Die vergessenen #XINGFails

Im Schatten des Schweizer #XINGfail-Shitstorms wurden noch weitere unbemerkte Preiserhöhungen vom deutschsprachigen Businessnetzwerk durchgesetzt und kommunikative Vergehen begangen, die zu bemängeln sind. Welches diese sind und wieso XING und LinkedIn zu Unrecht als soziale B2B-Netzwerke gelten, möchte in diesem Blogpost aufzeigen. 

Bei den Neuerungen von XING verliert man schnell mal den Überblick.  Die XING-Premiumpreiserhöhung war auf Blogs und in den Medien omnipräsent. Vergessen und unbemerkt im medialen Wirbel sind weitere Funktionen abgeschaltet, komplizierte Gruppen-Modi eingeführt und andere Angebotspreise erhöht worden.  Ein Klagelied können neben Premium-Mitgliedern nämlich auch Administratoren von XING-Gruppen und Unternehmensprofilen singen. So auch ich.

Auf 3 mühsame Neuerungen möchte ich hier genauer eingehen:

“Neue Gruppen”: XING-User sind auf den Goodwill von Gruppenadmins angewiesen

Schauen wir uns zum Beispiel die Transformation der XING-Gruppen in das “Neuen Gruppen“-Gewand an, die ein Administrator nur durch aktive Kontaktaufnahme beanspruchen kann.

D.h. um als aktives kommunikationsfreudiges XING-Mitglied die gestalterischen Vorzüge der “Neuen Gruppe” zu geniessen, ist man auf den Goodwill wacher XING-Administratoren angewiesen. Immerhin: Eine Gesamtmigration aller XING-Gruppen hat XING auf Anfrage meinerseits in Aussicht gestellt. 

Schleichend wurde auch zweitens ohne Getöse die bisherige “Unternehmensprofil-Palette” abgeschafft.  Neben dem Basisangebot hatte man bis letztes Jahr noch die Möglichkeit ein erschwingliches Standard-Profil zu erwerben. Dieses bot dem Unternehmen die Assets, kununu-Arbeitgeberbewertungen einzubetten und die jeweiligen Produkte und Dienstleistungen mit Videos und Pdfs optisch aufzuwerten. Diese hübsch aufgemachte Übersichtsseite machten sich inbesondere einige Sales Manager meines Unternehmens (damals bei der OFWI) bei der Company-Präsentation im Netz zunutze.

Dass ich als Administratorin ein veraltetes nicht aktives Unternehmensprofil betreibe, habe ich dann irgendwann mal selber zufällig entdeckt als ich weitere Pdfs hinzufügen wollte (was aber nicht möglich war, da das alte Profil ja offiziell nicht mehr angeboten wurde). Nun bleibt den Administratoren die Möglichkeit, die wenigen Optionen des herabgestuften “kargen” Basis-Profils (gratis) zu nutzen oder auf das horrend teure “Employer Branding” (395 Euro monatlich) upzugraden. Zweiteres bietet umfassende Vernetzungsmöglichkeiten im Recruitingbereich, was aber nicht unbedingt zum Tagesgeschäft einer KMU gehört. (Ausserdem hat XING bis heute noch keine brauchbare Handhabe vermittelt, wie man gezielt die Followerzahl bzw. Abonnentenzahl eines Unternehmensprofils erhöhen könnte. Aber dies nur als Randbemerkung).

Klickpreise pro Stellenanzeige lautlos erhöht

Drittens wurden die Preise nicht nur bei den Premium-Mitgliedschaften erhöht. Betroffen sind auch die Klickpreise bei geschalteten Stellenanzeigen des Formats “Text”.  Bis vor Kurzem  kostete der Klickpreis noch 0.85 Euro. Die von uns (damals bei der OFWI) geschaltete Stellenanzeige wurde bereits nach wenigen Wochen ohne Benachrichtigung mit dem neuen Preis abgerechnet, 1.05 Euro pro Klick. Der neue Klickpreis beträgt also umgerechnet nun 1. 25 Franken. Welche Summe sich da zusammenläppert nach einigen Klicks, kann man sich denken…

Die XING-Preise noch im 6. Februar 2014

Die XING-Preise noch am 6. Februar 2014

Die Abrechnung Ende Februar(28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

Die Abrechnung Ende Februar (28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

 

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

LinkedIn ist usabilitytechnisch eine Katastrophe

Alle diese schlecht kommunizierten Neuerungen XING anzulasten und aus Trotz das viel bessere LinkedIn hinaufzujubeln, ist aber aber ebenfalls nicht angebracht. Denn LinkedIn ist zwar internationaler aufgestellt, enthält mit Pulse eine “vitale” Nachrichten-App mit einflussreichen Opinion Leaders und registriert viel mehr Aktivitäten in den Themengruppen, ist usability-technisch jedoch eine einzige Katastrophe. Und in Sachen Unternehmenskommunikation genauso intransparent wie der Konkurrent aus dem deutschsprachigen DACH-Raum.

So wurde auch hier letzte Woche der “Produkt und Dienstleistung”-Bereich des Unternehmensprofils abgeschaltet und die Administratoren “genötigt”, eine Fokusseite für das jeweilige Produkt aufzubauen. Dass jene Fokusseiten für Submarken nur Sinn bei grossen Brands machen (zum Beispiel ein “M-Budget” für Migros), damit sie eine genauso grosse Gefolgschaft aufbauen kann wie bei der Stammseite (also das Unternehmensprofil auf LinkedIn) ist evident. Diese kleine Änderung erfuhr man via Emailbenachrichtigung 2 Wochen vor dem entscheidenden Release und findet man irgendwo versteckt auf der Hilfeseite von LinkedIn.

Eine detaillierte Abrechnung der Kreditkartenbelastung für geschaltete Sponsored Posts und LinkedIn-Ads sucht man als Admin vergeblich. Bis heute konnte ich unserer Buchhaltung lediglich einen Screenshot meines Analysedashboards des Paid Content vorweisen um die Transaktionen auf LinkedIn nachvollziehen können.

Fazit: Für B2B-Marketer sind Twitter und Google + besser geeignet

XING und LinkedIn werden oft als DIE sozialen B2B-Plattformen beschworen. Zu Unrecht, wie ich finde. Die grössten Bewegungen finden im Recruiting und Employer Branding-Bereich statt. In jene Geschäftsfelder wurde von Seiten XING und LinkedIn auch kräftig investiert in den letzten Jahren.

Die Zahl der Aktivitäten und Interaktionen in den Themen-Gruppen sind gefühlt sehr niedrig (XING präsentiert lediglich Umsatz und Mitgliederzahlen) , die bisher gelesenen Beiträge von Usern werberisch, langweilig, “sales-driven” und einseitig.  Für B2B-Marketer insbesondere im KMU-Bereich sind Twitter und Google+ einiges geeigneter. Dies ist einfach mein subjektiver Eindruck nach 3 Jahren Community Management im Business-to-Business-Sektor.

Update 24. April 2014: Dank dem Hinweis von Stephan im Kommentarfeld gibt es doch einen (einfacheren) Weg, wie man zu den LinkedIn-Rechnungen gelangt: http://linkedinsiders.wordpress.com/2012/09/02/linkedin-rechnungen-richtig-steuerlich-absetzen/ 

 

 

 

Vom Badge-Basar zur lichtdurchfluteten Wandelhalle

(Gastbeitrag für polithink.ch)

Am Dienstag wurde mit einer datenjournalistischen Innovation ein grosses Stück Transparenz über die Vernetzungen unter der Bundeshauskuppel geschaffen. Wieso die Parlamentarier nun gut daran tun, den natürlichen Lauf der digitalen Evolution nicht mit anachronistischen politischen Entscheidungen zu stoppen versuchen. Und wieso mehr Transparenz in der Wandelhalle das Milizparlament stärkt.

Im Dezember 2012 wurde ein Stück Parlamentsgeschichte geschrieben. Mittels Filmaufnahmen machte Politnetz publik, dass die Stimmen im Ständerat falsch ausgezählt worden sind. Diese Bekanntmachung und der zunehmende öffentliche Druck führte dazu, dass die kleine Kammer ihre Absage gegenüber elektronischen Erfassungssystemen beim Abstimmungsverhaltenkorrigierte und der Motion von This Jenny zustimmte.

Im Schatten dieses historischen Ereignisses hat derselbe Ständerat in der Wintersession ein anderen Vorstoss verworfen, der ebenfalls für mehr Licht hinter den Bundeshausmauern hätte sorgen sollen: Die Motion von Lukas Reimann (übernommen von Alt-Nationalrat Alexander J. Baumann), die die Offenlegung von Lobby-Aktivitäten der BundesparlamentarierInnen und sämtliche Interessensbindungen der Zutrittsberechtigten ins Bundeshaus verlangt, wurde von einer Mehrheit abgelehnt.

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Den ganzen Artikel gibt es auf polithink.ch zu lesen.

Meine Reise durch die Ukraine im Jahr 2010

In diesem Artikel versuche ich unpolitisch zu bleiben. Denn es wird jetzt etwas persönlich. Die  Ereignisse in der Ukraine  in den letzten Wochen versetzen mich zurück ins Jahr 2010, als ich zusammen mit meiner Schwester durch das grösste europäische Land unternommen haben. Eine Reise in die Heimat unserer Mutter und damit die Entdeckung unserer Wurzeln.

Es waren drei tolle Wochen voller wunderbarer Eindrücke, die uns die Vielfalt und Eigenheiten dieses Landes nähergebracht haben. Ein Land, in welchem der Ost/West-Graben zwar täglich spürbar ist und welches trotzdem eine ganz eigene Identität entwickelt hat. Ein Land mit einem grossem Nationalstolz und gleichzeitig omnipräsenten historischen Erbe  aus der Sowjetzeit.

Eine kleine Bilderschau mit ein paar wenigen Kommentaren von mir.

Angefangen hat alles in Lwiw. In der westukrainischen historischen Stadt, die zahlreiche Besatzungen durch europäische Grossmächte in der Vergangenheit erdulden musste.

Meine Schwester und ich wurden in den Restaurants kaum bedient, wenn wir unsere Bestellung in der Russischen Sprache aufgegeben haben. Also blieb uns die Wahl zwischen Ukrainisch, Polnisch (der grösste Teil der Touristen) oder Englisch. Da wir die anderen Sprachen nicht beherrschen,  blieb uns nur Englisch.  Was sie zwar kaum verstanden haben, aber ihnen immerhin ein -für osteuropäische Verhältnisse fast schon sagenhaftes- Lächeln auf die Lippen gezaubert hat.

Wenn das nationale Selbstverständnis eine Heimat innerhalb der Ukraine hätte, dann wäre das Lwiw. Trotz des ausgeprägten (nervigen) Nationalstolzes: Diese Stadt ist wunderbar und mindestens einen Besuch wert.

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Zwei in traditioneller Tracht gekleidete Ukrainerinnen an einem Stadtfest in Lwiw.

Die Kioske mit den spaltbreit geöffneten Fensterchen.

Die Kioske mit den spaltbreit geöffneten Fensterchen. Um sich vor Überfällen zu schützen.

Eine Bar mit verspielter  typischer Inschrift für Lwix namens "Chaos".  Viele Cafés haben fast schon gothischen Charakter

Eine Bar mit einer für Lwiw typisch verspielten Inschrift namens “Chaos”. Viele Cafés in der Altstadt haben diesen gothischen Charakter. Die europäischen Einflüsse dieser mehrfach besetzten Stadt sind klar spürbar.

Auch das überall anzutreffen: Die "Alkohol und Tabak" -Geschäfte

Auch diese Schilder sind überall anzutreffen: Die “Alkohol und Tabak” -Geschäfte

Omnipräsent: Die "Marscherutkis" sind die Kleinbustaxis, die halb-privat, halb-öffentlich organisiert sind.

Omnipräsent: Die “Marscherutkis” sind die Kleinbustaxis, die halb-privat, halb-öffentlich organisiert sind.

Kiev überraschte uns sehr. Im Positiven. Wir waren mit unseren Russischkenntnissen durchaus willkommene Gäste. Unsere Kleidung und Auftreten war jedoch doch touristisch genug (ukrainische Frauen sind selten in Hosen anzutreffen), dass man uns stets  zusätzlich noch die Englische Menükarte in die Hand drückte.

Die Läden, Speisekarten sind auf Ukrainisch beschriftet. Die Leute reden aber hauptsächlich Russisch. Mit diesem Unterschied scheint man sich im Alltag arrangiert zu haben (der Unterschied zwischen Ukrainisch und Russisch ist übrigens weitaus grösser als “nur” ein Dialekt ; das Ukrainische hat  Anleihen aus der Serbokroatischen Sprache aus Ex-Jugoslawien).

Verkäuferinnen beim Bessarabski Markt.

Verkäuferinnen beim Bessarabski Markt. In der Vitrine die von uns geliebten Quarkspeisen.

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Gelebte Erinnerungskultur: Symbole zum Gedenken an den Grossen Vaterländischen Krieg (2. Weltkrieg) sind omnipräsent in der Ukraine. Und zeigen den Stellenwert der grossen historischen Verbundenheit mit Russland auf. So auch diese Kolossalstatue (Mutter-Heimat-Statue).

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Der seit November 2013 weltberühmte Maidan. Auf dem Bild eine ukrainische Bekannte, die an der Kiever Kunsthochschule studiert und meine Wenigkeit.

Werke unserer Bekannten bei der Kunstschule. Die Universität war praktisch geschlossen während der Proteste.

Werke unserer Bekannten in der renommierten Kunsthochschule von Kiev. Die Universität war während der Proteste praktisch geschlossen.

Ein dunkles Stück sowjetische Geschichte.  Den Holodomor (Hungersholocaust, 1932-1933)

Ein dunkles Kapitel sowjetischer Geschichte. Den Holodomor (Hungersholocaust, 1932-1933), der von der Ukraine erst 2006 anerkannt worden ist.

. Meine Schwester, der Cousin meiner Mutter Pavlik und ich beim Bergwerk.

Beim Werk, welches dem Cousin meiner Mutter (Mitte) Pavlik gehört in Ukrainka (einem Vorort von Kiev).

Ein typisch ukrainisch-russisches Mahl: Borschtsch.

Ein typisch ukrainisch-russisches “Zwischendurch”-Mahl: Borschtsch und Fleisch und Käse.

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Nun folgte ein grosser Sprung Richtung Osten. Wir reisten nach Dnjepretrovsk mit dem Zug und von dort aus mit dem Bus nach Saporoschje, der Heimatstadt unserer Mutter.

Auch ihn sieht man überall, insbesondere im Osten. Lenin am Fuss des grossen Prospekts. Wenn man Ampel für Fussgänger auf Grün schaltet, erklingt Tschaikowsky aus Lautsprechern.

Auch ihn sieht man fast überall, insbesondere im Osten. Lenin am Fuss des grossen Prospekts (Grosse Hauptstrasse) in Saporoschje. Wenn die Ampel für Fussgänger auf Grün beim Prospekt schaltet, erklingt Musik von Tschaikowsky  aus den Lautsprechern (kein Witz).

Die "Kosaken" nach ihrer Darbietung auf der Insel Chortiza (dem "Ballenberg" der Ukraine)

Die “Kosaken” nach ihrer Darbietung auf der Insel Chortiza (dem “Ballenberg” der Ukraine)

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Die letzte Station war Odessa im Süden der Ukraine am Schwarzen Meer.  Ankunft 6:30 morgens mit dem Nachtzug (eine sehr interessante Erfahrung, die nur dank intensiver Überzeugungsarbeit seitens meiner Schwester möglich wurde).

Diese Stadt verkörperte für mich das mediterrane Ukraine. Man findet eine Mischung aus südlichem Flair (wobei sich die Strände relativ abseits der Stadt befinden aufgrund des grossen Hafens und man kaum von einem typischen Badeort sprechen kann), dem üblichen historischen Ambiente (viele heroische Monumente zur Versinnbildlichung des 2. Weltkriegs) und Schwerindustrie vor.  Gesprochen wird hier vorwiegend Russisch. Seltsamerweise haben wir in der ganzen  Stadt fast nirgendwo frischen Fisch gefunden (die ukrainische Küche ist allgemein sehr fleischlastig). Dank ein paar netten Zufallsbekanntschaften mit Einheimischen kamen wir in den Genuss einer lebhaften alternative Ausgangsszene.

Der Hafen von Odessa.

Der Hafen von Odessa.

Diese Treppe kennt man. Potemkin.

Diese Treppe kennt man. Potemkin. Wie so oft wirkt sie grösser als sie in Wirklichkeit ist.

 

Dies ist tatsächlich der Eingang eines (alternativen) Nachtclubs. Er hiess "Schrank".

Dies ist tatsächlich der Eingang eines (alternativen) Nachtclubs. Er hiess “Schrank”.

Könnte auch in Berlin sein. Ein sympathisches Café in Odessa.

Könnte auch in Berlin sein. Ein sympathisches Café in Odessa.

Wer nun nach dieser kleinen Zeitreise in die Vergangenheit ein flammendes Plädoyer für mehr Europa von mir erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich selber bin im Herzen Europäerin. Dennoch möchte ich mir kein politisches Urteil darüber anmassen, in welche Richtung sich das Land bewegen soll. Die vordringlichste Priorität war ein Ende der beidseitigen Gewalt, was mit den aktuellen Machtverschiebungen an dem letzten Wochenende eingeleitet worden ist. Und die Organisation von fairen Wahlen, die einem Rechtsstaat würdig ist.

Die ukrainische Bevölkerung soll an der Wahlurne über die Richtung des Landes befinden können.  Vorausgesetzt es haben sich bis zum Wahlzeitpunkt echte politische Alternativen mit klaren Parteiprogrammen gebildet. Und sich glaubwürdige nicht vorbelastete politische Persönlichkeiten zur Wahl aufgestellt. Als Bürgerin die die Vorzüge einer ausgeprägten Demokratie erleben darf, würde ich mir aber für die lokale Bevölkerung natürlich ein Plebiszit und damit eine Sachabstimmung zu dieser entscheidenden Frage (EU-RUS) wünschen.

 

Wer schlief während der Budget­debatte?

(Gastbeitrag für “Karl der Grosse”)

Die Zürcher Stadtratswahlen standen im Schatten des polarisierenden Abstimmungssonntags. Dies nicht zuletzt aufgrund des wenig aufregenden Ergebnisses von Ersterem: Bis auf die Schwächung des links-grünen Blocks durch den Einzug von Filippo Leutenegger (FDP) fanden keine Erdrutschsiege statt. Die Zeichen stehen also auf rot-grüne Kontinuität mit einem bürgerlicheren Anstrich (6:3-Verhältnis). Da ich als Wahlkampfbloggerin für Karl der Grosse genau hingeschaut habe, sind mir dennoch einige Dinge aufgefallen. Diese möchte ich im Folgenden rekapitulieren.

Zu diesem Wahlkampf wollte ich schon immer ein «Listicle» schreiben, sprich, einen Artikel mit prägnanten Punkten und hohem viralen Schleuderpotenzial. Los geht‘s:

1. Andres Türler (FDP) führte das Stadtratsranking mit den meisten Stimmen an und überholte damit sogar Stadtpräsidentin Mauch. Seinem eigenen Bekanntheitsgrad schien er wohl aufgrund der FDP-Wahlniederlagenserie der letzten Jahre nicht ganz zu trauen: Auf Wahlplakaten und Inseraten war stets prominent der «Bisher»-Status zusätzlich vermerkt. Die Sorge war vergebens. Der FDP gelang sogar der Sensationssieg mit drei zusätzlichen Sitzen. Ob damit der viel beschworene Niedergang der Freisinnigen abgewendet wurde? Wir werden es spätestens 2015 erfahren.

2. Nur die blockfreien «Outsider» Alternative und Grünliberale haben in diesem Wahlkampf ihre Budgets offengelegt (GLP: 250‘000 Franken; AL: 107‘000 Franken). Nicht mal die Transparenzbefürworter SP und die Grünen bezifferten die Höhe der eingesetzten Wahlkampfgelder für Gemeinde- und Stadtrat. Enttäuschend, wie ich finde.

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im "20 Minuten"

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im “20 Minuten”

Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen:

http://www.karldergrosse.ch/wer-schlief-waehrend-der-budgetdebatte/ 

Der Mensch hinter der Arbeitskraft wird wegradiert

Wieder ging ein umstrittener Abstimmungssonntag vondannen. Wieder mal hauchknapp. Und wieder giesst das (mitte-links angehauchte) Social Web Häme über die  fremdenfeindliche Schweiz (ich vermute zwar, dass fast jedes EU-Land ähnlich entschieden hätte, wenn die Bevölkerung denn darüber befinden dürfte). 

Das Hauptphänomen- wieso die Schweiz überhaupt  so viele ausländische Fachkräfte rekrutiert – wird weder von Befürwortern und Gegnern richtig thematisiert. 

Wie aktivieren wir das inländische Arbeitspotenzial? Wenn wir “zu attraktiv” sind für Ausländer,  wie schränken wir das ein? Wollen wir unbegrenztes Wachstum oder nicht?

Ich verstehe die Befürworter. Ich verstehe insbesondere den Kanton Tessin mit seiner hohen Zustimmung, die vermutlich auf den breiten Mittelstand und auf das akademische Milieu zurückgeht. Denn wenn man mit einem abgeschlossenen Architektenstudium mit 4000 Franken Bruttolohn immer noch “zu teuer” ist für gewisse Büros weil der Student aus Milano dieselbe Arbeit für die Hälfte des Lohnes verrichtet, dann stimmt etwas nicht mehr.

Ich verstehe auch alle anderen “Dichtestress”-Pendler die genug von überfüllten Zügen haben (wobei ich nach wie vor davon ausgehe, dass sich dieses Phänomen auf die Metropolitanregionen erstreckt und ich “Dichtestress” für das Unwort des Jahres halte).

“Technokraten”-Zustrom ohne Menschlichkeit

Dennoch bin ich entschieden gegen solche einseitigen Restriktionen und Tiraden, die auf dem Buckel von arbeitswilligen Ausländern ausgetragen werden.

Mehr noch ist das “Problemlösungsangebot” der Initianten alles andere als überzeugend. Sie wollen Kontingente von einer Zentralverwaltung definieren lassen und die Steuerungshoheit gänzlich der Wirtschaft überlassen. Damit soll also eine reine Technokraten-Rekrutierung entstehen (Experten, Fachkräfte ), menschliche Beziehungen und Bindungen (Familiennachzug) werden wohl in diesem Kontingent keinen Platz haben und wegsubtrahiert.

Der Arbeiter soll nach getaner Leistung entweder die Schweiz verlassen oder darf sich hier niederlassen. Wichtig ist also, dass er möglichst als “unbeschriebenes” Blatt in unser Land kommt.

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Wie schon Max Frisch sagte: “Wir riefen nach Arbeitskräften und es kamen Menschen”. Die Steuerung nach wirtschaftlichen Kriterien war bereits in den 60er und 70er Jahren ein persönliches Desaster für die betroffenen Gastarbeiter aus Italien.  Denn die menschliche Komponente von Mobilität lässt sich nicht einfach so wegradieren.

Vermutlich (wie ich schon auf Facebook und Twitter schrieb) wünscht sich der klassische SVP-ler den Junggesellen-Informatiker aus Indien mit temporärer Aufenthaltsbewilligung wohl mehr, als den Deutschen Ingenieur und Familienvater, der mit seiner Familie in die Schweiz zieht, hier sein privates Glück sucht und seine Zukunft in diesem Land aufbauen möchte.

Diese Denke ist nicht nur problematisch, sondern auch menschenverachtend.

Wollen wir Wachstum um jeden Preis?

Ich wünsche mir von der Politik und der Öffentlichkeit einen länger angelegte Debatte darüber, in welche Richtung es gehen soll und wie wir mit Migration umgehen möchten . Wollen wir weiterhin wirtschaftliche Prosperität und unbegrenztes Wachstum? Wenn nein, wie schränken wir die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz ein?

Hier fände ich ein politisch heterogenes “Potbourri”-Massnahmenbündel (Vorschläge von links und rechts) weitaus effektiver als Zuwanderungsstopps:

  • Vielleicht sollte man doch gewisse Überlegungen zu unseren kantonalen Steuerdumpingregimen machen, dank denen Unternehmenssitze hierher verlagert werden, Bauland und Infrastruktur benötigen, ausländische Facharbeiter nachziehen (wie dies Jacqueline Badran schon mehrfach forderte).
  • Vielleicht müsste man die “inländischen” Frauen hierzulande  mit  höhere Bildungsabschluss animieren im Erwerbsprozess dauerhaft zu verbleiben und sozial aufzusteigen? Via institutionellen Zwängen (Rückzahlung der “Staatsinvestitionen” in die Bildung bei Verzicht auf Erwerbsarbeit) oder via Quote in oberen Kadern…
  • Vielleicht soll der Zugang zu Sozialleistungen wie die ALV und AHV an die Bedingung eines längeren Aufenthalts geknüpft sein als nur ein oder zwei Jahre.
  • Vielleicht führt die Einführung eines verbindlichen Mindestlohns dazu, dass Schweizer und Ausländer insbesondere in den Grenzkantonen in Sachen Salär endlich gleichgeschaltet sind (und dieser nicht unterminiert werden kann).

Es gibt viele andere Hebel die man ansetzen kann, um am “Haupttreiber”- der Nachfrage an ausländischen Fachkräften- etwas verändern zu können und dieses zu drosseln.

Direkte Instant-Demokratie

Die hauchdünne Zustimmung bei der Masseneinwanderungsinitiative offenbart auch die Schwächen unseres direktdemokratischen Systems. Die Instant-Entscheidungen an der Urne schräubeln überall ein bisschen an unseren Entwicklungen, ohne dass man dadurch ein kohärentes stimmiges Bild der Schweiz, was dieses Land genau will, ableiten könnte: Ein bisschen weniger Ausländer, weniger Abzocke, keinen Lohndeckel,  Ausbau des ÖVs um jenen Dichtestress zu bewältigen, den man einzudämmen versucht…

Wir müssen beginnen, verschiedene Ansätze und Politikfelder miteinander in Beziehungen zu setzen und zu denken. Das gibt zwar für viele politische Lager folgerichtig einen Ideologie-Konflikt. Denn ich bezweifle sehr, dass die nationalkonservativen Kräfte gegen mehr Zuwanderung und gleichzeitig für mehr (inländische) berufliche Frauenförderung sind.

Aber nur mit einer konsistenten politischen Stossrichtung kann der gestern zum Ausdruck gebrachte Unmut aufgefangen werden. Und den fehlenden “Plan B” des Bundesrats ersetzen.

 

 

 

In der Höhle des blauen Löwen

(Gastbeitrag für “Karl der Grosse”- Zürcher Stadtratswahlkampf 2014)

Letzte Woche begab ich mich freiwillig in die Höhle des blauen Top 5-Löwen. Beim Podium der Top 5 diskutierten die StadtratsanwärterInnen der SVP, FDP und CVP über die Rettung des Gewerbes in der Stadt Zürich. Wobei «Diskussion» stark übertrieben ist. Die bürgerlichen Kandidaten überschlugen sich mit ihren Voten in der Frage, wer die Bedürfnisse der Gewerbler besser kenne und mehr Parkplätze schaffen könne. Unterhaltsam war die Runde trotz breitem Konsens allemal: dank erfrischender Fragen von einigen erbosten Gewerblern im Publikum und den satirischen – aber ernst gemeinten – Statements von Roland Scheck.

In der letzten Woche fanden zwei merkwürdige Wahlkampf-Podien statt. Merkwürdig, weil von einem «Podium» keine Rede sein kann, wenn politisch homogene Diskussionsteilnehmer aufeinander treffen und debattieren. Der Gewerbeverband Zürich lud im Swissôtel Zürich-Oerlikon zum Thema «Wieviel Gewerbe braucht Zürich?» zur «Debatte» mit den Top 5- Kandidaten ein.

Maskottchen und Symbol für die bürgerliche “Top 5-Offensive

Maskottchen und Symbol für die bürgerliche “Top 5-Offensive

Die Wahlkampfplattform der Gewerkschaften mit den linken Stadtratskandidaten mutete noch seltsamer an, weil gar keine Diskussionsfrage gestellt wurde, sondern auf dem Flyer ein kurzer Abriss über die Erfolgsgeschichte Zürich (dank linker Regentschaft im Stadtrat natürlich erst ermöglicht) formuliert war. Da mich die Herausforderer mehr interessieren als eine Stunde Selbstbeweihräucherung, war die Entscheidung also relativ schnell gefallen: Ich besuchte die Top 5.

Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen: http://www.karldergrosse.ch/in-der-hoehle-des-blauen-loewen/

 

 

Zu guter Letzt: Ein Brauch der Blogosphäre

Bevor ich neue Vorsätze für 2014 fasse, möchte ich noch paar Alte umsetzen.  Dank Marie-Christine Schindler weiss ich von solch interessanten Ritualen der Blogosphäre wie zum Beispiel der Blog-Parade und dem Blog-Stöckchen. Da ich dieses neulich von ihr auffangen durfte, schliesse ich wie in diesem Tweet versprochen mein Jahr mit diesem letzten Blogartikel ab.

Und ich bin so nett, einen Vorsatz für 10 weitere BloggerInnen bereits vorzuformulieren, indem ich  ihnen das Stöckchen gleich weiterreiche. Übers Mitmachen im nächsten Jahr würde ich mich freuen.

Dies waren also nun die Fragen von Marie-Christine an mich:

1. Welche fünf Keywords treffen auf dich zu?

Chaos, Prokrastination, impulsiv, Genuss, Politik

2. Wenn morgen das Internet abgestellt wird, dann bedeutet das für mich persönlich, …

… ein grosses Problem, da ich dann arbeitslos wäre. Die Konditionierung der letzten Jahre haben meinen Alltag ziemlich digitalisiert. Und ja mein Beruf definiert sich ja auch über das Internet (Social Media Kommunikation).

Ausserdem ertappe ich mich oft dabei, dass ich – wie ich neulich twitterte- in einem Printtext nach einem Wort suche und mir sehnlichst die Suchfunktion Ctrl+F herbeiwünsche…

Dies bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht selber schon bewusst öfters gewisse Zeitfenster offline setzte und dies nicht ausgiebig genossen habe. Meine Ferien im Ausland erlebe ich beispielsweise total internet-frei.

3. Dein Gegenüber rechnet dir vor, wie lange es noch bis zur Pensionierung dauert, damit es sich mit diesem Social-Media-Hype nicht mehr beschäftigen muss. Was sagst du?

Besser Du rechnest nach, wieviel Zeit Du mit der Ignoranz dieses Hypes verloren hast. Die sozialen Netzwerke werden irgendwann mal vorbeigehen, bzw. aufgehen in die alltägliche Kommunikationsstruktur, in der digital und analog mehr und mehr verwoben werden. Sich darauf einzulassen ist vielleicht eine Umstellung und erforderte eine andere Art der Verständigung, da man sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt. Aber am Ende lernt man so viele interessante Leute kennen, die man nicht zufällig an der nächsten Strassenecke getroffen hätte.

Update 28.12.2013 um 19:00: Social Media ist wie die direkte Begegnung zwischen zwei Menschen eine Frage der Haltung. Ist jemand offen für neue Personen, hört man ihnen zu und möchte einen Dialog auf gleicher Augenhöhe starten, so spielt es keine Rolle  durch welche Kanäle das geschieht. Ist also mein Gegenüber offen dafür im direkten Gespräch, so wäre es auch ein Leichtes für ihn dieses online fortzusetzen.

4. Wie bleibst du über das, was die Welt bewegt, auf dem Laufenden?

DIE Welt  oder das Weltgeschehen gibt es meiner Meinung nicht, sondern eher viele verschiedene disparate Themen-Öffentlichkeiten und für alle gibt es Fachblogs und Plattformen der digitalen Avantgarde und Meinungsführer. Ich versuche was Wirtschaft und Politik angeht, wenig News zu konsumieren, sondern eher die reflektierenden Geschichten zu lesen. Ich habe mir schon oft eine Newsdiät verordnet, auch wenn ich den Echtzeit-Charakter von News-Tickern und Live-Streams über alles liebe.

Ich lese mit Vorliebe gerne Spiegel Online, Zeit.de und auch den Tagi Online. Die meisten Titel lasse ich mir aber von meiner Twitter-Timeline servieren, beispielsweise durch den News-Män. Twitter ist für mich sowieso die personalisierte Zeitung, da Gleichgesinnte die von ihnen gelesenen Artikeln mit einer persönlichen Note anreichern. Erst dadurch wird der Artikel schmackhaft für mich.

Da mich auch Reflexionen rund um die Medienwelt interessieren, lese ich auch öfters mal die Medienwoche oder  den Blog Lousy Pennies.

Und dann gibt es noch einige amerikanische Blogs wie Politico und Tech President, in denen ich mich über politische Innovationen im Web und Insider-News in Washington informiere.

Was Entwicklungen in  Social Media und  allgemein in der IT-Wirtschaft angeht: Die “Klassiker” wie t3n, techCrunch, netzwertig.com, etc.

5. Welches ist das bisher beste Social Media Event, an dem du teilgenommen hast?

Der beste Event bis anhin war eigentlich “Data Storys” vom Centre of Storytelling letzten Herbst. Gerade weil Social Media nicht Hauptthema der Veranstaltung war, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Data Stories behandelt wurde. Das Thema wurde sehr vielseitig aus Marketing-, Journalismus-, Künstler- und Philosophie-Blickwinkeln betrachtet.

6. Wie findet ein Newbie Anschluss an die Schweizer Online-Szene?

Indem er seine Themen findet und einen Blog aufsetzt. Ich folge viele vielen unbekannten BloggerInnen, die aber vielversprechend schreiben und von denen man wahrscheinlich in Zukunft viel erwarten kann. Hinter Blogs stehe Persönlichkeiten, die subjektiv über ihre Meinungen und Ansichten schreiben. Gewinnt man bekannte Multiplikatoren als Blog-Abonnenten, erzielt man schnell eine grosse Reichweite.

Erst der Blog und dann die Social Media-Profile. Diese Reihenfolge würde ich empfehlen.

7. Welches sind deine drei Lieblings-Apps?

Flipboard, Twitter, Google Drive

8. Wir basteln uns ein Social-Media-Bullshit-Bingo. Welche fünf Begriffe dürfen auf keinen Fall fehlen?

Conversion-Rate, “Wir müssen jetzt auch Social Media”, Fav-en, Content is King…  Das sind jetzt so die spontanen Begriffe, für Weiteres müsste ich den SocialMedia-Sprech konsultieren.

Und nun ihr:

Nachdem ich nun meinen Beitrag “geleistet” habe, reiche ich das Blog-Stöckchen weiter an ein paar weitere ausgewählte BloggerInen, über die mich folgendes interessieren würde…

- Luzia Tschirky

- Roman Kappeler

- Alexander Sautter

- Olivia Kühni

- Nick Lüthi

- Andreas Kyriacou

- Carmen Epp

- Sofia Esteves

- Anna Jobin

- Thomas Gemperle

1. Hast Du den Offline-Day mitgemacht? Wenn Nein, weshalb nicht? Und wenn Ja, wie war es? 

2. Nenne bitte den Monat und das Jahr Deines allerersten Blogartikels und den Titel davon. 

3.  Welches App schaust Du morgens als Erstes an…?

4. Könntest Du Dir vorstellen eines Tages Dein Geld alleine im Netz zu verdienen?

5. In welchem Jahr, glaubst Du, wird der erste Schweizer Wahlkampf hauptsächlich “im Netz” gewonnen?

6. Ganz ehrlich: Hast Du irgendwas an Deinen digitalen Kommunikationsgepflogenheiten verändert, seit PRISM der NSA bekannt geworden ist (Mails-Verschlüsselung zum Beispiel)?

7. Bist Du auf “phubbing” reingefallen?

8. Was erklärst Du alteingesessenen kulturpessimistische Printjournalismus-Koriphäen wie Frank Schirrmacher die Chancen des Internets, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

9. Du-zen oder Sie-zen im Blog? Was ist der Königsweg?

10. Ein attraktives neues Medienportal bietet Dir eine lukrative Redaktorenstelle an; Du müsstest lediglich hin und wieder ein paar Native Advertising-Texte von Unternehmen veredeln und redaktionell “anreichern”. Würdest Du annehmen?

11. Wie oft hast Du dieses Jahr “Breaking” getwittert?

Wenn ihr die Fragen beantwortet, könnt ihr euch 5-10 weitere fiese (oder eben nette) Fragen ausdenken und an Personen weiterreichen, von denen ihr schon immer mal zitiert werden wolltet…Aber keinen Zwang bitte.

Nochmals zum Prinzip, erklärt von Marie-Christine: ”Das Stöckchen besteht aus vorgegebenen Fragen und ohne Deadline. Jemand beantwortet diese Fragen in seinem Blog und wirft das Stöckchen am Ende an jemand anderen (oder an mehrere) weiter.”

In diesem Sinne: Ein blogreiches 2014 wünsche ich euch allen!

Wer spart sexy?

Es ist Mitte Dezember und der rituelle Budget-Marathon (mit insgesamt 436 Anträgen) ging über die Bühne. Auf der gut gefüllten Tribüne habe ich mir das Spektakel am ersten Tag während ein paar Stunden zu Gemüte geführt und einiges über das Feilschen um Leistungen und über die Diskussionskultur im Gemeinderat gelernt.

Wahlbeobachterin Adrienne Fichter: Budgetdebatte

Es fehlte lediglich das Popcorn und ein gesprächiger nicht-betroffener Mit-Zuschauer an meiner Seite; ich schätze, meine konzentrierten Sitznachbarn waren allesamt Verwaltungsangestellte.

Mit seinen Plebisziten gegen Kunstprojeke im öffentlichen Raum feiert das konservative Lager manchmal Überraschungserfolge. Es stellte mit dem Referendum das «Nagelhaus» beim Escher-Wyss-Platz zur Disposition und bekämpfte es mit dem Slogan «5 Millionen für e Schiissi» erfolgreich an der Urne.

Diese kleinen Erfolgsgeschichten bestärkten den SVP-Gemeinderat Mauro Tuena in seinem Versprechen eingangs der Budget-Debatte, dass es mit den «Top 5» keine «unsinnigen Projekte» wie den geplanten Hafenkran-Bau oder die «Klangspiele im Tramdepot» geben werde.

Den ganzen Blogartikel gibt es hier zu lesen

Wieso wir “Borgen” lieb(t)en

Wer hoffte, ich werde in diesem Blogpost mit neuen Insider-Informationen über eine allfällige Fortsetzung der beliebten Politserie “Borgen” aufwarten können… Leider nein. Obwohl bei der amerikanischen IMDB-Plattform offiziell noch kein Ende von Borgen verkündet worden wird (2010-), scheint vor paar Wochen wirklich die allerletzte Folge ausgestrahlt worden zu sein. Das Finale rundete das Wirken der ehemaligen Premierministerin konziliant und glaubwürdig ab: Die Hauptprotagonistin Brigitte Nyborg kehrt zurück an die Macht, verzichtet aber bescheiden auf den Premierposten und wird dadurch dem Volkswillen gerecht, der ihrer neuen Partei auf Anhieb 13 Sitze  aber keine regierungsbildende Mehrheit bescherte.   

Lasst uns also die Serie nochmals Revue passieren und noch etwas in Erinnerungen schwelgen: Wieso wir Borgen lieb(t)en und weshalb die SRG SSR (oder das SRF) gut daran täte, eine eigene unterhaltsame Polit-Serie auf die Beine zu stellen, anstatt verklärte, antiquierte Heldenmythen zu produzieren…

Die Pforten der Macht. Nach Christiansborg (nicht im Bild) streben die dänischen Politiker. Quelle: pixabay.com

Die Pforten der Macht. Nach Christiansborg, dem dänischen Regierungssitz , streben die dänischen Politiker (im Bild die Tür eines Parlamentsgebäudes) Quelle: pixabay.com

Der Blogger Lukas Riepler hat in seiner Analyse die Gründe für die weltweite Borgen-Begeisterung brillant zusammengefassst und mit zahlreichen Hintergrundfakten ergänzt.  Ich versuche in diesem Blogpost die Beweggründe noch auf das Schweizer TV-Publikum umzumünzen, da sich auch hierzulande die Serie grosser Beliebtheit erfreute. Und ich versuche aufzuzeigen, was wir von “Borgen” über Politik lernen konnten:

  • Wir Schweizer identifizieren uns mit anderen kleinen “globalen Playern”. Dänemark ist ein Kleinstaat und zählt weniger Einwohner als die Schweiz. Sowohl die Schweiz als auch Dänemark treten auf der internationalen Bühne immer wieder als Vermittler von regionalen Konflikten auf (was in der Folge “Friedensverhandlungen” schön thematisiert worden ist). In Dänemark scheint ausserdem- wie auch in der Schweiz – die Immigrationspolitik ewiges Politikum zu sein. Diese Konfliktlinien wurde bei “Borgen” immer wieder aufgegriffen. Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied bei den politischen Systemen: Anstatt eines Milizparlaments wie in der Schweiz, existiert in Dänemark ein hochprofessioneller Politbetrieb mit einem breiten Parteienspektrum (ich dachte früher, es gäbe nur in der Schweiz so einen fragmentierten Parteienmarkt) was nicht zuletzt auf die niedrigen Eintrittshürden (2%-Wahlhürde) zurückzuführen ist. Dass jene BerufspolitikerInnen sowie die gesamte Entourage manchmal in eine eigene Parallelwelt abdriften, manifestiert sich schön im Titel der Sendung. Borgen bedeutet übersetzt: “Die Burg”. Damit ist Christiansborg gemeint, den dänischen Regierungssitz.   Brigitte Nyborg gehörte als Premierministerin der Moderaten-Partei an, die am Ehesten mit unserer FDP vergleichbar ist. Aufgrund von politischen Unstimmigkeiten mit dem Vorsitzenden trat sie aus der Partei aus und gründete eine neue politische Gruppierung, die “Neuen Demokraten”.  Das Schweizer Äquivalent der”Neuen Demokraten” wären wohl am Ehesten “unsere” Grünliberalen. Sie befürworten eine freiheitliche Marktwirtschaft mit ökologisch nachhaltiger Ausrichtung und verfolgen in der Ausländerpolitik einen restriktiveren Kurs als die linken Parteien. Ich bin übrigens gespannt, ob andere Schweizer PolitologInnen oder Politikinteressierte diese Einschätzung teilen… (Kommentare erwünscht!)
  • Wie sehr Medien- und Politikwelt miteinander verbandelt sind, wird in der dritten Staffel sehr gut veranschaulicht. Dierevolving doors ist ein Phänomen, welches wir gerade im Milizparlament gut kennen: PolitikerInnen, die nach dem Ende ihrer politischen Laufbahn in der Wirtschaft oder im Lobbyismus Fuss fassen und umgekehrt. In Dänemark scheint diese Symbiose zudem in Form von engen Beziehungen von Medien und Politik zu gelten. Katrine Fønsmark, eine hochambitionierte Journalistin wechselt in die Politik und wird Pressesprecherin von Nyborgs neuer Partei. Kasper Juul, ehemaliger Spin-Doctor von Nyborg, erhält umgekehrt eine eigene Sendung beim Fernsehsender TV1 (sein Rollenwechsel und die Entwicklung seines Charakters kamen in den letzten Folgen leider reichlich zu kurz, wie auch schon Riepler feststellte). Diese Seitenwechsel wirkten zuerst nicht zuletzt aufgrund des Zeitsprungs in der Dritten Staffel auf den Zuschauer etwas befremdend, doch erscheinen sie einem im Verlauf der Staffel immer “natürlicher”. Denn beide kennen die Regeln des politischen Spiels und des medialen Agenda-Settings sehr gut und nutzen dieses Wissen in ihrer neuen Aufgabe gewinnbringend aus.                                                                                                                        Ich war übrigens überrascht, wieviele Boulevard-Printtitel in Dänemark existieren, die begierig die Intimitäten und persönlichen Schicksale der PolitikerInnen skandalisieren. Da sind wir mit unseren einzigen Boulevardmedien “Blick” und “20 Minuten” und dem restlichen Blätterwald geradezu glücklich gesegnet…
  • Politik ist oft ein Kuhhandel, wie uns bereits vor 10 Jahren der Doku-Film “Mais im Bundeshuus” eindrücklich demonstrierte.  Die Ideologie wird oft dem Pragmatismus geopfert. Manch ehrgeiziges Projekt von Nyborg scheiterte am Widerstand oder an den Eitelkeiten ihrer direkten Widersacher oder Mitstreitern  aus den eigenen Reihen. Doch die Premierministerin liess gemeinsam mit ihren engsten Beratern stets politischen Sachverstand walten und ringte bis zuletzt um einen Kompromiss.  Wurden aber die Konsens-Lösungen am Ende so verwässert, dass kein ideologischer Bezug mehr zum ursprünglichen Gesetzesvorstoss bestand, hatte sie die Courage die ganze Vorlage zu verwerfen. Diese Gratwanderung zwischen Machterhalt, Gesichtsverlust, Idealismus, sowie Reform- und Gestaltungswillen machte fast jede Folge spannend bis zur letzten Minute.
  • Vor Rückschlägen im Privatleben ist niemand gefeit. Auch eine Premierministerin nicht. Die Zuschauer leiden und fühlen mit der Hauptprotagonistin mit, deren Ehe während der Amtszeit in die Brüche geht. Wie die NZZ es treffend beschrieb, wurde dabei eine ungeschönte Realität vermittelt, die hautnah mitfühlen lässt, wie es den Protagonisten dabei ergeht.

Politische Bildung spannend inszeniert. Ein Vorschlag für die SRG SSR

Natürlich bietet ein siebenköpfiger Bundesrat nicht den gleichen sexy TV-Stoff wie die personalisierte Politik eines parlamentarischen Systems mit eine/r Premierminister/-in (welches zusätzlich der Europäischen Union angehört und mit Grönland auch eine weltpolitisch bewegte Vergangenheit  besitzt).

Doch würde eine ebenbürtige gut produzierte Schweizer Ausgabe ein gutes Lehrstück in Sachen Politische Bildung abgeben.  Bundesbern-Insider könnten Drehbuchautoren mit Inputs beliefern.  Man könnte politische Brennpunkte in 60-minütigen Sendeformaten spannend aufbereiten. Ausserdem lernen die Zuschauer dadurch manches über das Feilschen und Verhandeln in der Wandelhalle und andere taktische Ränkespiele im Polit-Zirkus.

Die vermittelten Inhalten entsprechend vielleicht nicht den bisherigen gängigen Staatskundeunterrichtslektionen, würde aber Politik einem grösseren und jüngeren Publikum schmackhafter geworden. Natürlich muss man als Zuschauer auch kritische Distanz zum TV-Geschehen walten lassen: Wie sehr fiktive Realitäten die öffentliche Wahrnehmung des Publikums beeinflussen können, zeigte sich bei der amerikanischen Polit-Serie “West Wing” (ein grosser Teil des amerikanischen TV-Publikums wollte danach Martin Sheen als nächsten US-Bundespräsidenten wählen) und eben auch bei “Borgen”: Ein Jahr, nachdem die 1. Staffel im Jahr 2010 über dem dänischen TV-Bildschirm flimmerte, wurde tatsächlich  die erste Premierministerin Dänemarks gewählt. Sie gehört aber zu den Sozialdemokraten. Welchen Anteil “Borgen” daran hatte, sei mal dahingestellt.

Und nun interessiert mich: Was hat euch an “Borgen” begeistert?

Die Top 5 glänzten erstmal mit Abwesenheit

Stell Dir vor, ein Verband präsentiert seine WunschpolitikerInnen. Und kein einziger von ihnen ist vor Ort. So ähnlich muss sich das vor drei Wochen bei der Präsentation des Forums Zürich der fünf bürgerlichen Stadtratskandidaten zugetragen haben. Womit sich die Fragen aufdrängen: Wie ernst ist das vollmundig verkündete Wahlprogramm «Top 5 – Für ein liberales Zürich» zu nehmen? Und wieviel Eintracht verbirgt sich wirklich hinter der demonstrativen Top 5-Geschlossenheit, die uns neu von sämtlichen Plakatwänden anlächelt?

Ein Hinweis machte mich hellhörig: Auf Twitter antwortete neulich die NZZ-Journalistin Christina Neuhaus auf eine Frage des Kandidaten Samuel Dubno, keiner sei anwesend gewesen. Der SP-Gemeinderat Alan Sangines hakte nach und spottete über die Absenz der Kandidaten.

neuhaus

Worum es ging? Die Wirtschafts­verbände haben am 22. Oktober ihre Kampagne zum Support der bürgerlichen Stadtrats­kandidaturen vorgestellt. Ein Anlass zur Präsentation einer bürgerlichen Wahlplattform, bei der keiner der portierten Kandidaten vor Ort erscheint? Das macht trotz allfälligen Terminkollisionen nicht gerade eine gute Falle.

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