Schlagwort-Archiv: Social Media

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Wer gewinnt den Social-Media-Wahlkampf in den USA?

Ich war neulich zu Gast bei der Zentralschweizer PR-Gesellschaft. Die Ausgangsfrage lautete: Wer ist der Social-Media-Sieger im US-Wahlkampf 2016? Soviel vorweg: Meiner Meinung ist das weder Clinton noch Trump. Dies versuchte ich in meinem Referat zu beantworten. Darüber hinaus habe ich das digitale Bewusstsein der Schweizer Parteien verortet und bin auf die düstere Seite der Plattform-Macht eingegangen…

Hier also mein Referat für alle Polit-Digital-Interessierten:

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Ein Hoch auf die (ungefilterte) Kommentarspalte!

Vor ein paar Monaten beklagte ich in der NZZ die fehlenden Investitionen in künstliche Kommentar-Intelligenz. An meinem Standpunkt hat sich wenig geändert. Doch ungefilterte Foren haben auch ihre Vorteile.

Polemiken, Streitereien, Leser die aufeinander eindreschen und sich so sehr verzetteln, dass ihre Beiträge kaum mehr mit dem Thema zu tun haben – welcher Community Moderator kennt dieses Problem nicht. Gerade internationale Medienthemen wie Ukraine, Nahost oder die Flüchtlingskrise bieten Zündstoffpotential.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit  unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

In den Kommentarspalten äussern sich Leser mit unterschiedlichen dezidierten Meinungen. Diese Begegnungszonen werden immer mehr zur Mangelware im Netz.

Wer stimmt schon für den Brexit?

Provozierende Bemerkungen, dass der andere User ja keine Ahnung von Geschichte habe, führt zur beleidigenden Gegenreaktion.  Die Eskalationsspirale ist angekurbelt, wenn der erste (oft sachfremde) Kommentar das Eis gebrochen hat. Moderatoren müssen täglich zig-fach abwägen, wie sehr und ob die oft meinungsstarken Kommentatoren die Netiquette verletzen.

Diese Gratwanderung ist unglaublich anstrengend. Jeder Redakteur, der auch nur einen Tag lang eingehende Kommentare freigeschaltet hat, kann das bestätigen. Doch sie hat angesichts der wachsenden Segregation durch Filterblasen  in sozialen Netzwerken einen Vorteil: die Kommentarspalte bleibt der Hort des ungefilterten politischen Diskurses.

Begegnungszonen unterschiedlicher Meinungen werden Mangelware 

Hier treffen reaktionäre, progressive, nationalkonservative und feministische Geister aufeinander. Das ist wichtig. Wieso? Tom Steinberg, der Direktor der NGO MySociety fragte neulich auf Facebook: Wer sind diese Leute, die für den Brexit gestimmt haben? Wo sind sie? Er kenne niemanden.

Als Community Redaktorin weiss ich, wo sie sich aufhalten: Man trifft sie in den Foren von Medienplattformen. Meist meldet sich zwar eine lautstarke Minderheit der Leserschaft zu Wort , die mit der These des Artikels nicht einverstanden ist (die stummen Leser bilden meist die zufriedene stillschweigende Mehrheit).

Doch die Stimmen der Unzufriedenen, die Wutbürger [kleiner Exkurs: Eigentlich sollten sie ja Wahrheits- oder Zeitbürger heissen, da sie sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und offenbar viel Zeit haben. Exkursende] werden dort sichtbar. Ihre kruden Argumentationen zeigen, wie wichtig unsere Stimme beim Urnengang ist. Dass wir uns aus unserer Saturiertheit und unserem homogenen Umfeld herauslösen müssen. Dass wir dagegen halten und jeden überzeugen sollten, diesen Brief rechtzeitig abzuschicken.

Sich in Sicherheit wähnen

Ansonsten passiert etwas, was das Gegenteil des von mir attestierten Potenzials von Social Media wäre: Demobilisierung. Wir gehen nicht abstimmen, weil wir davon ausgehen, dass niemand so geisteskrank sein kann, den Bruch mit der EU freiwillig riskieren zu wollen . Weil unsere singuläre Stimme nicht relevant sein kann für das Abstimmungsergebnis. Weil wir selbstreferenziell sind. Wie gefährlich das ist, hat Michael Furger in der NZZ am Sonntag am Beispiel Brexit aufgezeigt.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der NZZ am Sonntag (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Widerspruch ist ganz erfrischend! Der Meinungsbeitrag in der “NZZ am Sonntag” (online noch nicht verfügbar) vom 10.7.2016.

Bis wir die Notwendigkeit erkannt haben, neue digitale Plattformen zu designen, die das Aufeinanderprallen von politischen Meinungen gar begünstigen, bis dieser Tag eintritt, gibt es nur eine Arena für die politische Debatte, mit Sichtweisen, die unterschiedlicher nicht sein können: die Kommentarspalten von 20 Minuten, Tagi, SRF, Blick und NZZ. Auch wenn es uns unglaublich ärgert. Und wir dafür immer wieder die Komfortzone der Gleichgesinnten verlassen müssen.

Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

Social Politics & Journalism – Die Zweite

Kann Zuckerberg Trump verhindern? Vermutlich ja. Dies und andere spannende Fundstücke der letzten Woche in meiner zweiten Ausgabe von SPJ (ich werde mich mehr auf Politik als auf Journalismus fokussieren, da der Themenbereich Social Journalism mit verschiedenen Angeboten wie den smwatchblog bereits gut abgedeckt ist)

  • Wenn Facebook morgen beschliessen würde, durch aktives Löschen von Postings anderer politischer Couleur nur noch linksliberale Parteien in der Schweiz und in Deutschland zu unterstützen, hätte dies wohl keinen spürbaren Effekt auf die nächsten Wahlen. Das nationalkonservative oder wertkonservative Elektorat würde vielleicht etwas vermindert werden. Die CDU/CSU-Basis würde vielleicht ein klein wenig schwächeln. Eine SVP  bliebe die wählerstärkste Partei bei den Eidgenossen.                                                                                                                                                                                                                                                                    In  den USA hingegen sähe das ganz anders aus. Bei der hohen Facebook-Durchdringung der Gesellschaft, dem ausgebauten digitalen Ökosystem und den hohen Investitionsbereitschaft von politischen Parteien in ausgefeilte Data-Mining-Techniken für Kampagnen, könnte Marc Zuckerberg wohl auch einen Donald Trump verhindern. Wenn er denn wollte. Denn die amerikanische Verfassung sieht auch bei einer zeitgemässer Auslegung keine Beschränkung von Filterfunktionen bei reichweitenstarken Plattformen vorFacebook wouldn’t have to disclose it was doing this, and would be protected by the First Amendment,” schreibt ein Gizmodo Redakteur Michael Nunez.     

 

  • Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einflussen auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

    Facebook hat mit seinen Filteralgorithmen und -schleuserm grossen Einfluss auf die Reichweite von Informationen. Wie neutral wird sich das Technologieunternehmen im Wahlkampf verhalten?

     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Die aufgeflammte Debatte nach einem internen Facebook-Q&A ist für mich das spannendste Thema im digitalen US-Wahlkampf.  Social Media bieten einen Rahmen für politische Debatten an, ohne dies aktiv zu wollen. Damit haben sie  nicht-legitimiert quasi-staatliche Aufgaben übernommen,                                                       Man erinnere sich an den Aufschrei über das Emotionenexperiment und die Rückblende über die Testgruppen beim “I’m a voter”-Button. Auch ich habe damals in einem NZZ-Artikel die Frage aufgeworfen, inwiefern die Placierung des Buttons die demokratischen Anhänger womöglich mehr mobilisiert hatte. Bis heute ist Facebook uns  Kritikern eine Antwort schuldig geblieben. Einzig der zuständige Professor gab freimütig zu, dass die Obama-Kampagne von viralen Effekten infolge der Testumgebung profitiert haben könnte.                                                                                                                                                                                      Das republikanische Lager wird diesen Sommer sicherlich wohl besonderes Augenmerk auf algorithmische Diskriminierung legen. Fühlt sich ein allfälliger Kandidat Trump benachteiligt, kann er sich in eine Opferrolle à la Blocher (und seiner Kritik an traditionellen Medien) emporstilisieren. Was ihm wohl noch mehr Medienaufmerksamkeit bescheren wird.

 

    • Apropos datenbasierte Digitaldemokratie: Nicht Facebook, nicht “normales” Fernsehen,  nein – YOUTUBE ist die Haupt-Spielwiese für politische Video-Werbung im US-Wahlkampf. Besonders experimentierfreudig in Sachen Video zeigt sich das junge Team rund um Bernie Sanders, welche sogar neuerdings Buzzfeed-Videos auf Twitter bewirbt und vorgängig politische Werbebotschaften einblendet. Diese Erkenntnisse habe ich dank eines interessanten Wired-Artikels gewonnen.
      Dazu einige interessante Zahlen: Seit Oktober 2015 haben Ausgaben in politische Werbung um 294 Prozent zugenommen. 50 % aller politischer Video-Ads werden mobile konsumiert. Youtube bietet differenzierte Statistiken an, so dass man die Absprungsrate möglichst minimieren kann (leider gibt es dazu keine Informationen). Der Vorteil gegenüber dem grössten Player und Video-Überflieger Facebook: Youtube wird bewusst angesteuert, weil sie Bewegtbild-Formate konsumieren möchten.                                                                                                                                                     Die grösste visuelle Plattform hat ein tragfähiges Geschäftsmodell basierend auf Video-Ads entwickelt. Bei Facebook hingegen springen einem ungefragt die im organischen Newsfeed hinaufgeladenen Kurzfilmchen  beim Scrollen an. Was wiederum die Zahl der Aufrufe künstlich aufbläht.  Ausserdem fehlen die Monetarisierungsmöglichkeiten: Politische Wahlkampfwerbung lässt sich nur als eigener Inhalt als klassisches Posting “ausstrahlen”.  Die Wirksamkeit von TV-Werbung direkt zu messen, ist bis heute ein erfolgloses Unterfangen…

 

 

  •  Ein süffisant geschriebener Text über den irischen Wahlkampf (Parlament), den Digitalevangelisten wieder übermotiviert feurig als DEN Social Media-Wahlkampf betitelten. Was er selbstverständlich nicht gewesen war. Wobei man sagen muss, dass die Insel in der Vergangenheit dem Ideal am ehesten entsprochen hat: Und zwar letztes Jahr im Vereinigten Königreich bei den Unterhauswahlen.

    All Politics are social – Hübsche Infografik, die ich auf Pinterest entdeckt habe:


  • Ein interessantes Stück über Bot-Kriegsführung/, Informationskrieg 2.0 oder den maschinengemachten Shitstorm lieferte die WELT.  Was passiert, wenn Roboter-Armeen den politischen Diskurs steuern?

Der Politikwissenschaftler Simon Hegelich sagt, die größte Gefahr, die von Social Bots ausgehe, sei es, dass die Roboter die reale Politik und damit eine Gesellschaft beeinflussten. Weil sie durch ihre schiere Masse Stimmungen relativ schnell zum Kippen bringen könnten – in den sozialen Netzwerken.

Wenn Tausende Bots auf ein Thema aufspringen, sich ähnlich äußern, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, können sie den Eindruck erwecken, eine Stimmungslage habe sich gedreht. Politiker – und Journalisten – stützen ihre Arbeit auch auf Analysen der Netzwerke. Und richten sie danach aus – dabei haben sie es womöglich nicht mit Wählern oder mit der mutmaßlichen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sondern mit Maschinen. Ähnlich könnten das auch Unternehmen und einzelne Menschen erfahren: der maschinengemachte Shitstorm”

Im Kleinen beobachten wir diese irreführenden Konklusionen im Kommentarwesen von Medienportalen. Obwohl nur eine Minderheit der Leserschaft sich zu Wort meldet – meistens diejenigen, die nicht mit der These oder der Leistung des Journalisten zufrieden sind – schliessen gemäss verschiedenen Studien sowohl Leser als auch Autoren induktiv auf die vorherrschende Meinung zum Werk. Negative Kommentare (unabhängig davon ob es sich um maschinelle oder menschliche Trolle handelt) beeinflussen somit auch die Rezeption und Urteilsbildung zu publizistischen Inhalten. Es liegt in unserem ureigenen Interesse dies zu ändern. Mit Massnahmen für einen besseren Leserdialog und dem Kampf gegen Bot-Armeen.

  •  Warum es Open Data braucht, das haben auch die beratungsresistentesten öffentlichen Institutionen begriffen. 2016 wird das Jahr des WIE werden (Medium.com).
parteien social media ostern

Social Journalism & Social Politics- Klappe, die Erste

Ich stosse in meinem Alltag auf etliche spannende Lesestücke und Analysen zu meinem Lieblingsthemen Social Journalism (alles rund um Social Media als Dialog-, Distribution- und Recherche-Kanal für den Journalismus) und Social Politics (Politische Kommunikation 2.0, Digitale Demokratie, technologische Demokratie-Innovationen).

Deswegen möchte in einem regemässigen Rythmus (bitte nicht darauf behaften später) ein paar aufgeschnappte Perlen frei kommentieren, Denkanstösse liefern und ein paar Insights aus dem Social Newsroom der NZZ zum Besten geben.  

  • Zuerst einmal ein inhouse Projekt, unsere andauernde Spitzensport-Serie bei der Serie: Zusammen mit dem Projektteam haben wir ein Teaservideo für die gesamte Serie eigens für soziale Medien produziert. Das Video wird bei jedem neuen Artikel der Serie am Vorabend als Ankündigung ausgespielt. Zwei Mal haben wir eine Leserdebatte durchgeführt gemeinsam mit verschiedenen Autoren (u.a. zu einem sehr emotionalisierenden Thema wie den Schattenseiten des Spitzensports), bei denen wir Kommentare von Betroffenen und Fachexperten auf sehr hohem Niveau erhalten haben. Und dann denke ich mir: Warum nicht immer so…?
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Sportredaktor Christof Gertsch am 16.3 beantwortete auf nzz.ch geduldig die vielen kritischen  aber niveauvollen Gegenfragen unserer Leser.

  • Internet-Pranger: Immer wieder stosse ich auf Mitschnitte von kuratierten User-Beiträgen in der Facebook-Aktivistengruppe “Perlen aus Blocheristan”, einem Sammelbecken für die Sichtbarkeit von diffamierenden, verleumderischen und diskriminierenden Facebook-Postings. Die Gruppe dient als eine Art Korrektiv für die Versäumnisse des Community Managements von Facebook. Eigentlich eine gute Sache. Doch wurde ich mit zwei grenzwertigen Fällen (Leserbeiträge von nzz.ch) konfrontiert, bei denen die Kommentare verfremdet, aus dem Kontext gerissen worden sind und die Administratoren kein Entgegenkommen zeigten. Verfehlen Internet-Pranger damit – ob von linker oder rechter Seite – trotz hehren Absichten damit nicht ihr Ziel?
  • Ich möchte euch gerne ein Stück über Conversational Journalism von Martin Giesler nahe lagen. Die Chat-Bots von Medienhäusern innerhalb von Messenger-Apps (oder Eigeninnovationen) bergen für mich – mehr als Virtual Reality – die grössten Zukunftspotenziale für die Publizistik: Weil die persönliche Ansprache und massgeschneiderte Medieninhalte die Service- und Personalisierungsleistungen erbringen, die ich bei der heutigen Priorisierung von Medienportalen so vermisse (weil sie uns nicht abholen). Ein Chat-Bot hingegen lernt: Wo will ich Vertiefung und mit welchen Themen will ich gar nie konfrontiert werden?
  • Amerikas oberste politische Technologie-Chefin, die CTO des Weissen Hauses, Megan Smith hat sich in einem Interview über das toxische Diskussionsklima und Mobbing im Netz geäussert. Bei aller Verteufelung des Web 2.0: Es gibt keine genuin im Internet verselbständigenden Mechanismen, die die menschlichen Abgründe perpetuieren. Dafür braucht es immer erst den Menschen. Analoge Gedanken werden ins Netz transportiert: “…they bring all of that that exists in analog; it’s just so much more visible and it’s faster to move, because of the way the digital technologies are” Allerdings: Die fehlende Sichtbarkeit -die von Angesicht zu Angesicht vorhanden wäre- kann sehr wohl zu einer Enthemmung führen.
  • You need to build an audience on each platform you put a video onto.. Never assume your reputation precedes you.” sagt Christian Bennett, global head of audio and video Guardian. Ein kluges Fazit von der news:rewired ‘video focus’ -Konferenz. Auch altehrwürdige Marken wie der Guardian, BBC und im deutschsprachigen Raum ZEIT oder gar die NZZ können nicht von ihrem Renommee zehren bei neuen Plattforme. Sie beginnen für den Aufbau einer Community immer wieder von null. Die Millennials pfeifen nämlich auf Traditionshäuser.
  • Die deutsche FDP päppelt sich wieder auf und verzeichnet -im Schatten der AfD- erste Wahlerfolge (Landtagsparlamente). Die Schweizer FDP als grosse Wahlsiegerin verbucht vor Ostern auch noch einen Social Media-Erfolg. Gemäss dem Pluragraphen, einem eigens konstruierten Social Media-Barometer meines geschätzten Kollegen Martin Fuchs aus Hamburg ( der @wahl_beobachter), haben die Freisinnigen das grösste Wachstum  zu verzeichnen (dicht gefolgt von den Sozialdemokraten). Ein Blick auf die FB-Page bestätigt, dass die FDP Schweiz sich besonders experimentierfreudig mit neuen interaktiven Stilmitteln zeigt und sich einiges von den linksgrünen Parteien abgeschaut hat (Verwendung von FB Notes, Native Videos mit Untertitelungetc.), was mir im  Wahlherbst schon mal aufgefallen ist.  Ausserdem erzielte ein emotionales Posting über den verstorbenen Guido Westerwelle besonders viel Reaktionen.
parteien social media ostern

Ausschnitt des Facebook-Rankings der Schweizer Parteien (Quelle: Pluragraph.de)

  • Der US-Wahlkampf macht sich nun auch in den Newsfeeds auf Facebook bemerkbar. Die viralsten Postings im letzten Monat haben einen relativ hohen politischen Gehalt, wie die Auswertung des Social Discovery Tools Newswhip. Und 90 %  davon- vermute ich mal schwer- setzten sich inhaltlich mit der Reizfigur Trump auseinander. Die Medien widmen die ganze Aufmerksamkeit diesem Kandidaten und verschaffen ihm damit noch mehr Popularität. Genau so wurde jedoch in der Schweiz auch Christoph Blocher zum Volkstribun….
  • Was das SRF bis heute nicht zustande bringt mit der #Arena, ist Japan vor 4 Jahren gelungen, wie ein “Blick zurück”-Lesestück von Civicist zeigt: Ein TV-Duell von mehreren politischen Kandidaten, welche via Livestreamingplattform “Nico Nico Douga” übertragen worden ist und wo User-Kommentare zeitnah sichtbar auf den Screens placiert worden sind. Der Premierminister Abe (damals noch nicht gewählt) von der Partei LDP hatte damals selbst die Übertragung via der populären Plattform gewünscht. Diese Offenheit überrascht angesichts der restriktiven Wahlkampfgesetzen im fernöstlichen Land. So dürfen Parteien und Politiker Social Media nicht als Wahlkampfvehikel nutzen und müssen sich in Zurückhaltung üben. Doch die Fortschrittlichkeit trügt. Twitter-Nutzer kritisierten, dass erstens  vor allem die Anhängerschaft Abes mobilisierte (was nicht von ungefähr kommt und auf handgeprüfte Selektion vermuten lässt ), zweitens die Beiträge zeitverzögert und drittens meistens nur in den TV Pausen eingeblendet worden sind. Es hapert also noch überall (auch in den USA) mit der offenen Real Time-Einbindung von Zuschauerreaktionen, die auch in den politischen Diskurs mündet und sinnvoll in den Gesprächsverlauf eingebunden wird.

NicoNico-Nov-12-Debate

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Zivilgesellschaft 2.0 versus Katzen

Ich habe mich vorgestern zur Aussage hinreißen lassen, dass am letzten Abstimmungssonntag auch Social Media gewonnen habe. 48 Stunden -und eine Erwähnung- später stehe ich immer noch dazu. Ich möchte in diesem Blogartikel kurz erklären weshalb.

Nein, nun folgt keine empirische Viralitätsanalyse. Ja, es gab bis Montagmorgen mehr als 10’200 Tweets zu #abst16 und ja, das sind in dieser Grössenordnung bestimmt nicht wenige (mehr als bei den Eidgenössischen Wahlen). Der Platz in den Twitter-Charts der Schweiz war trotz der Oskarnacht gewiss.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Stand 29.2.2016 um 8:00.

Dennoch: Haupttreiber sämtlicher Social Media-Kampagnen der NEIN-Lager (#DSI und #Heiratsstrafe) war nur eine Plattform: Facebook.

Politisch durchtränkter Newsfeed

Bei fast 3,6 Millionen Schweizer Usern lässt sich von einer enorm hohen Durchdringung eines Netzwerks sprechen (bei Twitter sind es circa 750’000 User, die ähnlich wie in Deutschland eher eine akademische linksliberale Elite repräsentieren).

Facebook bietet als semi-öffentliches Netzwerk kaum brauchbare Analyse-Instrumente ausser der Messung von Facebook-Fanpages (Anzahl Fans und deren demographischen Merkmale) und dem Graph Search (bei entsprechender US Englisch-Spracheinstellung).

Der Facebook-Newsfeed eines politisch durchschnittlich interessierten Schweizer Bürgers war in den letzten Wochen regelrecht durchtränkt mit politischen Botschaften. Natürlich befand ich mich aufgrund meiner politischen Präferenz in einer algorithmusgetriebenen Informationsbubble, die stark von den Nein-Lagern bewirtschaftet wurde. Doch auch mit gesponserten Postings der Befürwortern wurde man unweigerlich konfrontiert.

Was auch ein Vorteil ist: Die Interessenzuordnung bei Werbezielgruppen erfolgt bei Facebook vorwiegend semantisch und nicht nach intelligenten Kriterien. So kann man sich – wie im öffentlichen Raum bei Plakaten – auch mit den Argumenten und Schlagworten der Kontrahenten auseinandersetzen. Oder einfach wegsehen (bzw. klicken). Ich für meinen Teil habe mir einige Gefechte geliefert mit #Heiratsstrafe- und #DSI- Befürwortern (was nicht immer erbauend war).

Medien profitieren von Social Media

Die These der schwindenden Deutungs/Informationshoheit der Massenmedien und des Bedeutungszuwachses von Social Media bei politischen Fragen halte ich für falsch.  Es gibt kein entweder oder. Kein Antagonismus. Gerade während der heissen Phase wurden von beiden Lagern sämtliche Medienlinks zur Untermauerung  der Positionen auf Facebook und Twitter gepostet.

Auch das ist mittlerweile Benchmark der Online-Kampagnenführung geworden. Social Media dienen als Reichweiten-Generatoren für Medieninhalte, gerade während des Abstimmungskampfs. Jede Umfrage bei Redaktionsleitern von Newsrooms würde die wachsenden Social-Anteile zu Abstimmungsthemen bestätigen.

Breites Repertoire an digitalen Stilmitteln 

Ausserdem: Dank Stilmitteln wie Memes und neuen Online Tools für Infografiken, Livestream-Funktionen und direktem Videoupload wurde jedoch noch nie so viel originärer kreativer Social Media Inhalt von zivilgesellschaftlichen Akteuren (engagierte Bürger, Parteien, Verbände, Kampagnen-Lager) geschaffen. Auf dieses breite digitale Repertoire konnten die politischen Akteure bei der #MEI-Abstimmung (2014) noch nicht zurückgreifen.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten.

Eine von zahlreichen #DSI-Memes die in meinem Facebook-Feed zirkulierten (gepostet von meinem FB-Freund André Müller).

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Eine mehrfach geteilte Grafik, die ein Freund aus Eigeninitiative kreiert hat.

Doch die (infolge tausendfacher Sharings multiplizierte) enorme Reichweite zu rekonstruieren und auszuwerten, ist fast unmöglich. Memes und Grafiken lassen sich nicht vertaggen. Die Suchfunktion steht nur bei öffentlichen Fanpages und nicht für Profile zur Verfügung.

Ob virale Inhalte der politischen Lager auch die mehrheitlich politisch homogenen Facebook-Freundeskreise zum politischen Meinungsumschwung bewegen konnten, bezweifle ich.

ABER: Die zahlreichen Appelle und Abstimmungsreminder in unseren Feeds dienten zur Aktivierung.  Lasst uns also präzisieren: Auch Social Media siegte am letzten Abstimmungssonntag. In Sachen Mobilisierung. 

Ich reiche nun den Ball weiter an Politan und DeFacto, die die Rolle von Social Media bei den letzten #abst16-Themen (hoffentlich) noch fundierter untersuchen werden.

Zu Recht meinte ein Facebook-Freund von mir, dass die vernachlässigten Katzen wohl laut “Reclaim the Facebook-Feed” nun miauen. Sie dürfen ihr Plätzchen im Newsfeed zurückerobern, aber bitte nicht zu schnell.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Kei Ahnig vo BOT-anik

Wer vorgestern am #comsum16-Abend – organisiert vom Zürcher Presseverein (ZPV) und der Zürcher PR-Gesellschaft (ZPRG)- teilgenommen hat, wähnte sich im Jahr 2010. Damals sprach man in der Schweiz noch begeistert von diesem neuen Twitter mit dem man sich die Zeit vertreiben kann und  vom “Distributionskanal Social Media”.  

Hier ein Vorschlag, worüber man beim Leitthema “Aufmüpfige und kreative Geister” stattdessen hätte reden sollen.

Meine Herrschaften, lieber Herr Lipp: Das waren eine ermüdende restrospektive Debatte, die sich PR und Journalismus heute gar nicht mehr leisten können. Heute sollte man nicht darüber diskutieren, wie man neben Social Media noch Zeit für die eigentliche Kernaufgabe wie Schreiben hat und was man mit diesen Neuen Medien (die bereits schon alt sind) noch Verrücktes anstellen kann.

Im Jahr 2016 müsste es darum gehen, herauszufinden, wie die disruptiven Medienoffensiven von Technologiefirmen im Silicon Valley und Roboterisierung uns morgen nicht überflüssig machen (weil geschäftsrelevant). Und welche Fertigkeiten man in der Ausbildung zur angehenden Journalistin und PR-Fachperson stattdessen lernen und aneignen soll.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

Soweit entfernt von den Protagonisten wie mein Sitzplatz im Publikum war, so sehr wich die Debatte vom Kernthema des Abends ab.

“Kei Ahnig vo Botanik” resümierte mein Begleiter Dani verärgert nach dem Publikumsapplaus  das Podium. Ich finde diese Redewendung – leicht adaptiert- bezeichnend für den vorgestrigen Abend in der ETH. Von Themen wie Bots war nämlich gar nicht die Rede.

Wie wir Bits, Pixel, Canvas,  Native  Videos gewinnbringend und kreativ für Kommunikation, Marketing und Medieninhalte nutzen – wie es viele junge Journalisten und PR-Fachleute längst tun, aber längst nicht alle- wären die Fragen gewesen, die ich am Dienstagabend gerne verhandelt gehört hätte.

Auch ein Votum: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter...Wirklich?

Das Votum eines Podiumsteilnehmers: Die Leute sind technologiemüde und sehnen sich zurück ins technologiefreie Zeitalter…Wirklich?

 Frank A. Meyer war wohl zu abstrakt

Gefragt und vor allem hinterfragt wurde wenig. Der Imperativ von Frank A. Meyer im einleitenden Referat (“Journalisten müssen wieder fragen lernen”) verhallte im Nichts. Es wurde lediglich nur festgestellt, ein bisschen Verständnis für die Vertreterin der jungen Generation geheuchelt und Mitgefühl für die angeblich unumstösslichen Hierarchien innerhalb von Redaktionen ausgesprochen.

Der Abend und die Performance der einzelnen Redner und Podiumsgäste wurde bereits schon zutreffend zusammengefasst (hier und hier) , deswegen skizziere ich kurz was meiner Ansicht die jungen Wilden  - die gar nicht jung sein müssen- auszeichnet.

Der Nachwuchs von Journalismus und PR vereint Stärken von Beidem

Im Journalismus und PR entstehen neue Berufsbilder.  Wie können wir von Einsteigern, die teilweise gar keine klassische Ausbildung absolviert und sich profiliert haben, lernen? Wie können wir ihnen Freiraum für Entfaltung geben und sie fördern? Vielleicht ist diese vielbeschworene Trennung von PR und Journalismus und Print vs. Online gerade beim Kompetenzprofil des Nachwuchses völlig obsolet.

Denn im Typus des neuen jungen aufmüpfigen Geists sind idealerweise Stärken von beiden publizistischen Berufsgattungen vereint: Dieser sollte einerseits die  Spiel- und Experimentierfreudigkeit und die Neugier von vielen jungen Marketeers, PR-Fachleuten und Bloggern für technologische Innovationen und Apps und andererseits die Analyseskills,  das Gespür für publizistische Themen und die Abenteuerlust für investigative Recherchen von Journalisten mitbringen.

Mit diesem Rucksack ist man meiner Meinung nach für die Herausforderungen der Digitalisierung nicht schlecht gerüstet.  Wer beim Alten verharrt wird, wird morgen weggespart, weil wegroboterisiert. So meine Hypothese, die gerne hinterfragt werden darf.

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Verwilderte Kommentargärtchen, reiches Silicon Valley, Virtual Reality für mehr Empathie – Mein “Listicle” zum Thema Online-Leserkommentare

Ich war in den letzten  Wochen einige Male eingeladen worden, um über den besseren Umgang mit Leserkommentaren im Netz zusprechen. Das Thema beschäftigt die Medienredaktionen, wie auch die illustre Runde beim gestrigen #Medienclub von SRF bewies.

Wie immer vermag man bei solchen Anlässen angesichts der knapp bemessenen Zeit (Radio-Sendung und Podium) und der Nervosität nicht alle Aspekte zu artikulieren, die einem durch den Kopf schwirren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nochmals alle virulenten Thesen diskutieren.

Eine Klarnamenpflicht vergrault die wünschenswerten User 

Der Presserat hat vor einigen Wochen – von der Öffentlichkeit fast unbemerkt (im  deutschsprachigen Raum hat fast nur SRF berichtet) –  entschieden, dass Online-Kommentare bei Medienportalen in Zukunft nicht mehr anonym verfasst sein dürfen. Wie das im Alltag genau umgesetzt werden soll, darüber schweigt sich der Rat aus. Ein paar ältere Eminenzen haben von Online-Redaktoren nun die Anpassung an Printkategorien gefordert. Eine realitätsfremde Entscheidung.

Wieso? Namen und Geschichten leben im Netz unbegrenzt weiter. Meine schriftlichen Meinungen werden von Google indexiert, verschlagwortet und Teil meines digitalen Erbes. Im schlimmsten Fall müsste man sich wöchentlich mit Google und Lesern gerichtlich einigen, wenn letztere auf das “Recht auf Vergessen” pochen. Der Print-Leserbrief ist aber morgen bereits Altpapier und verschwindet irgendwann aus den Köpfen.

Der umsichtige Leser wird das wissen und auf einen Beitrag im Forum verzichten, auch wenn ihm das Thema unter den Nägeln brennt und er sogar mit Fachwissen den Artikel bereichern dürfte. Somit werden die falschen Personen abgeschreckt: Besonnene Leser, die womöglich mit moderaten und differenzierten Ansichten den Hardlinern und Trollen in den Foren Paroli bieten möchten.

Ausserdem könnte eine Klarnamenpflicht auch justiziable Folgen haben für Newsportale. Bei hängigen Gerichtsentscheidungen, über die aktuell berichtet wird, dürften betroffene Protagonisten gar nicht unterhalb der Artikel ihre Sichtweisen niederschreiben. Denn Medienportale haften für jene Aussagen, gerade bei laufenden Verfahren.

Zielführender wäre es stattdessen auf provozierende, Stellung beziehende Pseudonyme wie zum Beispiel “DerkleineErdogan”  zu verzichten und bürgerliche Namen verlangen. Ob mir nun Marc Berger oder Marc Burger aus Spiez antwortet, ist letzten Endes unerheblich für die Diskussion. Hauptsache der Community Redaktion ist die Person bekannt. Denkbar wäre es eine “Klarnamenregistration” samt Telefonnummer (wie es das SRF derzeit macht) einzuführen. Den Benutzernamen könnte man wiederum frei wählen.

 

 

Medienportale kapitulieren und schliessen die Leserkommentarspalte. Falsch.

Erstens würde ich nicht von einer Kapitulation sprechen. Es handelt sich beim sogenannten Trend vorwiegend – mit Ausnahme der Sueddeutschen-  um amerikanische Newsportale. Man sollte diese Entwicklung im richtigen kulturellen Kontext verorten. Die Social Media-Durchdringung in den USA ist ungleich grösser als in Europa. Angesichts begrenzter Ressourcen und fragmentierter Kommentaröffentlichkeiten hat man pragmatisch entschieden, die Moderationskräfte dort zu investieren, wo die Musik spielt: Nämlich in den sozialen Netzwerken.

Ich gehe aber mit vielen Kritikern einig, dass man mit der Auslagerung von Publikumsdebattem einmal mehr die Konzernspitzen der Technologieunternehmen im Silicon Valley  reich macht. Dennoch sollte man die Diskussionskulturen nicht allein aus businessrelevanten Gesichtspunkten betrachten. Denn demokratische Diskurse finden immer mehr in den Kommentarspalten statt.

Zweitens könnte dieser Schritt als ernstzunehmende Adelung der Online-Kommentare gewertet werden. Mit der Abschaffung von Leserkommentaren geht vielerots wie beim Portal “Motherboard” die Kreation von neuen Gefässen einher. Ausgewählte Beiträge von Lesern werden in selektiven Foren kuratiert und erhalten analog zum Leserforum mit einer spezifischen Rubrik sogar noch grössere Publizität.

Treat Readers Comments as Content” empfehlen passenderweise Community Redaktoren der New York Times. Um publiziert zu werden, muss man sich vorgängig anhand festgelegter Kritierien “qualifizieren”. Insofern emanzipieren sich Online-Leserkommentare zu den Print-Leserbriefen und werden von den printfixierten leserbriefnostalgischen Redaktoren als gleichwertige Inhalte behandelt.

Überhaupt sollte man sich vom Begriff Kommentare verabschieden (die mehr Reiz-Reaktion-Reflexe suggerieren) und eine echte Debatte als nächste Evolutionsstufe des zivilisierten Web 2.0 anstreben. “Make Conversations, not comments” heisst ein empfehlenswerter Artikel auf Medium.com.

Die Redaktionen hatten es verpasst, Tonalität und inhaltliche Wünsche an ihre Leser transparent zu signalisieren. Denn worüber genau soll die Leserin sich äussern? Soll sie die These des Artikels reflektieren, die vernachlässigten Aspekte aufzählen, den Gegenstand an sich diskutieren? Dies führt mich zu meinem nächsten Gedanken.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der "Reflexion"-zum Thema "Publikums-Kritik im Netz " war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Der Publikumsandrang am JournalismusTag15 bei der “Reflexion”-zum Thema “Publikums-Kritik im Netz ” war erfreulich hoch. Auch junge Journalisten scheinen sich für das Thema stark zu interessieren. Die Medienjournalistin und Kommentarexpertin Ingrid Brodnig waren zu Gast, im Anschluss diskutieren sie, Christian Lüscher und ich im Podium.

Was wollt ihr genau von euren Lesern konkret wissen? Gar nichts? Dann bietet kein Forum an.

Es gibt mittlerweile einen Begriff für diese Problematik: “Derailing” Das gezielte Entgleisen lassen einer Debatte. Ablenken vom Kerngehalt eines Artikel mit indirekten sachfremden Beiträgen. Was ist die Ursache dafür? Ganz einfach: Das Desinteresse und die Gleichgültigkeit von Redaktionen. Ein Beispiel, welches ich immer gerne wieder erwähne: Kurz von den Wahlen vom 18. Oktober 2015 haben Medien über das neueste Wahlbarometer der SRG berichtet, mit den  prognostizierten Wähleranteilen der Parteien.

Der ersten Kommentar eines Wutbürgers unterhalb des besagten Artikels lautete typischerweise: Wieso verschwende ich meine Steuergelder für solche Wahlbarometer? In der Folgeantwort verteidigt ein erboster Leser die SRG. Der dritte User vermutet Manipulationen zugunsten der Mobilisierung der Linken. Und die ungesunde verschwörungstheoretische Dynamik nimmt ihren Lauf.

Wie lassen sich solchen verselbstständigten destruktiven Diskussionen vorbeugen? Beispielsweise mit einer ganz bestimmten Frage. In diesem Beispiel: “Die SVP und FDP werden die eidgenössischen Wahlen 2015 für sich entscheiden. Was denken Sie, wird dieses Szenario eintreffen?” Und der Autor verpflichtet sich darauf mindestens 3 Antworten – eine Regel, die übrigens der Guardian seinen Journalisten aufoktroyiert hatte – zu liefern.

Es liegt im ureigenen Interesse von Redaktoren ausgewogene Reaktionen auf ihren Text erzielen. Denn ein Überhang an negativen Kommentaren beeinflusst auch massgeblich die Leser in ihrer Urteilsfindung zum Artikel, wie verschiedene Studien beweisen.

Sie erachten die Qualität des Texts als schlecht, wenn viele Nutzer kritisieren (auch wenn es sich dabei um eine laute Minderheit der Leserschaft handelt).  Der Haupttreiber der Motivation, um einen Kommentar zu verfassen, ist es, eine alternative Sichtweise zu einem Thema niederzuschreiben und vom Autor anerkannt zu werden, wie eine Umfrage der New York Times gezeigt hat. Nur wenige (5 Prozent) schreiben, um mit anderen Nutzern zu interagieren. Doch auch zu diesem Aspekt gibt es unterschiedliche Studienresultate: Readers have mixed feelings about journalists interacting on Facebook.

Facebook hat im Vergleich zu Medienportalen das intelligentere Kommentarsystem entwickelt

Eine gewagte These? Nicht unbedingt. Viele Nutzer stellen sich auf Facebook ihre personalisierte Zeitung zusammen, indem sie die Fanseiten von Medienportalen abonnieren. Interagiert der Administrator einer Facebook-Seite mit seinen Fans und generieren Beiträge viele Kommentare, so wird dies von Facebook honoriert.

Die positive Bewertung durch den Newsfeed-Algorithmus bei vielen Kommentaren sorgt für eine längere Halbwertszeit eines Postings, der Beitrag dringt in noch mehr Newsfeeds von Fans und wird noch mehr geklickt etc. Eine Auseinandersetzung mit Facebook-Fans ist somit auch kommerziell attraktiv. Investitionen in die Moderation von Facebook-Kommentaren lohnen sich also ungleich mehr. Die Facebookseite von Medienportalen wird zum digitalen Schaufenster oder zur Visitenkarte.

Im Vergleich zu den lausigen Kommentarsystemen von Newsportalen, in denen einfach der neuste Beitrag eines User nach oben gespült wird, hat das grösste sozialen Netzwerk sich bessere Anreize für die Anordnung von Kommentaren ausgedacht. Medienportale haben sich bis heute  höchstens überlegt, wie man die die intelligentesten Kommentare sichtbarer machen  und den Mob möglichst  ”verbergen” könnte. Sie haben sich nicht überlegt, wie sie ihre eigenen Redaktoren zur Beteiligung in Debatten incentivieren und bewegen können.

Natürlich hat man auf einer fremden Plattform keine Hoheit über sein Gärtchen. Community Manager fungieren oftmals als Brandlöscher und müssen im Nachhinein reagieren, indem sie gepostete Kommentare entfernen.

Doch Facebook gibt Moderatoren hilfreiche Funktionen in die Hand, wie zum Beispiel den “Verbergen”-Button. Wird diese aktiviert, so ist der Kommentar nur noch für den User selber sichtbar. Er wähnt sich nach wie vor als Teil des Kommentarthreads, während alle anderen Nutzer von den Weisheiten verschont bleiben.  Solche Funktionen führen zu einer Deeskalation.

Mit den künftigen Emojis-Buttons werden dem Facebook-Nutzer neben dem Like und Share ein breites Repertoire von non-verbalen Interaktionsinstrumenten zur Verfügung gestellt,  im Gegensatz zu Medienportalen. Emotionen zu einem bestimmten Text und einem Artikel können so besser kanalisiert werden, bevor man in die Tasten haut.

Die Dominanz von Facebook & Co als Trafficgeneratoren für Medienportale befördert weichgespülten Social Journalism und seichte Kost. Falsch.

Diese vorherrschende Auffassung lässt sich empirisch widerlegen. Natürlich lassen sich die fög-Befunde der emotionalisierenden enpolitisierenden Viralhits wie Katzenvideos nicht wegdiskutieren. Konzentriert man sich auf die Fanseiten von Medienportalen, die Qualitätsjournalismus anbieten, kommt man zu einem anderen Schluss.

Unsere Fancommunity goutiert beispielsweise Eigenleistungen, exklusive Geschichten und ignoriert simple Agenturmeldungen. Das können lange Essays, Reportagen von Korrespondenten oder Analysen von Experten sowie streitbare Gastbeiträge sein.

In fünf Jahren… wird es immer noch Leserkommentare geben

… allerdings in institutionalisierten Gefässen und in einer produktiveren Variante mit publizistischen Verwertungsmechanismen. Die meisten Medienportale orientieren sich neu und befinden sich in einer Umbruchsphase. Die meisten entwerfen überhaupt nach Jahren resignierten Zuschauens in ihrer Geschichte eine tragfähige Community Strategie. Viele Redaktoren sind ernüchtert und wundern sich, wie diese toxische Ghettoisierung unterhalb ihrer Artikel zustande kam.

Sie werden nun die Weichen stellen müssen und sich fragen: Welche Community passt zu unserer Medienmarke? Moderation kostet etwas, sowohl Knowhow als auch Technologien. Wie intelligent ein Kommentarsystem ausgestaltet ist, hat letzten Endes Einfluss auf unsere Motivation, uns an Diskussionen zu beteiligen.

Die Netzgemeinschaft befindet sich in einer Vor-Adoleszenzphase. Vielerorts sieht man jetzt die hässliche Seite eines ungehemmten, entfesselten digitalen Pöbels. Den meisten Nutzern scheint nicht klar zu sein, dass die rechtlichen Normen und die Regeln des Anstands nicht nur im persönlichen Gespräch und im öffentlichen Raum draussen, sondern auch im Web 2.0 gelten. Dass sich hinter einer virtuellen Identität ein realer Mensch verbirgt.

Nun fallen die ersten gerichtlichen Entscheidungen, es werden teilweise sogar Freiheitsstrafen ausgesprochen, wie ein Fall in Deutschland gezeigt hat. Auch müssen sich untätige Facebook-Manager vor Gericht verantworten, aktueller Vorwurf: Volksverhetzung. Durch Unterlassung.

Viele Polizeibehörden in Deutschland raten bei klar diskriminierenden Aussagen in jedem Fall zu einer Anzeige. Kommentare sollen mit Screenshots illustriert werden. Das verhängte Strafmass wird auf jeden Fall erzieherische und disziplinierende Wirkung haben. In fünf Jahren sind wir hoffentlich reifer und erwachsener unterwegs im Netz, die Online-Community reguliert sich womöglich selber.

Vielleicht bedarf es hierfür einiger Virtual Reality- Innovationen, so dass sich man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt und vermehrt auch “spürt”. Denn das Netz ist zurzeit ein grosser abstrakter verschriftlicher Ort, wie es die Medienjournalistin Ingrid Brodnig am #JourTag2015 in ihrem Referat treffend formuliert: “Im Netz fehlen diese subtilen Formen der sozialen Sanktion, wenn einzelne sich im Ton vergreifen. Es fehlt der Augenkontakt des Gegenübers, wo man sofort erkennt, wenn man die andere Person gekränkt hat“,

 

 

 

 

 

Der selbst finanzierte Shitstorm

Während meiner Beobachtung des Schweizer Online-Wahlkampfs sind mir einige unbeholfene Fettnäpfchen von Parteien aufgefallen, die man mit etwas mehr Dialogbereitschaft und Knowhow einfach hätte vermeiden können. Ein Beispiel.

Parteien und Politiker (und vor allem Unternehmen) haben begriffen, dass inhaltliche Reichweite ihren Preis hat auf Facebook. Nichts ist gratis auf den sozialen Plattformen trotz kostenloser Anmeldung. Wir bezahlen mit persönlichen Daten und neuerdings auch mit Cash, um überhaupt gesehen zu werden.

Wer im Inhaltewettbewerb der verschiedenen Pages und Profile bestehen möchte, muss mit pfiffigen Postingtexten und  multimedialen Skills trumpfen und manchmal in die Tasche greifen für eine längere Halbwertsdauer einzelner Postings.

Die “Sponsored Posts”, mit denen man einzelne Seiten bewerben kann, sind eine sehr kreative Werbeform. Das Angebot fügt sich nahtlos in den Newsfeed hinein und muss denselben redaktionellen Kriterien entsprechen wie organische Postings, um aufzufallen.

Der finanzielle Aufwand lohnt sich, denn anders als bei kommerziellen Werbekampagnen werden bei Wahlkampfwerbung von Parteien nicht zwingend kostenrelevante Klicks angestrebt. «Die Botschaft wird auch so wahrgenommen», sagte Michael Sorg von der SP im Rahmen meiner Umfrage (die ich für die NZZ ausgeführt habe).

Das Problem: Genauso wie “normale” Status-Updates evozieren auch sponsored posts Kommentare, die unmittelbar sichtbar angezeigt werden. Viele Betreiber von Facebook-Seiten wissen jedoch nicht, dass unliebsame Kommentare während der gesamten Kampagnendauer mit “ausgeliefert” werden. Die beworbenen Postings werden – “social”  halt – samt ihren Reaktionen in die Newsfeeds geschleust.

piraten teil I

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf eingesetzt wird. Sie schalteten Kampagnen, sponsored posts, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten im Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen werden nicht beantwortet.

Die digitalaffinen Piraten wissen, wie Social Media zielgerichtet für den Online-Wahlkampf einzusetzen ist. Sie schalteten im September und Oktober Kampagnen auf Facebook, sogenannte “sponsored posts”, die aufgrund der Finanzierung eine grössere Reichweite generieren. Weniger virtuos bewegen sich die Netzaktivisten in Sachen Community Management. Kritische Fragen von Nutzern zu ihren Listenverbindungen wurden ignoriert.

Gewisse Parteien und Unternehmen wären somit gut darin beraten, die generierten Reaktionen gewissenhaft zu moderieren und ihnen wenigstens Stellungnahmen entgegenzuhalten. Solche Interventionen wirken sich auch bekanntlich positiv auf die Interaktionsrate und damit auch auf die  Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus aus.

Ansonsten befördert man fahrlässig die boshaften unbeantworteten Leserreflexe mit  und – viel schlimmer- finanziert diese noch mit dem eigenen Werbebudget! Ob sich dann der Werbeeffekt in Wählerstimmen ummünzen wird, wage ich zu bezweifeln.

Der Newsroom, die Börse. Oder: 7 Monate bei der NZZ

7 Monate werke ich nun für die NZZ. In dieser Zeit erlebte ich einige #Gates, neue multimediale Projekte, ein Redesign und durfte ein neues Gefäss mit aufgleisen. Meine erste Bilanz: In einem Medienverlag arbeiten zu dürfen, ist aufregend und auch etwas anstrengend. Etwas Anderes kann ich mir aber zurzeit nicht mehr vorstellen.  Denn die Arbeit in einem Newsroom hat Suchtpotenzial. 

Wer einen Zusammenhang vermutet, zwischen meiner verminderten Blogtätigkeit auf adfichter.ch und meiner Anstellung bei der NZZ…. der möge Recht haben. Dies nicht allein auch deshalb, weil ich mit meinem täglichen Social Media-Radar Chance erhalten habe, für eines der grössten Verlage Trends und Neuheiten aus Netzkultur und -politik aufzuspüren und zu kommentieren.  Ein tolles Privileg und eine Arbeit, die mir grossen Spass bereitet. Das tägliche publizistische Füttern dieses Kanals hat jedoch auch zur Folge, dass ich meinen eigenen Blog sträflichst vernachlässige. Nichtsdestotrotz möchte ich meine eigene Plattform nicht verkümmern lassen. Ich überlege mir gerade eine neue thematische Ausrichtung für das Jahr 2015. Die persönliche Note und Ich-Erzählform werde ich natürlich beibehalten.

Über Gates, Shit- und Lovestorms

Doch jetzt zu meinen Erfahrungen bei meinem neuen Arbeitgeber. Wer eine positive Korrelation zwischen meiner Anstellung bei der NZZ und den vielen #Gates (Selfiegate etc.) in dieser Zeitspanne vermutet- Der möge daran glauben, aber eine Kausalität ist in diesen Fällen nicht gegeben;-)

Während sieben Monaten habe ich ein Redesign ( beta.nzz.ch), Social Media-Meilensteine (100’000 Twitter-Followers, 50’000 und 60’000 Facebook-Fans) und einige böse und gute Wirbelstürme im der schnelllebigen Netzwelt miterlebt, die Blogger-Szene aufgemischt, neue Interaktionsformen mit der Community ausprobieren und auch für die Printausgabe schreiben dürfen.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht.

In Zeiten des Reicheweitendrucks und Klickprimats müssen Medienhäuser schnell sein und zugleich Einordnung bieten. Ein vermeintlicher Widerspruch, der aber die Arbeit im Medienumfeld höchst spannend macht. Quelle: Pixabay.com

“Be first- but be right” als Leitmaxime

Für die BlogleserInnen, die nicht im Medienumfeld heimisch sind, versuche ich meinen Alltag konkreter zu skizzieren: In einem Newsroom zu arbeiten zu dürfen, erinnert mich in manchen Situationen an das Handeln in einer Börse.  Gebannt verfolgen wir manchmal das Leseverhalten auf nzz.ch auf unseren Monitoren. Gewisse Titel laufen erstaunlich gut, andere liegen unterhalb der Erwartungen des Teams. Die Tagesleitung entscheidet, ob in diese erneut “investiert” wird. Teile des Artikels werden optimiert und Elemente ausgetauscht. Die Resonanz entscheidet über Platzierungen auf der Startseite und Hierarchie innerhalb des Ressorts. Überraschungen und Enttäuschungen über gut und schlecht gelesene Artikel sind an der Tagesordnung. Genauso (un-)berechenbar ist das Echo vieler Artikel auf Social Media.

Bei Eilmeldungen von Agenturen muss alles schnell gehen, denn die Mitbewerber schlafen nicht. Gleichzeitig soll eine wichtige Maxime der NZZ “Be first- but be right” eingehalten werden. Die Nachricht muss überprüft, die Quellen abgesichert und die Texte wohlformuliert sein.

Dasselbe gilt für Regungen und Meldungen aus der Social Media-Welt. Das ABC der Social Media-Verifikation wird wichtiger denn je. Der weltweite user-generated content von Nutzern, die ganz nah am Geschehen dran sind, ist ein wertvolles Nachrichtenreservoir für Redakteure. Ein Journalist soll sich aber davor hüten, einem Irrtum aufzuerliegen und voreilig eine Geschichte daraus zu basteln. Kein Medienhaus ist davor gefeit, Fehler zu machen. Vor allem nicht in Zeiten des Reichweitendrucks und Klickprimats.

Légère gekleidete Kaffee trinkende Journalisten? Der Klischee-Check

Dieser Medienalltag war zuerst neu für mich, er ist aufregend und anstrengend. Die Arbeit in einem Newsroom hat manchmal Suchtpozenzial. Vieles muss schnell entschieden werden, gleichzeitig  dürfen markenrelevante Stärken wie die Analyse und Einordnung nicht zu kurz kommen. Mit digitalen Innovationen und hochwertiger Publizistik möchte die NZZ  neue zahlende Leser gewinnen und bestehende halten und unterhalten. Diese Umwälzungen miterleben zu dürfen und Teil neuer Experimente zu sein, ist eine faszinierende Erfahrung für mich.  In  einem solchen dynamischen Arbeitsumfeld fühlte ich mich relativ rasch wohl. Fast so, als ob ich die letzten Jahren und Monate nichts anderes gemacht hätte.

Zum Schluss noch ein paar Antworten auf einige witzige Fragen, die mir Freunde und Kollegen ausserhalb  der Medienbranche gestellt haben (mit Klischees wurde dabei nicht gespart): Ja, Journalisten trinken relativ viel Kaffee. Nein, der Nikotinkonsum scheint nicht ausserordentlich hoch zu sein (das könnte früher vielleicht anders gewesen sein). Auch sonst leben Journalisten nicht ungesünder als andere Berufsgruppen. Nein, bei der NZZ gibt es nicht mehr Krawatten- und Anzugsträger als anderswo. Ansonsten erscheinen wir ganz casual zur Redaktionssitzung und kleiden uns hin und wieder -natürlich- légère. Und auch wenn viele  Aussenstehende am Bild der altehrwürdigen Print-Dame festhalten möchten, für die das Internet Neuland sein soll: Die grosse Mehrheit der NZZ-Redakteure (123 Mitglieder) twittert inzwischen. Und das regelmässig.

Blogger-Manifest: Bitte nur den kleinst gemeinsamen Nenner

Eigentlich wollte ich meinem nächsten Blogpost nach 3 Monaten Blogpause (shame on me) ein bisschen hinter die NZZ-Kulissen blicken und Bilanz ziehen. Doch dank der losgetretenen Diskussion über “gekaufte” Blogger und Journalisten wird es Zeit das Geschehene kurz Revue passieren zu lassen, Missverständnisse aufzuklären und nochmals den eigenen Standpunkt herauszukristallisieren. Dankbarer Stoff für einen neuen Blogpost. 

Den Kontext zur Auseinandersetzung mit dem Thema, die dank dem barcampCH möglich wurde, kennen die Meisten und brauche ich an dieser Stelle nicht mehr zu wiederholen. Wer das noch einmal rekapitulieren  möchte, kann das gerne hier, hier und hier tun.

Marken bringen sich ins öffentliche Netzgespräch

Vorweg: Unternehmen und Marken tun eigentlich das Richtige. Sie bringen sich ins Gespräch und nutzen die geballte Kommunikationskraft und – macht von neuen Meinungsbildnern im Web. Sie laden Personen mit viel Reichweite ein, so dass diese ihre Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen frei äussern. Blogger und Influencer gelten zu Recht als neue wichtige PR-Kraft. Und genau diese neue Form von PR-Arbeit bedarf einiger Regeln, damit Unabhängigkeit gewahrt und der Instrumentalisierung  vorgebeugt wird.

Die von Kevin und mir ausgelöste Debatte zeigt, dass die bisherige Praxis auch von anderen Bloggern kritisch beobachtet wird.  Einige Kommentatoren wollten dabei weitergehen und mehr regulieren. Ich selber aber glaube  zum Beispiel nicht, dass ein Manifest die richtige Grundlage dafür ist, den Bloggern vorzuschreiben, was sie zu deklarieren haben und was nicht.

Kein Hashtag-Missbrauch bei Konsumenten

Mir persönlich geht es um PR-Events und -veranstaltungen. Womit ich mich schwer tue und ich denke, das habe ich in der Diskussion oft genug hervorgehoben, ist die Vermischung von Einladungen mit suggeriertem privatem und offensichtlichen kommerziellen Charakter.  Ich plädiere für eine klare Kommunikation der Eventform, des Absenders und für keine irreführenden Themendefinitionen (Hashtags). Hierbei nehme ich nicht Blogger in die Pflicht, sondern die Organisatoren. Sobald diese Punkte transparent sind, obliegt die Entscheidung den einflussreichen Influencern. Sie können tun und lassen, sich einladen und beschenken lassen, darüber schreiben oder nicht. Mir egal.

Klar sollten für Medienschaffende dieselben Richtlinien gelten. Ich bin aber nicht sicher, ob diese freiwillig geneigt sind, während einer Medienkonferenz den Namen des einladenen Brands permanent zu vertwittern, wenn sie im Anschluss einen Artikel abliefern müssen.

Mein Albtraum: Dank #zoacardinal14-Pflichttweets (fiktives Beispiels) gratis ans Openair

Doch zum Ausgleich (auf die bekannten Cases von Swisscom und Search.ch sind wir genug eingegangen) zwei Beispiele der Medienwelt, in der solche mir suspekten “Hashtags-Sponsorenhappenings” ebenfalls zelebriert werden. Da wäre beispielsweise der Versuch von Watson durch das Sponsoring von Live-Tickern den Nutzern mit #heinekenlive Sponsorentweets aufzuoktroyieren. Und auch der Web-Jugendsender Joiz kann dank Sponsoren ganze Musik-Formate realisieren (“mycokemusic”) . Dies ist natürlich insofern legitim, als dass solche Formate durch Sponsoren erst möglich sind und diese natürlich verdankt werden sollen. Doch frage ich mich, weshalb ausgerechnet die Nutzer in ihrem natürlich spontanen Kommunikationshabitus formalistisch (also vorgesetzt vom Sender) missbraucht werden müssen, wenn es doch allgemein um ein Fussballspiel geht. Denn konsumiere ich jetzt einfach den Match oder die Marke und wie kommuniziere ich das?

Mein Albtraum ist:  Wenn ich an einem Openair Zürich anstelle von #zoa14 noch #zoacardinal14 twittern müsste, um an billigere oder gar Gratis-Tickets zu gelangen. Und 4 Freundlichkeitspflichttweets zu anderen Sponsoren absetzen müsste.

Randnotiz: Auch hier scheinen Journalisten nicht vor Befangenheit gefeit zu sein, laut Reda El Arbi.

 

Ich wünsche mir dass wir am 24. September auf einen grünen Zweig kommen werden. Und das im Gegensatz zu einigen Medienschaffenden, die Blogger als gänzlich unrelevant erachten, wir alle auf gleicher Augenhöhe miteinander reden können. Ich glaube wir sollten uns dabei auf den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner über alle Publizitätsgattungen hinweis einigen und kein ungelebtes Bürokratiemonster schaffen. Denn mit einem verbindlichen Konsens schaffen wir Akzeptanz für unser verabschiedetes Richtlinienwerk, dem sich hoffentlich per Unterzeichnung viele Publisher anschliessen werden.