Schlagwort-Archiv: Politik

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Weshalb ich mir freiwillig fast 14’000 neue Vorgesetzte zulege

Ich fing an, den bittersüssen Geschmack der Freiheit zu geniessen. Selber zu entscheiden, wann ich etwas schreiben wollte und für wen. Nun lege ich mich freiwillig wieder in Ketten. Ich habe auf einen Schlag fast 14’000 Vorgesetzte bekommen, genauer gesagt sind es 14000 Verlegerinnen und Verleger. Denn wenn die Republik ruft, will ich ihr dienen.

In meinem letzten Blogbeitrag auf dieser Seite (zwischenzeitlich habe ich nur noch auf politikviernull.com publiziert) habe ich meine eigene neue Selbständigkeit zelebriert. Meine Rechnung ging auf: Neben dem Buchprojekt hatte ich die Möglichkeit für verschiedene Medien und Unternehmen zu publizieren, die Nachfrage riss nicht ab. Im Gegenteil. Diese Monate waren intensiv, manchmal schlaflos und natürlich nervig (und haben mir erneut meine Inkompetenz für allerlei administrative Arbeiten vor Augen geführt, was ein erheblicher Anteil am Selbständigkeitsdasein ausmacht)

Wer gestern den Newsletter des neuesten Medien-Startups öffnete und sich wunderte, hat richtig gelesen. Ja ich schmeisse meine (hier vor 9 Monaten verkündeten ) Vorsätze wieder über Bord. Die Republik hat gerufen und ich möchte ihr dienen.
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Die Selbständigkeitspläne seien hier vorübergehend auf Eis gelegt (bis auf meine Dozentenverpflichtungen natürlich). Zu attraktiv war die  Aussicht mit den brillantesten Köpfen der Medienszene ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren. Und zu verlockend ist es mit neuen Interaktionsformen zwischen Leser, Verlegern und Redakteuren zu experimentieren. Es ist diese Symbiose von Digital-, Qualitäts- und Communityjournalismus, die ich Kanal auf und ab immer wieder gepredigt habe. Mit der Republik hab ich ein Labor für diese Konzepte gefunden.

Was können nun die rund 14’000 Verlegerinnen und Verleger von einem Politik und Technik-Geek wie mir erwarten? Wer mich kennt, weiss um meine Liebe zu Nischenthemen Bescheid (wobei die Bezeichnung “Nische” immer mehr ungerechtfertigt ist, doch dazu gleich mehr): Alle Facetten zur Netzpolitik, die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Demokratie.  Diese Fragen interessieren mich und werden mich weiterbeschäftigen. Ihre Bedeutung und ihre Dimension werden wachsen.

Die Reaktionen auf meine Buchankündigung und mein wachsendes Netzwerk (von Lesern und natürlich auch von Kritikern) zu diesen Themen bestätigen dies. Leider haben es die Medienhäuser versäumt der Digitalisierung der Demokratie den ihr gebührenden Platz einzuräumen.  Viele Journalisten hinken in der Analyse stets hinterher, sich heute fragend auf welche künstlichen Debatte (da von Bots gesteuert) man gestern “reingefallen” ist.

Wer sonst wenn nicht  eine “Republik” könnte für diese Fragen das richtige Forum bieten? Endlich habe ich das richtige redaktionelle Zuhause gefunden. Ich freue mich auf die Auseinandersetzungen, das Ringen, das Argumentieren, auf Kritik und darauf, viel zu lernen. Die Republik und ich – es passt.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen

Lesen Sie in Zeitungen und Online-Medienportalen? Hoffentlich ja. Wieviele Male pro Tage teilen und kommentieren Sie Links mit Bezug zu einem politischem Thema in Ihren sozialen Netzwerken? Höchstens einmal? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Lesen bedeutet nämlich auch Wahrnehmung. Warum die These der neuen jungen “News-Abstinenzler” nicht haltbar ist.

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Ich durfte bereits in der Kontextsendung von SRF mit Philippe Wampfler darüber reden (auch Input hat es aufgenommen). Da das Thema aber erst in der zweiten Sendungshälfte behandelt wurde und wohl kaum alle Zuhörer die ganzen 50 Minuten mitgeschnappt haben, wiederhole ich die Diskussion in schriftlicher Form. Es geht um die Studie des Nutzungsverhaltens bei Medieninhalten auf Social Media (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft -auch Fög genannt-  der Universität Zürich).

Nur süffisante seichte Kost wird geteilt

Sie besagt, dass die auf Social Media meistgeteilten Artikel von Medien der 61% der Kategorie “Soft News” zuzuordnen sind. Diese bieten also keine Einordnung eines politisch relevanten Themas und hätten mehr unterhaltenden als informativen Charakter (Anmerkung: die Studie bezieht sich auf die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die Social Media-Monitoring-Plattform Newswhip mit ihren jüngsten Befunden: Die meist geteilten Artikeln im Dezember waren allesamt “Hard news”-Themen aus Washington Post, Guardian etc.).

Fazit also : Die Jugend befasst sich lieber mit seichter Kost und vertreibt sich die Zeit eher mit Unterhaltungsangeboten als mit hard news.

So weit, so falsch. Wenn die Messmethode allein auf das Interaktionsverhalten (Kommentieren, Sharing, liken) und auf das Viralitätspotenzial beruht, dann ziehen Medienportale mit Qualitätsansprüchen natürlich schnell den Kürzeren (Zu den Indikatoren, siehe Zusammenfassung der NZZ: “Von den 200 Beiträgen, die im vergangenen Jahr am meisten verlinkt oder mit einem «Like» versehen wurden…”). Das Leseverhalten aus der Studie auszuschliessen, vernachlässigt jedoch eine wichtige Nutzungsform.

It’s the Verweildauer, stupid!

Mit der Lancierung des “Instant Articles”-Formats wird klar, dass Facebook vor allem der Rezeption von Artikeln zwecks Werbevermarktung enorme Bedeutung zumisst. Nicht mehr das Engagement allein ist massgebend, sondern auch die Verweildauer, die Scrolltiefe und die Klickaktivitäten innerhalb eines Formats.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. Ein entsprechender Artikel sieht beispielsweise so aus.

Die “Engagement-Müdigkeit” ist kein Phänomen, welches alleine auf die Jugend zutrifft. Dass sich die Interaktionsfreudigkeit generell immer mehr auf ein “Like” reduziert, hat auch Ingrid Brodnig in ihrem netzpolitischen Referat konstatiert: “Umfragen des Marktforschers GlobalWebIndex zeigen, dass im dritten Quartal 2015 nur noch jeder Dritte seinen Status aktualisierte. Im Jahr zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. Dafür wird Facebook zunehmend passiv genutzt: Man liest Artikel, schaut Videos oder hinterlasst Kommentare bei Freunden”.

Doch für den Giganten ist dies kein besorgniserregender Trend. Auch Brodnig gelangt zur Konklusion, dass Zuckerberg mit seiner Medienoffensive vor allem die Exit-Türen der Plattform unterbinden möchte. Mit anderen Worten: Verlasse nie wieder Facebook. Sie zitiert den Leiter der Studie von Global WebIndiex: “Die Verweildauer bleibt hoch. Für Facebook ist entscheidend, dass es weiterhin vielen Menschen Werbung einblenden kann”.

Nachrichten-Dilemma lädt nicht zur Interaktion ein

Die Seiten und Profile von Medienhäuser gehören erfahrungsgemäss zu den Fan-Magneten einer Plattform, was auch ein Grund dafür ist, weshalb die Technologiefirmen ein Interesse daran haben, neue tragfähige Geschäftsmodellen für Medien zu entwickeln. Junge Personen abonnieren diese Seiten genauso wie ältere Personen. Nur weil Postings und Tweets kein unmittelbaren Reaktionen auslösen, bedeutet nicht, dass sie nicht konsumiert werden.

Ein weiterer Grund für mangelndes Social Echo: Medienportale vermelden mehrheitlich “bad news”. Sich dabei in den vorhandenen “social”-Währungen adäquat zu artikulieren, wirkt manchmal deplatziert und unangemessen (das damit verbundene “Nachrichten-Dilemma” und die von Facebook versprochene Abhilfe durch Emojis-Button habe ich auf meinem Blog bereits einmal diskutiert).

Der Newsfeed von Facebook wird politischer 

Die These des Rückzugs in private konfliktfreie Katzenvideo-Filterbubble ist zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Doch man darf nicht die Schuld der digitalaffinen politikverdrossenen Jugend zu schieben, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Agentur Munich Digital bei über 1000 deutschsprachigen Facebook-Nutzern zeigt.

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Viele deutschsprachige Facebook-Nutzer registrieren ein aufgeheiztes politisches Klima auf Facebook.

Die gute Nachricht der Studie: Der News-Feed wird immer politischer (gemäss der subjektiven Empfindung der Teilnehmer). Die schlechte: Die geäusserten politischen Meinungen und die aufgeheizten Stimmungen werden als zu extrem wahrgenommen, was neben der Nachrichtenlage (Flüchtlinge, Köln etc.) auch auf unser Filteralgorithmus-Problem zurückgeht, welches homogene politische Meinungsräume begünstigt. Dies schreckt immer mehr Nutzer ab und bewog in der Vergangenheit viele dazu, sich von ihren Kontakten zu “ent-freunden”.

Der Rückzug in ein lustiges heiles Refugium und die These neuen “News-Deprivierten” ist erstens eine masslose Übertreibung. Und zweitens ein hausgemachtes Problem von Facebook. Mir sind keine empirischen Zahlen bekannt, die auf ein sinkendes politisches Interesse von Social Media-Nutzern hindeuten.

Snapchat-Journalismus bietet Chancen

Gutes Anschauungsmaterial für diese Gegenposition liefert die Messenger-App Snapchat, die aufgrund ihrer Geschlossenheit (kein offenes Netzwerk) wohl kaum in der fög-Studie berücksichtigt wurde. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin hatte mich im letzten Sommer gefragt, wann die NZZ denn mal endlich auf Snapchat präsent sein würde.

Sie selber hätte die Informationen über die Griechenland-Krise vollständig aus den Snapchat-Kanälen der Medien bezogen (wohlgemerkt auf Englisch, da bis jetzt nur Vox.com, Buzzfeed, CNN und andere Portale aus den USA für die App exklusiv produzieren dürfen).

In der Discover-Sparte bereiten ausgewählte Medienpartner Inhalte im Cardsstil (Informationshäppchen), Bewegtbilder wie Gifs und Video und Artikelabschnitte auf, durch die sich junge Nutzer mittels Wischbewegungen intuitiv navigieren können.

Wahrscheinlich waren wir alle noch nie so gut informiert wie heute.  Doch es fehlt bei den meisten oberflächlichen Informationen an Tiefe.  Das Medienportal Vox.com setzt daher auf Erklärstücke und visuellen hintergründigen Dossierjournalismus, ohne dabei sträfliche Komplexitätsreduktion zu betreiben und ins Triviale zu verfallen.

Die wichtigste Metrik bei Snapchat lässt sich nicht in Form von Aktivitäten erfassen, es zählt lediglich das “View”.  Und diese Zahl schnellte in den letzten 12 Monaten auf schwindelerregende Höhe. Martin Giesler hat die Vorteile des aufblühenden Snapchat-Journanalismus zusammengefasst.

Kurz und gut: Mit solchen rein positivistischen Studien wie die des FöG-Instituts der Universität Zürich wird man  der ganzen Komplexität des Nutzungsverhalten von Medieninhalten -besonders beim “unsichtbaren” passiven Konsum von audiovisuellen Erzählformen- nicht gerecht. Und zwar bei Jung und Alt.

 Update 26. Januar: Spannende Studie über die politische Radikalisierung auf Facebook und kognitive Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

Zu guter Letzt: Ein Brauch der Blogosphäre

Bevor ich neue Vorsätze für 2014 fasse, möchte ich noch paar Alte umsetzen.  Dank Marie-Christine Schindler weiss ich von solch interessanten Ritualen der Blogosphäre wie zum Beispiel der Blog-Parade und dem Blog-Stöckchen. Da ich dieses neulich von ihr auffangen durfte, schliesse ich wie in diesem Tweet versprochen mein Jahr mit diesem letzten Blogartikel ab.

Und ich bin so nett, einen Vorsatz für 10 weitere BloggerInnen bereits vorzuformulieren, indem ich  ihnen das Stöckchen gleich weiterreiche. Übers Mitmachen im nächsten Jahr würde ich mich freuen.

Dies waren also nun die Fragen von Marie-Christine an mich:

1. Welche fünf Keywords treffen auf dich zu?

Chaos, Prokrastination, impulsiv, Genuss, Politik

2. Wenn morgen das Internet abgestellt wird, dann bedeutet das für mich persönlich, …

… ein grosses Problem, da ich dann arbeitslos wäre. Die Konditionierung der letzten Jahre haben meinen Alltag ziemlich digitalisiert. Und ja mein Beruf definiert sich ja auch über das Internet (Social Media Kommunikation).

Ausserdem ertappe ich mich oft dabei, dass ich – wie ich neulich twitterte- in einem Printtext nach einem Wort suche und mir sehnlichst die Suchfunktion Ctrl+F herbeiwünsche…

Dies bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht selber schon bewusst öfters gewisse Zeitfenster offline setzte und dies nicht ausgiebig genossen habe. Meine Ferien im Ausland erlebe ich beispielsweise total internet-frei.

3. Dein Gegenüber rechnet dir vor, wie lange es noch bis zur Pensionierung dauert, damit es sich mit diesem Social-Media-Hype nicht mehr beschäftigen muss. Was sagst du?

Besser Du rechnest nach, wieviel Zeit Du mit der Ignoranz dieses Hypes verloren hast. Die sozialen Netzwerke werden irgendwann mal vorbeigehen, bzw. aufgehen in die alltägliche Kommunikationsstruktur, in der digital und analog mehr und mehr verwoben werden. Sich darauf einzulassen ist vielleicht eine Umstellung und erforderte eine andere Art der Verständigung, da man sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt. Aber am Ende lernt man so viele interessante Leute kennen, die man nicht zufällig an der nächsten Strassenecke getroffen hätte.

Update 28.12.2013 um 19:00: Social Media ist wie die direkte Begegnung zwischen zwei Menschen eine Frage der Haltung. Ist jemand offen für neue Personen, hört man ihnen zu und möchte einen Dialog auf gleicher Augenhöhe starten, so spielt es keine Rolle  durch welche Kanäle das geschieht. Ist also mein Gegenüber offen dafür im direkten Gespräch, so wäre es auch ein Leichtes für ihn dieses online fortzusetzen.

4. Wie bleibst du über das, was die Welt bewegt, auf dem Laufenden?

DIE Welt  oder das Weltgeschehen gibt es meiner Meinung nicht, sondern eher viele verschiedene disparate Themen-Öffentlichkeiten und für alle gibt es Fachblogs und Plattformen der digitalen Avantgarde und Meinungsführer. Ich versuche was Wirtschaft und Politik angeht, wenig News zu konsumieren, sondern eher die reflektierenden Geschichten zu lesen. Ich habe mir schon oft eine Newsdiät verordnet, auch wenn ich den Echtzeit-Charakter von News-Tickern und Live-Streams über alles liebe.

Ich lese mit Vorliebe gerne Spiegel Online, Zeit.de und auch den Tagi Online. Die meisten Titel lasse ich mir aber von meiner Twitter-Timeline servieren, beispielsweise durch den News-Män. Twitter ist für mich sowieso die personalisierte Zeitung, da Gleichgesinnte die von ihnen gelesenen Artikeln mit einer persönlichen Note anreichern. Erst dadurch wird der Artikel schmackhaft für mich.

Da mich auch Reflexionen rund um die Medienwelt interessieren, lese ich auch öfters mal die Medienwoche oder  den Blog Lousy Pennies.

Und dann gibt es noch einige amerikanische Blogs wie Politico und Tech President, in denen ich mich über politische Innovationen im Web und Insider-News in Washington informiere.

Was Entwicklungen in  Social Media und  allgemein in der IT-Wirtschaft angeht: Die “Klassiker” wie t3n, techCrunch, netzwertig.com, etc.

5. Welches ist das bisher beste Social Media Event, an dem du teilgenommen hast?

Der beste Event bis anhin war eigentlich “Data Storys” vom Centre of Storytelling letzten Herbst. Gerade weil Social Media nicht Hauptthema der Veranstaltung war, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Data Stories behandelt wurde. Das Thema wurde sehr vielseitig aus Marketing-, Journalismus-, Künstler- und Philosophie-Blickwinkeln betrachtet.

6. Wie findet ein Newbie Anschluss an die Schweizer Online-Szene?

Indem er seine Themen findet und einen Blog aufsetzt. Ich folge viele vielen unbekannten BloggerInnen, die aber vielversprechend schreiben und von denen man wahrscheinlich in Zukunft viel erwarten kann. Hinter Blogs stehe Persönlichkeiten, die subjektiv über ihre Meinungen und Ansichten schreiben. Gewinnt man bekannte Multiplikatoren als Blog-Abonnenten, erzielt man schnell eine grosse Reichweite.

Erst der Blog und dann die Social Media-Profile. Diese Reihenfolge würde ich empfehlen.

7. Welches sind deine drei Lieblings-Apps?

Flipboard, Twitter, Google Drive

8. Wir basteln uns ein Social-Media-Bullshit-Bingo. Welche fünf Begriffe dürfen auf keinen Fall fehlen?

Conversion-Rate, “Wir müssen jetzt auch Social Media”, Fav-en, Content is King…  Das sind jetzt so die spontanen Begriffe, für Weiteres müsste ich den SocialMedia-Sprech konsultieren.

Und nun ihr:

Nachdem ich nun meinen Beitrag “geleistet” habe, reiche ich das Blog-Stöckchen weiter an ein paar weitere ausgewählte BloggerInen, über die mich folgendes interessieren würde…

- Luzia Tschirky

- Roman Kappeler

- Alexander Sautter

- Olivia Kühni

- Nick Lüthi

- Andreas Kyriacou

- Carmen Epp

- Sofia Esteves

- Anna Jobin

- Thomas Gemperle

1. Hast Du den Offline-Day mitgemacht? Wenn Nein, weshalb nicht? Und wenn Ja, wie war es? 

2. Nenne bitte den Monat und das Jahr Deines allerersten Blogartikels und den Titel davon. 

3.  Welches App schaust Du morgens als Erstes an…?

4. Könntest Du Dir vorstellen eines Tages Dein Geld alleine im Netz zu verdienen?

5. In welchem Jahr, glaubst Du, wird der erste Schweizer Wahlkampf hauptsächlich “im Netz” gewonnen?

6. Ganz ehrlich: Hast Du irgendwas an Deinen digitalen Kommunikationsgepflogenheiten verändert, seit PRISM der NSA bekannt geworden ist (Mails-Verschlüsselung zum Beispiel)?

7. Bist Du auf “phubbing” reingefallen?

8. Was erklärst Du alteingesessenen kulturpessimistische Printjournalismus-Koriphäen wie Frank Schirrmacher die Chancen des Internets, wenn Du die Möglichkeit dazu hättest?

9. Du-zen oder Sie-zen im Blog? Was ist der Königsweg?

10. Ein attraktives neues Medienportal bietet Dir eine lukrative Redaktorenstelle an; Du müsstest lediglich hin und wieder ein paar Native Advertising-Texte von Unternehmen veredeln und redaktionell “anreichern”. Würdest Du annehmen?

11. Wie oft hast Du dieses Jahr “Breaking” getwittert?

Wenn ihr die Fragen beantwortet, könnt ihr euch 5-10 weitere fiese (oder eben nette) Fragen ausdenken und an Personen weiterreichen, von denen ihr schon immer mal zitiert werden wolltet…Aber keinen Zwang bitte.

Nochmals zum Prinzip, erklärt von Marie-Christine: ”Das Stöckchen besteht aus vorgegebenen Fragen und ohne Deadline. Jemand beantwortet diese Fragen in seinem Blog und wirft das Stöckchen am Ende an jemand anderen (oder an mehrere) weiter.”

In diesem Sinne: Ein blogreiches 2014 wünsche ich euch allen!

Wer spart sexy?

Es ist Mitte Dezember und der rituelle Budget-Marathon (mit insgesamt 436 Anträgen) ging über die Bühne. Auf der gut gefüllten Tribüne habe ich mir das Spektakel am ersten Tag während ein paar Stunden zu Gemüte geführt und einiges über das Feilschen um Leistungen und über die Diskussionskultur im Gemeinderat gelernt.

Wahlbeobachterin Adrienne Fichter: Budgetdebatte

Es fehlte lediglich das Popcorn und ein gesprächiger nicht-betroffener Mit-Zuschauer an meiner Seite; ich schätze, meine konzentrierten Sitznachbarn waren allesamt Verwaltungsangestellte.

Mit seinen Plebisziten gegen Kunstprojeke im öffentlichen Raum feiert das konservative Lager manchmal Überraschungserfolge. Es stellte mit dem Referendum das «Nagelhaus» beim Escher-Wyss-Platz zur Disposition und bekämpfte es mit dem Slogan «5 Millionen für e Schiissi» erfolgreich an der Urne.

Diese kleinen Erfolgsgeschichten bestärkten den SVP-Gemeinderat Mauro Tuena in seinem Versprechen eingangs der Budget-Debatte, dass es mit den «Top 5» keine «unsinnigen Projekte» wie den geplanten Hafenkran-Bau oder die «Klangspiele im Tramdepot» geben werde.

Den ganzen Blogartikel gibt es hier zu lesen

Sei authentisch. Aber unpolitisch.

Ein SRF-Mitarbeiter gratuliert einem Politiker zu seiner Nomination auf Twitter und wird daraufhin von seinem Arbeitgeber gerügt. “Wie bitte?” war mein erster Gedanke, der mir beim Lesen dieser Schlagzeile durch den Kopf schoss. Was mich daraufhin zur Frage verleitete: Wie politisch dürfen sich eigentlich Kommunikationsverantwortliche und Unternehmensmitarbeiter im Netz äussern?

Die Glaubwürdigkeit des Journalisten müsse gewahrt werden, schrieb das SRF in einer internen Mitteilung. Ein anderer SRF-Mitarbeiter offenbarte mir im mündlichen Gespräch: Problematisch sei nicht in erster Linie der Status als Medienschaffender sondern die Anstellung bei einem staatsnahen Betrieb (SRG SSR), der einen neutralen Service Public gewährleisten soll.

Unabhängig von diesem Kontext: Denken wir diesen Sachverhalt einmal weiter und weiten ihn auf Kommunikations- und im weitesten Sinne Unternehmenrepräsentanten aller Art aus. Gilt das viel beschworene Gut “Glaubwürdigkeit” nur im Journalismus?

Auch Corporate Blogger müssen sachlich und glaubwürdig auftreten

Nun mag jemand einwenden, Journalisten und Kommunikatoren dürfe man nicht in einen Topf werfen. Falsch. In früheren Blogartikeln habe ich schon einmal versucht darzulegen, wie kommunikativ artverwandt ein Content Marketeer und Journalist denken und agieren muss. Wir Corporate Content-Bloggers sind ebenfalls darauf getrimmt, über Produkte (in meinem Fall Daten) in ausgewogener Art schreiben. Mit Betonung auf ausgewogen, denn “neutral” ist ein Artikel allein aufgrund der konkreten Themensetzung sowieso nie. Noch heikler ist dabei meine Branche: Denn “mein” Content-Umfeld dreht sich hauptsächlich um Wirtschaftszusammenhänge.

Selbstdisziplinierung ist Voraussetzung

Da ich in meinem Unternehmen keinen publizistischen Richtlinien und keinem Verhaltenskodex im Social Web unterworfen bin, habe ich sozusagen freie Bahn. Was ich natürlich nicht wortgetreu umsetze: Ich bin mit meinem Status als Social Media-Verantwortliche (und damit auch Online-Aushängeschild) der OFWI zu einer gewissen Selbst-Disziplinierung angehalten. Die Wortwahl und mein Verhalten reguliere ich selbst. Auch mit meinem -dank meiner verschärften Privatsphäreeinstellungen- schwer zugänglichen Facebook-Profil , wo ich mich etwas “privater” als sonst äussere, befinde ich mich im halböffentlichen Raum.

Sei authentisch, zeige Persönlichkeit. So lautet das Credo auf Social Media. Bei der Politik hingegen wird zur Vorsicht gemahnt.

Sei authentisch, zeige Persönlichkeit. So lautet das Credo auf Social Media. Bei der Politik hingegen wird zur Vorsicht gemahnt.

…aber Selbstverleugnung?

Dennoch: Jahrelang wird uns von Social Media-Experten und Coaches gepredigt, wir Mitarbeiter von Unternehmen seien auch Markenbotschafter, die sichtbarsten Leistungsträger eines Unternehmens. Wir sind es die die Botschaft des Unternehmens transportieren und ihr ein Gesicht geben sollen. Authentizität, Emotionen und klare Standpunkte sind gefragt auf Social Media. Aber eine politische Meinung äussern, das gelte es dann doch zu unterlassen? Andreas von Gunten kritisierte diesen Grundsatz zu Recht: Seine Meinung zu unterlassen und sich auf die Zunge zu beissen, sei Selbst-Verleugnung. Ein solcher Maulkorb hemmt uns in der Selbstentfaltung und auch daran,  in sozialen Netzwerken seine ganze Persönlichkeit ganzheitlich preis zu geben und zu leben.

Die professionelle Distanz bröckelt auf Social Media

Mich zu einem Bravo aufgrund einer politischen Nomination hinreissen zu lassen, fände ich jetzt in meinem Fall wenig verwerflich. Es könnte sich ja um einen Bekannten aus meiner Politnetz-Zeit handeln. Damals pflegte ich Kontakte jeglicher politischer Couleur und könnte daher problemlos auch einem Kandidaten virtuell gratulieren, der nicht auf meiner politischen Augenhöhe ist. Auch bei JournalistInnen, die tagtäglich in Kontakt mit politischen Akteuren auf Twitter miteinander verbunden sind, ist klar, dass diese professionelle Distanz bröckeln wird. Allein schon aufgrund des lockeren Umgangstons, der zur Dialogkultur auf Twitter gehört.

Die Sache mit der “Neutralität”

“Neutralität” gehört auch zum Berufsethos von Sozialwissenschaftlern, die das Weltgeschehen kommentieren müssen. Meine PolitologInnen-KollegInnen heben oft ihre analytische parteiisch unabhängige Betrachtungsweise aktueller Phänomene hervor.  Ein parteipolitisches Bekenntnis ist unserer Zunft selten zu entlocken. Auch ich bin – als Parteilose und Politologin – darauf konditioniert, Zustände und Begebenheiten aus einer analytische Brille zu sezieren und einzuordnen. Doch bin ich auch kein unbeschriebenes Blatt und habe ein politisches Herz. Und ich deklariere die Meinungen auf Twitter ebenfalls als meine Eigenen.  Dem viel gelesenen Standardsatz in jeglicher Twitter-Bio. Das richtige Mittelmass einer professionellen Sichtweise und einen Positionsbezug zur Wahrung der Glaubwürdigkeit ist eine permanente Gratwanderung.

Was wäre gewesen, wenn die FDP ein Positionspapier zur Medienförderung verabschiedet hätte?

Noch ein letztes kleines Gedankenspiel:  Dem Vernehmen nach schien der vom SRF-Mitarbeiter beglückwünschte Kandidat dem linken Lager anzugehören. Das von der SP entworfene und rege diskutiere Medienförderungspapier wurde schon vielerorts kontrovers abgehandelt (hierfür empfehle ich unbedingt die Replik von Daniel Binswanger auf die Verlagshysterie lesen). Mag dieser reflexartige Aufschrei in beiden Fällen mit der Angst von Medienschaffenden zusammenhängen, zu sehr in die linke Gesinnungsecke gerückt zu werden? Daher die letzte offene Frage: Wie hätte wohl die hiesige Medienszene reagiert, würden die Freisinnigen ein Papier zur Stärkung der Medienvielfalt verabschieden?

1 Jahr bei der OFWI: Die Verschmelzung von Content Marketing und wirtschaftlichem Enthüllungsjournalismus, Teil 1

Die Idee zu diesem Blogpost kam mir vor mehreren Monaten bei der Veranstaltung “Brisante Seitenwechsel. Vom PR in den Journalismus und zurück.” Sind die Kommunikationsberufe wirklich so dichotom angelegt, wie sie der Veranstaltungstitel nahelegt? Und liefern wir PR- Verantwortlichen wirklich nur den geschliffenen Corporate Content, den die Journalisten gleich in den Email-Abfallkorb verbannen?

Nicht immer lassen sich diese Kommunikations-Sphären scharf voneinander trennen, wie Dogmatiker dies gerne hätten. Als Beispiel: Mein eigener Job. In diesem zweiteiligen Blogpost möchte ich die Verquickung dieser Kommunikationsformen (Content Marketing und Journalismus) aufzeigen und erklären, wieso “Markenjournalismus” in meinem Fall kein Unwort sein muss.

Was ich eigentlich genau bei der OFWI (Orell Füssli Wirtschaftsinformationen) tue?, wurde ich schon oft gefragt, von Marketing-Experten wie auch von Journalisten. Einige lesen vielleicht meine Blogposts und Tweets, in denen ich vermeintliche “Filzverbindungen” zwischen “Promis” und Unternehmen enthülle. Liest man die Artikel jeweils zu Ende, wird am Schluss eine Informationsquelle genannt: Infocube.ch. Im Grunde genommen also reines Marketing.

Was ich also tue? Ich nenne es eine Mischung zwischen Content & Social Media Marketing und Unternehmenskommunikation 2.0 mit journalistischer Narrenfreiheit.  Ich nehme damit eine “Hybrid”-Funktion ein, an der Schnittstelle von Social Media, PR und KonsumentInnen (und weiteren LeserInnen). Mein Ziel ist es, möglichst interessante Inhalte für LeserInnen umzusetzen und auf die üblichen Floskeln und Marketingsprech zu verzichten. Der Brand OFWI wird bewusst in den Hintergrund gerückt, die Daten (unser Produkt) sind im Fokus.

Das Content Marketing, welches ich betreibe, verstehe ich somit auch als journalistische Aufgabe im weitesten Sinne (auch wenn sich bei idealistischen getriebenen Medienschaffenden die Nackenhaare sträuben müssen, da sie dies als Anmassung und Affront gegenüber ihrem Berufsethos verstehen würden).

Storytelling auf Basis abstrakter Daten

Aus dem folgenden Grund: Das Hauptprodukt – wirtschaftliche Kennzahlen über Unternehmen und Privatpersonen- liefert genug Stoff für spannende Geschichten. Diese “hard facts” versuche ich in Fallbeispiele zu verpacken, die für den Leser einen publizistischen Mehrwert bieten (sollen).

Ich greife dafür in unserem “Inside Infocube”- Blog wirtschaftliche und politische Debatten auf und liefere dazu die wirtschaftsrelevanten Hintergründe. Den Namen “Inside Infocube” haben wir übrigens gewählt, weil wir eben “Insider-Geschichten”, die zwischen den Daten stecken, aufdecken und datenjournalistische Analysen fördern möchten.

Bei aktuellen Themen der Polit- und Medienagenda stellen wir uns die folgenden Fragen: Lassen sich unsere Daten oder Auswertungen in diesem Zusammenhang marketingtechnisch verwerten?  Kann die OFWI als Knowhow-Träger und Anlaufstelle für Wirtschaftsfragen die Debatte bereichern und neue Erkenntnisse zutage fördern?  Lassen sich beide Fragen mit Ja beantworten, fackle ich nicht lange, sondern entwickle meine Storiyidee weiter und bestelle das Zahlenmaterial bei der Data Management-Abteilung der OFWI.

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Content Marketing erfordert neben Marketing-Knowhow auch journalistisches Gespür

Content Marketing bei der OFWI ist für mich neben der Anwendung von Online- und Social Media-Knowhow, eine kommunikative Herausforderung, die kreatives journalistisches Gespür erfordert: Aus dem Datenuniversum spannende Fragestellungen herzuleiten, Ideen zu entwickeln und Auswertungen sowie Analysen zu produzieren,  die das Schlaglicht auf einen neuen Aspekt einer brisanten Debatte werfen.

Aufgestockte PR-Stellen leisten Vorarbeit für ausgedünnte Redaktionen

Vorarbeit für die “ausgedünnten Redaktionen” zu leisten, war gemäss Thomas Schaller, Leiter Hochschulkommunikation der ETH Zürich, eines der Hauptaufaufgaben in seinem beruflichen Alltag, wie er in der Veranstaltung “Seitenwechsel” sagte. Ähnlich erlebe ich den Abbau in jenen Medienredaktionen, die im Gegenzug (ohne es zuzugeben) von den PR-Verantwortlichen immer mehr journalistisches Handwerk abverlangen:  Ich bin somit nicht nur  dem Recherche- und Ideenprozess als Informationslieferantin vorgelagert . Oftmals begleite ich die Medienschaffenden bei den Interpretationen der Daten und formuliere die zündende These vor. So fungiere ich dabei manchmal sogar fast als “quasi-journalistische Erfüllungsgehilfin”.

Blogbegriff “Filzklausel” avancierte zum NZZ-Artikel zur Abzocker-Initiative

Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Die Entscheidungsträger in börsenkotierten Unternehmen, deren Saläre und Vergütungen mehrfach in negative Schlagzeilen gerieten.  So wurde lang von den obskuren “Abzockern” in den Chefetagen der multinationalen Konzerne gesprochen. Mit einem kleinen Bildausschnitt auf unserer öffentlich zugänglichen Datenbank habe ich den in den Medien verteufelten “Bad Boys” ein konkretes Gesicht gegeben und deren wirtschaftlichen Verbindungen aufgezeigt.

Wir beleuchteten somit unbeachtete Aspekte in der öffentlichen Diskussion, wie beispielsweise die in der Abzocker-Initiative vorgesehene Regulierung der Interessensbindungen von Managern und Verwaltungsräten. Ein Blogartikel über jene (von Medien unbeachtete) “Filzklausel” mündete nicht nur im Wortlaut (im Titel) sondern auch inhaltlich und datentechnisch (in Form einer Auswertung über die Wirtschaftskapitäne mit den meisten Mandaten in Börsenunternehmen) im Ideenaustausch mit der betreffenden Journalistin direkt in einen Artikel der “NZZ am Sonntag”.

Dass die Zusammenarbeit zwischen PR und Journalismus aber auch von Interessenskonflikten geprägt ist, erläutere ich in meinem zweiten Teil.

Warum Sozialwissenschaftler “arbeitsmarkttauglicher” sind, als man denkt

Sozialwissenschaftler sind oft praxiserprobte flexible “Allrounder”. Genau in diesen Stärken liegen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Als ehemalige Absolventin der Politikwissenschaft bin ich für einmal selbst “betroffener” Gegenstand einer aktuellen politischen Debatte. Hier folgt nun meine persönliche Meinung zum kritisierten Ansturm auf geistes- und sozialwissenschaftliche Studiengänge in Schweizer Universitäten. 

Die von Experten konstatierten Zahlen und Trends in den Medien sind weder zu bestreiten. Noch handelt es sich um besonders neue Aussagen. Denn schon zu meiner Studienzeit (Beginn Ende 2002) sprach man vom anhaltenden Boom der besagten Phil I-Studiengänge und warnte vor den dünn gesäten Jobs in diesen Bereichen.

Ich halte die Rezepte und Diagnose von Wirtschaftdachverbände jedoch für etwas  verfehlt. Ein bewährtes Selektionsinstrument wie der Numerus Clausus wird den Andrang auf die beliebten “Phil I”-Lehrgänge nicht eindämmen. Ebensowenig sehe ich in der höheren Arbeitsbelastung der ETH-Ausbildungen den Grund für die anhaltende Popularität von Sozialwissenschaften. Wir fürchten uns nicht vor dem Lerndruck bei naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen, sondern interessieren uns schlichtweg mehr für die Erforschung der Mechanismen der Europäischen Union oder von psychischen Erkrankungen.

Euro-Krise verstehen wollen 

Der Grund für die hohe Zahl von Geistes- und Sozialwissenschaftlern liegt in den (für uns) spannenden Lerninhalten und am Willen, komplexe Phänomene der sozialen Realität verstehen zu wollen. Unsere Ausbildung befähigt uns zwar nicht zur Ausübung eines -konkret auf unsere Fähigkeiten zugeschnittenen- Berufs. Doch eröffnen sich uns eine Vielfalt von potenziellen Berufsfeldern. In „meinem Fall“ (Politikwissenschaft) sind es Arbeitskontexte wie Forschung, Journalismus, öffentlicher Sektor (Verwaltung und Institutionen), Kommunikation/PR, Banken, NGOs, Verbände , Markt- und Sozialforschung, Diplomatie.

Wirksamer als ein Numerus Clausus: Das etwas umständlich geschriebene Einführungsbuch für Politikwissenschaftler, welches jeder Erstsemester durchpauken muss. Und schon manchen Ex-Kommilitonen vorzeitig zum Abbruch des Studiums veranlasste.

Vielleicht wirksamer als ein Numerus Clausus: Das etwas umständlich geschriebene Einführungsbuch für Politikwissenschaftler (von Werner J. Patzelt), welches jeder Erstsemester an der Uni Zürich durchpauken musste. Und schon manchen Ex-Kommilitonen zum vorzeitigen Abbruch des Studiums veranlasste.

It’s the experience, stupid

Das mangelnde Interesse der Privatwirtschaft ist aber nicht schön zu reden: Die harte Selektion durch künftige Arbeitgeber schreckt meiner Meinung nach ohnehin einen Grossteil potenzieller “lic.phil”-Studenten a priori ab. Diese Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage frustrierte auch viele Abgänger meines Jahrgangs, die sich nach erfolgreichem Studium oft in ein „Doktorat“ hinüberretteten, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Auch wenn wir mittlerweile als das neue „Prekariat” gelten, bringen Geistes- und Sozialwissenschaftler jedoch einige wissenswerte arbeitsmarkttaugliche Kompetenzen mit.

Der kreative und fruchtbare Umgang mit der eher tristen Jobperspektive verlangt von uns nämlich ein besonderes Engagement neben dem Studium ab. Denn oftmals – wie auch bei Wirtschaftswissenschaftlern der Fall- ist es das Praxisknowhow, welches neben dem Diplomtitel die massgebende Qualifikation für die Erstanstellung nach einem Studium darstellt. Mangelnde Erfahrung ist dabei eines der grössten Stolpersteine akademischer Jobaspiranten, welche zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Bewerbungsprozess führt. Für viele frisch gebackene Sozial- und Geisteswissenschaftler beginnt damit ein tautologisch zermürbender Teufelskreislauf (denn ohne Erstanstellung erlangen wir auch keine Erfahrung und umgekehrt.).

Keiner fragt in der Stellenausschreibung nach einem Soziologen oder Historiker

Im Wissen des beschränkten Jobangebots sind wir daher permanent angehalten, während des Studium uns notwendige kompetitive “Durchsetzungsskills” anzueignen und werden früh gezwungen,  unseren “Marktwert” zu testen.  Ebenso müssen wir uns früh ein professionelles Netzwerk aufbauen und stets „personal branding“ betreiben (was ich auch mit meinem Blog ein Stück weit versuche).

So zog sich auch mein Studium zeitlich schleichend bis zur zweistelligen Semesterzahl hin, weil ich nebenbei zuerst in einer NGO als Kommunikationshilfkraft jobbte, Daten in einem Marktforschungsinstitut eintippte (im selben Institut intern immerhin zur Datenauswertung „aufstieg“) und gleich einen Tag nach meiner letzten Lizentiatsprüfung das Hochschulpraktikum bei der Bundesverwaltung begann (obwohl ich mir eigentlich lieber eine Auszeit gegönnt hätte). Ich habe versucht, jegliche Opportunitäten zu nutzen und nichts unversucht zu lassen.  Bei keinem meiner damaligen Stellen (und auch jetzigen Stellen), waren jemals „Politikwissenschaftler“ gesucht. So habe ich je nach Stellenprofil die erworbenen Fertigkeiten aus Studium und Praxis unterschiedlich stark angepriesen und mich selber dabei in unterschiedlichen Rollen definiert.

Künstliche Beschränkungen und Zutrittsbarrieren würden zwar die Zahl der effektiven Phil I-er wohl reduzieren. Doch neben der damit verbundenen Abwertung der Schweizerischen Maturität fände mit einem NC eher eine Verlagerung der Studierendenschaft auf weitere “sachverwandte” Lehrgänge (PR, Soziale Arbeit, Journalismus-Hochschulen) statt.  Das ursprüngliche Ziel, mehr Studierende für Natur- und Technikwissenschaften zu begeistern, wäre mit dieser Massnahme wohl kaum erreicht. Einen Ausbau unserer Fachhochschulen erachte ich als den vielversprechenderen Weg, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.