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Ist Facebook-Video bei Schweizer Medienhäusern angekommen?

Video, Video, Video: Die Netzavantgarde und Digital-VordenkerInnen unter den Medienschaffenden aus Deutschland haben Bewegtbild auf Social Media zum Supertrend 2016 erklärt.  Welche Rolle spielt dieses Format im Social Media-Alltag der Schweizer Medienhäuser?

Bewegtbildformat oder eben Videos und Gifs gehören zu den beliebtesten Inhalten auf Social Media. Die Plattformen und Messenger überbieten sich mit Superlativen: 8 Milliarden Videoaufrufe vermeldete Snapchat. Auch Facebook mischt als neuer Video-Player kräftig mit und honoriert alle “geschenkten” genuinen Aufnahmen – also direkt hinaufgeladenen Videos – algorithmisch (wird Nutzern öfters angezeigt als andere Formate).

Entscheidend ist die mediumsgerechte Aufarbeitung von Videos

Die Zutaten für ein erfolgreiches Video haben die Macher der Social Media Discovery-Plattform Newswhip zusammengefasst: Untertitelung (das Video muss mobile und stumm funktionieren), eine Länge von circa 20-50 Sekunden, viele Schnitte, keine langen Sprechszenen, viel Handlung und ein  eingebetteter Call to Action-Button.

Fakt ist: Videos, die auf ein externes Medienportal locken sollen, müssen in einer spezifischen Teaser-Fassung extra produziert werden. Unsere Auswertungsdaten der NZZ zeigen, dass trotz hoher Viewszahlen nur eine kleine Zahl von Usern das Video länger als 30 Sekunden anschaut.

Der Themenreigen der erfolgreichsten Videos (bei der NZZ) ist breit: Von Lokalkolorit (Güterzug durch die Stadt Zürich) über Zeitgeist-Themen und wissenschaftlichen Erklärstücken bis zu Porträts von Flüchtlingen.  Kurz zusammengefasst lassen sich die Videos unter der Formel “Berührend, erklärend und involvierend” subsumieren.

Illustrierte und audiovisuell ansprechende und aufwendige Erklärstücke (wie das Beispiel von Channel 4 News) eigenen sich besonders gut für Medien, die dem Qualitätsjournalismus verpflichtet sind.

Who will vote to leave the EU?A university graduate is more than twice as likely to want Britain to stay in the EU than someone with no qualifications.What else do we know about how people will vote in the referendum? And what does it say about the deep divisions in British society?

Posted by Channel 4 News on Freitag, 19. Februar 2016

Die Nachteile des “bewegenden” Facebook-Hypes: Ein Monetarisierungssystem wie bei Youtube durch Vermarktung von Video Ads scheint keine Priorität auf der Entwicklungsagenda von Facebook zu sein. Video-Künstlern, die sich nicht nur von Luft ernähren wollen, sei somit nicht empfohlen, auf eine reine Facebook-Präsenz zu setzen.

Und auch für Medien gilt: Mit direkt hinaufgeladenen Kurzfilmen und ganzheitlichen Formaten wird Publizistik einmal mehr verschenkt. Nur ein Bruchteil der Zuschauer nimmt die am Schluss aufgeblitzten “Mehr ansehen”-Button (die auf die Portale verlinken) noch wahr.

Allerdings erfassen die gängigen Metriken wie Klicks und Shares das Social Media-Konsumverhalten der meisten Nutzer unzureichend, wie ich schon an früherer Stelle konstatiert habe (Stichwort: Neue Relevanzkritieren des Plattform-Journalismus und “unsichtbare” Interaktionen wie Verweildauer, Views ).

 

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Facebook hat an allen Stellen des Newsfeed-Algorithmus geschraubt, um Videos zum beliebtesten (weil im Newsfeed meist ausgespieltesten) Medieninhalt avancieren zu lassen. Aufrufzahlen werden durch die automatische Wiedergabe in den Newsfeeds der Nutzer teilweise künstlich aufgebläht. Youtube und Vimeo-Links hingegen werden in Form einer verkleinerten Vorschau abgestraft. Man merkt: Der Social Gigant mag keine externen Videoplattformen mehr.

Welche Video-Aktivitäten bei Facebook verfolgen die Kolleginnen und Kollegen des Tagesanzeiger, SRF, Blick, 20 Minuten und Watson? Ich habe mir die prozentualen Anteile der verwendeten Facebook-Formate ( Quelle: Fanpagekarma.com) im letzten halben Jahr angeschaut (20 Minuten Online ist aus technischen Gründen nicht auffindbar beim besagten Monitoringtool, die Betreiber der Plattform wissen Bescheid. Ich habe bewusst SRF 3 wegen des hohen Videoanteils ausgewählt).

Hinweis: Diese Infografik misst nur die Formate-Verteilung und keine Performance (Views, Times spent, Likes, Shares etc.) der jeweiligen Postings.

Im Vergleich zu den reichweitenorientierten Portalen mit Fokus auf Unterhaltungsthemen wie beispielsweise beim Blick.ch/ Blick am Abend oder innerhalb des SRF-Sendeangebots SRF3  spielen Videos bei der Facebook-Bewirtschaftung bei der NZZ noch eine Nebenrolle. watson und Blick kuratieren viele virale Fremdinhalte, was auch die Beitragsreichweite erhöht. Es geht ja bekanntlich, wie oben erwähnt, nicht immer nur um Klicks.

Doch sowohl bei uns wie auch – denn Gesprächen nach – beim SRF, Tagesanzeiger, Blick und Watson wird eine tragfähige und plattformübergreifende Bewegtbild-Strategie  ein wichtiger Schwerpunkt der digitalen Publizistik im Jahr 2016 sein. Auch die Schweizer Medienhäuser haben somit die sozialen Signale der Zeit erkannt.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen

Lesen Sie in Zeitungen und Online-Medienportalen? Hoffentlich ja. Wieviele Male pro Tage teilen und kommentieren Sie Links mit Bezug zu einem politischem Thema in Ihren sozialen Netzwerken? Höchstens einmal? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Lesen bedeutet nämlich auch Wahrnehmung. Warum die These der neuen jungen “News-Abstinenzler” nicht haltbar ist.

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Ich durfte bereits in der Kontextsendung von SRF mit Philippe Wampfler darüber reden (auch Input hat es aufgenommen). Da das Thema aber erst in der zweiten Sendungshälfte behandelt wurde und wohl kaum alle Zuhörer die ganzen 50 Minuten mitgeschnappt haben, wiederhole ich die Diskussion in schriftlicher Form. Es geht um die Studie des Nutzungsverhaltens bei Medieninhalten auf Social Media (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft -auch Fög genannt-  der Universität Zürich).

Nur süffisante seichte Kost wird geteilt

Sie besagt, dass die auf Social Media meistgeteilten Artikel von Medien der 61% der Kategorie “Soft News” zuzuordnen sind. Diese bieten also keine Einordnung eines politisch relevanten Themas und hätten mehr unterhaltenden als informativen Charakter (Anmerkung: die Studie bezieht sich auf die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die Social Media-Monitoring-Plattform Newswhip mit ihren jüngsten Befunden: Die meist geteilten Artikeln im Dezember waren allesamt “Hard news”-Themen aus Washington Post, Guardian etc.).

Fazit also : Die Jugend befasst sich lieber mit seichter Kost und vertreibt sich die Zeit eher mit Unterhaltungsangeboten als mit hard news.

So weit, so falsch. Wenn die Messmethode allein auf das Interaktionsverhalten (Kommentieren, Sharing, liken) und auf das Viralitätspotenzial beruht, dann ziehen Medienportale mit Qualitätsansprüchen natürlich schnell den Kürzeren (Zu den Indikatoren, siehe Zusammenfassung der NZZ: “Von den 200 Beiträgen, die im vergangenen Jahr am meisten verlinkt oder mit einem «Like» versehen wurden…”). Das Leseverhalten aus der Studie auszuschliessen, vernachlässigt jedoch eine wichtige Nutzungsform.

It’s the Verweildauer, stupid!

Mit der Lancierung des “Instant Articles”-Formats wird klar, dass Facebook vor allem der Rezeption von Artikeln zwecks Werbevermarktung enorme Bedeutung zumisst. Nicht mehr das Engagement allein ist massgebend, sondern auch die Verweildauer, die Scrolltiefe und die Klickaktivitäten innerhalb eines Formats.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. Ein entsprechender Artikel sieht beispielsweise so aus.

Die “Engagement-Müdigkeit” ist kein Phänomen, welches alleine auf die Jugend zutrifft. Dass sich die Interaktionsfreudigkeit generell immer mehr auf ein “Like” reduziert, hat auch Ingrid Brodnig in ihrem netzpolitischen Referat konstatiert: “Umfragen des Marktforschers GlobalWebIndex zeigen, dass im dritten Quartal 2015 nur noch jeder Dritte seinen Status aktualisierte. Im Jahr zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. Dafür wird Facebook zunehmend passiv genutzt: Man liest Artikel, schaut Videos oder hinterlasst Kommentare bei Freunden”.

Doch für den Giganten ist dies kein besorgniserregender Trend. Auch Brodnig gelangt zur Konklusion, dass Zuckerberg mit seiner Medienoffensive vor allem die Exit-Türen der Plattform unterbinden möchte. Mit anderen Worten: Verlasse nie wieder Facebook. Sie zitiert den Leiter der Studie von Global WebIndiex: “Die Verweildauer bleibt hoch. Für Facebook ist entscheidend, dass es weiterhin vielen Menschen Werbung einblenden kann”.

Nachrichten-Dilemma lädt nicht zur Interaktion ein

Die Seiten und Profile von Medienhäuser gehören erfahrungsgemäss zu den Fan-Magneten einer Plattform, was auch ein Grund dafür ist, weshalb die Technologiefirmen ein Interesse daran haben, neue tragfähige Geschäftsmodellen für Medien zu entwickeln. Junge Personen abonnieren diese Seiten genauso wie ältere Personen. Nur weil Postings und Tweets kein unmittelbaren Reaktionen auslösen, bedeutet nicht, dass sie nicht konsumiert werden.

Ein weiterer Grund für mangelndes Social Echo: Medienportale vermelden mehrheitlich “bad news”. Sich dabei in den vorhandenen “social”-Währungen adäquat zu artikulieren, wirkt manchmal deplatziert und unangemessen (das damit verbundene “Nachrichten-Dilemma” und die von Facebook versprochene Abhilfe durch Emojis-Button habe ich auf meinem Blog bereits einmal diskutiert).

Der Newsfeed von Facebook wird politischer 

Die These des Rückzugs in private konfliktfreie Katzenvideo-Filterbubble ist zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Doch man darf nicht die Schuld der digitalaffinen politikverdrossenen Jugend zu schieben, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Agentur Munich Digital bei über 1000 deutschsprachigen Facebook-Nutzern zeigt.

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Viele deutschsprachige Facebook-Nutzer registrieren ein aufgeheiztes politisches Klima auf Facebook.

Die gute Nachricht der Studie: Der News-Feed wird immer politischer (gemäss der subjektiven Empfindung der Teilnehmer). Die schlechte: Die geäusserten politischen Meinungen und die aufgeheizten Stimmungen werden als zu extrem wahrgenommen, was neben der Nachrichtenlage (Flüchtlinge, Köln etc.) auch auf unser Filteralgorithmus-Problem zurückgeht, welches homogene politische Meinungsräume begünstigt. Dies schreckt immer mehr Nutzer ab und bewog in der Vergangenheit viele dazu, sich von ihren Kontakten zu “ent-freunden”.

Der Rückzug in ein lustiges heiles Refugium und die These neuen “News-Deprivierten” ist erstens eine masslose Übertreibung. Und zweitens ein hausgemachtes Problem von Facebook. Mir sind keine empirischen Zahlen bekannt, die auf ein sinkendes politisches Interesse von Social Media-Nutzern hindeuten.

Snapchat-Journalismus bietet Chancen

Gutes Anschauungsmaterial für diese Gegenposition liefert die Messenger-App Snapchat, die aufgrund ihrer Geschlossenheit (kein offenes Netzwerk) wohl kaum in der fög-Studie berücksichtigt wurde. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin hatte mich im letzten Sommer gefragt, wann die NZZ denn mal endlich auf Snapchat präsent sein würde.

Sie selber hätte die Informationen über die Griechenland-Krise vollständig aus den Snapchat-Kanälen der Medien bezogen (wohlgemerkt auf Englisch, da bis jetzt nur Vox.com, Buzzfeed, CNN und andere Portale aus den USA für die App exklusiv produzieren dürfen).

In der Discover-Sparte bereiten ausgewählte Medienpartner Inhalte im Cardsstil (Informationshäppchen), Bewegtbilder wie Gifs und Video und Artikelabschnitte auf, durch die sich junge Nutzer mittels Wischbewegungen intuitiv navigieren können.

Wahrscheinlich waren wir alle noch nie so gut informiert wie heute.  Doch es fehlt bei den meisten oberflächlichen Informationen an Tiefe.  Das Medienportal Vox.com setzt daher auf Erklärstücke und visuellen hintergründigen Dossierjournalismus, ohne dabei sträfliche Komplexitätsreduktion zu betreiben und ins Triviale zu verfallen.

Die wichtigste Metrik bei Snapchat lässt sich nicht in Form von Aktivitäten erfassen, es zählt lediglich das “View”.  Und diese Zahl schnellte in den letzten 12 Monaten auf schwindelerregende Höhe. Martin Giesler hat die Vorteile des aufblühenden Snapchat-Journanalismus zusammengefasst.

Kurz und gut: Mit solchen rein positivistischen Studien wie die des FöG-Instituts der Universität Zürich wird man  der ganzen Komplexität des Nutzungsverhalten von Medieninhalten -besonders beim “unsichtbaren” passiven Konsum von audiovisuellen Erzählformen- nicht gerecht. Und zwar bei Jung und Alt.

 Update 26. Januar: Spannende Studie über die politische Radikalisierung auf Facebook und kognitive Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

Plattform-Journalismus: Pakt mit dem Feind oder Chance für die Medien?

Social Media werden immer mächtigere Player im aufmerksamkeitsökonomischen Wettbewerb der Medien. Die Strategien von Facebook, Twitter, Snapchat & Co. deuten eine schleichende Entwicklung an, die die Geschäftsmodelle der Medien mitprägen wird. Was wir derzeit beobachten, ist das Aufkommen des „Plattform-Journalismus“.

Ich hatte mich neulich auf zwei Referate zum Thema “Social Media im Newsroom” vorbereitet. Darin erläuterte ich die vielfältige Bedeutung von Facebook & Co für Journalistinnen und Journalisten. Sie dienen den Medien als Distributionskanal, als Trafficquellen, als Dialogplattform oder als Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Recherche. Aber sie beeinflussen in Zukunft das journalistische Schaffen noch profunder, als wir es bisher kennen.

Technologieunternehmen im Silicon Valey diktieren uns die Spielregeln

Doch der Reihe nach: Social Media beinhalten erstens einen immensen Fundus an Daten für die redaktionelle Recherche, denn fast jeder Smartphonebesitzer ladet einmal Fotos von seiner unmittelbaren Umgebung auf seine Profile. Agenturen verlieren an Gatekeeper-Wert. “Es gibt immer jemanden, der noch näher am Geschehen dran ist” lautet das Credo der Social Media News-Agentur Storyful.

Facebook und Twitter substituieren zweitens immer mehr auch die Startseite von Newsportalen. Eine neuere Studie des Pew Research Center zeigt, dass 63 Prozent der befragen Personen (aus den USA)  Social Media als Tor für ihren Nachrichtenkonsum dient.

Soziale Medien sind drittens  Sprachrohr der Unternehmenskommunikation einer Medienmarke. Sie weisen  viertens naturgemäss auch eine Schnittstelle zum Marketing auf, da sich die kostenlosen Plattformen durch bezahlte Werbeanzeigen der Unternehmen finanzieren.

Bei der Recherche für den Vortrag und auch während der Diskussion mit den Teilnehmern des Kolloquiums wurde mir bewusst, wie sehr Social Media das Wesen des Journalismus derzeit verändern wird. Fast wöchentlich lesen wir von den Medienoffensiven der Tech-Unternehmen in Kalifornien. Die Online-Giganten möchten von den Like-Magneten, den Newsportalen, profitieren. Gleichzeitig begeben wir uns mit diesen neuartigen Händel in neue Abhängigkeiten. Wer am längeren Hebel sitzt, ist klar.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer Käuferzielgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle.

Social Media wirken bei Medienhäusern in unterschiedliche Bereiche hinein. Sie inspirieren die Redaktion, erhöhen die Zugriffszahl auf die Website, dienen zur Erschliessung neuer ZIelgruppen und beeinflussen zunehmend auch die Geschäftsmodelle. Quelle: Eigene Illustration.

Nie wieder Facebook verlassen

Um diese These empirisch zu untermauern, trage ich etwas Anschauungsmaterial aus der jüngeren Vergangenheit zusammen: Das neue Facebook-Format Instant Articles brauche ich nicht näher zu erklären. Ziel von Zuckerberg ist es, die Verweildauer der Nutzer zu erhöhen, so dass diese den Medieninhalt komplett auf Facebook rezipieren.

Das Instant Articles- Format  von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung.

Das Instant Articles- Format von Facebook steht aktuell ausgewählten Medienpartnern zur Verfügung. Quelle: Instant Articles auf Facebook

Ob Facebook damit auf Nutzungsgewohnheiten der jüngsten Generation reagiert oder diese befördert, ist unerheblich. Der Faulheit wird damit Vorschub geleistet. “Der Klick ist tot” titelte jüngste ein Web-Magazin. Ob die Rechnung für die Medien dank der Beteiligung an Werbeeinnahmen – der gesamte Erlös Werbeanzeigen geht an die Publisher, wird kolportiert – aufgehen wird, wird sich zeigen.  Angeblich hätten Verlage auch Forderungen nach Bezahlmodellen vorgebracht. Meine Meinung dazu erläutere ich später.

Das grösste soziale Netzwerk aus Palo Alto will noch mehr, nämlich das zentrale Forum für den politischen Diskurs in den USA bieten : Am 6. August möchte Facebook in Zusammenarbeit mit Fox News die erste Debatte der Republikaner zu den Präsidentschaftswahlen online begleiten. Die von Facebook erhobenen Daten dienen dabei als Stimmungsbarometer.

Mittels Kooperationen zu Medien möchte auch ein anderer Anbieter relevanter werden: Der Streamingdienst Spotify erweitert sein Audio-Portfolio um Nachrichtenangebote und geht Partnerschaften mit Vice Media, BBC’s Top Gear, TED, GQ, Bayerischen Rundfunk ein.

Social Media als Arbeitgeber

Nebst gezieltem Justieren an den Algorithmen zugunsten von Medienreichweite und neuen Deals, fungieren Social Media neuerdings auch als Arbeitgeber für Journalisten. Bleiben wir gleich bei der #Election2016. Die populäre Messenger-App Snapchat stellen Medienschaffende für die Berichterstattung während des US-Wahlkampfs ein und bietet mit “Discover” verschiedenen Medienmarken wie CNN und Vice News eine Plattform. Die Partner produzieren und schneiden ihre Inhalte auf das Zielpublikum von Snapchat zu. Die Funktion scheint bei den Millennials anzukommen: “Discover” wird täglich 50 Millionen Mal besucht. Die Medienanbieter scheinen zufrieden zu sein,  auch wenn deren Inhalte innerhalb des Snapchat-Kosmos geteilt werden können.

Unter der Funktion "Discover" auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messer produzierte Inhalte an.

Unter der Funktion “Discover” auf Snapchat bieten ausgewählte US-Medien eigens für den Messenger produzierte Inhalte an. Quelle: Discover auf Snapchat.

Apple präsentierte jüngst eine eigene Medieninnovation: Um die hauseigene App”News” zu bewirtschaften, arbeiten Journalisten als Kuratoren. Sie speisen handverlesene Inhalte von Publishern und Bloggern in die App. Auch hier ist das Ziel eine lang anhaltende benutzerfreundliche In-App-Experience zu bieten.

Das eher unpolitisch daherkommende Instagram heuert Journalisten für die Erstellung von hochwertigen Inhalten für die visuelle Plattformen an. Deren redaktionelle Arbeit dürfte– man ahnt es – insbesondere Marketing-Charakter haben und eher wenig journalistische Massstäbe erfüllen.

Und selbst die Business Netzwerke LinkedIn und XING möchten infolge einer neuen strategischen Ausrichtung ebenfalls Content-Anbieter mit thematischen Schwerpunkten Arbeitswelt, Karriere und Wirtschaft/Finanzen sein. Sie versorgen ihre Millionen von Mitgliedern täglich mit Themen-Newslettern und Artikelempfehlungen von reichweitenstarken Multiplikatoren.

Twitter: Endlich eine Fernbedienung für das tägliche TV-Grundrauschen

Twitter liebäugelte eine Weile mit der Akquisition der News-App Circa, der Deal kam am Schluss doch nicht zustande. Der Mikrobloggingdienst ist besonders beliebt bei Bloggern und Medienschaffenden und damit fast prädestiniert für eine künftige Ausrichtung als Medienunternehmen. Doch  aufgrund der Monetarisierungszwänge infolge der Börsenkotierung wurde die Medienverwertung bisher nur sekundär weiterverfolgt.

Die täglich 500 Millionen Tweets sorgen für ein lärmiges Dauer-Grundrauschen. Die Usability der Plattform verunmöglichten dem Nutzer eine Priorisierung der Themen zu erkennen. Der Produktchef Kevin Weil drückte es einst so aus: Twitter ist wie TV ohne Fernbedienung.

Nun wird Abhilfe geschaffen: Mit dem neuem Feature “Moments”  soll das zahlreiche Material händisch gewichtet und strukturiert werden. Dank einer optimierten Darstellung werden die Trending-Themen auch für Laien nachvollziehbar, für die der Nachrichtenstrom eher kryptisch daherkommt. Der Kurznachrichtenservice investiert damit endlich in den Aufbau redaktioneller Ressourcen.

Gescheiterte journalistische Avancen

Nicht alle Medienexperimente der Plattformbetreiber reüssieren. Die Blogplattform Tumblr stellte vor einem Jahr Medienschaffende ein, die vor einigen Wochen wieder entlassen worden sind. Und auch die Anonym-App Whispers  wuchs im redaktionellen Bereich, doch das gesamte Geschäftsmodell missglückte, die App wurde wieder eingestellt.

Auch ein anderes Netzwerk hat sich von der Idee des “Social-Qualitätsjournalismus” wieder verabschiedet. Es ist die Plattform des ehemaligen Twitter-Mitgründers Evan Williams: Medium.com. Künftig sollen weniger Long-Reads produziert werden, sondern die Interaktionen und das User-Engagement in den Vordergrund gerückt werden.

Plattform-Journalismus: Die Geschäftsmodelle der Medienhäuser werden womöglich verändert

Ob mit Content-Partnerschaften, Native Formaten, neuen Arbeitplätzen, viralen Wellen, die in Mediengeschichten münden: Die vielen Aspekte von Social Media für Journalismus bieten Spielraum für Experimente und bergen viele Risiken. Längst gelten die Tech-Riesen nicht nur als dominanter Trafficlieferant, sie greifen gängige Geschäftsmodelle an.

Deshalb nenne ich diese gegenwärtige Entwicklung “Plattform-Journalismus”, in Anlehnung an Sascha Lobos Begriff “Plattform-Kapitalismus“, mit der er die wachsende Sharing Economy kritisierte.  Speziell an dieser Form sind die fehlenden Eigentumsverhältnisse: Darunter sind Vermittlungsdienste zu verstehen, die private Wohnungen oder Beförderungsmittel anbieten, ohne nur eine Liegenschaft oder ein Vehikel effektiv zu besitzen.

Mittels eines algorithmusbasierten Matchingprinzips werden Angebot auf Nachfrage persönlich aufeinander abgestimmt, Dienstleistungen ohne menschliche Beratungsservices massgeschneidert.

Zu Tiefstpreisen für den Konsumenten, zugunsten von neuen (prekären) Arbeitsplätzen, für eine hohe Rentabilität der Plattformbetreiber, die lediglich die technologische Infrastruktur zur Verfügung stellen. Arbeitsplätze der traditionellen Branchen und bisheriger Monopole werden dadurch sukzessive wegrationalisiert.

Zwar entfaltet der Plattform-Journalismus nicht die gleiche disruptive Wirkung wie die Sharing Economy in den herausgeforderten Branchen. Doch alle Online-Ableger von Medienhäusern sind wohl oder übel angehalten, sich mit den digitalen Ökosystemen künftig auseinanderzusetzen.

Pakt mit dem Feind oder blühende Zukunft?

Was ich denn von diesen Medienkooperationen wie bei Instant Articles halten würde, wurde ich schon mehrfach gefragt. Ich kann darauf noch keine eindeutige Antwort geben. Natürlich misst es meinem Bereich einen wachsenden Stellenwert zu. Es sorgt dafür, dass sich publizistische Inhalte nahtlos in das Look&Feel der Umgebung einfügen, diese mobile und lesergerecht aufgearbeitet werden.

Auch werden Social Media nicht mehr zu Linkschleudern degradiert. Doch den Launen von Zuckerberg, Spiegel &Co unterworfen zu sein, deren primäre Motivation nicht der Qualitätsjournalismus sondern die Höhe Aktie an der Wall Street ist, hinterlässt auch bei Social Media Redakteuren ein mulmiges Gefühl.

Ob mit dem Fokus auf “Facebook-First” journalistische Kriterien  eingehalten werden oder ein verfälschender Bias zugunsten von oberflächlichen Good News die redaktionelle Entscheidungen verformen wird, werden wir wohl nach der ersten Auswertungsphase sehen. Aber man darf das Social Media-Publikum intellektuell nicht unterschätzen: Denn nicht nur Breaking News und härzige Katzengeschichten stossen auf grosses Echo. Meine Erfahrung bei der NZZ zeigen, dass anspruchsvolle Analysen und langen Reportagen rege geteilt kommentiert und auch gelesen werden.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche: Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen von Korrespondenten.

Der Themenpuls-Rückblick der NZZ der letzten Woche (20.7-27.7.2015): Beliebt sind tiefgründige Analysen, fundierte Meinungen oder Reportagen/Einschätzungen von Korrespondenten. Quelle: Themenpuls.ch

Gerade pointierte Meinungen und Standpunkte sind gefragt. Natürlich werden diese dank des selektierenden Algorithmus nochmals verstärkt durch die Newsfeeds geschleust. Denn Polarisierungen erzeugen Echo, gutes und negatives Feedback, es erregt die Gemüter.

Vielleicht lesen wir aufgrund der Ontologie von Social Media in Zukunft nur noch Lärm und extreme Thesen. Wünschenswerter wäre dass auch unaufgeregte Hintergrundgeschichten von Nutzern rezipiert und geschätzt werden. Ob auf der traditionellen Homepage oder durch Auslieferung beim blauen Riesen. Native Articles könnte für die Medien auch eine Chance bedeuten.

Update 3. August: Emily Bell hatte es treffend ausgedrückt: Media organisations can gain significant reach and revenue from using these platforms, but they’ll potentially lose big too — in terms of data, paths to users, archives, and control over journalism, she said.

https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/

Update 3. August: Auch der Artikel-Kiosk Bendle stellt Journalisten an. Die – natürlich- Artikel kuratieren, die automatisierte Empfehlungsmaschinerie hat vorerst ausgedient: https://www.newsrewired.com/2015/07/16/how-news-groups-should-harness-tech-in-the-service-of-good-journalism/