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Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

Social Politics & Journalism – Die Zweite

Kann Zuckerberg Trump verhindern? Vermutlich ja. Dies und andere spannende Fundstücke der letzten Woche in meiner zweiten Ausgabe von SPJ (ich werde mich mehr auf Politik als auf Journalismus fokussieren, da der Themenbereich Social Journalism mit verschiedenen Angeboten wie den smwatchblog bereits gut abgedeckt ist)

  • Wenn Facebook morgen beschliessen würde, durch aktives Löschen von Postings anderer politischer Couleur nur noch linksliberale Parteien in der Schweiz und in Deutschland zu unterstützen, hätte dies wohl keinen spürbaren Effekt auf die nächsten Wahlen. Das nationalkonservative oder wertkonservative Elektorat würde vielleicht etwas vermindert werden. Die CDU/CSU-Basis würde vielleicht ein klein wenig schwächeln. Eine SVP  bliebe die wählerstärkste Partei bei den Eidgenossen.                                                                                                                                                                                                                                                                    In  den USA hingegen sähe das ganz anders aus. Bei der hohen Facebook-Durchdringung der Gesellschaft, dem ausgebauten digitalen Ökosystem und den hohen Investitionsbereitschaft von politischen Parteien in ausgefeilte Data-Mining-Techniken für Kampagnen, könnte Marc Zuckerberg wohl auch einen Donald Trump verhindern. Wenn er denn wollte. Denn die amerikanische Verfassung sieht auch bei einer zeitgemässer Auslegung keine Beschränkung von Filterfunktionen bei reichweitenstarken Plattformen vorFacebook wouldn’t have to disclose it was doing this, and would be protected by the First Amendment,” schreibt ein Gizmodo Redakteur Michael Nunez.     

 

  • Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

    Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einfluss auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Die aufgeflammte Debatte nach einem internen Facebook-Q&A ist für mich das spannendste Thema im digitalen US-Wahlkampf.  Social Media bieten einen Rahmen für politische Debatten an, ohne dies aktiv zu wollen. Damit haben sie  nicht-legitimiert quasi-staatliche Aufgaben übernommen,                                                       Man erinnere sich an den Aufschrei über das Emotionenexperiment und die Rückblende über die Testgruppen beim “I’m a voter”-Button. Auch ich habe damals in einem NZZ-Artikel die Frage aufgeworfen, inwiefern die Placierung des Buttons die demokratischen Anhänger womöglich mehr mobilisiert hatte. Bis heute ist Facebook uns  Kritikern eine Antwort schuldig geblieben. Einzig der zuständige Professor gab freimütig zu, dass die Obama-Kampagne von viralen Effekten infolge der Testumgebung profitiert haben könnte.                                                                                                                                                                                      Das republikanische Lager wird diesen Sommer sicherlich wohl besonderes Augenmerk auf algorithmische Diskriminierung legen. Fühlt sich ein allfälliger Kandidat Trump benachteiligt, kann er sich in eine Opferrolle à la Blocher (und seiner Kritik an traditionellen Medien) emporstilisieren. Was ihm wohl noch mehr Medienaufmerksamkeit bescheren wird.

 

    • Apropos datenbasierte Digitaldemokratie: Nicht Facebook, nicht “normales” Fernsehen,  nein – YOUTUBE ist die Haupt-Spielwiese für politische Video-Werbung im US-Wahlkampf. Besonders experimentierfreudig in Sachen Video zeigt sich das junge Team rund um Bernie Sanders, welche sogar neuerdings Buzzfeed-Videos auf Twitter bewirbt und vorgängig politische Werbebotschaften einblendet. Diese Erkenntnisse habe ich dank eines interessanten Wired-Artikels gewonnen.
      Dazu einige interessante Zahlen: Seit Oktober 2015 haben Ausgaben in politische Werbung um 294 Prozent zugenommen. 50 % aller politischer Video-Ads werden mobile konsumiert. Youtube bietet differenzierte Statistiken an, so dass man die Absprungsrate möglichst minimieren kann (leider gibt es dazu keine Informationen). Der Vorteil gegenüber dem grössten Player und Video-Überflieger Facebook: Youtube wird bewusst angesteuert, weil sie Bewegtbild-Formate konsumieren möchten.                                                                                                                                                     Die grösste visuelle Plattform hat ein tragfähiges Geschäftsmodell basierend auf Video-Ads entwickelt. Bei Facebook hingegen springen einem ungefragt die im organischen Newsfeed hinaufgeladenen Kurzfilmchen  beim Scrollen an. Was wiederum die Zahl der Aufrufe künstlich aufbläht.  Ausserdem fehlen die Monetarisierungsmöglichkeiten: Politische Wahlkampfwerbung lässt sich nur als eigener Inhalt als klassisches Posting “ausstrahlen”.  Die Wirksamkeit von TV-Werbung direkt zu messen, ist bis heute ein erfolgloses Unterfangen…

 

 

  •  Ein süffisant geschriebener Text über den irischen Wahlkampf (Parlament), den Digitalevangelisten wieder übermotiviert feurig als DEN Social Media-Wahlkampf betitelten. Was er selbstverständlich nicht gewesen war. Wobei man sagen muss, dass die Insel in der Vergangenheit dem Ideal am ehesten entsprochen hat: Und zwar letztes Jahr im Vereinigten Königreich bei den Unterhauswahlen.

    All Politics are social – Hübsche Infografik, die ich auf Pinterest entdeckt habe:


  • Ein interessantes Stück über Bot-Kriegsführung/, Informationskrieg 2.0 oder den maschinengemachten Shitstorm lieferte die WELT.  Was passiert, wenn Roboter-Armeen den politischen Diskurs steuern?

Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt, die größte Gefahr, die von Social Bots ausgehe, sei es, dass die Roboter die reale Politik und damit eine Gesellschaft beeinflussten. Weil sie durch ihre schiere Masse Stimmungen relativ schnell zum Kippen bringen könnten – in den sozialen Netzwerken.

Wenn Tausende Bots auf ein Thema aufspringen, sich ähnlich äußern, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, können sie den Eindruck erwecken, eine Stimmungslage habe sich gedreht. Politiker – und Journalisten – stützen ihre Arbeit auch auf Analysen der Netzwerke. Und richten sie danach aus – dabei haben sie es womöglich nicht mit Wählern oder mit der mutmaßlichen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sondern mit Maschinen. Ähnlich könnten das auch Unternehmen und einzelne Menschen erfahren: der maschinengemachte Shitstorm”

Im Kleinen beobachten wir diese irreführenden Konklusionen im Kommentarwesen von Medienportalen. Obwohl nur eine Minderheit der Leserschaft sich zu Wort meldet – meistens diejenigen, die nicht mit der These oder der Leistung des Journalisten zufrieden sind – schliessen gemäss verschiedenen Studien sowohl Leser als auch Autoren induktiv auf die vorherrschende Meinung zum Werk. Negative Kommentare (unabhängig davon ob es sich um maschinelle oder menschliche Trolle handelt) beeinflussen somit auch die Rezeption und Urteilsbildung zu publizistischen Inhalten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse dies zu ändern. Mit Massnahmen für einen besseren Leserdialog und dem Kampf gegen Bot-Armeen.

  •  Warum es Open Data braucht, das haben auch die beratungsresistentesten öffentlichen Institutionen begriffen. 2016 wird das Jahr des WIE werden (Medium.com).
Stand 29.2.2016 um 8:00.

Zivilgesellschaft 2.0 versus Katzen

Ich habe mich vorgestern zur Aussage hinreißen lassen, dass am letzten Abstimmungssonntag auch Social Media gewonnen habe. 48 Stunden -und eine Erwähnung- später stehe ich immer noch dazu. Ich möchte in diesem Blogartikel kurz erklären weshalb.

Nein, nun folgt keine empirische Viralitätsanalyse. Ja, es gab bis Montagmorgen mehr als 10’200 Tweets zu #abst16 und ja, das sind in dieser Grössenordnung bestimmt nicht wenige (mehr als bei den Eidgenössischen Wahlen). Der Platz in den Twitter-Charts der Schweiz war trotz der Oskarnacht gewiss.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Dennoch: Haupttreiber sämtlicher Social Media-Kampagnen der NEIN-Lager (#DSI und #Heiratsstrafe) war nur eine Plattform: Facebook.

Politisch durchtränkter Newsfeed

Bei fast 3,6 Millionen Schweizer Usern lässt sich von einer enorm hohen Durchdringung eines Netzwerks sprechen (bei Twitter sind es circa 750’000 User, die ähnlich wie in Deutschland eher eine akademische linksliberale Elite repräsentieren).

Facebook bietet als semi-öffentliches Netzwerk kaum brauchbare Analyse-Instrumente ausser der Messung von Facebook-Fanpages (Anzahl Fans und deren demographischen Merkmale) und dem Graph Search (bei entsprechender US Englisch-Spracheinstellung).

Der Facebook-Newsfeed eines politisch durchschnittlich interessierten Schweizer Bürgers war in den letzten Wochen regelrecht durchtränkt mit politischen Botschaften. Natürlich befand ich mich aufgrund meiner politischen Präferenz in einer algorithmusgetriebenen Informationsbubble, die stark von den Nein-Lagern bewirtschaftet wurde. Doch auch mit gesponserten Postings der Befürwortern wurde man unweigerlich konfrontiert.

Was auch ein Vorteil ist: Die Interessenzuordnung bei Werbezielgruppen erfolgt bei Facebook vorwiegend semantisch und nicht nach intelligenten Kriterien. So kann man sich – wie im öffentlichen Raum bei Plakaten – auch mit den Argumenten und Schlagworten der Kontrahenten auseinandersetzen. Oder einfach wegsehen (bzw. klicken). Ich für meinen Teil habe mir einige Gefechte geliefert mit #Heiratsstrafe- und #DSI- Befürwortern (was nicht immer erbauend war).

Medien profitieren von Social Media

Die These der schwindenden Deutungs/Informationshoheit der Massenmedien und des Bedeutungszuwachses von Social Media bei politischen Fragen halte ich für falsch.  Es gibt kein entweder oder. Kein Antagonismus. Gerade während der heissen Phase wurden von beiden Lagern sämtliche Medienlinks zur Untermauerung  der Positionen auf Facebook und Twitter gepostet.

Auch das ist mittlerweile Benchmark der Online-Kampagnenführung geworden. Social Media dienen als Reichweiten-Generatoren für Medieninhalte, gerade während des Abstimmungskampfs. Jede Umfrage bei Redaktionsleitern von Newsrooms würde die wachsenden Social-Anteile zu Abstimmungsthemen bestätigen.

Breites Repertoire an digitalen Stilmitteln 

Ausserdem: Dank Stilmitteln wie Memes und neuen Online Tools für Infografiken, Livestream-Funktionen und direktem Videoupload wurde jedoch noch nie so viel originärer kreativer Social Media Inhalt von zivilgesellschaftlichen Akteuren (engagierte Bürger, Parteien, Verbände, Kampagnen-Lager) geschaffen. Auf dieses breite digitale Repertoire konnten die politischen Akteure bei der #MEI-Abstimmung (2014) noch nicht zurückgreifen.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten (gepostet von meinem FB-Freund André Müller).

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Doch die (infolge tausendfacher Sharings multiplizierte) enorme Reichweite zu rekonstruieren und auszuwerten, ist fast unmöglich. Memes und Grafiken lassen sich nicht vertaggen. Die Suchfunktion steht nur bei öffentlichen Fanpages und nicht für Profile zur Verfügung.

Ob virale Inhalte der politischen Lager auch die mehrheitlich politisch homogenen Facebook-Freundeskreise zum politischen Meinungsumschwung bewegen konnten, bezweifle ich.

ABER: Die zahlreichen Appelle und Abstimmungsreminder in unseren Feeds dienten zur Aktivierung.  Lasst uns also präzisieren: Auch Social Media siegte am letzten Abstimmungssonntag. In Sachen Mobilisierung. 

Ich reiche nun den Ball weiter an Politan und DeFacto, die die Rolle von Social Media bei den letzten #abst16-Themen (hoffentlich) noch fundierter untersuchen werden.

Zu Recht meinte ein Facebook-Freund von mir, dass die vernachlässigten Katzen wohl laut “Reclaim the Facebook-Feed” nun miauen. Sie dürfen ihr Plätzchen im Newsfeed zurückerobern, aber bitte nicht zu schnell.

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Ist Facebook-Video bei Schweizer Medienhäusern angekommen?

Video, Video, Video: Die Netzavantgarde und Digital-VordenkerInnen unter den Medienschaffenden aus Deutschland haben Bewegtbild auf Social Media zum Supertrend 2016 erklärt.  Welche Rolle spielt dieses Format im Social Media-Alltag der Schweizer Medienhäuser?

Bewegtbildformat oder eben Videos und Gifs gehören zu den beliebtesten Inhalten auf Social Media. Die Plattformen und Messenger überbieten sich mit Superlativen: 8 Milliarden Videoaufrufe vermeldete Snapchat. Auch Facebook mischt als neuer Video-Player kräftig mit und honoriert alle “geschenkten” genuinen Aufnahmen – also direkt hinaufgeladenen Videos – algorithmisch (wird Nutzern öfters angezeigt als andere Formate).

Entscheidend ist die mediumsgerechte Aufarbeitung von Videos

Die Zutaten für ein erfolgreiches Video haben die Macher der Social Media Discovery-Plattform Newswhip zusammengefasst: Untertitelung (das Video muss mobile und stumm funktionieren), eine Länge von circa 20-50 Sekunden, viele Schnitte, keine langen Sprechszenen, viel Handlung und ein  eingebetteter Call to Action-Button.

Fakt ist: Videos, die auf ein externes Medienportal locken sollen, müssen in einer spezifischen Teaser-Fassung extra produziert werden. Unsere Auswertungsdaten der NZZ zeigen, dass trotz hoher Viewszahlen nur eine kleine Zahl von Usern das Video länger als 30 Sekunden anschaut.

Der Themenreigen der erfolgreichsten Videos (bei der NZZ) ist breit: Von Lokalkolorit (Güterzug durch die Stadt Zürich) über Zeitgeist-Themen und wissenschaftlichen Erklärstücken bis zu Porträts von Flüchtlingen.  Kurz zusammengefasst lassen sich die Videos unter der Formel “Berührend, erklärend und involvierend” subsumieren.

Illustrierte und audiovisuell ansprechende und aufwendige Erklärstücke (wie das Beispiel von Channel 4 News) eigenen sich besonders gut für Medien, die dem Qualitätsjournalismus verpflichtet sind.

Who will vote to leave the EU?A university graduate is more than twice as likely to want Britain to stay in the EU than someone with no qualifications.What else do we know about how people will vote in the referendum? And what does it say about the deep divisions in British society?

Posted by Channel 4 News on Freitag, 19. Februar 2016

Die Nachteile des “bewegenden” Facebook-Hypes: Ein Monetarisierungssystem wie bei Youtube durch Vermarktung von Video Ads scheint keine Priorität auf der Entwicklungsagenda von Facebook zu sein. Video-Künstlern, die sich nicht nur von Luft ernähren wollen, sei somit nicht empfohlen, auf eine reine Facebook-Präsenz zu setzen.

Und auch für Medien gilt: Mit direkt hinaufgeladenen Kurzfilmen und ganzheitlichen Formaten wird Publizistik einmal mehr verschenkt. Nur ein Bruchteil der Zuschauer nimmt die am Schluss aufgeblitzten “Mehr ansehen”-Button (die auf die Portale verlinken) noch wahr.

Allerdings erfassen die gängigen Metriken wie Klicks und Shares das Social Media-Konsumverhalten der meisten Nutzer unzureichend, wie ich schon an früherer Stelle konstatiert habe (Stichwort: Neue Relevanzkritieren des Plattform-Journalismus und “unsichtbare” Interaktionen wie Verweildauer, Views ).

 

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Facebook hat an allen Stellen des Newsfeed-Algorithmus geschraubt, um Videos zum beliebtesten (weil im Newsfeed meist ausgespieltesten) Medieninhalt avancieren zu lassen. Aufrufzahlen werden durch die automatische Wiedergabe in den Newsfeeds der Nutzer teilweise künstlich aufgebläht. Youtube und Vimeo-Links hingegen werden in Form einer verkleinerten Vorschau abgestraft. Man merkt: Der Social Gigant mag keine externen Videoplattformen mehr.

Welche Video-Aktivitäten bei Facebook verfolgen die Kolleginnen und Kollegen des Tagesanzeiger, SRF, Blick, 20 Minuten und Watson? Ich habe mir die prozentualen Anteile der verwendeten Facebook-Formate ( Quelle: Fanpagekarma.com) im letzten halben Jahr angeschaut (20 Minuten Online ist aus technischen Gründen nicht auffindbar beim besagten Monitoringtool, die Betreiber der Plattform wissen Bescheid. Ich habe bewusst SRF 3 wegen des hohen Videoanteils ausgewählt).

Hinweis: Diese Infografik misst nur die Formate-Verteilung und keine Performance (Views, Times spent, Likes, Shares etc.) der jeweiligen Postings.

Im Vergleich zu den reichweitenorientierten Portalen mit Fokus auf Unterhaltungsthemen wie beispielsweise beim Blick.ch/ Blick am Abend oder innerhalb des SRF-Sendeangebots SRF3  spielen Videos bei der Facebook-Bewirtschaftung bei der NZZ noch eine Nebenrolle. watson und Blick kuratieren viele virale Fremdinhalte, was auch die Beitragsreichweite erhöht. Es geht ja bekanntlich, wie oben erwähnt, nicht immer nur um Klicks.

Doch sowohl bei uns wie auch – denn Gesprächen nach – beim SRF, Tagesanzeiger, Blick und Watson wird eine tragfähige und plattformübergreifende Bewegtbild-Strategie  ein wichtiger Schwerpunkt der digitalen Publizistik im Jahr 2016 sein. Auch die Schweizer Medienhäuser haben somit die sozialen Signale der Zeit erkannt.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen

Lesen Sie in Zeitungen und Online-Medienportalen? Hoffentlich ja. Wieviele Male pro Tage teilen und kommentieren Sie Links mit Bezug zu einem politischem Thema in Ihren sozialen Netzwerken? Höchstens einmal? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Lesen bedeutet nämlich auch Wahrnehmung. Warum die These der neuen jungen “News-Abstinenzler” nicht haltbar ist.

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Ich durfte bereits in der Kontextsendung von SRF mit Philippe Wampfler darüber reden (auch Input hat es aufgenommen). Da das Thema aber erst in der zweiten Sendungshälfte behandelt wurde und wohl kaum alle Zuhörer die ganzen 50 Minuten mitgeschnappt haben, wiederhole ich die Diskussion in schriftlicher Form. Es geht um die Studie des Nutzungsverhaltens bei Medieninhalten auf Social Media (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft -auch Fög genannt-  der Universität Zürich).

Nur süffisante seichte Kost wird geteilt

Sie besagt, dass die auf Social Media meistgeteilten Artikel von Medien der 61% der Kategorie “Soft News” zuzuordnen sind. Diese bieten also keine Einordnung eines politisch relevanten Themas und hätten mehr unterhaltenden als informativen Charakter (Anmerkung: die Studie bezieht sich auf die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die Social Media-Monitoring-Plattform Newswhip mit ihren jüngsten Befunden: Die meist geteilten Artikeln im Dezember waren allesamt “Hard news”-Themen aus Washington Post, Guardian etc.).

Fazit also : Die Jugend befasst sich lieber mit seichter Kost und vertreibt sich die Zeit eher mit Unterhaltungsangeboten als mit hard news.

So weit, so falsch. Wenn die Messmethode allein auf das Interaktionsverhalten (Kommentieren, Sharing, liken) und auf das Viralitätspotenzial beruht, dann ziehen Medienportale mit Qualitätsansprüchen natürlich schnell den Kürzeren (Zu den Indikatoren, siehe Zusammenfassung der NZZ: “Von den 200 Beiträgen, die im vergangenen Jahr am meisten verlinkt oder mit einem «Like» versehen wurden…”). Das Leseverhalten aus der Studie auszuschliessen, vernachlässigt jedoch eine wichtige Nutzungsform.

It’s the Verweildauer, stupid!

Mit der Lancierung des “Instant Articles”-Formats wird klar, dass Facebook vor allem der Rezeption von Artikeln zwecks Werbevermarktung enorme Bedeutung zumisst. Nicht mehr das Engagement allein ist massgebend, sondern auch die Verweildauer, die Scrolltiefe und die Klickaktivitäten innerhalb eines Formats.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. Ein entsprechender Artikel sieht beispielsweise so aus.

Die “Engagement-Müdigkeit” ist kein Phänomen, welches alleine auf die Jugend zutrifft. Dass sich die Interaktionsfreudigkeit generell immer mehr auf ein “Like” reduziert, hat auch Ingrid Brodnig in ihrem netzpolitischen Referat konstatiert: “Umfragen des Marktforschers GlobalWebIndex zeigen, dass im dritten Quartal 2015 nur noch jeder Dritte seinen Status aktualisierte. Im Jahr zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. Dafür wird Facebook zunehmend passiv genutzt: Man liest Artikel, schaut Videos oder hinterlasst Kommentare bei Freunden”.

Doch für den Giganten ist dies kein besorgniserregender Trend. Auch Brodnig gelangt zur Konklusion, dass Zuckerberg mit seiner Medienoffensive vor allem die Exit-Türen der Plattform unterbinden möchte. Mit anderen Worten: Verlasse nie wieder Facebook. Sie zitiert den Leiter der Studie von Global WebIndiex: “Die Verweildauer bleibt hoch. Für Facebook ist entscheidend, dass es weiterhin vielen Menschen Werbung einblenden kann”.

Nachrichten-Dilemma lädt nicht zur Interaktion ein

Die Seiten und Profile von Medienhäuser gehören erfahrungsgemäss zu den Fan-Magneten einer Plattform, was auch ein Grund dafür ist, weshalb die Technologiefirmen ein Interesse daran haben, neue tragfähige Geschäftsmodellen für Medien zu entwickeln. Junge Personen abonnieren diese Seiten genauso wie ältere Personen. Nur weil Postings und Tweets kein unmittelbaren Reaktionen auslösen, bedeutet nicht, dass sie nicht konsumiert werden.

Ein weiterer Grund für mangelndes Social Echo: Medienportale vermelden mehrheitlich “bad news”. Sich dabei in den vorhandenen “social”-Währungen adäquat zu artikulieren, wirkt manchmal deplatziert und unangemessen (das damit verbundene “Nachrichten-Dilemma” und die von Facebook versprochene Abhilfe durch Emojis-Button habe ich auf meinem Blog bereits einmal diskutiert).

Der Newsfeed von Facebook wird politischer 

Die These des Rückzugs in private konfliktfreie Katzenvideo-Filterbubble ist zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Doch man darf nicht die Schuld der digitalaffinen politikverdrossenen Jugend zu schieben, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Agentur Munich Digital bei über 1000 deutschsprachigen Facebook-Nutzern zeigt.

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Viele deutschsprachige Facebook-Nutzer registrieren ein aufgeheiztes politisches Klima auf Facebook.

Die gute Nachricht der Studie: Der News-Feed wird immer politischer (gemäss der subjektiven Empfindung der Teilnehmer). Die schlechte: Die geäusserten politischen Meinungen und die aufgeheizten Stimmungen werden als zu extrem wahrgenommen, was neben der Nachrichtenlage (Flüchtlinge, Köln etc.) auch auf unser Filteralgorithmus-Problem zurückgeht, welches homogene politische Meinungsräume begünstigt. Dies schreckt immer mehr Nutzer ab und bewog in der Vergangenheit viele dazu, sich von ihren Kontakten zu “ent-freunden”.

Der Rückzug in ein lustiges heiles Refugium und die These neuen “News-Deprivierten” ist erstens eine masslose Übertreibung. Und zweitens ein hausgemachtes Problem von Facebook. Mir sind keine empirischen Zahlen bekannt, die auf ein sinkendes politisches Interesse von Social Media-Nutzern hindeuten.

Snapchat-Journalismus bietet Chancen

Gutes Anschauungsmaterial für diese Gegenposition liefert die Messenger-App Snapchat, die aufgrund ihrer Geschlossenheit (kein offenes Netzwerk) wohl kaum in der fög-Studie berücksichtigt wurde. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin hatte mich im letzten Sommer gefragt, wann die NZZ denn mal endlich auf Snapchat präsent sein würde.

Sie selber hätte die Informationen über die Griechenland-Krise vollständig aus den Snapchat-Kanälen der Medien bezogen (wohlgemerkt auf Englisch, da bis jetzt nur Vox.com, Buzzfeed, CNN und andere Portale aus den USA für die App exklusiv produzieren dürfen).

In der Discover-Sparte bereiten ausgewählte Medienpartner Inhalte im Cardsstil (Informationshäppchen), Bewegtbilder wie Gifs und Video und Artikelabschnitte auf, durch die sich junge Nutzer mittels Wischbewegungen intuitiv navigieren können.

Wahrscheinlich waren wir alle noch nie so gut informiert wie heute.  Doch es fehlt bei den meisten oberflächlichen Informationen an Tiefe.  Das Medienportal Vox.com setzt daher auf Erklärstücke und visuellen hintergründigen Dossierjournalismus, ohne dabei sträfliche Komplexitätsreduktion zu betreiben und ins Triviale zu verfallen.

Die wichtigste Metrik bei Snapchat lässt sich nicht in Form von Aktivitäten erfassen, es zählt lediglich das “View”.  Und diese Zahl schnellte in den letzten 12 Monaten auf schwindelerregende Höhe. Martin Giesler hat die Vorteile des aufblühenden Snapchat-Journanalismus zusammengefasst.

Kurz und gut: Mit solchen rein positivistischen Studien wie die des FöG-Instituts der Universität Zürich wird man  der ganzen Komplexität des Nutzungsverhalten von Medieninhalten -besonders beim “unsichtbaren” passiven Konsum von audiovisuellen Erzählformen- nicht gerecht. Und zwar bei Jung und Alt.

 Update 26. Januar: Spannende Studie über die politische Radikalisierung auf Facebook und kognitive Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

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Verwilderte Kommentargärtchen, reiches Silicon Valley, Virtual Reality für mehr Empathie – Mein “Listicle” zum Thema Online-Leserkommentare

Ich war in den letzten  Wochen einige Male eingeladen worden, um über den besseren Umgang mit Leserkommentaren im Netz zusprechen. Das Thema beschäftigt die Medienredaktionen, wie auch die illustre Runde beim gestrigen #Medienclub von SRF bewies.

Wie immer vermag man bei solchen Anlässen angesichts der knapp bemessenen Zeit (Radio-Sendung und Podium) und der Nervosität nicht alle Aspekte zu artikulieren, die einem durch den Kopf schwirren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nochmals alle virulenten Thesen diskutieren.

Eine Klarnamenpflicht vergrault die wünschenswerten User 

Der Presserat hat vor einigen Wochen – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt (im  deutschsprachigen Raum hat fast nur SRF berichtet) –  entschieden, dass Online-Kommentare bei Medienportalen in Zukunft nicht mehr anonym verfasst sein dürfen. Wie das im Alltag genau umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich der Rat aus. Ein paar ältere Eminenzen haben von Online-Redaktoren nun die Anpassung an Printkategorien gefordert. Eine realitätsfremde Entscheidung.

Wieso? Namen und Geschichten leben im Netz unbegrenzt weiter. Meine schriftlichen Meinungen werden von Google indexiert, verschlagwortet und Teil meines digitalen Erbes. Im schlimmsten Fall müsste man sich wöchentlich mit Google und Lesern gerichtlich einigen, wenn letztere auf das “Recht auf Vergessen” pochen. Der Print-Leserbrief ist aber morgen bereits Altpapier und verschwindet irgendwann aus den Köpfen.

Der umsichtige Leser wird das wissen und auf einen Beitrag im Forum verzichten, auch wenn ihm das Thema unter den Nägeln brennt und er sogar mit Fachwissen den Artikel bereichern dürfte. Somit werden die falschen Personen abgeschreckt: Besonnene Leser, die womöglich mit moderaten und differenzierten Ansichten den Hardlinern und Trollen in den Foren Paroli bieten möchten.

Ausserdem könnte eine Klarnamenpflicht auch justiziable Folgen haben für Newsportale. Bei hängigen Gerichtsentscheidungen, über die aktuell berichtet wird, dürften betroffene Protagonisten gar nicht unterhalb der Artikel ihre Sichtweisen niederschreiben. Denn Medienportale haften für jene Aussagen, gerade bei laufenden Verfahren.

Zielführender wäre es stattdessen auf provozierende, Stellung beziehende Pseudonyme wie zum Beispiel “DerkleineErdogan”  zu verzichten und bürgerliche Namen verlangen. Ob mir nun Marc Berger oder Marc Burger aus Spiez antwortet, ist letzten Endes unerheblich für die Diskussion. Hauptsache der Community Redaktion ist die Person bekannt. Denkbar wäre es eine “Klarnamenregistration” samt Telefonnummer (wie es das SRF derzeit macht) einzuführen. Den Benutzernamen könnte man wiederum frei wählen.

 

 

Medienportale kapitulieren und schliessen die Leserkommentarspalte. Falsch.

Erstens würde ich nicht von einer Kapitulation sprechen. Es handelt sich beim sogenannten Trend vorwiegend – mit Ausnahme der Sueddeutschen-  um amerikanische Newsportale. Man sollte diese Entwicklung im richtigen kulturellen Kontext verorten. Die Social Media-Durchdringung in den USA ist ungleich grösser als in Europa. Angesichts begrenzter Ressourcen und fragmentierter Kommentaröffentlichkeiten hat man pragmatisch entschieden, die Moderationskräfte dort zu investieren, wo die Musik spielt: Nämlich in den sozialen Netzwerken.

Ich gehe aber mit vielen Kritikern einig, dass man mit der Auslagerung von Publikumsdebattem einmal mehr die Konzernspitzen der Technologieunternehmen im Silicon Valley  reich macht. Dennoch sollte man die Diskussionskulturen nicht allein aus businessrelevanten Gesichtspunkten betrachten. Denn demokratische Diskurse finden immer mehr in den Kommentarspalten statt.

Zweitens könnte dieser Schritt als ernstzunehmende Adelung der Online-Kommentare gewertet werden. Mit der Abschaffung von Leserkommentaren geht vielerots wie beim Portal “Motherboard” die Kreation von neuen Gefässen einher. Ausgewählte Beiträge von Lesern werden in selektiven Foren kuratiert und erhalten analog zum Leserforum mit einer spezifischen Rubrik sogar noch grössere Publizität.

Treat Readers Comments as Content” empfehlen passenderweise Community Redaktoren der New York Times. Um publiziert zu werden, muss man sich vorgängig anhand festgelegter Kritierien “qualifizieren”. Insofern emanzipieren sich Online-Leserkommentare zu den Print-Leserbriefen und werden von den printfixierten leserbriefnostalgischen Redaktoren als gleichwertige Inhalte behandelt.

Überhaupt sollte man sich vom Begriff Kommentare verabschieden (die mehr Reiz-Reaktion-Reflexe suggerieren) und eine echte Debatte als nächste Evolutionsstufe des zivilisierten Web 2.0 anstreben. “Make Conversations, not comments” heisst ein empfehlenswerter Artikel auf Medium.com.

Die Redaktionen hatten es verpasst, Tonalität und inhaltliche Wünsche an ihre Leser transparent zu signalisieren. Denn worüber genau soll die Leserin sich äussern? Soll sie die These des Artikels reflektieren, die vernachlässigten Aspekte aufzählen, den Gegenstand an sich diskutieren? Dies führt mich zu meinem nächsten Gedanken.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der "Reflexion"-zum Thema "Publikums-Kritik im Netz " war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der “Reflexion”-zum Thema “Publikums-Kritik im Netz ” war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Was wollt ihr genau von euren Lesern konkret wissen? Gar nichts? Dann bietet kein Forum an.

Es gibt mittlerweile einen Begriff für diese Problematik: “Derailing” Das gezielte Entgleisen lassen einer Debatte. Ablenken vom Kerngehalt eines Artikel mit indirekten sachfremden Beiträgen. Was ist die Ursache dafür? Ganz einfach: Das Desinteresse und die Gleichgültigkeit von Redaktionen. Ein Beispiel, welches ich immer gerne wieder erwähne: Kurz von den Wahlen vom 18. Oktober 2015 haben Medien über das neueste Wahlbarometer der SRG berichtet, mit den  prognostizierten Wähleranteilen der Parteien.

Der ersten Kommentar eines Wutbürgers unterhalb des besagten Artikels lautete typischerweise: Wieso verschwende ich meine Steuergelder für solche Wahlbarometer? In der Folgeantwort verteidigt ein erboster Leser die SRG. Der dritte User vermutet Manipulationen zugunsten der Mobilisierung der Linken. Und die ungesunde verschwörungstheoretische Dynamik nimmt ihren Lauf.

Wie lassen sich solchen verselbstständigten destruktiven Diskussionen vorbeugen? Beispielsweise mit einer ganz bestimmten Frage. In diesem Beispiel: “Die SVP und FDP werden die eidgenössischen Wahlen 2015 für sich entscheiden. Was denken Sie, wird dieses Szenario eintreffen?” Und der Autor verpflichtet sich darauf mindestens 3 Antworten – eine Regel, die übrigens der Guardian seinen Journalisten aufoktroyiert hatte – zu liefern.

Es liegt im ureigenen Interesse von Redaktoren ausgewogene Reaktionen auf ihren Text erzielen. Denn ein Überhang an negativen Kommentaren beeinflusst auch massgeblich die Leser in ihrer Urteilsfindung zum Artikel, wie verschiedene Studien beweisen.

Sie erachten die Qualität des Texts als schlecht, wenn viele Nutzer kritisieren (auch wenn es sich dabei um eine laute Minderheit der Leserschaft handelt).  Der Haupttreiber der Motivation, um einen Kommentar zu verfassen, ist es, eine alternative Sichtweise zu einem Thema niederzuschreiben und vom Autor anerkannt zu werden, wie eine Umfrage der New York Times gezeigt hat. Nur wenige (5 Prozent) schreiben, um mit anderen Nutzern zu interagieren. Doch auch zu diesem Aspekt gibt es unterschiedliche Studienresultate: Readers have mixed feelings about journalists interacting on Facebook.

Facebook hat im Vergleich zu Medienportalen das intelligentere Kommentarsystem entwickelt

Eine gewagte These? Nicht unbedingt. Viele Nutzer stellen sich auf Facebook ihre personalisierte Zeitung zusammen, indem sie die Fanseiten von Medienportalen abonnieren. Interagiert der Administrator einer Facebook-Seite mit seinen Fans und generieren Beiträge viele Kommentare, so wird dies von Facebook honoriert.

Die positive Bewertung durch den Newsfeed-Algorithmus bei vielen Kommentaren sorgt für eine längere Halbwertszeit eines Postings, der Beitrag dringt in noch mehr Newsfeeds von Fans und wird noch mehr geklickt etc. Eine Auseinandersetzung mit Facebook-Fans ist somit auch kommerziell attraktiv. Investitionen in die Moderation von Facebook-Kommentaren lohnen sich also ungleich mehr. Die Facebookseite von Medienportalen wird zum digitalen Schaufenster oder zur Visitenkarte.

Im Vergleich zu den lausigen Kommentarsystemen von Newsportalen, in denen einfach der neuste Beitrag eines User nach oben gespült wird, hat das grösste sozialen Netzwerk sich bessere Anreize für die Anordnung von Kommentaren ausgedacht. Medienportale haben sich bis heute  höchstens überlegt, wie man die die intelligentesten Kommentare sichtbarer machen  und den Mob möglichst  ”verbergen” könnte. Sie haben sich nicht überlegt, wie sie ihre eigenen Redaktoren zur Beteiligung in Debatten incentivieren und bewegen können.

Natürlich hat man auf einer fremden Plattform keine Hoheit über sein Gärtchen. Community Manager fungieren oftmals als Brandlöscher und müssen im Nachhinein reagieren, indem sie gepostete Kommentare entfernen.

Doch Facebook gibt Moderatoren hilfreiche Funktionen in die Hand, wie zum Beispiel den “Verbergen”-Button. Wird diese aktiviert, so ist der Kommentar nur noch für den User selber sichtbar. Er wähnt sich nach wie vor als Teil des Kommentarthreads, während alle anderen Nutzer von den Weisheiten verschont bleiben.  Solche Funktionen führen zu einer Deeskalation.

Mit den künftigen Emojis-Buttons werden dem Facebook-Nutzer neben dem Like und Share ein breites Repertoire von non-verbalen Interaktionsinstrumenten zur Verfügung gestellt,  im Gegensatz zu Medienportalen. Emotionen zu einem bestimmten Text und einem Artikel können so besser kanalisiert werden, bevor man in die Tasten haut.

Die Dominanz von Facebook & Co als Trafficgeneratoren für Medienportale befördert weichgespülten Social Journalism und seichte Kost. Falsch.

Diese vorherrschende Auffassung lässt sich empirisch widerlegen. Natürlich lassen sich die fög-Befunde der emotionalisierenden enpolitisierenden Viralhits wie Katzenvideos nicht wegdiskutieren. Konzentriert man sich auf die Fanseiten von Medienportalen, die Qualitätsjournalismus anbieten, kommt man zu einem anderen Schluss.

Unsere Fancommunity goutiert beispielsweise Eigenleistungen, exklusive Geschichten und ignoriert simple Agenturmeldungen. Das können lange Essays, Reportagen von Korrespondenten oder Analysen von Experten sowie streitbare Gastbeiträge sein.

In fünf Jahren… wird es immer noch Leserkommentare geben

… allerdings in institutionalisierten Gefässen und in einer produktiveren Variante mit publizistischen Verwertungsmechanismen. Die meisten Medienportale orientieren sich neu und befinden sich in einer Umbruchsphase. Die meisten entwerfen überhaupt nach Jahren resignierten Zuschauens in ihrer Geschichte eine tragfähige Community Strategie. Viele Redaktoren sind ernüchtert und wundern sich, wie diese toxische Ghettoisierung unterhalb ihrer Artikel zustande kam.

Sie werden nun die Weichen stellen müssen und sich fragen: Welche Community passt zu unserer Medienmarke? Moderation kostet etwas, sowohl Knowhow als auch Technologien. Wie intelligent ein Kommentarsystem ausgestaltet ist, hat letzten Endes Einfluss auf unsere Motivation, uns an Diskussionen zu beteiligen.

Die Netzgemeinschaft befindet sich in einer Vor-Adoleszenzphase. Vielerorts sieht man jetzt die hässliche Seite eines ungehemmten, entfesselten digitalen Pöbels. Den meisten Nutzern scheint nicht klar zu sein, dass die rechtlichen Normen und die Regeln des Anstands nicht nur im persönlichen Gespräch und im öffentlichen Raum draussen, sondern auch im Web 2.0 gelten. Dass sich hinter einer virtuellen Identität ein realer Mensch verbirgt.

Nun fallen die ersten gerichtlichen Entscheidungen, es werden teilweise sogar Freiheitsstrafen ausgesprochen, wie ein Fall in Deutschland gezeigt hat. Auch müssen sich untätige Facebook-Manager vor Gericht verantworten, aktueller Vorwurf: Volksverhetzung. Durch Unterlassung.

Viele Polizeibehörden in Deutschland raten bei klar diskriminierenden Aussagen in jedem Fall zu einer Anzeige. Kommentare sollen mit Screenshots illustriert werden. Das verhängte Strafmass wird auf jeden Fall erzieherische und disziplinierende Wirkung haben. In fünf Jahren sind wir hoffentlich reifer und erwachsener unterwegs im Netz, die Online-Community reguliert sich womöglich selber.

Vielleicht bedarf es hierfür einiger Virtual Reality- Innovationen, so dass sich man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und vermehrt auch “spürt”. Denn das Netz ist zurzeit ein grosser abstrakter verschriftlicher Ort, wie es die Medienjournalistin Ingrid Brodnig am #JourTag2015 in ihrem Referat treffend formuliert: “Im Netz fehlen diese subtilen Formen der sozialen Sanktion, wenn einzelne sich im Ton vergreifen. Es fehlt der Augenkontakt des Gegenübers, wo man sofort erkennt, wenn man die andere Person gekränkt hat“,

 

 

 

 

 

Der selbst finanzierte Shitstorm

Während meiner Beobachtung des Schweizer Online-Wahlkampfs sind mir einige unbeholfene Fettnäpfchen von Parteien aufgefallen, die man mit etwas mehr Dialogbereitschaft und Knowhow einfach hätte vermeiden können. Ein Beispiel.

Parteien und Politiker (und vor allem Unternehmen) haben begriffen, dass inhaltliche Reichweite ihren Preis hat auf Facebook. Nichts ist gratis auf den sozialen Plattformen trotz kostenloser Anmeldung. Wir bezahlen mit persönlichen Daten und neuerdings auch mit Cash, um überhaupt gesehen zu werden.

Wer im Inhaltewettbewerb der verschiedenen Pages und Profile bestehen möchte, muss mit pfiffigen Postingtexten und  multimedialen Skills trumpfen und manchmal in die Tasche greifen für eine längere Halbwertsdauer einzelner Postings.

Die “Sponsored Posts”, mit denen man einzelne Seiten bewerben kann, sind eine sehr kreative Werbeform. Das Angebot fügt sich nahtlos in den Newsfeed hinein und muss denselben redaktionellen Kriterien entsprechen wie organische Postings, um aufzufallen.

Der finanzielle Aufwand lohnt sich, denn anders als bei kommerziellen Werbekampagnen werden bei Wahlkampfwerbung von Parteien nicht zwingend kostenrelevante Klicks angestrebt. «Die Botschaft wird auch so wahrgenommen», sagte Michael Sorg von der SP im Rahmen meiner Umfrage (die ich für die NZZ ausgeführt habe).

Das Problem: Genauso wie “normale” Status-Updates evozieren auch sponsored posts Kommentare, die unmittelbar sichtbar angezeigt werden. Viele Betreiber von Facebook-Seiten wissen jedoch nicht, dass unliebsame Kommentare während der gesamten Kampagnendauer mit “ausgeliefert” werden. Die beworbenen Postings werden – “social”  halt – samt ihren Reaktionen in die Newsfeeds geschleust.

piraten teil I

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf eingesetzt wird. Sie schalteten Kampagnen, sponsored posts, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten im Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen werden nicht beantwortet.

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf einzusetzen ist. Sie schalteten im September und Oktober Kampagnen auf Facebook, sogenannte “sponsored posts”, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten in Sachen Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen wurden ignoriert.

Gewisse Parteien und Unternehmen wären somit gut darin beraten, die generierten Reaktionen gewissenhaft zu moderieren und ihnen wenigstens Stellungnahmen entgegenzuhalten. Solche Interventionen wirken sich auch bekanntlich positiv auf die Interaktionsrate und damit auch auf die  Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus aus.

Ansonsten befördert man fahrlässig die boshaften unbeantworteten Leserreflexe mit  und – viel schlimmer- finanziert diese noch mit dem eigenen Werbebudget! Ob sich dann der Werbeeffekt in Wählerstimmen ummünzen wird, wage ich zu bezweifeln.

Weniger digitaler Analphabetismus – Warum der Empathie-Button eine wichtige digitale Währung werden könnte

Der künftige “Empathie -Button”(Bezeichnung noch unklar) von Facebook dürfte Publishern aufgrund des täglichen News-Dilemmas eine wertvolle neue Interaktionsform in die Hand geben. Kein Zweifel. Doch wirklich freuen können sie sich erst, wenn dadurch ihre Postings im Rahmen des Newsfeed-Algorithmus aufgewertet werden. 

Community Manager von Medienhäusern kennen die Problematik: Sie bewerben publizistische Formate zu politischen Brennpunkten auf Facebook.  Wie die ausgelösten Likes zu den oft eher traurigen Themen zu interpretieren sind, bleibt Spekulation: Wird mit dem Like die journalistische Eigenleistung honoriert? Oder ist das Like als politische Parteinahme für Erdogan oder der Kurdenpartei HDP zu werten? Die Motive  hinter einem “like” lassen sich nur erahnen.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische  Zustimmung für den Protagonisten oder als Wertschätzung für die Exklusivität des Interviews werten. Oftmals sind die Zahlen der "Gefällt mir"-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische Zustimmung werten. Oftmals sind die Zahlen der “Gefällt mir”-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

News-Dilemma auf Facebook

Die wenigsten User sind instinktiv geneigt, das vorgestrige Erdbeben in Chile mit Stärke 8.2 mit “Gefällt mir” zu markieren. Viele Fans von Newssseiten entgehen dem Dilemma, indem sie ein wertneutraleres Instrument nutzen und unterhalb des Postings kommentieren.

Nun schafft das grösste Social Network Abhilfe und testet eine “Empathie”-Funktion (diese wurde zuerst irrtümlich als Dislike-Funktion kolportiert) . Verschiedene Medien dürften darüber erfreut sein. Gerade aufgrund der Tagesaktualitäten und aufgrund der politischen Grosswetterlage haben Medienhäuser täglich mehrheitlich unerfreuliche Dinge zu vermelden (es gibt natürlich neue journalistische Ansätze wie der “Konstruktiv-Journalismus“, wie das beispielsweise Ulrik Haagerup propagiert, um diese Negativität zu minimieren, doch das soll hier jetzt nicht der Gegenstand sein).

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

“Like” bemisst die Importanz nicht die Zustimmung eines Users

Die Vermarktung der publizistischen Produkte scheint im Widerspruch mit der Social-Mechanismen zu sein, die dem Nutzer vorwiegend Erfreuliches in die Newsfeeds “spülen” soll. Mit bedeutenden Konsequenzen:”The choice of ‘like’ as a primary signal in the world’s biggest social network has substantive political consequencesschrieb die Tech-Soziologin Zeynep Tucefky in einem offenen Brief.

Mit dem Sympathie-Button erhalten die Medien ein neues Instrument, der diesen täglichen Widerspruch auflöst.  Das Online-Magazin Vice sieht darin eine wertvolle Handhabe:  ”Umständliche Erklärungen, wie man als User sein „Like” bei ernsten Postings meint, könnten sich damit erledigt haben”.

Die Gewichtung im Algorithmus wird entscheidend sein

Die Washington Post hingegen erachtet als kollektiven Denkfehler, ein “like” mit Zustimmung gleichzusetzen. Es handle sich lediglich um ein Signal, wie wichtig ein Thema für den User ist.  Die Einführung von “+1″ (wie beim  Netzwerk Google +) wäre das angemessenere Substitut.

Interessant dürfte die Gewichtung dieses neuen Faktors im Rahmen des komplexen Newsfeed-Algorithmus sein, dem Herzstück von Facebook. Auch wenn Nutzer in Zukunft – so von Facebook in Aussicht gestellt- mehr Autonomie in der Verwaltung ihres Streams zugestanden wird: Der Algorithmus verfügt weiterhin über eine hohe Macht in der Strukturierung unserer Aufmerksamkeit (da sich ein grosser Teil der Facebook-Community dieser Selektionsmechanismen nicht bewusst ist und sich an die Filtervorgänge gewöhnt hat, sogar zufrieden ist mit ihnen). Shares gelten in der aktuellen Version des Facebook-Universums als Gold, Kommentare als Silber und Likes als Bronze zu werten.

Zu differenziertem Online-Verhalten konditionieren

Das Mitgefühl wäre wie das “like” vorerst eine“schwache” Interaktionsform. Sind demnach 120 Mitgefühlsbekundungen zu einem bestimmten Inhalt ein Äquivalent zu 120 Likewerten? Bleibt das “Like”  zu einem Posting vom Autor als erstrebenswert, so werden Publisher ihre Content-Strategie weiterhin auf Good News und polarisierende effekthascherische Inhalte ausrichten.  Doch wenn Medien nur noch die Spielregeln der verzerrten heilen “Social Welt” mitspielen, so hätte das demokratiepolitisch verheerende Folgen.

Womöglich wartet der Konzern allfällige Verhaltensänderungen der Test-User ab, bevor die Datawissenschaftler über die Priorisierung innerhalb der Formeln entscheiden. Kommentieren User weniger, wenn ihnen eine andere Funktionen zur Verfügung gestellt wird? Wird damit Trollen Tür und Tor geöffnet, die Werbeanzeigen nach unten downvoten können, wie das “Vice” befürchtet?

Werden die Nutzer zu differenziertem Online-Verhalten konditioniert, wäre der neue Button in der Tat eine Bereicherung im nicht-verbalen Handlungsrepertoire von Facebook. Die ersten Usability-soziologischen Studien zu diesem Testversuch bleiben abzuwarten.

Die richtige Währung für Betroffenheit

Meine Hoffnung ist, dass dadurch die leisen Geschichten, die uns traurig, betroffen oder wütend machen, den ihnen gebührenden Respekt erlangen. Die Geschichten, denen wir bisher aufgrund der “sozialen Ontologie” nur mit digitalem Analphabetismus begegnen konnten.  So dass sie sich im täglichen aufmerksamkeitökonomischen Inhalte-Wettbewerb durchsetzen können.

Und dass wir, die Nutzer, Betroffenheit nicht verdrängen, sondern digital adäquat in die “richtige Währung” umwandeln können. Fast nach Immanuel Kant: Dass wir aus unserer (nicht selbst verschuldeten) “Unmündigkeit austreten können”. Vielleicht wird gar die daraus resultierende Debatte unterhalb des Postings zivilisierter geführt, wenn man a priori den “richtigen” Gefühlen Ausdruck verleihen vermag.

 

Update: Facebook hielt sich bedeckt, was die Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus betrifft und verweist auf das Q&A mit Marc Zuckerberg: But over the years of people asking for this, what we kind of have come to understand is that people aren’t looking for an ability to down vote other people’s posts, what they really want is to be able to express empathy. Not every moment is a good moment and if you are sharing something that is sad, whether it’s something in current events, like the refugees crisis that touches you or if a family member passed away, then it may not feel comfortable to like that post. But your friends and people want to be able to express that they understand and that they relate to you, so I do think it’s important to give people more options than just like as a quick way to emote and share what they’re feeling on a post. We’ve been working on this – it’s surprisingly complicated for an interaction that you want to make that simple but we have an idea that we think we’re going to be ready to test soon, and depending on how that does, we’ll roll it out more broadly. That you for all the feedback on this over the years — I think we’ve finally heard you and we’re working on this and hopefully we’ll deliver something that meets the needs of our community

Update II: Angeblich wird die neue Funktion keinen Dislike-Button, sondern daraus entstehen Emojis: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Reactions-Facebooks-Like-Button-wird-um-Emojis-erweitert-2841015.html

Plattform-Journalismus: Pakt mit dem Feind oder Chance für die Medien?

Social Media werden immer mächtigere Player im aufmerksamkeitsökonomischen Wettbewerb der Medien. Die Strategien von Facebook, Twitter, Snapchat & Co. deuten eine schleichende Entwicklung an, die die Geschäftsmodelle der Medien mitprägen wird. Was wir derzeit beobachten, ist das Aufkommen des „Plattform-Journalismus“.

Ich hatte mich neulich auf zwei Referate zum Thema “Social Media im Newsroom” vorbereitet. Darin erläuterte ich die vielfältige Bedeutung von Facebook & Co für Journalistinnen und Journalisten. Sie dienen den Medien als Distributionskanal, als Trafficquellen, als Dialogplattform oder als Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Recherche. Aber sie beeinflussen in Zukunft das journalistische Schaffen noch profunder, als wir es bisher kennen.

Technologieunternehmen im Silicon Valey diktieren uns die Spielregeln

Doch der Reihe nach: Social Media beinhalten erstens einen immensen Fundus an Daten für die redaktionelle Recherche, denn fast jeder Smartphonebesitzer ladet einmal Fotos von seiner unmittelbaren Umgebung auf seine Profile. Agenturen verlieren an Gatekeeper-Wert. “Es gibt immer jemanden, der noch näher am Geschehen dran ist” lautet das Credo der Social Media News-Agentur Storyful.

Facebook und Twitter substituieren zweitens immer mehr auch die Startseite von Newsportalen. Eine neuere Studie des Pew Research Center zeigt, dass 63 Prozent der befragen Personen (aus den USA)  Social Media als Tor für ihren Nachrichtenkonsum dient.

Soziale Medien sind drittens  Sprachrohr der Unternehmenskommunikation einer Medienmarke. Sie weisen  viertens naturgemäss auch eine Schnittstelle zum Marketing auf, da sich die kostenlosen Plattformen durch bezahlte Werbeanzeigen der Unternehmen finanzieren.

Bei der Recherche für den Vortrag und auch während der Diskussion mit den Teilnehmern des Kolloquiums wurde mir bewusst, wie sehr Social Media das Wesen des Journalismus derzeit verändern wird. Fast wöchentlich lesen wir von den Medienoffensiven der Tech-Unternehmen in Kalifornien. Die Online-Giganten möchten von den Like-Magneten, den Newsportalen, profitieren. Gleichzeitig begeben wir uns mit diesen neuartigen Händel in neue Abhängigkeiten. Wer am längeren Hebel sitzt, ist klar.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer Käuferzielgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer ZIelgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle. Quelle: Eigene Illustration.

Nie wieder Facebook verlassen

Um diese These empirisch zu untermauern, trage ich etwas Anschauungsmaterial aus der jüngeren Vergangenheit zusammen: Das neue Facebook-Format Instant Articles brauche ich nicht näher zu erklären. Ziel von Zuckerberg ist es, die Verweildauer der Nutzer zu erhöhen, so dass diese den Medieninhalt komplett auf Facebook rezipieren.

Das Instant Articles- Format  von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung.

Das Instant Articles- Format von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung. Quelle: Instant Articles auf Facebook

Ob Facebook damit auf Nutzungsgewohnheiten der jüngsten Generation reagiert oder diese befördert, ist unerheblich. Der Faulheit wird damit Vorschub geleistet. “Der Klick ist tot” titelte jüngste ein Web-Magazin. Ob die Rechnung für die Medien dank der Beteiligung an Werbeeinnahmen – der gesamte Erlös Werbeanzeigen geht an die Publisher, wird kolportiert – aufgehen wird, wird sich zeigen.  Angeblich hätten Verlage auch Forderungen nach Bezahlmodellen vorgebracht. Meine Meinung dazu erläutere ich später.

Das grösste soziale Netzwerk aus Palo Alto will noch mehr, nämlich das zentrale Forum für den politischen Diskurs in den USA bieten : Am 6. August möchte Facebook in Zusammenarbeit mit Fox News die erste Debatte der Republikaner zu den Präsidentschaftswahlen online begleiten. Die von Facebook erhobenen Daten dienen dabei als Stimmungsbarometer.

Mittels Kooperationen zu Medien möchte auch ein anderer Anbieter relevanter werden: Der Streamingdienst Spotify erweitert sein Audio-Portfolio um Nachrichtenangebote und geht Partnerschaften mit Vice Media, BBC’s Top Gear, TED, GQ, Bayerischen Rundfunk ein.

Social Media als Arbeitgeber

Nebst gezieltem Justieren an den Algorithmen zugunsten von Medienreichweite und neuen Deals, fungieren Social Media neuerdings auch als Arbeitgeber für Journalisten. Bleiben wir gleich bei der #Election2016. Die populäre Messenger-App Snapchat stellen Medienschaffende für die Berichterstattung während des US-Wahlkampfs ein und bietet mit “Discover” verschiedenen Medienmarken wie CNN und Vice News eine Plattform. Die Partner produzieren und schneiden ihre Inhalte auf das Zielpublikum von Snapchat zu. Die Funktion scheint bei den Millennials anzukommen: “Discover” wird täglich 50 Millionen Mal besucht. Die Medienanbieter scheinen zufrieden zu sein,  auch wenn deren Inhalte innerhalb des Snapchat-Kosmos geteilt werden können.

Unter der Funktion "Discover" auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messer produzierte Inhalte an.

Unter der Funktion “Discover” auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messenger produzierte Inhalte an. Quelle: Discover auf Snapchat.

Apple präsentierte jüngst eine eigene Medieninnovation: Um die hauseigene App”News” zu bewirtschaften, arbeiten Journalisten als Kuratoren. Sie speisen handverlesene Inhalte von Publishern und Bloggern in die App. Auch hier ist das Ziel eine lang anhaltende benutzerfreundliche In-App-Experience zu bieten.

Das eher unpolitisch daherkommende Instagram heuert Journalisten für die Erstellung von hochwertigen Inhalten für die visuelle Plattformen an. Deren redaktionelle Arbeit dürfte– man ahnt es – insbesondere Marketing-Charakter haben und eher wenig journalistische Massstäbe erfüllen.

Und selbst die Business Netzwerke LinkedIn und XING möchten infolge einer neuen strategischen Ausrichtung ebenfalls Content-Anbieter mit thematischen Schwerpunkten Arbeitswelt, Karriere und Wirtschaft/Finanzen sein. Sie versorgen ihre Millionen von Mitgliedern täglich mit Themen-Newslettern und Artikelempfehlungen von reichweitenstarken Multiplikatoren.

Twitter: Endlich eine Fernbedienung für das tägliche TV-Grundrauschen

Twitter liebäugelte eine Weile mit der Akquisition der News-App Circa, der Deal kam am Schluss doch nicht zustande. Der Mikrobloggingdienst ist besonders beliebt bei Bloggern und Medienschaffenden und damit fast prädestiniert für eine künftige Ausrichtung als Medienunternehmen. Doch  aufgrund der Monetarisierungszwänge infolge der Börsenkotierung wurde die Medienverwertung bisher nur sekundär weiterverfolgt.

Die täglich 500 Millionen Tweets sorgen für ein lärmiges Dauer-Grundrauschen. Die Usability der Plattform verunmöglichten dem Nutzer eine Priorisierung der Themen zu erkennen. Der Produktchef Kevin Weil drückte es einst so aus: Twitter ist wie TV ohne Fernbedienung.

Nun wird Abhilfe geschaffen: Mit dem neuem Feature “Moments”  soll das zahlreiche Material händisch gewichtet und strukturiert werden. Dank einer optimierten Darstellung werden die Trending-Themen auch für Laien nachvollziehbar, für die der Nachrichtenstrom eher kryptisch daherkommt. Der Kurznachrichtenservice investiert damit endlich in den Aufbau redaktioneller Ressourcen.

Gescheiterte journalistische Avancen

Nicht alle Medienexperimente der Plattformbetreiber reüssieren. Die Blogplattform Tumblr stellte vor einem Jahr Medienschaffende ein, die vor einigen Wochen wieder entlassen worden sind. Und auch die Anonym-App Whispers  wuchs im redaktionellen Bereich, doch das gesamte Geschäftsmodell missglückte, die App wurde wieder eingestellt.

Auch ein anderes Netzwerk hat sich von der Idee des “Social-Qualitätsjournalismus” wieder verabschiedet. Es ist die Plattform des ehemaligen Twitter-Mitgründers Evan Williams: Medium.com. Künftig sollen weniger Long-Reads produziert werden, sondern die Interaktionen und das User-Engagement in den Vordergrund gerückt werden.

Plattform-Journalismus: Die Geschäftsmodelle der Medienhäuser werden womöglich verändert

Ob mit Content-Partnerschaften, Native Formaten, neuen Arbeitplätzen, viralen Wellen, die in Mediengeschichten münden: Die vielen Aspekte von Social Media für Journalismus bieten Spielraum für Experimente und bergen viele Risiken. Längst gelten die Tech-Riesen nicht nur als dominanter Trafficlieferant, sie greifen gängige Geschäftsmodelle an.

Deshalb nenne ich diese gegenwärtige Entwicklung “Plattform-Journalismus”, in Anlehnung an Sascha Lobos Begriff “Plattform-Kapitalismus“, mit der er die wachsende Sharing Economy kritisierte.  Speziell an dieser Form sind die fehlenden Eigentumsverhältnisse: Darunter sind Vermittlungsdienste zu verstehen, die private Wohnungen oder Beförderungsmittel anbieten, ohne nur eine Liegenschaft oder ein Vehikel effektiv zu besitzen.

Mittels eines algorithmusbasierten Matchingprinzips werden Angebot auf Nachfrage persönlich aufeinander abgestimmt, Dienstleistungen ohne menschliche Beratungsservices massgeschneidert.

Zu Tiefstpreisen für den Konsumenten, zugunsten von neuen (prekären) Arbeitsplätzen, für eine hohe Rentabilität der Plattformbetreiber, die lediglich die technologische Infrastruktur zur Verfügung stellen. Arbeitsplätze der traditionellen Branchen und bisheriger Monopole werden dadurch sukzessive wegrationalisiert.

Zwar entfaltet der Plattform-Journalismus nicht die gleiche disruptive Wirkung wie die Sharing Economy in den herausgeforderten Branchen. Doch alle Online-Ableger von Medienhäusern sind wohl oder übel angehalten, sich mit den digitalen Ökosystemen künftig auseinanderzusetzen.

Pakt mit dem Feind oder blühende Zukunft?

Was ich denn von diesen Medienkooperationen wie bei Instant Articles halten würde, wurde ich schon mehrfach gefragt. Ich kann darauf noch keine eindeutige Antwort geben. Natürlich misst es meinem Bereich einen wachsenden Stellenwert zu. Es sorgt dafür, dass sich publizistische Inhalte nahtlos in das Look&Feel der Umgebung einfügen, diese mobile und lesergerecht aufgearbeitet werden.

Auch werden Social Media nicht mehr zu Linkschleudern degradiert. Doch den Launen von Zuckerberg, Spiegel &Co unterworfen zu sein, deren primäre Motivation nicht der Qualitätsjournalismus sondern die Höhe Aktie an der Wall Street ist, hinterlässt auch bei Social Media Redakteuren ein mulmiges Gefühl.

Ob mit dem Fokus auf “Facebook-First” journalistische Kriterien  eingehalten werden oder ein verfälschender Bias zugunsten von oberflächlichen Good News die redaktionelle Entscheidungen verformen wird, werden wir wohl nach der ersten Auswertungsphase sehen. Aber man darf das Social Media-Publikum intellektuell nicht unterschätzen: Denn nicht nur Breaking News und härzige Katzengeschichten stossen auf grosses Echo. Meine Erfahrung bei der NZZ zeigen, dass anspruchsvolle Analysen und langen Reportagen rege geteilt kommentiert und auch gelesen werden.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche: Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen von Korrespondenten.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche (20.7-27.7.2015): Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen/Einschätzungen von Korrespondenten. Quelle: Themenpuls.ch

Gerade pointierte Meinungen und Standpunkte sind gefragt. Natürlich werden diese dank des selektierenden Algorithmus nochmals verstärkt durch die Newsfeeds geschleust. Denn Polarisierungen erzeugen Echo, gutes und negatives Feedback, es erregt die Gemüter.

Vielleicht lesen wir aufgrund der Ontologie von Social Media in Zukunft nur noch Lärm und extreme Thesen. Wünschenswerter wäre dass auch unaufgeregte Hintergrundgeschichten von Nutzern rezipiert und geschätzt werden. Ob auf der traditionellen Homepage oder durch Auslieferung beim blauen Riesen. Native Articles könnte für die Medien auch eine Chance bedeuten.

Update 3. August: Emily Bell hatte es treffend ausgedrückt: Media organisations can gain significant reach and revenue from using these platforms, but they’ll potentially lose big too — in terms of data, paths to users, archives, and control over journalism, she said.

https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/

Update 3. August: Auch der Artikel-Kiosk Bendle stellt Journalisten an. Die – natürlich- Artikel kuratieren, die automatisierte Empfehlungsmaschinerie hat vorerst ausgedient: https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/

Über die blöden sozialen Medien: Ein offener Brief an Herrn Strittmatter

Lieber Herr Strittmatter

Ich lese seit geraumer Zeit die Handelszeitung und habe mir neulich das Interview mit Ihnen zu Gemüte geführt. Leitthema des Interviews war die Frage, weshalb die Bindungen zwischen Auftraggeber und (Werbe-)Agenturen in den letzten Jahren fluktuativer geworden sind. Und wie sich der verschärfte Wettbewerb auf die Anbieter auswirkt.

Auf die Frage Ihres Interviewpartners, ob Sie für Ihre Kunden auch den Einsatz von Social Media anbieten, antworteten Sie unverfroren: „Wir setzen da externe Spezialisten ein, die nichts dagegen haben, für solche Sachen blöd genug zu sein”

Mal abgesehen von ihren offensiven Beleidigung Ihrer Partner, die sich offenbar gerne „intellektell unterfordern” lassen, eine kleine Stellungnahme von Jemandem aus der betroffenen blöden Social Media-Gilde (da vermutlich wenig LeserInnen der Handelszeitung in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, ist es wohl die Erste dieser Art):

Ich selber arbeite nicht in der Werbebranche und auch Ihr Name war mir vorher unbekannt. Ihre provokative Aussage hat jedoch mein Interesse für Ihre Person geweckt. Denn selten habe ich eine so herablassende Äusserung über die professionelle Nutzung von Social Media in der Medienöffentlichkeit gehört. Die meisten exponierten Personen in der Politik-, Wirtschafts- und Medienwelt, die mit sozialen Netzwerken nichts anzufangen wissen, halten sich eher vornehm zurück. Und begründen Ihre negative Einstellung mit ihrem Alter, ihrer Überforderung oder anderen (Lern-) Resistenzen gegenüber Web-Plattformen. Sie hingegen schienen Ihrem Urteil keine Erklärung beifügen zu wollen (vielleicht wurde eine allfällige Begründung auch aus Platzspargründen entfernt, was ich dann natürlich der Redaktion und nicht Ihnen anlasten würde).

Ich habe mir daraufhin von verschiedenen Seiten sagen lassen (u.a. auch von informierten vermeintlich „blöden“ Berufskollegen Ihrer Branche via Twitter), Sie gehörten in früheren Jahren zu den Granden der Werbebranche und führen eine renommierte Werbeagentur (die GGK) mit prestigeträchtigen Kunden.  Ihr Stern sei jedoch nach Meinung von Kennern verglüht und diese Aussage demonstriere einmal mehr ihre Frustration über diesen Wandel, der sich auch in der Werbebranche vollzogen habe. Den Sie offensichtlich nicht mittragen möchten. (Auch diese Diskussion führte ich übrigens auf dem „blöden“ Twitter)

Mich würde interessieren: Woher stammt nur diese abwertende Haltung gegenüber sozialen Medien und ihren Nutzern, denen Sie offensichtlich einen niedrigen Intelligenzquotienten zuschreiben?

Offensichtlich erachten Sie die Verpackung Ihrer Inhalte im Rahmen von 140 Zeichen als Trivialisierung der Werbekunst. Sind denn klassische Werbeslogans denn nicht meist noch kürzer formuliert? Appellieren denn Beiträge, Tweets und Postings auf Facebook, Twitter und Co. in denen zur Mitwirkung und Engagement aufgefordert wird, nicht mehr an den Verstand? Sind involvierende Fragen nicht anregender, spannender für den Konsumenten? Erhöht sich die Identifikation mit einer gewissen Marke nicht gerade dadurch?

Erfordert das Konzipieren und Produzieren klassischer Werbemittel tatsächlich mehr Intelligenz? Zeichnen sich passivere Rezipienten Ihrer Werbebotschaften tatsächlich durch höheres Niveau in ihrem Konsumverhalten aus?

Scheinbar – und nun stelle ich einige Vermutungen an, die ich aber bei anderem Sachverhalt gerne bereit bin, zu revidieren- sind Sie nicht sonderlich interessiert an den Reaktionen der angesprochenen Zielgruppen. Und bevorzugen die etablierte Einwegkommunikationsschiene. Sie verhöhnen als “enfant terrible”  der Schweizer Werbeszene somit lieber die Dialogmedien und deren Knowhow-Träger mit plumpen Worten. Wahrscheinlich weil neue Agenturen, die sich in den letzen Jahren auf digitale Werbekampagnen spezialisierten, Sie vom Spitzenplatz des Werbeolymps verdrängt haben. Das ist bedauernswert.

Natürlich, Sie brauchen sich auch nicht Feuer und Flamme für den Einsatz von Social Media zu begeistern. Schweigen darüber oder ein diskreter Verweis auf die Auslagerung des “Online-Zeugs” an Ihre Partneragenturen hätten es auch schon getan. Mit dieser Bemerkung haben Sie sich meiner Ansicht nach aber als Werbeprofi disqualifiziert. Sie bestätigen damit viel mehr das Bild des typischen selbstgefälligen Werbers. Ich hoffe, die Redakteure der Handelszeitung erweitern ihr Expertennetzwerk um einige offenere Branchenkenner, mit ganzheitlicherem Blick für Werbe- und Marketingmethoden. Denn nur eine solche Konsequenz würde die jüngste Berichterstattung über die Phänomene rund um soziale Medien und deren Bedeutung für die Wirtschaftswelt, denen sich die Redaktion mit grosser Offenheit und Neugier widmete, glaubwürdig erscheinen lassen.

Als Letztes möchte ich noch eine abschliessende Bemerkung als Konsumentin und potenzielle Kundin Ihrer Auftraggeber machen: Früher habe ich oft bei Werbespots oder Bannerwerbung weggeschaut, geklickt oder –geschaltet. Und wenn das Werbefenster stets zeitlich begrenzt war, dann halt einfach über mich “ergehen” lassen. Nun habe ich die Möglichkeit meine Meinung zur Kampagne kundzutun und den Unternehmen in einem einfachen Kommentarfeld mitzuteilen, wie clever, intelligent, witzig ich die jeweilige Werbeidee und –umsetzung empfinde. Schon alleine aufgrund des Muts, sich den kritischen Meinungen der Weböffentlichkeit zu stellen, würde ich aber auf die Verwendung des Adjektivs „blöd“ tunlichst verzichten. Die Web-Netiquette in Social Media hat nämlich eine disziplinierende Wirkung unter den Web-Nutzern. Gerade Kraftausdrücke gelten in der Online-Community oft als verpönt.

Über eine Antwort oder mehrere Antworten (zugegeben, ich habe auch viele Fragen gestellt) von Ihnen würden ich und bestimmt auch viele andere “blöde” Social Web-NutzerInnen sich freuen. 

Mit freundlichen Grüssen.

Adrienne Fichter

 PS: Auf Ihrer Website wurden Sie in Ihrem Porträt als “Pionier und Bewahrer” umschrieben: Ich hoffe, der Pioniergeist wird wieder aufflammen und gegenüber dem zweiten Element überwiegen.  Denn ich glaube Konservatismus macht sich nicht so gut in Ihrer Branche.