Schlagwort-Archiv: Qualitätsjournalismus

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Weshalb ich mir freiwillig fast 14’000 neue Vorgesetzte zulege

Ich fing an, den bittersüssen Geschmack der Freiheit zu geniessen. Selber zu entscheiden, wann ich etwas schreiben wollte und für wen. Nun lege ich mich freiwillig wieder in Ketten. Ich habe auf einen Schlag fast 14’000 Vorgesetzte bekommen, genauer gesagt sind es 14000 Verlegerinnen und Verleger. Denn wenn die Republik ruft, will ich ihr dienen.

In meinem letzten Blogbeitrag auf dieser Seite (zwischenzeitlich habe ich nur noch auf politikviernull.com publiziert) habe ich meine eigene neue Selbständigkeit zelebriert. Meine Rechnung ging auf: Neben dem Buchprojekt hatte ich die Möglichkeit für verschiedene Medien und Unternehmen zu publizieren, die Nachfrage riss nicht ab. Im Gegenteil. Diese Monate waren intensiv, manchmal schlaflos und natürlich nervig (und haben mir erneut meine Inkompetenz für allerlei administrative Arbeiten vor Augen geführt, was ein erheblicher Anteil am Selbständigkeitsdasein ausmacht)

Wer gestern den Newsletter des neuesten Medien-Startups öffnete und sich wunderte, hat richtig gelesen. Ja ich schmeisse meine (hier vor 9 Monaten verkündeten ) Vorsätze wieder über Bord. Die Republik hat gerufen und ich möchte ihr (im Teilzeitpensum) dienen.
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Die Selbständigkeitspläne seien hier vorübergehend auf Eis gelegt (bis auf meine Dozentenverpflichtungen und anderen Projekten/Referaten natürlich). Zu attraktiv war die  Aussicht mit den brillantesten Köpfen der Medienszene ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren. Und zu verlockend ist es mit neuen Interaktionsformen zwischen Leser, Verlegern und Redakteuren zu experimentieren. Es ist diese Symbiose von Digital-, Qualitäts- und Communityjournalismus, die ich Kanal auf und ab immer wieder gepredigt habe. Mit der Republik hab ich ein Labor für diese Konzepte gefunden.

Was können nun die rund 14’000 Verlegerinnen und Verleger von einem Politik und Technik-Geek wie mir erwarten? Wer mich kennt, weiss um meine Liebe zu Nischenthemen Bescheid (wobei die Bezeichnung “Nische” immer mehr ungerechtfertigt ist, doch dazu gleich mehr): Alle Facetten zur Netzpolitik, die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Demokratie.  Diese Fragen interessieren mich und werden mich weiterbeschäftigen. Ihre Bedeutung und ihre Dimension werden wachsen.

Die Reaktionen auf meine Buchankündigung und mein wachsendes Netzwerk (von Lesern und natürlich auch von Kritikern) zu diesen Themen bestätigen dies. Leider haben es die Medienhäuser versäumt der Digitalisierung der Demokratie den ihr gebührenden Platz einzuräumen.  Viele Journalisten hinken in der Analyse stets hinterher, sich heute fragend auf welche künstlichen Debatte (da von Bots gesteuert) man gestern “reingefallen” ist.

Wer sonst wenn nicht  eine “Republik” könnte für diese Fragen das richtige Forum bieten? Endlich habe ich das richtige redaktionelle Zuhause gefunden. Ich freue mich auf die Auseinandersetzungen, das Ringen, das Argumentieren, auf Kritik und darauf, viel zu lernen. Die Republik und ich – es passt.

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Wer gewinnt den Social-Media-Wahlkampf in den USA?

Ich war neulich zu Gast bei der Zentralschweizer PR-Gesellschaft. Die Ausgangsfrage lautete: Wer ist der Social-Media-Sieger im US-Wahlkampf 2016? Soviel vorweg: Meiner Meinung ist das weder Clinton noch Trump. Dies versuchte ich in meinem Referat zu beantworten. Darüber hinaus habe ich das digitale Bewusstsein der Schweizer Parteien verortet und bin auf die düstere Seite der Plattform-Macht eingegangen…

Hier also mein Referat für alle Polit-Digital-Interessierten:

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Der Newsroom, die Börse. Oder: 7 Monate bei der NZZ

7 Monate werke ich nun für die NZZ. In dieser Zeit erlebte ich einige #Gates, neue multimediale Projekte, ein Redesign und durfte ein neues Gefäss mit aufgleisen. Meine erste Bilanz: In einem Medienverlag arbeiten zu dürfen, ist aufregend und auch etwas anstrengend. Etwas Anderes kann ich mir aber zurzeit nicht mehr vorstellen.  Denn die Arbeit in einem Newsroom hat Suchtpotenzial. 

Wer einen Zusammenhang vermutet, zwischen meiner verminderten Blogtätigkeit auf adfichter.ch und meiner Anstellung bei der NZZ…. der möge Recht haben. Dies nicht allein auch deshalb, weil ich mit meinem täglichen Social Media-Radar Chance erhalten habe, für eines der grössten Verlage Trends und Neuheiten aus Netzkultur und -politik aufzuspüren und zu kommentieren.  Ein tolles Privileg und eine Arbeit, die mir grossen Spass bereitet. Das tägliche publizistische Füttern dieses Kanals hat jedoch auch zur Folge, dass ich meinen eigenen Blog sträflichst vernachlässige. Nichtsdestotrotz möchte ich meine eigene Plattform nicht verkümmern lassen. Ich überlege mir gerade eine neue thematische Ausrichtung für das Jahr 2015. Die persönliche Note und Ich-Erzählform werde ich natürlich beibehalten.

Über Gates, Shit- und Lovestorms

Doch jetzt zu meinen Erfahrungen bei meinem neuen Arbeitgeber. Wer eine positive Korrelation zwischen meiner Anstellung bei der NZZ und den vielen #Gates (Selfiegate etc.) in dieser Zeitspanne vermutet- Der möge daran glauben, aber eine Kausalität ist in diesen Fällen nicht gegeben;-)

Während sieben Monaten habe ich ein Redesign ( beta.nzz.ch), Social Media-Meilensteine (100’000 Twitter-Followers, 50’000 und 60’000 Facebook-Fans) und einige böse und gute Wirbelstürme im der schnelllebigen Netzwelt miterlebt, die Blogger-Szene aufgemischt, neue Interaktionsformen mit der Community ausprobieren und auch für die Printausgabe schreiben dürfen.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der aber die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht. Quelle: Pixabay.com

“Be first- but be right” als Leitmaxime

Für die BlogleserInnen, die nicht im Medienumfeld heimisch sind, versuche ich meinen Alltag konkreter zu skizzieren: In einem Newsroom zu arbeiten zu dürfen, erinnert mich in manchen Situationen an das Handeln in einer Börse.  Gebannt verfolgen wir manchmal das Leseverhalten auf nzz.ch auf unseren Monitoren. Gewisse Titel laufen erstaunlich gut, andere liegen unterhalb der Erwartungen des Teams. Die Tagesleitung entscheidet, ob in diese erneut “investiert” wird. Teile des Artikels werden optimiert und Elemente ausgetauscht. Die Resonanz entscheidet über Platzierungen auf der Startseite und Hierarchie innerhalb des Ressorts. Überraschungen und Enttäuschungen über gut und schlecht gelesene Artikel sind an der Tagesordnung. Genauso (un-)berechenbar ist das Echo vieler Artikel auf Social Media.

Bei Eilmeldungen von Agenturen muss alles schnell gehen, denn die Mitbewerber schlafen nicht. Gleichzeitig soll eine wichtige Maxime der NZZ “Be first- but be right” eingehalten werden. Die Nachricht muss überprüft, die Quellen abgesichert und die Texte wohlformuliert sein.

Dasselbe gilt für Regungen und Meldungen aus der Social Media-Welt. Das ABC der Social Media-Verifikation wird wichtiger denn je. Der weltweite user-generated content von Nutzern, die ganz nah am Geschehen dran sind, ist ein wertvolles Nachrichtenreservoir für Redakteure. Ein Journalist soll sich aber davor hüten, einem Irrtum aufzuerliegen und voreilig eine Geschichte daraus zu basteln. Kein Medienhaus ist davor gefeit, Fehler zu machen. Vor allem nicht in Zeiten des Reichweitendrucks und Klickprimats.

Légère gekleidete Kaffee trinkende Journalisten? Der Klischee-Check

Dieser Medienalltag war zuerst neu für mich, er ist aufregend und anstrengend. Die Arbeit in einem Newsroom hat manchmal Suchtpozenzial. Vieles muss schnell entschieden werden, gleichzeitig  dürfen markenrelevante Stärken wie die Analyse und Einordnung nicht zu kurz kommen. Mit digitalen Innovationen und hochwertiger Publizistik möchte die NZZ  neue zahlende Leser gewinnen und bestehende halten und unterhalten. Diese Umwälzungen miterleben zu dürfen und Teil neuer Experimente zu sein, ist eine faszinierende Erfahrung für mich.  In  einem solchen dynamischen Arbeitsumfeld fühlte ich mich relativ rasch wohl. Fast so, als ob ich die letzten Jahren und Monate nichts anderes gemacht hätte.

Zum Schluss noch ein paar Antworten auf einige witzige Fragen, die mir Freunde und Kollegen ausserhalb  der Medienbranche gestellt haben (mit Klischees wurde dabei nicht gespart): Ja, Journalisten trinken relativ viel Kaffee. Nein, der Nikotinkonsum scheint nicht ausserordentlich hoch zu sein (das könnte früher vielleicht anders gewesen sein). Auch sonst leben Journalisten nicht ungesünder als andere Berufsgruppen. Nein, bei der NZZ gibt es nicht mehr Krawatten- und Anzugsträger als anderswo. Ansonsten erscheinen wir ganz casual zur Redaktionssitzung und kleiden uns hin und wieder -natürlich- légère. Und auch wenn viele  Aussenstehende am Bild der altehrwürdigen Print-Dame festhalten möchten, für die das Internet Neuland sein soll: Die grosse Mehrheit der NZZ-Redakteure (123 Mitglieder) twittert inzwischen. Und das regelmässig.