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Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

Social Politics & Journalism – Die Zweite

Kann Zuckerberg Trump verhindern? Vermutlich ja. Dies und andere spannende Fundstücke der letzten Woche in meiner zweiten Ausgabe von SPJ (ich werde mich mehr auf Politik als auf Journalismus fokussieren, da der Themenbereich Social Journalism mit verschiedenen Angeboten wie den smwatchblog bereits gut abgedeckt ist)

  • Wenn Facebook morgen beschliessen würde, durch aktives Löschen von Postings anderer politischer Couleur nur noch linksliberale Parteien in der Schweiz und in Deutschland zu unterstützen, hätte dies wohl keinen spürbaren Effekt auf die nächsten Wahlen. Das nationalkonservative oder wertkonservative Elektorat würde vielleicht etwas vermindert werden. Die CDU/CSU-Basis würde vielleicht ein klein wenig schwächeln. Eine SVP  bliebe die wählerstärkste Partei bei den Eidgenossen.                                                                                                                                                                                                                                                                    In  den USA hingegen sähe das ganz anders aus. Bei der hohen Facebook-Durchdringung der Gesellschaft, dem ausgebauten digitalen Ökosystem und den hohen Investitionsbereitschaft von politischen Parteien in ausgefeilte Data-Mining-Techniken für Kampagnen, könnte Marc Zuckerberg wohl auch einen Donald Trump verhindern. Wenn er denn wollte. Denn die amerikanische Verfassung sieht auch bei einer zeitgemässer Auslegung keine Beschränkung von Filterfunktionen bei reichweitenstarken Plattformen vorFacebook wouldn’t have to disclose it was doing this, and would be protected by the First Amendment,” schreibt ein Gizmodo Redakteur Michael Nunez.     

 

  • Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

    Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einfluss auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Die aufgeflammte Debatte nach einem internen Facebook-Q&A ist für mich das spannendste Thema im digitalen US-Wahlkampf.  Social Media bieten einen Rahmen für politische Debatten an, ohne dies aktiv zu wollen. Damit haben sie  nicht-legitimiert quasi-staatliche Aufgaben übernommen,                                                       Man erinnere sich an den Aufschrei über das Emotionenexperiment und die Rückblende über die Testgruppen beim “I’m a voter”-Button. Auch ich habe damals in einem NZZ-Artikel die Frage aufgeworfen, inwiefern die Placierung des Buttons die demokratischen Anhänger womöglich mehr mobilisiert hatte. Bis heute ist Facebook uns  Kritikern eine Antwort schuldig geblieben. Einzig der zuständige Professor gab freimütig zu, dass die Obama-Kampagne von viralen Effekten infolge der Testumgebung profitiert haben könnte.                                                                                                                                                                                      Das republikanische Lager wird diesen Sommer sicherlich wohl besonderes Augenmerk auf algorithmische Diskriminierung legen. Fühlt sich ein allfälliger Kandidat Trump benachteiligt, kann er sich in eine Opferrolle à la Blocher (und seiner Kritik an traditionellen Medien) emporstilisieren. Was ihm wohl noch mehr Medienaufmerksamkeit bescheren wird.

 

    • Apropos datenbasierte Digitaldemokratie: Nicht Facebook, nicht “normales” Fernsehen,  nein – YOUTUBE ist die Haupt-Spielwiese für politische Video-Werbung im US-Wahlkampf. Besonders experimentierfreudig in Sachen Video zeigt sich das junge Team rund um Bernie Sanders, welche sogar neuerdings Buzzfeed-Videos auf Twitter bewirbt und vorgängig politische Werbebotschaften einblendet. Diese Erkenntnisse habe ich dank eines interessanten Wired-Artikels gewonnen.
      Dazu einige interessante Zahlen: Seit Oktober 2015 haben Ausgaben in politische Werbung um 294 Prozent zugenommen. 50 % aller politischer Video-Ads werden mobile konsumiert. Youtube bietet differenzierte Statistiken an, so dass man die Absprungsrate möglichst minimieren kann (leider gibt es dazu keine Informationen). Der Vorteil gegenüber dem grössten Player und Video-Überflieger Facebook: Youtube wird bewusst angesteuert, weil sie Bewegtbild-Formate konsumieren möchten.                                                                                                                                                     Die grösste visuelle Plattform hat ein tragfähiges Geschäftsmodell basierend auf Video-Ads entwickelt. Bei Facebook hingegen springen einem ungefragt die im organischen Newsfeed hinaufgeladenen Kurzfilmchen  beim Scrollen an. Was wiederum die Zahl der Aufrufe künstlich aufbläht.  Ausserdem fehlen die Monetarisierungsmöglichkeiten: Politische Wahlkampfwerbung lässt sich nur als eigener Inhalt als klassisches Posting “ausstrahlen”.  Die Wirksamkeit von TV-Werbung direkt zu messen, ist bis heute ein erfolgloses Unterfangen…

 

 

  •  Ein süffisant geschriebener Text über den irischen Wahlkampf (Parlament), den Digitalevangelisten wieder übermotiviert feurig als DEN Social Media-Wahlkampf betitelten. Was er selbstverständlich nicht gewesen war. Wobei man sagen muss, dass die Insel in der Vergangenheit dem Ideal am ehesten entsprochen hat: Und zwar letztes Jahr im Vereinigten Königreich bei den Unterhauswahlen.

    All Politics are social – Hübsche Infografik, die ich auf Pinterest entdeckt habe:


  • Ein interessantes Stück über Bot-Kriegsführung/, Informationskrieg 2.0 oder den maschinengemachten Shitstorm lieferte die WELT.  Was passiert, wenn Roboter-Armeen den politischen Diskurs steuern?

Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt, die größte Gefahr, die von Social Bots ausgehe, sei es, dass die Roboter die reale Politik und damit eine Gesellschaft beeinflussten. Weil sie durch ihre schiere Masse Stimmungen relativ schnell zum Kippen bringen könnten – in den sozialen Netzwerken.

Wenn Tausende Bots auf ein Thema aufspringen, sich ähnlich äußern, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, können sie den Eindruck erwecken, eine Stimmungslage habe sich gedreht. Politiker – und Journalisten – stützen ihre Arbeit auch auf Analysen der Netzwerke. Und richten sie danach aus – dabei haben sie es womöglich nicht mit Wählern oder mit der mutmaßlichen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sondern mit Maschinen. Ähnlich könnten das auch Unternehmen und einzelne Menschen erfahren: der maschinengemachte Shitstorm”

Im Kleinen beobachten wir diese irreführenden Konklusionen im Kommentarwesen von Medienportalen. Obwohl nur eine Minderheit der Leserschaft sich zu Wort meldet – meistens diejenigen, die nicht mit der These oder der Leistung des Journalisten zufrieden sind – schliessen gemäss verschiedenen Studien sowohl Leser als auch Autoren induktiv auf die vorherrschende Meinung zum Werk. Negative Kommentare (unabhängig davon ob es sich um maschinelle oder menschliche Trolle handelt) beeinflussen somit auch die Rezeption und Urteilsbildung zu publizistischen Inhalten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse dies zu ändern. Mit Massnahmen für einen besseren Leserdialog und dem Kampf gegen Bot-Armeen.

  •  Warum es Open Data braucht, das haben auch die beratungsresistentesten öffentlichen Institutionen begriffen. 2016 wird das Jahr des WIE werden (Medium.com).

“re:publica 2014″: Ukraine, Kommentarkultur und Ethik in der Technologie

“re: publica 2014″ – Das waren vier Tage über Netzpolitik, Big Data, Journalismus, Ethik, Ukraine/Russland und die Welt. Und auch etliche persönliche Gespräche über Politik, Gott (Anlass: Es gab auf dem Gelände “Atheisten”-Schuhe zu kaufen) Verlässlichkeit, das launische Wetter, das doofe Flaschenpfand und Berlin (der Eurovision Song Contest kam natürlich auch nicht zu kurz). Vieles wurde schon andernorts resümiert. Ich beleuchte hierbei nochmals meine drei persönlichen Highlights der Konferenz.

Es war meine zweite “re:publica“. Und sie gewann im Vergleich zum letzten Jahr meiner Meinung nach an Substanz und Profil. So beschäftigte man sich neben dem “post-traumatischen” Umgang mit den Snowden-Enthüllungen auch eingehend mit der Frage, wie wir die Themen einer Netzgemeinde für den Mainstream übersetzen und politisierbar machen können.

(Meinen Rückblick und meine Klagen über die pseudowissenschaftlichen Spass-Veranstaltungen von Aktivisten der re:publica 2013 könnt ihr übrigens hier nachlesen).

Viele spannende Sessions habe ich verpasst, weil man aufgrund des grossen Andrangs schon 20 Minuten vor dem Start hätte Platz nehmen müssen, um überhaupt etwas davon mitbekommen zu können.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Da ich gerne antizyklisch bei Grossveranstaltungen verfahre, habe ich bevorzugt die Nischenveranstaltungen besucht.

Nun folgen drei ausgewählte Referate mit bleibenden Eindrücken:

1. Die DiskussionReporting from and about Ukraine: Während der grösste Teil der re:publica-Besucherschar sich David Hasselhoffs Comeback oder Neustart in der Netzpolitik (oder was auch immer er mit jenem Thema zu tun hat…) anschauen ging, verfolgte ich die Diskussion zwischen einer ukrainischen Aktivistin (Oksana Romaniuk) und einer russischen Bloggerin (Alena Popova). Die Russin wurde meiner Meinung von Anfang zu Beginn etwas in die Defensive gedrängt von ihrer ukrainischen Gesprächspartnerin, Oksana Romaniuk, obwohl Popova grundsätzlich gegen die  Politik ihrer Landesregierung stark opponiert.

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova. (Name der Moderatorin habe ich leider nicht herausgefunden, von der "Deutschen Welle")

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova und Moderatorin Kristin Zeier.

“Ja wir haben Propaganda, aber denkt dran, eure Medien vermitteln auch Propaganda” meinte Alena Popova und schilderte ihre Schikane bei der Einreise nach Deutschland, in der sie ausführlich von der Grenzpolizei über ihren Aufenthalt befragt worden ist. Sie getraue sich hierzulande kaum zu sagen, woher sie komme. Man solle generell unterscheiden zwischen der Bevölkerung und der institutionellen Politik in einem Land.

Die Kernfrage der Diskussion, wie man Propaganda in Medien ermitteln und dekonstruieren kann, wurde von der Moderatorin mehrfach wiederholt. Das Thema schien aber zu emotional, virulent und brisant zu sein, als dass man sich in der Diskussion auf technische Tools oder Methoden nun konzentrieren könnte. Die Gesprächsteilnehmerinnen erklärten mehrfach den Konflikt, die fliessenden Geldströme, die Auseinandersetzungen und ihre Erfahrungen. Doch blieben sie bei den Aktivistenmethoden relativ unkonkret.

Beide ermahnten jedoch das Publikum: Kein Medium bildet wirklich die Wahrheit ab. Geht hin und macht euch euer eigenes Bild.

2.  Die Session “News Deeply: Beeindruckt war ich vom Mut der Journalistin Lara Setrakian, die ihren gut bezahlten Job im Fernsehen aufgegeben hat um von null auf ein komplett neues Newsportal zu etablieren. Aufgerüttelt über die “Desinformation” der amerikanischen Bevölkerung über den Nahen Osten (45 % der Amerikaner hatten laut Umfragen keine Meinung darüber, ob eine Intervention der USA in Syrien gerechtfertigt sei oder nicht) entwickelte sie ein neues Nachrichtenmodell: Ein Single-Issue-Portal, mit jeglichen Kontextinformationen zu einem Thema und dies multimedia aufbereitet.  Ein Topic, eine Landing Page und eine ganzheitliche User Experience sollen das Informationsbedürfnis zu einer bestimmten Frage umfassend befriedigen. So entstand “Syria Deeply”, bei der sämtliche Newskanäle anderere Zeitungen zum Syrienkonflikt eingebunden, persönliche Geschichten von Reportern vor Ort recherchiert, Expertenmeinungen präsentiert, Social Media-Kanäle hashtag-gesteuert abgebildet  und wo mit den Korrespondenten vor Ort via Google Hangout gesprochen werden kann.

Natürlich lasse sich für jedes wichtige politische Topic oder globale Thema eine weitere Website eröffnen.  Doch Lara Setrakian gibt sich zurückhaltend: Sie setzt auf ein behutsames Vorgehen bei der Bewirtschaftung eines neuen Themas. Denn dafür benötigt sie die notwendigen Kontakte vor Ort und Experten. Diese Ressourcen seien massgebend auch Bestandteil des Erfolgs von “News Deeply”.

3. Als angehende Community Redakteurin war der Besuch des Workshops “Broken Comment Culture- Let’s fix it!” von Ingrid Brodnig und Terese Bücker natürlich Pflichtprogramm. Hilfreich hätte ich es gefunden wenn man eine Teilnehmerliste des Workshops erstellt hätte. Denn es haben sich viele Social Media Editoren renommierter Deutscher Medien (ZEIT, Stern, Spiegel Online) zu Wort gemeldet. Den Austausch über die Frage, wie man eine konstruktive Kommentarkultur in neue journalistische Erzählformen einbinden kann, war inspirierend.

Workshop "Broken Comment Culture"

Workshop “Broken Comment Culture”

Vier Punkte, vorgetragen von Ingrid Brodnig, für Redakteure und Community Manager möchte ich stichwortartig noch festhalten:

1.  Gute Kommentare sichtbar machen (und damit auch “adeln”)

2. Sich in die Debatte einmischen

3. Fixe Online-Identitäten schaffen (ob mit Klarnamen oder unter Pseudonym ist sekundär)

4. Der Community Verantwortung übergeben

Die Hauptherausforderungen der Netzgemeinde? Überwachung sichtbar und Technologie humanzentriert machen

Und da wäre noch die omnipräsente Leitfrage der Konferenz nach dem Jahr 1 nach Snowden: Wie gehen wir mit der technologischen Überwachung um? Wogegen und gegen wen soll man agitieren? Die Antworten darauf sind unterschiedlich: Pragmatismus (Felix Schwenzel), vehementen politischen Widerstand ( Sascha Lobo), neue Narrative (Karig Friedemann “Überwachung macht impotent” ). Es gibt keine eindeutigen Anleitungen. Denn was man nicht unmittelbar spürt und vorerst“nicht weh tut”, bleibt eben doch fast nur ein abstrakter Gedanke.  Und das muss sich wohl die sehr sensibilisierte Netzgemeinde, deren Technologieeuphorie die -skepsis wohl ebenfalls überwiegt, an der re:publica 2014 letzten Endes auch eingestehen.  Aber nicht in Resignation verfallen.

 Immerhin: Wertgeleitete Technikgestaltung wurde als Credo der Technologischen Zukunft auf der re:publica 2014 gross geschrieben. Spannende Inputs gab es da beispielsweise (mit einem latent ironischen Unterton vorgetragen) von Sarah Spiekermann im Referat “Die ethische Maschine”.

Damit alle diese wichtigen Appelle auch ihre Wirkung entfalten können, hätten wohl neben Netzaktivisten auch Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley im Publikum sitzen sollen.

Und weshalb digital affine Europaparlamentarier die Plattform nicht für Austausch und Wahlkampf genutzt haben, ist mir ein Rätsel.

Hier ebenfalls lesenswerte Zusammenfassungen zur “re:publica 2014″:

- Von Bettina Werren (@Frau_W) für “Marketing& Kommunikation” mit gesammelten Eindrücken anderer  Blogger und Social Media Manager der Schweiz: http://www.mk-fokus.ch/republica-2014-eindruecke-und-empfehlungen-aus-schweizer-sicht/

- Von Tapio Liller – sehr treffend- über die Netzgemeinde zwischen Ohnmacht und Widerstand:  http://prreport.de/home/aktuell/article/8323-netzgemeinde-zwischen-ohnmacht-und-widerstand/?L=%255C%2527%253F&cHash=84504fad8456776ecbc2b5bbeb3f0cf9

- Von @kusito zum netzpolitischen Appell von Sascha Lobo: http://kusito.ch/netzpolitik-schweiz/?replytocom=121#respond

 -  Von Yannick Haan, Sprecher des netzpolitischen Forums der Berliner SPD: Support your local Netzpolitiker

- Und nochmals @Frau_W über das vielfältige Rahmenprogramm zur #rp14 (ich scheine noch mehr verpasst zu haben, als ich dachte, aber egal).

-Von @clipperli auch eine sympathische, gut zu lesende und persönliche Rückblende

Weitere Zusammenfassungen nehme ich gerne auf. Hinterlasst doch einfach einen kurzen Kommentar mit Link.