswahlen online begleiten. Die von Facebook erhobenen Daten dienen dabei als Stimmungsbarometer.

Mittels Kooperationen zu Medien möchte auch ein anderer Anbieter relevanter werden: Der Streamingdienst Spotify erweitert sein Audio-Portfolio um Nachrichtenangebote und geht Partnerschaften mit Vice Media, BBC’s Top Gear, TED, GQ, Bayerischen Rundfunk ein.

Social Media als Arbeitgeber

Nebst gezieltem Justieren an den Algorithmen zugunsten von Medienreichweite und neuen Deals, fungieren Social Media neuerdings auch als Arbeitgeber für Journalisten. Bleiben wir gleich bei der #Election2016. Die populäre Messenger-App Snapchat stellen Medienschaffende für die Berichterstattung während des US-Wahlkampfs ein und bietet mit “Discover” verschiedenen Medienmarken wie CNN und Vice News eine Plattform. Die Partner produzieren und schneiden ihre Inhalte auf das Zielpublikum von Snapchat zu. Die Funktion scheint bei den Millennials anzukommen: “Discover” wird täglich 50 Millionen Mal besucht. Die Medienanbieter scheinen zufrieden zu sein,  auch wenn deren Inhalte innerhalb des Snapchat-Kosmos geteilt werden können.

Unter der Funktion "Discover" auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messer produzierte Inhalte an.

Unter der Funktion “Discover” auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messenger produzierte Inhalte an. Quelle: Discover auf Snapchat.

Apple präsentierte jüngst eine eigene Medieninnovation: Um die hauseigene App”News” zu bewirtschaften, arbeiten Journalisten als Kuratoren. Sie speisen handverlesene Inhalte von Publishern und Bloggern in die App. Auch hier ist das Ziel eine lang anhaltende benutzerfreundliche In-App-Experience zu bieten.

Das eher unpolitisch daherkommende Instagram heuert Journalisten für die Erstellung von hochwertigen Inhalten für die visuelle Plattformen an. Deren redaktionelle Arbeit dürfte– man ahnt es – insbesondere Marketing-Charakter haben und eher wenig journalistische Massstäbe erfüllen.

Und selbst die Business Netzwerke LinkedIn und XING möchten infolge einer neuen strategischen Ausrichtung ebenfalls Content-Anbieter mit thematischen Schwerpunkten Arbeitswelt, Karriere und Wirtschaft/Finanzen sein. Sie versorgen ihre Millionen von Mitgliedern täglich mit Themen-Newslettern und Artikelempfehlungen von reichweitenstarken Multiplikatoren.

Twitter: Endlich eine Fernbedienung für das tägliche TV-Grundrauschen

Twitter liebäugelte eine Weile mit der Akquisition der News-App Circa, der Deal kam am Schluss doch nicht zustande. Der Mikrobloggingdienst ist besonders beliebt bei Bloggern und Medienschaffenden und damit fast prädestiniert für eine künftige Ausrichtung als Medienunternehmen. Doch  aufgrund der Monetarisierungszwänge infolge der Börsenkotierung wurde die Medienverwertung bisher nur sekundär weiterverfolgt.

Die täglich 500 Millionen Tweets sorgen für ein lärmiges Dauer-Grundrauschen. Die Usability der Plattform verunmöglichten dem Nutzer eine Priorisierung der Themen zu erkennen. Der Produktchef Kevin Weil drückte es einst so aus: Twitter ist wie TV ohne Fernbedienung.

Nun wird Abhilfe geschaffen: Mit dem neuem Feature “Moments”  soll das zahlreiche Material händisch gewichtet und strukturiert werden. Dank einer optimierten Darstellung werden die Trending-Themen auch für Laien nachvollziehbar, für die der Nachrichtenstrom eher kryptisch daherkommt. Der Kurznachrichtenservice investiert damit endlich in den Aufbau redaktioneller Ressourcen.

Gescheiterte journalistische Avancen

Nicht alle Medienexperimente der Plattformbetreiber reüssieren. Die Blogplattform Tumblr stellte vor einem Jahr Medienschaffende ein, die vor einigen Wochen wieder entlassen worden sind. Und auch die Anonym-App Whispers  wuchs im redaktionellen Bereich, doch das gesamte Geschäftsmodell missglückte, die App wurde wieder eingestellt.

Auch ein anderes Netzwerk hat sich von der Idee des “Social-Qualitätsjournalismus” wieder verabschiedet. Es ist die Plattform des ehemaligen Twitter-Mitgründers Evan Williams: Medium.com. Künftig sollen weniger Long-Reads produziert werden, sondern die Interaktionen und das User-Engagement in den Vordergrund gerückt werden.

Plattform-Journalismus: Die Geschäftsmodelle der Medienhäuser werden womöglich verändert

Ob mit Content-Partnerschaften, Native Formaten, neuen Arbeitplätzen, viralen Wellen, die in Mediengeschichten münden: Die vielen Aspekte von Social Media für Journalismus bieten Spielraum für Experimente und bergen viele Risiken. Längst gelten die Tech-Riesen nicht nur als dominanter Trafficlieferant, sie greifen gängige Geschäftsmodelle an.

Deshalb nenne ich diese gegenwärtige Entwicklung “Plattform-Journalismus”, in Anlehnung an Sascha Lobos Begriff “Plattform-Kapitalismus“, mit der er die wachsende Sharing Economy kritisierte.  Speziell an dieser Form sind die fehlenden Eigentumsverhältnisse: Darunter sind Vermittlungsdienste zu verstehen, die private Wohnungen oder Beförderungsmittel anbieten, ohne nur eine Liegenschaft oder ein Vehikel effektiv zu besitzen.

Mittels eines algorithmusbasierten Matchingprinzips werden Angebot auf Nachfrage persönlich aufeinander abgestimmt, Dienstleistungen ohne menschliche Beratungsservices massgeschneidert.

Zu Tiefstpreisen für den Konsumenten, zugunsten von neuen (prekären) Arbeitsplätzen, für eine hohe Rentabilität der Plattformbetreiber, die lediglich die technologische Infrastruktur zur Verfügung stellen. Arbeitsplätze der traditionellen Branchen und bisheriger Monopole werden dadurch sukzessive wegrationalisiert.

Zwar entfaltet der Plattform-Journalismus nicht die gleiche disruptive Wirkung wie die Sharing Economy in den herausgeforderten Branchen. Doch alle Online-Ableger von Medienhäusern sind wohl oder übel angehalten, sich mit den digitalen Ökosystemen künftig auseinanderzusetzen.

Pakt mit dem Feind oder blühende Zukunft?

Was ich denn von diesen Medienkooperationen wie bei Instant Articles halten würde, wurde ich schon mehrfach gefragt. Ich kann darauf noch keine eindeutige Antwort geben. Natürlich misst es meinem Bereich einen wachsenden Stellenwert zu. Es sorgt dafür, dass sich publizistische Inhalte nahtlos in das Look&Feel der Umgebung einfügen, diese mobile und lesergerecht aufgearbeitet werden.

Auch werden Social Media nicht mehr zu Linkschleudern degradiert. Doch den Launen von Zuckerberg, Spiegel &Co unterworfen zu sein, deren primäre Motivation nicht der Qualitätsjournalismus sondern die Höhe Aktie an der Wall Street ist, hinterlässt auch bei Social Media Redakteuren ein mulmiges Gefühl.

Ob mit dem Fokus auf “Facebook-First” journalistische Kriterien  eingehalten werden oder ein verfälschender Bias zugunsten von oberflächlichen Good News die redaktionelle Entscheidungen verformen wird, werden wir wohl nach der ersten Auswertungsphase sehen. Aber man darf das Social Media-Publikum intellektuell nicht unterschätzen: Denn nicht nur Breaking News und härzige Katzengeschichten stossen auf grosses Echo. Meine Erfahrung bei der NZZ zeigen, dass anspruchsvolle Analysen und langen Reportagen rege geteilt kommentiert und auch gelesen werden.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche: Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen von Korrespondenten.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche (20.7-27.7.2015): Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen/Einschätzungen von Korrespondenten. Quelle: Themenpuls.ch

Gerade pointierte Meinungen und Standpunkte sind gefragt. Natürlich werden diese dank des selektierenden Algorithmus nochmals verstärkt durch die Newsfeeds geschleust. Denn Polarisierungen erzeugen Echo, gutes und negatives Feedback, es erregt die Gemüter.

Vielleicht lesen wir aufgrund der Ontologie von Social Media in Zukunft nur noch Lärm und extreme Thesen. Wünschenswerter wäre dass auch unaufgeregte Hintergrundgeschichten von Nutzern rezipiert und geschätzt werden. Ob auf der traditionellen Homepage oder durch Auslieferung beim blauen Riesen. Native Articles könnte für die Medien auch eine Chance bedeuten.

Update 3. August: Emily Bell hatte es treffend ausgedrückt: Media organisations can gain significant reach and revenue from using these platforms, but they’ll potentially lose big too — in terms of data, paths to users, archives, and control over journalism, she said.

https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/

Update 3. August: Auch der Artikel-Kiosk Bendle stellt Journalisten an. Die – natürlich- Artikel kuratieren, die automatisierte Empfehlungsmaschinerie hat vorerst ausgedient: https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/

Der Newsroom, die Börse. Oder: 7 Monate bei der NZZ

7 Monate werke ich nun für die NZZ. In dieser Zeit erlebte ich einige #Gates, neue multimediale Projekte, ein Redesign und durfte ein neues Gefäss mit aufgleisen. Meine erste Bilanz: In einem Medienverlag arbeiten zu dürfen, ist aufregend und auch etwas anstrengend. Etwas Anderes kann ich mir aber zurzeit nicht mehr vorstellen.  Denn die Arbeit in einem Newsroom hat Suchtpotenzial. 

Wer einen Zusammenhang vermutet, zwischen meiner verminderten Blogtätigkeit auf adfichter.ch und meiner Anstellung bei der NZZ…. der möge Recht haben. Dies nicht allein auch deshalb, weil ich mit meinem täglichen Social Media-Radar Chance erhalten habe, für eines der grössten Verlage Trends und Neuheiten aus Netzkultur und -politik aufzuspüren und zu kommentieren.  Ein tolles Privileg und eine Arbeit, die mir grossen Spass bereitet. Das tägliche publizistische Füttern dieses Kanals hat jedoch auch zur Folge, dass ich meinen eigenen Blog sträflichst vernachlässige. Nichtsdestotrotz möchte ich meine eigene Plattform nicht verkümmern lassen. Ich überlege mir gerade eine neue thematische Ausrichtung für das Jahr 2015. Die persönliche Note und Ich-Erzählform werde ich natürlich beibehalten.

Über Gates, Shit- und Lovestorms

Doch jetzt zu meinen Erfahrungen bei meinem neuen Arbeitgeber. Wer eine positive Korrelation zwischen meiner Anstellung bei der NZZ und den vielen #Gates (Selfiegate etc.) in dieser Zeitspanne vermutet- Der möge daran glauben, aber eine Kausalität ist in diesen Fällen nicht gegeben;-)

Während sieben Monaten habe ich ein Redesign ( beta.nzz.ch), Social Media-Meilensteine (100’000 Twitter-Followers, 50’000 und 60’000 Facebook-Fans) und einige böse und gute Wirbelstürme im der schnelllebigen Netzwelt miterlebt, die Blogger-Szene aufgemischt, neue Interaktionsformen mit der Community ausprobieren und auch für die Printausgabe schreiben dürfen.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der aber die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht. Quelle: Pixabay.com

“Be first- but be right” als Leitmaxime

Für die BlogleserInnen, die nicht im Medienumfeld heimisch sind, versuche ich meinen Alltag konkreter zu skizzieren: In einem Newsroom zu arbeiten zu dürfen, erinnert mich in manchen Situationen an das Handeln in einer Börse.  Gebannt verfolgen wir manchmal das Leseverhalten auf nzz.ch auf unseren Monitoren. Gewisse Titel laufen erstaunlich gut, andere liegen unterhalb der Erwartungen des Teams. Die Tagesleitung entscheidet, ob in diese erneut “investiert” wird. Teile des Artikels werden optimiert und Elemente ausgetauscht. Die Resonanz entscheidet über Platzierungen auf der Startseite und Hierarchie innerhalb des Ressorts. Überraschungen und Enttäuschungen über gut und schlecht gelesene Artikel sind an der Tagesordnung. Genauso (un-)berechenbar ist das Echo vieler Artikel auf Social Media.

Bei Eilmeldungen von Agenturen muss alles schnell gehen, denn die Mitbewerber schlafen nicht. Gleichzeitig soll eine wichtige Maxime der NZZ “Be first- but be right” eingehalten werden. Die Nachricht muss überprüft, die Quellen abgesichert und die Texte wohlformuliert sein.

Dasselbe gilt für Regungen und Meldungen aus der Social Media-Welt. Das ABC der Social Media-Verifikation wird wichtiger denn je. Der weltweite user-generated content von Nutzern, die ganz nah am Geschehen dran sind, ist ein wertvolles Nachrichtenreservoir für Redakteure. Ein Journalist soll sich aber davor hüten, einem Irrtum aufzuerliegen und voreilig eine Geschichte daraus zu basteln. Kein Medienhaus ist davor gefeit, Fehler zu machen. Vor allem nicht in Zeiten des Reichweitendrucks und Klickprimats.

Légère gekleidete Kaffee trinkende Journalisten? Der Klischee-Check

Dieser Medienalltag war zuerst neu für mich, er ist aufregend und anstrengend. Die Arbeit in einem Newsroom hat manchmal Suchtpozenzial. Vieles muss schnell entschieden werden, gleichzeitig  dürfen markenrelevante Stärken wie die Analyse und Einordnung nicht zu kurz kommen. Mit digitalen Innovationen und hochwertiger Publizistik möchte die NZZ  neue zahlende Leser gewinnen und bestehende halten und unterhalten. Diese Umwälzungen miterleben zu dürfen und Teil neuer Experimente zu sein, ist eine faszinierende Erfahrung für mich.  In  einem solchen dynamischen Arbeitsumfeld fühlte ich mich relativ rasch wohl. Fast so, als ob ich die letzten Jahren und Monate nichts anderes gemacht hätte.

Zum Schluss noch ein paar Antworten auf einige witzige Fragen, die mir Freunde und Kollegen ausserhalb  der Medienbranche gestellt haben (mit Klischees wurde dabei nicht gespart): Ja, Journalisten trinken relativ viel Kaffee. Nein, der Nikotinkonsum scheint nicht ausserordentlich hoch zu sein (das könnte früher vielleicht anders gewesen sein). Auch sonst leben Journalisten nicht ungesünder als andere Berufsgruppen. Nein, bei der NZZ gibt es nicht mehr Krawatten- und Anzugsträger als anderswo. Ansonsten erscheinen wir ganz casual zur Redaktionssitzung und kleiden uns hin und wieder -natürlich- légère. Und auch wenn viele  Aussenstehende am Bild der altehrwürdigen Print-Dame festhalten möchten, für die das Internet Neuland sein soll: Die grosse Mehrheit der NZZ-Redakteure (123 Mitglieder) twittert inzwischen. Und das regelmässig.

Sharing Economy tut der Hochpreisinsel gut

Ist die sogenannte Sharing Economy wirklich eine Ausgeburt des “Wild West-Kapitalismus”? Ja und nein. Zum einen werden damit sicherlich unregulierte Marktmissstände und Dienstleistungen zu Dumpingpreisen befördert. Doch zum Anderen entstehen dadurch neue Märkte für Konsumenten,  die bisher von bestehenden Angeboten gar nicht angesprochen worden sind. Vielleicht bin ich aber auch zu privilegiert, um darüber zu urteilen.

„Die meisten fortschrittsoptimistischen Leute sind so lange für neue digitale Geschäftsmodelle, bis ihr eigener Job durch eine 99-Cent-App ersetzbar wird“. Peng! Dieser Satz sitzt.  Eine der vielbeschworenen magischen verheissungsvollen Leitbegriffe der Tech-Branche „Disruption“ wird von Sascha Lobo in seiner Kolumne im Spiegel entzaubert und zerlegt. Disruption bedeutet trotz Innovationskraft immer auch Zerstörung. Zerstörung von altgedienten Strukturen, von Monopolen, von etablierten Sozialpartnerschaften zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmerverbänden.

Hauptvorwurf: Fehlende soziale Standards und Verlust von Arbeitsplätzen

Sharing-Economy-Dienste wie Uber und Airbnb haben mit traditionellen Konzernen und korporatistischen organisierten Strukturen der Wirtschaft in vielen Ländern zu kämpfen.  Beklagt wird auch hier die negative Seite der Disruption. Oftmals wird mit Verlust bestehender oder Prekariat neuer Arbeitsplätze argumentiert. „Dass es in der Sharing Economy kaum Versicherungs- und Kündigungsschutz gibt, weder festgeschriebene Arbeitszeiten noch Mindestlöhne“ schreibt auch Christoph Fellmann in einem Essay für den Tagesanzeiger.

Die Alternative für viele Uber-Nutzer war: Gar nicht Taxi fahren

Doch werden damit wirklich Arbeitsplätze gefährdet und ganze Branchen einbrechen, wie postuliert? Nehmen wir als Beispiel die Taxibranche in Zürich. Die Taxis sind überteuert, der Service ist mässig und bereits vor dem Zeitalter von Uber & Co. maulte die Branche, wie schlecht es ihr gehe. Viele Zürcher wählten bisher Nachtbusse als Alternative oder generell den ÖV als Fortbewegungsvehikel innerhalb der Stadt.

Oftmals wird also ganz auf eine Taxifahrt verzichtet und auf günstigere Mittel zurückgegriffen. Die Budget-Variante von Uber (UberX) holt nun jene Personen ab, die sich ohnehin keine Heimfahrt von 40 Franken mit dem Taxi leisten können (meine Testfahrt mit UberX kostete 24 Franken).

Die Taxi-Branche wird von Sharing Economy wie Uber und Lyft angegriffen. Doch handelt es sich hierbei wirklich um eine Verdrängung oder eher um eine Erweiterung des Markts?

Die Taxi-Branche wird von Sharing Economy-Anbietern wie Uber und Lyft angegriffen. Doch handelt es sich hierbei wirklich um eine Verdrängung oder eher um eine Erweiterung des Markts? Bildquelle: Pixabay.com

Ich verfüge leider über keine Zahlen der „Umsteiger“ von Taxipassagieren zu Uberfahrern. Aber in einem Hochpreisland wie der Schweiz werden gewisse Dienste wohl gar nicht erst beansprucht von Einwohnern der Mittelschicht. Weil zu teuer. Lieber organisiert man sich kostenlos selber mit Privatautos beispielsweise. Mit anderen Worten: Die Bedürfnisse sind zwar da, aber aufgrund fehlendem personalisiertem Angebot, verzichtete man darauf. Gewisse Kundensegmente wurden also gar nicht erst angesprochen und fielen durch die “Maschen” des Marktes.

Konzerne sind zu träge für ein Nischenangebot und versäumten Markpotenziale

Ein anderes Beispiel. Ich beispielsweise leiste mir  dank vorhandenem Einkommen und weil es so bequem ist, zum ersten Mal den Full-Service eines Möbelhauses. Vor Jahren als Studentin habe ich -wie viele andere Schweizer Haushalte- als Handwerkerlaie mich selber an die Möbelkompositionen von Ikea rangemacht.

Eine kostengünstigere Variante wäre es gewesen, mir die Möbel liefern zu lassen oder selber abzuholen und von gewissen neuen Startups- Diensten Gebrauch zu machen. Viele Anbieter  in dem Haushalts- und Handwerkerbereich sind kleine Nischenplayer. Schweizer und Deutsche Tech-Startups wie Mila, Jacando oder Shippies bieten kleinere Handwerksarbeiten anbieten (zum Beispiel Befestigung der Garderobenvorrichte, wohlgemerkt: Gelernte Facharbeiter und nicht Hobbyhandwerker die einen finanziellen Zustupf brauchen) oder vermitteln Helfer für den Einkaufstütenschleppdienst. Dienstleistungen, die bei keinem angestammten Möbelhaus oder Supermarkt auf dem Plan stehen oder nur zu horrenden Kosten abgerechnet werden.

Mir persönlich geht es bei der Nutzung dieser Dienstleistungen um zwei Dinge. Um Zeitersparnis und um eine massgeschneiderte Dienstleistung, die mir bisher gefehlt hatte. Wenn ich durch das Delegieren von mühseligen kleinen Alltagsarbeiten Zeit freischaufeln und mich kurzfristig flexibel organisieren kann, profitieren davon mindestens zwei Personen. Ich und die Fachkraft. Und ja, natürlich auch die vermittelnde Sharing-Plattform.

Daher wage ich zu behaupten, dass die Verdrängung von etablierten Konzernen durch kleine agile Startups in einem geringeren Masse ist, als wir befürchten (Beim Interessensverband der Sharing Economy-Unternehmen “Sharecon” sind über 30 Mitglieder gelistetRené Lisi von Sharecon ist derzeit daran, anhand einer umfassenden Umfrage eine Bestandesaufnahme zur Wertschöpfung der Sharing Economy-Branche in der Schweiz zu machen). Und dass dadurch neue kleinere Nischenmärkte entstehen, die von den Grossen nur mangelhaft abgedeckt worden sind. Dies aufgrund ihrer Trägheit oder ihrer mangelnder Kundenorientierung oder fehlender Innovation. Oder weil es einfach schlichtweg nicht rentieren würde.

 Wenn die Sharing Economy den Journalismus für sich entdeckt, dann…

Nichtsdestotrotz: Die Regulierung dieser boomenden Sharing Economy-Szene ist ein Thema, das auf der politischen Agenda bleiben soll. Denn Kooperationen mit Grosskonzernen wie Facebook zwecks Datensammlung oder gänzlich fehlende soziale Standards der Marktteilnehmer sind besorgniserregende Entwicklungen.  Und freilich: Nicht alle meine Sharing -Erlebnisse waren bisher prickelnd. Ich erinnere mich da an meine Airbnb-Wohnung in New York…

Aber ja, vielleicht argumentiere ich bei diesem Thema auch aus einer zu privilegierten Warte. Denn wenn die Sharing Economy mal in die Medienbranche Einzug einhält, wer weiss, ob ich dann diesem Sektor immer noch so wohlgesinnt gegenüber bleibe.  Ersetzt werden will ja niemand. Der Roboterjournalismus lässt grüssen.

Blogger-Manifest: Bitte nur den kleinst gemeinsamen Nenner

Eigentlich wollte ich meinem nächsten Blogpost nach 3 Monaten Blogpause (shame on me) ein bisschen hinter die NZZ-Kulissen blicken und Bilanz ziehen. Doch dank der losgetretenen Diskussion über “gekaufte” Blogger und Journalisten wird es Zeit das Geschehene kurz Revue passieren zu lassen, Missverständnisse aufzuklären und nochmals den eigenen Standpunkt herauszukristallisieren. Dankbarer Stoff für einen neuen Blogpost. 

Den Kontext zur Auseinandersetzung mit dem Thema, die dank dem barcampCH möglich wurde, kennen die Meisten und brauche ich an dieser Stelle nicht mehr zu wiederholen. Wer das noch einmal rekapitulieren  möchte, kann das gerne hier, hier und hier tun.

Marken bringen sich ins öffentliche Netzgespräch

Vorweg: Unternehmen und Marken tun eigentlich das Richtige. Sie bringen sich ins Gespräch und nutzen die geballte Kommunikationskraft und – macht von neuen Meinungsbildnern im Web. Sie laden Personen mit viel Reichweite ein, so dass diese ihre Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen frei äussern. Blogger und Influencer gelten zu Recht als neue wichtige PR-Kraft. Und genau diese neue Form von PR-Arbeit bedarf einiger Regeln, damit Unabhängigkeit gewahrt und der Instrumentalisierung  vorgebeugt wird.

Die von Kevin und mir ausgelöste Debatte zeigt, dass die bisherige Praxis auch von anderen Bloggern kritisch beobachtet wird.  Einige Kommentatoren wollten dabei weitergehen und mehr regulieren. Ich selber aber glaube  zum Beispiel nicht, dass ein Manifest die richtige Grundlage dafür ist, den Bloggern vorzuschreiben, was sie zu deklarieren haben und was nicht.

Kein Hashtag-Missbrauch bei Konsumenten

Mir persönlich geht es um PR-Events und -veranstaltungen. Womit ich mich schwer tue und ich denke, das habe ich in der Diskussion oft genug hervorgehoben, ist die Vermischung von Einladungen mit suggeriertem privatem und offensichtlichen kommerziellen Charakter.  Ich plädiere für eine klare Kommunikation der Eventform, des Absenders und für keine irreführenden Themendefinitionen (Hashtags). Hierbei nehme ich nicht Blogger in die Pflicht, sondern die Organisatoren. Sobald diese Punkte transparent sind, obliegt die Entscheidung den einflussreichen Influencern. Sie können tun und lassen, sich einladen und beschenken lassen, darüber schreiben oder nicht. Mir egal.

Klar sollten für Medienschaffende dieselben Richtlinien gelten. Ich bin aber nicht sicher, ob diese freiwillig geneigt sind, während einer Medienkonferenz den Namen des einladenen Brands permanent zu vertwittern, wenn sie im Anschluss einen Artikel abliefern müssen.

Mein Albtraum: Dank #zoacardinal14-Pflichttweets (fiktives Beispiels) gratis ans Openair

Doch zum Ausgleich (auf die bekannten Cases von Swisscom und Search.ch sind wir genug eingegangen) zwei Beispiele der Medienwelt, in der solche mir suspekten “Hashtags-Sponsorenhappenings” ebenfalls zelebriert werden. Da wäre beispielsweise der Versuch von Watson durch das Sponsoring von Live-Tickern den Nutzern mit #heinekenlive Sponsorentweets aufzuoktroyieren. Und auch der Web-Jugendsender Joiz kann dank Sponsoren ganze Musik-Formate realisieren (“mycokemusic”) . Dies ist natürlich insofern legitim, als dass solche Formate durch Sponsoren erst möglich sind und diese natürlich verdankt werden sollen. Doch frage ich mich, weshalb ausgerechnet die Nutzer in ihrem natürlich spontanen Kommunikationshabitus formalistisch (also vorgesetzt vom Sender) missbraucht werden müssen, wenn es doch allgemein um ein Fussballspiel geht. Denn konsumiere ich jetzt einfach den Match oder die Marke und wie kommuniziere ich das?

Mein Albtraum ist:  Wenn ich an einem Openair Zürich anstelle von #zoa14 noch #zoacardinal14 twittern müsste, um an billigere oder gar Gratis-Tickets zu gelangen. Und 4 Freundlichkeitspflichttweets zu anderen Sponsoren absetzen müsste.

Randnotiz: Auch hier scheinen Journalisten nicht vor Befangenheit gefeit zu sein, laut Reda El Arbi.

 

Ich wünsche mir dass wir am 24. September auf einen grünen Zweig kommen werden. Und das im Gegensatz zu einigen Medienschaffenden, die Blogger als gänzlich unrelevant erachten, wir alle auf gleicher Augenhöhe miteinander reden können. Ich glaube wir sollten uns dabei auf den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner über alle Publizitätsgattungen hinweis einigen und kein ungelebtes Bürokratiemonster schaffen. Denn mit einem verbindlichen Konsens schaffen wir Akzeptanz für unser verabschiedetes Richtlinienwerk, dem sich hoffentlich per Unterzeichnung viele Publisher anschliessen werden.

 

 

 

 

Nach dem Jobwechsel: Wem gehört der Corporate Twitter-Account?

Eine gute Nachfolgeregelung ist nicht nur bei der Beerbung des Chefsessels gefragt. Nachhaltigkeit sollte auch bei der personellen Besetzung der digitalen Aussenkommunikation ein Thema sein. Gerade bei meinem aktuellen Stellenwechsel wird mir die Bedeutung einer “sauberen” Social Media-Accountsübergabe bewusst. Denn die Frage “Wem gehören Social Media Accounts” sorgte in der Vergangenheit für einigen Ärger. 

Wie ich schon angekündigt habe, werde ich im Juni eine neue Stelle antreten. Damit einhergehend endete auch meine Anstellung beim Technologieunternehmen Axon Active AG und die Verantwortung bei der Bespielung der jeweiligen Social Media Plattformen im Namen von Axon Active. Meinem künftigen Nachfolger habe ich ein kleines selbst erarbeitetes Manual und Skript mit To Do’s & Don’ts, Zielen, Massnahmen  hinterlassen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie wichtig die Klärung einer weiteren Details ist: Die klare Übergabe der Administratorenrechte bei Firmenaccounts.

Social Media Manager geben dem Unternehmen auch ein “Gesicht”

In der digitalen Welt werden Unternehmensbrands oft  mit den repräsentierenden Persönlichkeiten assoziiert. Wechselt daher der betreffende Social Media Manager die Stelle, so sollte die Übergabe der Firmenaccounts akkurat geregelt werden. Vor allem nach einer Aufbauphase der Präsenzen. Denn in diesem sensiblen Zeitraum trägt der verantwortliche Digital Manager u.a. auch mit seinem Gesicht und  seinem Namen  massgebend zum Erfolg und zur “Gefolgschaft” des Unternehmensbrands bei. So dass bei einer Trennung vom Arbeitnehmenden bei ungenügender Absprache die Frage der Zugehörigkeit der jeweiligen Benutzeraccounts plötzlich virulent sein könnte.

Bei den “Aufräumarbeiten” meiner letzten Stelle wurde mir bewusst, wie immanent wichtig diese Frage der Nachfolgeregelung ist. Besitzt ein Unternehmen keinen verpflichtenden Social Media-Richtlinien für die gesamte Belegschaft, so müssen diese Regeln unbedingt bilateral zwischen Social Media Manager und Vorgesetzten (Führungsetage) ausgehandelt werden.

Die Bedeutung dieses Details lässt sich schön an der Nachfolge-Verwaltung der Google+- Unternehmensseite illustrieren. Um eine solche Seite aufzusetzen respektive betreiben zu können, setzt Google+ einen eigenen persönlichen Account voraus. Einen genuinen  Unternehmensaccount einzurichten, wird schwierig. Google+ akzeptiert nur Echtnamen und keine kryptischen “Unternehmens-Vornamen”.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Nur mithilfe eines persönlichen Benutzeraccounts kann eine Google+-Unternehmensseite eingerichtet werden. Es braucht also persönliche Administratoren für die Betreibung einer Unternehmensseite.

Es ist gang und gäbe in grösseren Betrieben, dass mehrere Personen jene Unternehmensseite verwalten. In vielen sozialen Netzwerken  wie bei Google+ kann der “Ur-Administrator” beliebig viele neue Personen hinzufügen. Es wäre jedoch auch ein Leichtes, nach Abgang als alleiniger Community Manager jene Unternehmensseite umzubenennen und die generierten Fans und Followers gleich “mitzunehmen” (sollte das Unternehmen diesem Punkt keine Priorität einräumen und Social Media stiefmütterlich behandeln, was nicht wenig der Fall ist). Natürlich handelt man sich damit im Nachhinein jede Menge Ärger ein. Und natürlich empfehle ich Niemandem eine solche Aktion.

Bei PhoneDog Media vs. Noah Kravitz ging es um 17000  ”verlorene” Followers

Selbstverständlich war ich nicht die erste Person mit diesem Gedankenspiel.  In den USA setzte ein Mitarbeiter den verlockenden Gedanken in Realität um: Ein öffentlichkeitswirksamer Präzedenzfall gab es im Januar 2012 zwischen dem Unternehmen PhoneDog Media und dem Mitarbeiter Noah Kravitz, der nach Beendigung seiner Anstellung die 17000 Follower “mitnahm” und den Account entsprechend auf seinen Namen und natürlich das Passwort änderte.

twitter

Die Frage “Wem gehören Social Media Accounts?” im Fall Phone Dog vs Kravitz wurde auch von Advokaten im deutschsprachigen Raum verfolgt und erörtert. In Deutschland erschien basierend auf dem US-Gerichtsfall ein Artikel von Dr. Carsten Ulbricht zu diesem Thema. Und in der Schweiz setzte sich der Jurist Oliver Staffelbach mit der Frage des Social Media-Eigentums auseinander.

Besonders schwierig bei der rechtlichen Beurteilung war gemäss den beiden Experten der Umstand der untrennbaren Verknüpfung der Person und des Arbeitgebers im besagten Twitter-Namen “phonedog_noah”. Der besagte Social Media Manager hat unter dieser“Hybrid”-Bezeichnung auch persönliche Inhalte vertwittert, die nichts mit seinem Arbeitskontext zu tun haben, was die Klärung der “Social Media Ownership” zusätzlich erschwert hat. Somit muss bei der Beurteilung jeweils  die  gesamte “Gestaltung und Historie des Accounts” in Betracht gezogen werden.

Dr. Ulbricht bietet zur Klärung des Eigentums folgende Parameter, die Anhaltspunkte für eine rechtliche Beurteilung liefern können:

Wer hat den Account angemeldet ?

• Wie ist die Ausgestaltung (auch Nutzungsbedingungen) des jeweiligen Sozialen Netzwerkes ?

• Wer bezahlt etwaige Kosten des Accounts ?

• Wie ist der Accountname (z.B. Firmenname enthalten) ?

• Auf welche Email-Anschrift wurde der Account angemeldet?

• Wird der Account schwerpunktmässig privat oder geschäftlich genutzt ?

So oder so: Eine rechtliche Vereinbarung zwischen Unternehmen und Social Media Manager ist vonnöten

Wie ist  nun der Rechtsstreit ausgegangen? Gemäss Wikipedia gab es im Januar 2013 eine Einigung, die aber als vertraulich und nicht öffentlich gilt. Noah Kravitz twittert unter dem Namen @noahkravitz weiter und verfügt über 22000 Followers. Ich gehe davon aus, dass es sich um denselben Account handeln muss.

Wie sieht die Sachlage in der Schweiz aus? Claudia Keller, eine bekannte Social Media-Rechtsexpertin und Arbeitskollegin von Oliver Staffelbach sagte auf Anfrage, sie haben in ihrer Praxis Musterverträge aufgesetzt in Fällen, bei denen mit externen Dienstleistern gearbeitet worden sei. In der Schweiz gebe es zu diese Frage keine Gerichtspraxis, auf die man sich berufen könne.

Es gilt also vor Antritt eines neuen Arbeitnehmers im Bereich der Webkommunikation sauber die Eigentümerschaft der zu betreibenden Social Media Accounts zu klären und die Geschäftsbenutzersdaten (Name; Passwort) für alle verbindlich festzuhalten am Besten in Form eines Vertrags oder als Bestandteil eines Social Media Kodexes des Unternehmens. So erspart sich das Unternehmen grossen Ärger. Und der Social Media Manager wird von Anfang angehalten, Persönliches von Beruflichem zu trennen.

Ich plädiere ausserdem dafür, dass keine Unternehmensname Element eines persönlichen Social Media-Acccounts sein dürfe.  Diese Meinung teilen aber nicht alle Social Media-ExpertInnen. Aber ich zumindest werde mich davor hüten meinen Namen in NZZ_adfichter umzuwandeln.

Was ist eure Ansicht dazu?

 

 

 

“re:publica 2014″: Ukraine, Kommentarkultur und Ethik in der Technologie

“re: publica 2014″ – Das waren vier Tage über Netzpolitik, Big Data, Journalismus, Ethik, Ukraine/Russland und die Welt. Und auch etliche persönliche Gespräche über Politik, Gott (Anlass: Es gab auf dem Gelände “Atheisten”-Schuhe zu kaufen) Verlässlichkeit, das launische Wetter, das doofe Flaschenpfand und Berlin (der Eurovision Song Contest kam natürlich auch nicht zu kurz). Vieles wurde schon andernorts resümiert. Ich beleuchte hierbei nochmals meine drei persönlichen Highlights der Konferenz.

Es war meine zweite “re:publica“. Und sie gewann im Vergleich zum letzten Jahr meiner Meinung nach an Substanz und Profil. So beschäftigte man sich neben dem “post-traumatischen” Umgang mit den Snowden-Enthüllungen auch eingehend mit der Frage, wie wir die Themen einer Netzgemeinde für den Mainstream übersetzen und politisierbar machen können.

(Meinen Rückblick und meine Klagen über die pseudowissenschaftlichen Spass-Veranstaltungen von Aktivisten der re:publica 2013 könnt ihr übrigens hier nachlesen).

Viele spannende Sessions habe ich verpasst, weil man aufgrund des grossen Andrangs schon 20 Minuten vor dem Start hätte Platz nehmen müssen, um überhaupt etwas davon mitbekommen zu können.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Da ich gerne antizyklisch bei Grossveranstaltungen verfahre, habe ich bevorzugt die Nischenveranstaltungen besucht.

Nun folgen drei ausgewählte Referate mit bleibenden Eindrücken:

1. Die DiskussionReporting from and about Ukraine: Während der grösste Teil der re:publica-Besucherschar sich David Hasselhoffs Comeback oder Neustart in der Netzpolitik (oder was auch immer er mit jenem Thema zu tun hat…) anschauen ging, verfolgte ich die Diskussion zwischen einer ukrainischen Aktivistin (Oksana Romaniuk) und einer russischen Bloggerin (Alena Popova). Die Russin wurde meiner Meinung von Anfang zu Beginn etwas in die Defensive gedrängt von ihrer ukrainischen Gesprächspartnerin, Oksana Romaniuk, obwohl Popova grundsätzlich gegen die  Politik ihrer Landesregierung stark opponiert.

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova. (Name der Moderatorin habe ich leider nicht herausgefunden, von der "Deutschen Welle")

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova und Moderatorin Kristin Zeier.

“Ja wir haben Propaganda, aber denkt dran, eure Medien vermitteln auch Propaganda” meinte Alena Popova und schilderte ihre Schikane bei der Einreise nach Deutschland, in der sie ausführlich von der Grenzpolizei über ihren Aufenthalt befragt worden ist. Sie getraue sich hierzulande kaum zu sagen, woher sie komme. Man solle generell unterscheiden zwischen der Bevölkerung und der institutionellen Politik in einem Land.

Die Kernfrage der Diskussion, wie man Propaganda in Medien ermitteln und dekonstruieren kann, wurde von der Moderatorin mehrfach wiederholt. Das Thema schien aber zu emotional, virulent und brisant zu sein, als dass man sich in der Diskussion auf technische Tools oder Methoden nun konzentrieren könnte. Die Gesprächsteilnehmerinnen erklärten mehrfach den Konflikt, die fliessenden Geldströme, die Auseinandersetzungen und ihre Erfahrungen. Doch blieben sie bei den Aktivistenmethoden relativ unkonkret.

Beide ermahnten jedoch das Publikum: Kein Medium bildet wirklich die Wahrheit ab. Geht hin und macht euch euer eigenes Bild.

2.  Die Session “News Deeply: Beeindruckt war ich vom Mut der Journalistin Lara Setrakian, die ihren gut bezahlten Job im Fernsehen aufgegeben hat um von null auf ein komplett neues Newsportal zu etablieren. Aufgerüttelt über die “Desinformation” der amerikanischen Bevölkerung über den Nahen Osten (45 % der Amerikaner hatten laut Umfragen keine Meinung darüber, ob eine Intervention der USA in Syrien gerechtfertigt sei oder nicht) entwickelte sie ein neues Nachrichtenmodell: Ein Single-Issue-Portal, mit jeglichen Kontextinformationen zu einem Thema und dies multimedia aufbereitet.  Ein Topic, eine Landing Page und eine ganzheitliche User Experience sollen das Informationsbedürfnis zu einer bestimmten Frage umfassend befriedigen. So entstand “Syria Deeply”, bei der sämtliche Newskanäle anderere Zeitungen zum Syrienkonflikt eingebunden, persönliche Geschichten von Reportern vor Ort recherchiert, Expertenmeinungen präsentiert, Social Media-Kanäle hashtag-gesteuert abgebildet  und wo mit den Korrespondenten vor Ort via Google Hangout gesprochen werden kann.

Natürlich lasse sich für jedes wichtige politische Topic oder globale Thema eine weitere Website eröffnen.  Doch Lara Setrakian gibt sich zurückhaltend: Sie setzt auf ein behutsames Vorgehen bei der Bewirtschaftung eines neuen Themas. Denn dafür benötigt sie die notwendigen Kontakte vor Ort und Experten. Diese Ressourcen seien massgebend auch Bestandteil des Erfolgs von “News Deeply”.

3. Als angehende Community Redakteurin war der Besuch des Workshops “Broken Comment Culture- Let’s fix it!” von Ingrid Brodnig und Terese Bücker natürlich Pflichtprogramm. Hilfreich hätte ich es gefunden wenn man eine Teilnehmerliste des Workshops erstellt hätte. Denn es haben sich viele Social Media Editoren renommierter Deutscher Medien (ZEIT, Stern, Spiegel Online) zu Wort gemeldet. Den Austausch über die Frage, wie man eine konstruktive Kommentarkultur in neue journalistische Erzählformen einbinden kann, war inspirierend.

Workshop "Broken Comment Culture"

Workshop “Broken Comment Culture”

Vier Punkte, vorgetragen von Ingrid Brodnig, für Redakteure und Community Manager möchte ich stichwortartig noch festhalten:

1.  Gute Kommentare sichtbar machen (und damit auch “adeln”)

2. Sich in die Debatte einmischen

3. Fixe Online-Identitäten schaffen (ob mit Klarnamen oder unter Pseudonym ist sekundär)

4. Der Community Verantwortung übergeben

Die Hauptherausforderungen der Netzgemeinde? Überwachung sichtbar und Technologie humanzentriert machen

Und da wäre noch die omnipräsente Leitfrage der Konferenz nach dem Jahr 1 nach Snowden: Wie gehen wir mit der technologischen Überwachung um? Wogegen und gegen wen soll man agitieren? Die Antworten darauf sind unterschiedlich: Pragmatismus (Felix Schwenzel), vehementen politischen Widerstand ( Sascha Lobo), neue Narrative (Karig Friedemann “Überwachung macht impotent” ). Es gibt keine eindeutigen Anleitungen. Denn was man nicht unmittelbar spürt und vorerst“nicht weh tut”, bleibt eben doch fast nur ein abstrakter Gedanke.  Und das muss sich wohl die sehr sensibilisierte Netzgemeinde, deren Technologieeuphorie die -skepsis wohl ebenfalls überwiegt, an der re:publica 2014 letzten Endes auch eingestehen.  Aber nicht in Resignation verfallen.

 Immerhin: Wertgeleitete Technikgestaltung wurde als Credo der Technologischen Zukunft auf der re:publica 2014 gross geschrieben. Spannende Inputs gab es da beispielsweise (mit einem latent ironischen Unterton vorgetragen) von Sarah Spiekermann im Referat “Die ethische Maschine”.

Damit alle diese wichtigen Appelle auch ihre Wirkung entfalten können, hätten wohl neben Netzaktivisten auch Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley im Publikum sitzen sollen.

Und weshalb digital affine Europaparlamentarier die Plattform nicht für Austausch und Wahlkampf genutzt haben, ist mir ein Rätsel.

Hier ebenfalls lesenswerte Zusammenfassungen zur “re:publica 2014″:

- Von Bettina Werren (@Frau_W) für “Marketing& Kommunikation” mit gesammelten Eindrücken anderer  Blogger und Social Media Manager der Schweiz: http://www.mk-fokus.ch/republica-2014-eindruecke-und-empfehlungen-aus-schweizer-sicht/

- Von Tapio Liller – sehr treffend- über die Netzgemeinde zwischen Ohnmacht und Widerstand:  http://prreport.de/home/aktuell/article/8323-netzgemeinde-zwischen-ohnmacht-und-widerstand/?L=%255C%2527%253F&cHash=84504fad8456776ecbc2b5bbeb3f0cf9

- Von @kusito zum netzpolitischen Appell von Sascha Lobo: http://kusito.ch/netzpolitik-schweiz/?replytocom=121#respond

 -  Von Yannick Haan, Sprecher des netzpolitischen Forums der Berliner SPD: Support your local Netzpolitiker

- Und nochmals @Frau_W über das vielfältige Rahmenprogramm zur #rp14 (ich scheine noch mehr verpasst zu haben, als ich dachte, aber egal).

-Von @clipperli auch eine sympathische, gut zu lesende und persönliche Rückblende

Weitere Zusammenfassungen nehme ich gerne auf. Hinterlasst doch einfach einen kurzen Kommentar mit Link.

In eigener Sache: Ich wechsle im Juni zur NZZ

Ab Mitte Juni darf ich zusammen mit Lorenz König im Social Media Board die digitalen Geschicke der NZZ-Präsenzen auf Social Media lenken und im “Community Management” an der Schnittstelle von Redaktion und Online-Community wirken.  Wer meinen beruflichen Weg kennt, dürfte über diesen nächsten “big step” kaum verwundert sein. Für mich ist damit auch ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen. 

Der theoretische Ansatz der historischen Pfadabhängigkeit (ich liebe es erlernte politologische Termini  in der Schreibpraxis anwenden zu können) kann ich für einmal auch meine Berufsbiographie übertragen.

Der Reihe nach:

Nach einem kurzen Ausflug in der Bundesverwaltung kurz nach Abschluss meines Studiums durfte ich vor 5 Jahren die Geburtsstunde eines innovativen Web-Startups Politnetz.ch an vorderster Front miterleben. Damals (2009) existierte die Berufsbezeichnung “Community Management” als abstrakter Begriff. Die konkrete Ausgestaltung unserer Vision von e-Partizipation und digitalem politischen Diskurs oblag mir. Denn wie man von null auf viele neue User an eine Plattform bindet, dafür gab es damals wenig Anleitungen.

Viele Ideen probiert ich nach dem “Trial and Error”-Prinzip aus.  Gerade bei PolitikerInnen – einer eher internetunaffinen Zielgruppe- wirkte die Umsetzung eines ausgewogenes On&Offline-Massnahmenbündel am Effektivsten: Von Workshops, Online-Begleitung von Polit-Events, Email-Kampagnen, Social Media-Arbeit liessen wir nichts unversucht, um möglichst viele neue UserInnen für einen breiten politischen Online-Diskurs  auf unserer Plattformen zu gewinnen.

Bei der OFWI (heute CRIF Teledata) hatte ich die Möglichkeit mit verschiedenen Formen von Web-Content rund um unsere Wirtschaftsdaten zu experimentieren. Diese Aktivitäten befruchteten unsere Medienarbeit insbesondere im datenjournalistischen Bereich.

Meine Wechsel zu einem Medienhaus ist daher- aus meiner Warte- fast schon ein logische Konsequenz des eingeschlagenen Wegs.

Die bisherigen Erfahrungen aus journalistisch “artverwandten”  Tätigkeiten im Data Storytelling und mein Knowhow in Communitybuilding und Userengagement darf ich nun in meiner neuen Tätigkeit einsetzen.

Ich freue mich darauf den Digitalisierungsprozess einer grossen renommierten Medienmarke zu unterstützen und neue Formen von partizipativen Journalismus auszuprobieren. Und ich freue mich noch mehr auf neue Gesichter und vertraute Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich bereits schon in der Vergangenheit intensiv und erfolgreich zusammenarbeiten durfte.

Das neue Kapitel darf beginnen.

 

 

Hier wird über Politisches, Transparentes und andere soziale Webgeschichten gebloggt.