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Über die blöden sozialen Medien: Ein offener Brief an Herrn Strittmatter

Lieber Herr Strittmatter

Ich lese seit geraumer Zeit die Handelszeitung und habe mir neulich das Interview mit Ihnen zu Gemüte geführt. Leitthema des Interviews war die Frage, weshalb die Bindungen zwischen Auftraggeber und (Werbe-)Agenturen in den letzten Jahren fluktuativer geworden sind. Und wie sich der verschärfte Wettbewerb auf die Anbieter auswirkt.

Auf die Frage Ihres Interviewpartners, ob Sie für Ihre Kunden auch den Einsatz von Social Media anbieten, antworteten Sie unverfroren: „Wir setzen da externe Spezialisten ein, die nichts dagegen haben, für solche Sachen blöd genug zu sein”

Mal abgesehen von ihren offensiven Beleidigung Ihrer Partner, die sich offenbar gerne „intellektell unterfordern” lassen, eine kleine Stellungnahme von Jemandem aus der betroffenen blöden Social Media-Gilde (da vermutlich wenig LeserInnen der Handelszeitung in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, ist es wohl die Erste dieser Art):

Ich selber arbeite nicht in der Werbebranche und auch Ihr Name war mir vorher unbekannt. Ihre provokative Aussage hat jedoch mein Interesse für Ihre Person geweckt. Denn selten habe ich eine so herablassende Äusserung über die professionelle Nutzung von Social Media in der Medienöffentlichkeit gehört. Die meisten exponierten Personen in der Politik-, Wirtschafts- und Medienwelt, die mit sozialen Netzwerken nichts anzufangen wissen, halten sich eher vornehm zurück. Und begründen Ihre negative Einstellung mit ihrem Alter, ihrer Überforderung oder anderen (Lern-) Resistenzen gegenüber Web-Plattformen. Sie hingegen schienen Ihrem Urteil keine Erklärung beifügen zu wollen (vielleicht wurde eine allfällige Begründung auch aus Platzspargründen entfernt, was ich dann natürlich der Redaktion und nicht Ihnen anlasten würde).

Ich habe mir daraufhin von verschiedenen Seiten sagen lassen (u.a. auch von informierten vermeintlich „blöden“ Berufskollegen Ihrer Branche via Twitter), Sie gehörten in früheren Jahren zu den Granden der Werbebranche und führen eine renommierte Werbeagentur (die GGK) mit prestigeträchtigen Kunden.  Ihr Stern sei jedoch nach Meinung von Kennern verglüht und diese Aussage demonstriere einmal mehr ihre Frustration über diesen Wandel, der sich auch in der Werbebranche vollzogen habe. Den Sie offensichtlich nicht mittragen möchten. (Auch diese Diskussion führte ich übrigens auf dem „blöden“ Twitter)

Mich würde interessieren: Woher stammt nur diese abwertende Haltung gegenüber sozialen Medien und ihren Nutzern, denen Sie offensichtlich einen niedrigen Intelligenzquotienten zuschreiben?

Offensichtlich erachten Sie die Verpackung Ihrer Inhalte im Rahmen von 140 Zeichen als Trivialisierung der Werbekunst. Sind denn klassische Werbeslogans denn nicht meist noch kürzer formuliert? Appellieren denn Beiträge, Tweets und Postings auf Facebook, Twitter und Co. in denen zur Mitwirkung und Engagement aufgefordert wird, nicht mehr an den Verstand? Sind involvierende Fragen nicht anregender, spannender für den Konsumenten? Erhöht sich die Identifikation mit einer gewissen Marke nicht gerade dadurch?

Erfordert das Konzipieren und Produzieren klassischer Werbemittel tatsächlich mehr Intelligenz? Zeichnen sich passivere Rezipienten Ihrer Werbebotschaften tatsächlich durch höheres Niveau in ihrem Konsumverhalten aus?

Scheinbar – und nun stelle ich einige Vermutungen an, die ich aber bei anderem Sachverhalt gerne bereit bin, zu revidieren- sind Sie nicht sonderlich interessiert an den Reaktionen der angesprochenen Zielgruppen. Und bevorzugen die etablierte Einwegkommunikationsschiene. Sie verhöhnen als “enfant terrible”  der Schweizer Werbeszene somit lieber die Dialogmedien und deren Knowhow-Träger mit plumpen Worten. Wahrscheinlich weil neue Agenturen, die sich in den letzen Jahren auf digitale Werbekampagnen spezialisierten, Sie vom Spitzenplatz des Werbeolymps verdrängt haben. Das ist bedauernswert.

Natürlich, Sie brauchen sich auch nicht Feuer und Flamme für den Einsatz von Social Media zu begeistern. Schweigen darüber oder ein diskreter Verweis auf die Auslagerung des “Online-Zeugs” an Ihre Partneragenturen hätten es auch schon getan. Mit dieser Bemerkung haben Sie sich meiner Ansicht nach aber als Werbeprofi disqualifiziert. Sie bestätigen damit viel mehr das Bild des typischen selbstgefälligen Werbers. Ich hoffe, die Redakteure der Handelszeitung erweitern ihr Expertennetzwerk um einige offenere Branchenkenner, mit ganzheitlicherem Blick für Werbe- und Marketingmethoden. Denn nur eine solche Konsequenz würde die jüngste Berichterstattung über die Phänomene rund um soziale Medien und deren Bedeutung für die Wirtschaftswelt, denen sich die Redaktion mit grosser Offenheit und Neugier widmete, glaubwürdig erscheinen lassen.

Als Letztes möchte ich noch eine abschliessende Bemerkung als Konsumentin und potenzielle Kundin Ihrer Auftraggeber machen: Früher habe ich oft bei Werbespots oder Bannerwerbung weggeschaut, geklickt oder –geschaltet. Und wenn das Werbefenster stets zeitlich begrenzt war, dann halt einfach über mich “ergehen” lassen. Nun habe ich die Möglichkeit meine Meinung zur Kampagne kundzutun und den Unternehmen in einem einfachen Kommentarfeld mitzuteilen, wie clever, intelligent, witzig ich die jeweilige Werbeidee und –umsetzung empfinde. Schon alleine aufgrund des Muts, sich den kritischen Meinungen der Weböffentlichkeit zu stellen, würde ich aber auf die Verwendung des Adjektivs „blöd“ tunlichst verzichten. Die Web-Netiquette in Social Media hat nämlich eine disziplinierende Wirkung unter den Web-Nutzern. Gerade Kraftausdrücke gelten in der Online-Community oft als verpönt.

Über eine Antwort oder mehrere Antworten (zugegeben, ich habe auch viele Fragen gestellt) von Ihnen würden ich und bestimmt auch viele andere “blöde” Social Web-NutzerInnen sich freuen. 

Mit freundlichen Grüssen.

Adrienne Fichter

 PS: Auf Ihrer Website wurden Sie in Ihrem Porträt als “Pionier und Bewahrer” umschrieben: Ich hoffe, der Pioniergeist wird wieder aufflammen und gegenüber dem zweiten Element überwiegen.  Denn ich glaube Konservatismus macht sich nicht so gut in Ihrer Branche.

 

 

Google+: Meine Läuterung

Zu Beginn des Somexcloud-Lehrgangs habe ich hier in einem Blogpost über das soziale Netzwerk Google+ gelästert, bzw. über dessen Alleinstellungmerkmal gerätselt und um Erleuchtung gebeten.  Nun 10 Wochen, etliche Kommentare auf meinen Blogpost und ein Modul später, korrigiere ich einige meiner Vorwürfe und habe meine Meinung in weiten Teilen geändert. Mehr noch: Ich beginne mich allmählich zu einer begeisterten Anhängerin zu entwickeln.  Morgens logge ich in einem Zug in alle 3  Netzwerke ein, was ein Zeichen dafür ist dass sich Google + gegenüber Facebook und Twitter  als ein gleichwertiges Netzwerk emanzipiert hat. Und ich erwische mich mittlerweile dabei, wie ich mehrmals täglich auch meine Startseite aktualisiere.

Was mich zu meinem Sinneswandel bewogen hat? Nach einer beruflich bedingten vertieften Auseinandersetzung und einigen Inputs von Reto Stuber gibt es einige Punkte, die mir Google+ nicht nur sympathisch gemacht, sondern mir auch eine neue Art von „Social Media“-Erfahrung offenbart haben:

-          Themen: Ganz klar besticht der thematische Ansatz. Einerseits durch die Ansprache eines gezielten Zielpublikums, die ich in meinen „Circles“ sortiert habe. Andererseits  kann ich in der Suchfunktion bei einem Thema nach Profilen und Seiten suchen, sowie auch nach Postings und anderen relevante Websiten „aus dem Web“, die Google indexiert hat. Dadurch erhalte ich zu einem konkreten Stichwort einen Überblick, wer sich dazu engagiert, was darüber geredet wird und welche weitere interessante Quellen im Netz zu finden sind. Das Stöbern durch die Treffer hat Unterhaltungswert. Diese Kombination aus klassischen Suchmaschineresultaten und gut sozial vernetzen Multiplikatoren, die passende Inhalte empfehlen, hebt die ganze Vernetzung auf ein neues, qualitativ höheres Niveau als bei Facebook und Twitter.

-          Interaktionen: Auch trifft man mittlerweile nicht mehr nur Social Media- Geeks der ersten Stunde, die sich über neue SEO-Massnahmen ereifern und stolpert weniger über „tote Profile“, deren Nutzer sich dem Hype vor einem Jahr beugten und widerwillig ein Profil erstellten. Allmählich trennt sich die Spreu vom Weizen und ich stosse immer mehr auf aktive Nutzer, die länger als 2 Minuten auf Google+ verweilen. Ausserdem erlebte ich bereits einige interessante Dialoge mit neuen (mir noch unbekannten) Kontakten, die im Rahmen von 140 Zeichen gar nicht möglich gewesen wären.

-          Suchmaschine: Die prophezeiten positiven Effekte auf das Google-Ranking habe ich durch viele Selbstversuche erlebt: Auf der ersten Seite der Suchtreffer wird die Integration des Netzwerks in die Suchmaschine immer relevanter. Und die Bedeutung als übergreifender integrativer Klebstoff für alle Google-Dienste (Mail, Maps, Docs) nimmt zu.

-          Vollständigkeit: Es gibt, im Gegensatz zu Facebook,  keinen –entschuldigt- verdammten Edge Rank, der mir meinen Newsstream vorfiltert und entscheidet, was mich interessieren könnte. Ich sehe alle Beiträge meiner Kreiskontakte und kann dann selber entscheiden, wen ich bei „Übermüllung“ wieder aussortiere.

-          Ästhetische Finessen: Visuell und technisch ist das Netzwerk top. Die Beiträge können nach Veröffentlichung wieder bearbeitet werden, Bilder und speziell Fotos wirken in einem Post besonders gross und eindrucksvoll.

Nach dem Loblied nun aber auch ein gewichtiger Kritikpunkt: Oftmals wird in der Blogosphäre davon geschwärmt, Google+ werde im Gegensatz zu Facebook DAS B2B-Netzwerk und unverzichtbar für jedes Unternehmen.  Nun: Sollte das wirklich das Ziel sein, macht es uns Google aber nicht gerade leicht: Eine aktive Vernetzung „als“ Unternehmensseite ist nicht möglich. Die Kreise können erst gefüllt werden, nachdem jemand anderes meine Unternehmensseite zu seinen Kontakten hinzugefügt hat. Klar könnte man den share und +1-Button in die eigene Website einbauen, um seine Positionierung bei der Suchmaschine zu optimieren. Aber mit einer Google+-Seite fühlt man (noch) sich irgendwie auf einer Party mit Redeverbot. Und dementsprechend alleine. Obwohl rundherum Plauderstimmung herrscht.

Welche Tipps kann ich dem einen oder anderen Google+-Muffel (den ich bis vor Kurzem selber war) unter euch mitgeben, um dieses neuartige und begeisternde „Google+-Erlebnis“ mit mir zu teilen?

Klar ist: Passives Abwarten auf das grosse “Wow”-Feeling bringt nichts. Bringt euch aktiv in die Dialoge einbringen, kommentiert und teilt Links, die ihr mögt. Die Resonanz und das Echo auf eure Interaktionen werden in Zukunft bestimmt zuzunehmen. Nicht zuletzt wegen der erstarkten Gegenbewegung vieler Google+-User auf die unsäglichen Unkenrufe digitaler Opinion Leaders, die die in Blogs und Foren Google+ bereits für tot erklärt haben