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“re:publica 2014″: Ukraine, Kommentarkultur und Ethik in der Technologie

“re: publica 2014″ – Das waren vier Tage über Netzpolitik, Big Data, Journalismus, Ethik, Ukraine/Russland und die Welt. Und auch etliche persönliche Gespräche über Politik, Gott (Anlass: Es gab auf dem Gelände “Atheisten”-Schuhe zu kaufen) Verlässlichkeit, das launische Wetter, das doofe Flaschenpfand und Berlin (der Eurovision Song Contest kam natürlich auch nicht zu kurz). Vieles wurde schon andernorts resümiert. Ich beleuchte hierbei nochmals meine drei persönlichen Highlights der Konferenz.

Es war meine zweite “re:publica“. Und sie gewann im Vergleich zum letzten Jahr meiner Meinung nach an Substanz und Profil. So beschäftigte man sich neben dem “post-traumatischen” Umgang mit den Snowden-Enthüllungen auch eingehend mit der Frage, wie wir die Themen einer Netzgemeinde für den Mainstream übersetzen und politisierbar machen können.

(Meinen Rückblick und meine Klagen über die pseudowissenschaftlichen Spass-Veranstaltungen von Aktivisten der re:publica 2013 könnt ihr übrigens hier nachlesen).

Viele spannende Sessions habe ich verpasst, weil man aufgrund des grossen Andrangs schon 20 Minuten vor dem Start hätte Platz nehmen müssen, um überhaupt etwas davon mitbekommen zu können.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Die gut besuchten Veranstaltungen im Stage 1 der re:publica.

Da ich gerne antizyklisch bei Grossveranstaltungen verfahre, habe ich bevorzugt die Nischenveranstaltungen besucht.

Nun folgen drei ausgewählte Referate mit bleibenden Eindrücken:

1. Die DiskussionReporting from and about Ukraine: Während der grösste Teil der re:publica-Besucherschar sich David Hasselhoffs Comeback oder Neustart in der Netzpolitik (oder was auch immer er mit jenem Thema zu tun hat…) anschauen ging, verfolgte ich die Diskussion zwischen einer ukrainischen Aktivistin (Oksana Romaniuk) und einer russischen Bloggerin (Alena Popova). Die Russin wurde meiner Meinung von Anfang zu Beginn etwas in die Defensive gedrängt von ihrer ukrainischen Gesprächspartnerin, Oksana Romaniuk, obwohl Popova grundsätzlich gegen die  Politik ihrer Landesregierung stark opponiert.

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova. (Name der Moderatorin habe ich leider nicht herausgefunden, von der "Deutschen Welle")

Von links: Oksana Romaniuk, Alena Popova und Moderatorin Kristin Zeier.

“Ja wir haben Propaganda, aber denkt dran, eure Medien vermitteln auch Propaganda” meinte Alena Popova und schilderte ihre Schikane bei der Einreise nach Deutschland, in der sie ausführlich von der Grenzpolizei über ihren Aufenthalt befragt worden ist. Sie getraue sich hierzulande kaum zu sagen, woher sie komme. Man solle generell unterscheiden zwischen der Bevölkerung und der institutionellen Politik in einem Land.

Die Kernfrage der Diskussion, wie man Propaganda in Medien ermitteln und dekonstruieren kann, wurde von der Moderatorin mehrfach wiederholt. Das Thema schien aber zu emotional, virulent und brisant zu sein, als dass man sich in der Diskussion auf technische Tools oder Methoden nun konzentrieren könnte. Die Gesprächsteilnehmerinnen erklärten mehrfach den Konflikt, die fliessenden Geldströme, die Auseinandersetzungen und ihre Erfahrungen. Doch blieben sie bei den Aktivistenmethoden relativ unkonkret.

Beide ermahnten jedoch das Publikum: Kein Medium bildet wirklich die Wahrheit ab. Geht hin und macht euch euer eigenes Bild.

2.  Die Session “News Deeply: Beeindruckt war ich vom Mut der Journalistin Lara Setrakian, die ihren gut bezahlten Job im Fernsehen aufgegeben hat um von null auf ein komplett neues Newsportal zu etablieren. Aufgerüttelt über die “Desinformation” der amerikanischen Bevölkerung über den Nahen Osten (45 % der Amerikaner hatten laut Umfragen keine Meinung darüber, ob eine Intervention der USA in Syrien gerechtfertigt sei oder nicht) entwickelte sie ein neues Nachrichtenmodell: Ein Single-Issue-Portal, mit jeglichen Kontextinformationen zu einem Thema und dies multimedia aufbereitet.  Ein Topic, eine Landing Page und eine ganzheitliche User Experience sollen das Informationsbedürfnis zu einer bestimmten Frage umfassend befriedigen. So entstand “Syria Deeply”, bei der sämtliche Newskanäle anderere Zeitungen zum Syrienkonflikt eingebunden, persönliche Geschichten von Reportern vor Ort recherchiert, Expertenmeinungen präsentiert, Social Media-Kanäle hashtag-gesteuert abgebildet  und wo mit den Korrespondenten vor Ort via Google Hangout gesprochen werden kann.

Natürlich lasse sich für jedes wichtige politische Topic oder globale Thema eine weitere Website eröffnen.  Doch Lara Setrakian gibt sich zurückhaltend: Sie setzt auf ein behutsames Vorgehen bei der Bewirtschaftung eines neuen Themas. Denn dafür benötigt sie die notwendigen Kontakte vor Ort und Experten. Diese Ressourcen seien massgebend auch Bestandteil des Erfolgs von “News Deeply”.

3. Als angehende Community Redakteurin war der Besuch des Workshops “Broken Comment Culture- Let’s fix it!” von Ingrid Brodnig und Terese Bücker natürlich Pflichtprogramm. Hilfreich hätte ich es gefunden wenn man eine Teilnehmerliste des Workshops erstellt hätte. Denn es haben sich viele Social Media Editoren renommierter Deutscher Medien (ZEIT, Stern, Spiegel Online) zu Wort gemeldet. Den Austausch über die Frage, wie man eine konstruktive Kommentarkultur in neue journalistische Erzählformen einbinden kann, war inspirierend.

Workshop "Broken Comment Culture"

Workshop “Broken Comment Culture”

Vier Punkte, vorgetragen von Ingrid Brodnig, für Redakteure und Community Manager möchte ich stichwortartig noch festhalten:

1.  Gute Kommentare sichtbar machen (und damit auch “adeln”)

2. Sich in die Debatte einmischen

3. Fixe Online-Identitäten schaffen (ob mit Klarnamen oder unter Pseudonym ist sekundär)

4. Der Community Verantwortung übergeben

Die Hauptherausforderungen der Netzgemeinde? Überwachung sichtbar und Technologie humanzentriert machen

Und da wäre noch die omnipräsente Leitfrage der Konferenz nach dem Jahr 1 nach Snowden: Wie gehen wir mit der technologischen Überwachung um? Wogegen und gegen wen soll man agitieren? Die Antworten darauf sind unterschiedlich: Pragmatismus (Felix Schwenzel), vehementen politischen Widerstand ( Sascha Lobo), neue Narrative (Karig Friedemann “Überwachung macht impotent” ). Es gibt keine eindeutigen Anleitungen. Denn was man nicht unmittelbar spürt und vorerst“nicht weh tut”, bleibt eben doch fast nur ein abstrakter Gedanke.  Und das muss sich wohl die sehr sensibilisierte Netzgemeinde, deren Technologieeuphorie die -skepsis wohl ebenfalls überwiegt, an der re:publica 2014 letzten Endes auch eingestehen.  Aber nicht in Resignation verfallen.

 Immerhin: Wertgeleitete Technikgestaltung wurde als Credo der Technologischen Zukunft auf der re:publica 2014 gross geschrieben. Spannende Inputs gab es da beispielsweise (mit einem latent ironischen Unterton vorgetragen) von Sarah Spiekermann im Referat “Die ethische Maschine”.

Damit alle diese wichtigen Appelle auch ihre Wirkung entfalten können, hätten wohl neben Netzaktivisten auch Entscheidungsträger aus dem Silicon Valley im Publikum sitzen sollen.

Und weshalb digital affine Europaparlamentarier die Plattform nicht für Austausch und Wahlkampf genutzt haben, ist mir ein Rätsel.

Hier ebenfalls lesenswerte Zusammenfassungen zur “re:publica 2014″:

- Von Bettina Werren (@Frau_W) für “Marketing& Kommunikation” mit gesammelten Eindrücken anderer  Blogger und Social Media Manager der Schweiz: http://www.mk-fokus.ch/republica-2014-eindruecke-und-empfehlungen-aus-schweizer-sicht/

- Von Tapio Liller – sehr treffend- über die Netzgemeinde zwischen Ohnmacht und Widerstand:  http://prreport.de/home/aktuell/article/8323-netzgemeinde-zwischen-ohnmacht-und-widerstand/?L=%255C%2527%253F&cHash=84504fad8456776ecbc2b5bbeb3f0cf9

- Von @kusito zum netzpolitischen Appell von Sascha Lobo: http://kusito.ch/netzpolitik-schweiz/?replytocom=121#respond

 -  Von Yannick Haan, Sprecher des netzpolitischen Forums der Berliner SPD: Support your local Netzpolitiker

- Und nochmals @Frau_W über das vielfältige Rahmenprogramm zur #rp14 (ich scheine noch mehr verpasst zu haben, als ich dachte, aber egal).

-Von @clipperli auch eine sympathische, gut zu lesende und persönliche Rückblende

Weitere Zusammenfassungen nehme ich gerne auf. Hinterlasst doch einfach einen kurzen Kommentar mit Link.

re:publica 2013: Trotz Jokes und Bananen ein Event mit Mehrwert

Die Re:Publica gilt als das ”inoffzielle Jahrestreffen der Deutschen Internetszene“.  Dieses Selbstverständnis war gewissermassen auch Programm. Denn obwohl der Event mittlerweile  Besucher aus ganz Europa anlockt (und ein beachtlicher Zustrom aus der Schweiz zu verzeichnen war), waren die Sessions stark auf den aktuellen Deutschen netzpolitischen Diskurs und Agenda-Setting (Netzneutralität, Leistungsschutzrecht) ausgerichtet.

Nichtsdestotrotz erlebte ich drei inspirierende Tage mit spürbarem Unternehmergeist, digitaler Experimentierfreude, kreativen Inputs und einen Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Szenen an einem Ort. Also alles was Berlin ausmacht. Eine kleine subjektive Zusammenfassung. 

geländestation

Die angebotene Rubrikenvielfalt  (Politik&Internet; Business/Innovation; Media; Culture etc.) schlug sich auch in einer heterogenen Teilnehmerschaft wieder: Das Publikum setzte sich aus experimentierfreudigen Digital Natives und Teilnehmern aus unterschiedlichsten Berufssparten und Milieus zusammen.

Doch scheinen sich-  unabhängig ob Jemand einen Mode-, Lifestyle-, Finanz- oder Politikblog betreibt- alle mit ähnlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen: Wie verdiene ich Geld mit meinem Blog? Wie bleibe ich trotz Sponsoring und  Produktbelieferung einer Firma unabhängig? Wie erreiche ich mit meinen journalistischen Datenanalysen ein Massenpublikum?

Jene Fragestellungen wurden (zum Glück) ergebnisoffen diskutiert. Denn für verschiedene Aspekte, die mit der Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Arbeitsbereiche einhergehen, haben wir noch keine pfannenfertige Antworten. Sonst wären sämtliche Internet-Entrepreneurs und Start-Up-Pioniere schon schwerreich.

Bei manchen Referaten schien mir der Spassfaktor von den Programm-Kuratoren (einige Titel wiesen bereits darauf hin wie „Digitale Bananen“) höher gewichtet worden zu sein anstatt der Vermittlung von gehaltvollem Experten-Knowhow.

2 Beispiele:

Bei den Politische Memen: Silly Jokes or Game Changer?” habe ich eine Präsentation von aussagekräftigen Memen erwartet, die dank ihrer ihrer viralen Verbreitungstärke zu „Game-Changes“ von politischen Konflikten geführt haben oder zumindest in die Aufnahme der politischem Agenda der Eliten gemündet sind . Stattdessen haben die Referenten die Antwort vorweggenommen (“Silly Jokes”) indem sie die bekannten „LOL“-Topics “Mitt Romney &die Aktenfrauen” aufwärmten und im Eilverfahren Karikaturen politischer Machthaber durchbuchstabierten. Was zu grossem Gelächter im Saal führte.  Und mich ebenfalls amüsierte.  Doch in Sachen Mehrwert mich am Ende der Präsentation vor ein grosses Fragezeichen stellte.

Ein politisches Memen von Angela Merkel

Ein politisches Meme von Angela Merkel

Auch bei den Referenten, die „ Conspiracy Theories“  auf ihre Einzelteile zerlegen und Hinweise zur Errechnung des „Verschwörungstheoriegehalts“ einer im Netz verbreiteten These gaben, fragte man sich zuweilen, ob ihr stark ideologischer (NO-NAZI.NET)  Hintergrund wirklich eine wissenschaftliche Analyse jener Theorien ermöglicht.  Denn dass eine “Mehrheit der Verschwörungstheorien rechtsradikalen und antisemitischen Nährboden” entspringen, wage ich beim berühmtesten Beispiel (Truth 9/11) mit meinem Common Sense-Wissen zu bezweifeln (und wurde auch von einem Teilnehmer öffentlich in Frage gestellt).

Der ergiebigste Vortrag mit den meisten Denkanstössen, war dann auch derjenige mit dem langweiligsten Titel: Netzwerkanalyse und Politische Öffentlichkeit“ von Stefan Heidenreich. Die Re:Publica-Macher rechneten wohl nicht mit einem derartig grossen Interesse, so dass etliche Zuhörer im kleinen Stage 7 auf dem Boden Platz nehmen mussten.

Die 4 relevanten Schlüsselpunkte für mich aus den 60 Minuten:

  • Politische Kommunikation verläuft nicht nicht nach der linearen Form (Bürger trifft eine Wahl eines Politikers, der wiederum Entscheidungen trifft). Oftmals müssen PolitikerInnen nach ihrer Amtseinweihung bereits getroffene heikle Entscheidungen ihrer Wählerbasis vermitteln (insbesondere diejenigen von supranationalen EU-Institutionen).
  • Neue Medien bilden zuerst die alten Medien ab (aktuelles Beispiel, Online-Newsportale der 1. Generation, die Printartikel abbilden), bevor sich eigene genuine Genres, Funktionsweisen und Inhalte entwickeln.
  • Gate-Keeper und Agenda-Setting waren die Elemente früherer Kommunikationsmodelle. Informationskaskaden, die sich (plötzlich) explosionsartig verbreiten und ein Thema auf die Medienagenda setzen (Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers=> Arabische Revolution). sind der neue Forschungsgegenstand vieler Kommunikationswissenschaftler.
  • Wir analysieren den Nachrichtenwert von Twitter- Beiträgen möglicherweise noch nicht richtig (bzw. ziehen hergebrachte Analysemodelle aus der Massenmedien-Ära heran und stellen daraus ableitend womöglich die falschen Fragen). Hier muss die Forschung ansetzen und neue erkenntnistheoretische Grundlagen heranziehen.

Last but not least wurde im Saal lange über die “Zeitlichkeit” als massgebender Faktor für eine relevante Nachricht diskutiert. Der Referent ist der Ansicht, Google vernachlässige in seiner Relevanz-Berechnung von Informationsquellen den Zeit-Faktor zunehmend.

Alles in allem: Das Referat hat mir trotz mangelhafter Illustration (die Folien waren etwas handgestrickt und erinnerten mich an die Hellraumprojektervorlesungen der früheren Uni-Zeit) spannende Einsichten der politischen Kommunikationsforschung geliefert.

re:publica: Mischung aus Open Air-Stimmung und Machertum 

Die „Macher“-Stimmung an der “re:publica 13″ auf dem Gelände war insgesamt auch das positivste Erlebnis an der dreitägigen Konferenz der Digitalen Gesellschaft. Es waren keine Messestände von Werbe-Agenturen auf dem Gelände zu sehen, sondern ein klein aber feines kreatives Durcheinander von innovativen und gemeinsinnorientierten Initiativen, Plattformen und Aktionen vorzufinden.

Das Open Air-Flair und kulturelle Rahmenprogramm luden mehrfach zum Outdoor-Verweilen auf den Stühlen ein. Bei manchen (für mich trivialen) Spass-Sessions konnte man die Sonne guten Gewissens geniessen, ohne dabei gross etwas verpasst zu haben. Zum Glück, bei dem dichten Programm.

Doch dürften sich die Referenten vielleicht künftig auch mehr an “schwerere” Kost (die Denkarbeit der Zuhörer fordert) heranwagen, wie das grosse Interesse bei dem Nischenreferat “Netzwerkanalyse und politische Öffentlichkeit” gezeigt hat. Und den Programmfokus vielleicht etwas internationaler ausrichten.