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Ein Hoch auf die (ungefilterte) Kommentarspalte!

Vor ein paar Monaten beklagte ich in der NZZ die fehlenden Investitionen in künstliche Kommentar-Intelligenz. An meinem Standpunkt hat sich wenig geändert. Doch ungefilterte Foren haben auch ihre Vorteile.

Polemiken, Streitereien, Leser die aufeinander eindreschen und sich so sehr verzetteln, dass ihre Beiträge kaum mehr mit dem Thema zu tun haben – welcher Community Moderator kennt dieses Problem nicht. Gerade internationale Medienthemen wie Ukraine, Nahost oder die Flüchtlingskrise bieten Zündstoffpotential.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit  unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

Wer stimmt schon für den Brexit?

Provozierende Bemerkungen, dass der andere User ja keine Ahnung von Geschichte habe, führt zur beleidigenden Gegenreaktion.  Die Eskalationsspirale ist angekurbelt, wenn der erste (oft sachfremde) Kommentar das Eis gebrochen hat. Moderatoren müssen täglich zig-fach abwägen, wie sehr und ob die oft meinungsstarken Kommentatoren die Netiquette verletzen.

Diese Gratwanderung ist unglaublich anstrengend. Jeder Redakteur, der auch nur einen Tag lang eingehende Kommentare freigeschaltet hat, kann das bestätigen. Doch sie hat angesichts der wachsenden Segregation durch Filterblasen  in sozialen Netzwerken einen Vorteil: die Kommentarspalte bleibt der Hort des ungefilterten politischen Diskurses.

Begegnungszonen unterschiedlicher Meinungen werden Mangelware 

Hier treffen reaktionäre, progressive, nationalkonservative und feministische Geister aufeinander. Das ist wichtig. Wieso? Tom Steinberg, der Direktor der NGO MySociety fragte neulich auf Facebook: Wer sind diese Leute, die für den Brexit gestimmt haben? Wo sind sie? Er kenne niemanden.

Als Community Redaktorin weiss ich, wo sie sich aufhalten: Man trifft sie in den Foren von Medienplattformen. Meist meldet sich zwar eine lautstarke Minderheit der Leserschaft zu Wort , die mit der These des Artikels nicht einverstanden ist (die stummen Leser bilden meist die zufriedene stillschweigende Mehrheit).

Doch die Stimmen der Unzufriedenen, die Wutbürger [kleiner Exkurs: Eigentlich sollten sie ja Wahrheits- oder Zeitbürger heissen, da sie sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und offenbar viel Zeit haben. Exkursende] werden dort sichtbar. Ihre kruden Argumentationen zeigen, wie wichtig unsere Stimme beim Urnengang ist. Dass wir uns aus unserer Saturiertheit und unserem homogenen Umfeld herauslösen müssen. Dass wir dagegen halten und jeden überzeugen sollten, diesen Brief rechtzeitig abzuschicken.

Sich in Sicherheit wähnen

Ansonsten passiert etwas, was das Gegenteil des von mir attestierten Potenzials von Social Media wäre: Demobilisierung. Wir gehen nicht abstimmen, weil wir davon ausgehen, dass niemand so geisteskrank sein kann, den Bruch mit der EU freiwillig riskieren zu wollen . Weil unsere singuläre Stimme nicht relevant sein kann für das Abstimmungsergebnis. Weil wir selbstreferenziell sind. Wie gefährlich das ist, hat Michael Furger in der NZZ am Sonntag am Beispiel Brexit aufgezeigt.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der NZZ am Sonntag (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der “NZZ am Sonntag” (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Bis wir die Notwendigkeit erkannt haben, neue digitale Plattformen zu designen, die das Aufeinanderprallen von politischen Meinungen gar begünstigen, bis dieser Tag eintritt, gibt es nur eine Arena für die politische Debatte, mit Sichtweisen, die unterschiedlicher nicht sein können: die Kommentarspalten von 20 Minuten, Tagi, SRF, Blick und NZZ. Auch wenn es uns unglaublich ärgert. Und wir dafür immer wieder die Komfortzone der Gleichgesinnten verlassen müssen.