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Die vergessenen #XINGFails

Im Schatten des Schweizer #XINGfail-Shitstorms wurden noch weitere unbemerkte Preiserhöhungen vom deutschsprachigen Businessnetzwerk durchgesetzt und kommunikative Vergehen begangen, die zu bemängeln sind. Welches diese sind und wieso XING und LinkedIn zu Unrecht als soziale B2B-Netzwerke gelten, möchte in diesem Blogpost aufzeigen. 

Bei den Neuerungen von XING verliert man schnell mal den Überblick.  Die XING-Premiumpreiserhöhung war auf Blogs und in den Medien omnipräsent. Vergessen und unbemerkt im medialen Wirbel sind weitere Funktionen abgeschaltet, komplizierte Gruppen-Modi eingeführt und andere Angebotspreise erhöht worden.  Ein Klagelied können neben Premium-Mitgliedern nämlich auch Administratoren von XING-Gruppen und Unternehmensprofilen singen. So auch ich.

Auf 3 mühsame Neuerungen möchte ich hier genauer eingehen:

“Neue Gruppen”: XING-User sind auf den Goodwill von Gruppenadmins angewiesen

Schauen wir uns zum Beispiel die Transformation der XING-Gruppen in das “Neuen Gruppen“-Gewand an, die ein Administrator nur durch aktive Kontaktaufnahme beanspruchen kann.

D.h. um als aktives kommunikationsfreudiges XING-Mitglied die gestalterischen Vorzüge der “Neuen Gruppe” zu geniessen, ist man auf den Goodwill wacher XING-Administratoren angewiesen. Immerhin: Eine Gesamtmigration aller XING-Gruppen hat XING auf Anfrage meinerseits in Aussicht gestellt. 

Schleichend wurde auch zweitens ohne Getöse die bisherige “Unternehmensprofil-Palette” abgeschafft.  Neben dem Basisangebot hatte man bis letztes Jahr noch die Möglichkeit ein erschwingliches Standard-Profil zu erwerben. Dieses bot dem Unternehmen die Assets, kununu-Arbeitgeberbewertungen einzubetten und die jeweiligen Produkte und Dienstleistungen mit Videos und Pdfs optisch aufzuwerten. Diese hübsch aufgemachte Übersichtsseite machten sich inbesondere einige Sales Manager meines Unternehmens (damals bei der OFWI) bei der Company-Präsentation im Netz zunutze.

Dass ich als Administratorin ein veraltetes nicht aktives Unternehmensprofil betreibe, habe ich dann irgendwann mal selber zufällig entdeckt als ich weitere Pdfs hinzufügen wollte (was aber nicht möglich war, da das alte Profil ja offiziell nicht mehr angeboten wurde). Nun bleibt den Administratoren die Möglichkeit, die wenigen Optionen des herabgestuften “kargen” Basis-Profils (gratis) zu nutzen oder auf das horrend teure “Employer Branding” (395 Euro monatlich) upzugraden. Zweiteres bietet umfassende Vernetzungsmöglichkeiten im Recruitingbereich, was aber nicht unbedingt zum Tagesgeschäft einer KMU gehört. (Ausserdem hat XING bis heute noch keine brauchbare Handhabe vermittelt, wie man gezielt die Followerzahl bzw. Abonnentenzahl eines Unternehmensprofils erhöhen könnte. Aber dies nur als Randbemerkung).

Klickpreise pro Stellenanzeige lautlos erhöht

Drittens wurden die Preise nicht nur bei den Premium-Mitgliedschaften erhöht. Betroffen sind auch die Klickpreise bei geschalteten Stellenanzeigen des Formats “Text”.  Bis vor Kurzem  kostete der Klickpreis noch 0.85 Euro. Die von uns (damals bei der OFWI) geschaltete Stellenanzeige wurde bereits nach wenigen Wochen ohne Benachrichtigung mit dem neuen Preis abgerechnet, 1.05 Euro pro Klick. Der neue Klickpreis beträgt also umgerechnet nun 1. 25 Franken. Welche Summe sich da zusammenläppert nach einigen Klicks, kann man sich denken…

Die XING-Preise noch im 6. Februar 2014

Die XING-Preise noch am 6. Februar 2014

Die Abrechnung Ende Februar(28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

Die Abrechnung Ende Februar (28.2.2014). Der Klickpreis betrug über einen Euro.

 

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

Der jetzige XING-Preis bei den Stellenanzeigen.

LinkedIn ist usabilitytechnisch eine Katastrophe

Alle diese schlecht kommunizierten Neuerungen XING anzulasten und aus Trotz das viel bessere LinkedIn hinaufzujubeln, ist aber aber ebenfalls nicht angebracht. Denn LinkedIn ist zwar internationaler aufgestellt, enthält mit Pulse eine “vitale” Nachrichten-App mit einflussreichen Opinion Leaders und registriert viel mehr Aktivitäten in den Themengruppen, ist usability-technisch jedoch eine einzige Katastrophe. Und in Sachen Unternehmenskommunikation genauso intransparent wie der Konkurrent aus dem deutschsprachigen DACH-Raum.

So wurde auch hier letzte Woche der “Produkt und Dienstleistung”-Bereich des Unternehmensprofils abgeschaltet und die Administratoren “genötigt”, eine Fokusseite für das jeweilige Produkt aufzubauen. Dass jene Fokusseiten für Submarken nur Sinn bei grossen Brands machen (zum Beispiel ein “M-Budget” für Migros), damit sie eine genauso grosse Gefolgschaft aufbauen kann wie bei der Stammseite (also das Unternehmensprofil auf LinkedIn) ist evident. Diese kleine Änderung erfuhr man via Emailbenachrichtigung 2 Wochen vor dem entscheidenden Release und findet man irgendwo versteckt auf der Hilfeseite von LinkedIn.

Eine detaillierte Abrechnung der Kreditkartenbelastung für geschaltete Sponsored Posts und LinkedIn-Ads sucht man als Admin vergeblich. Bis heute konnte ich unserer Buchhaltung lediglich einen Screenshot meines Analysedashboards des Paid Content vorweisen um die Transaktionen auf LinkedIn nachvollziehen können.

Fazit: Für B2B-Marketer sind Twitter und Google + besser geeignet

XING und LinkedIn werden oft als DIE sozialen B2B-Plattformen beschworen. Zu Unrecht, wie ich finde. Die grössten Bewegungen finden im Recruiting und Employer Branding-Bereich statt. In jene Geschäftsfelder wurde von Seiten XING und LinkedIn auch kräftig investiert in den letzten Jahren.

Die Zahl der Aktivitäten und Interaktionen in den Themen-Gruppen sind gefühlt sehr niedrig (XING präsentiert lediglich Umsatz und Mitgliederzahlen) , die bisher gelesenen Beiträge von Usern werberisch, langweilig, “sales-driven” und einseitig.  Für B2B-Marketer insbesondere im KMU-Bereich sind Twitter und Google+ einiges geeigneter. Dies ist einfach mein subjektiver Eindruck nach 3 Jahren Community Management im Business-to-Business-Sektor.

Update 24. April 2014: Dank dem Hinweis von Stephan im Kommentarfeld gibt es doch einen (einfacheren) Weg, wie man zu den LinkedIn-Rechnungen gelangt: http://linkedinsiders.wordpress.com/2012/09/02/linkedin-rechnungen-richtig-steuerlich-absetzen/ 

 

 

 

Vom Badge-Basar zur lichtdurchfluteten Wandelhalle

(Gastbeitrag für polithink.ch)

Am Dienstag wurde mit einer datenjournalistischen Innovation ein grosses Stück Transparenz über die Vernetzungen unter der Bundeshauskuppel geschaffen. Wieso die Parlamentarier nun gut daran tun, den natürlichen Lauf der digitalen Evolution nicht mit anachronistischen politischen Entscheidungen zu stoppen versuchen. Und wieso mehr Transparenz in der Wandelhalle das Milizparlament stärkt.

Im Dezember 2012 wurde ein Stück Parlamentsgeschichte geschrieben. Mittels Filmaufnahmen machte Politnetz publik, dass die Stimmen im Ständerat falsch ausgezählt worden sind. Diese Bekanntmachung und der zunehmende öffentliche Druck führte dazu, dass die kleine Kammer ihre Absage gegenüber elektronischen Erfassungssystemen beim Abstimmungsverhaltenkorrigierte und der Motion von This Jenny zustimmte.

Im Schatten dieses historischen Ereignisses hat derselbe Ständerat in der Wintersession ein anderen Vorstoss verworfen, der ebenfalls für mehr Licht hinter den Bundeshausmauern hätte sorgen sollen: Die Motion von Lukas Reimann (übernommen von Alt-Nationalrat Alexander J. Baumann), die die Offenlegung von Lobby-Aktivitäten der BundesparlamentarierInnen und sämtliche Interessensbindungen der Zutrittsberechtigten ins Bundeshaus verlangt, wurde von einer Mehrheit abgelehnt.

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Mehr Transparenz unter der Bundeshauskuppel ist gefordert (Foto: Simon Lanz, polithink.ch)

Den ganzen Artikel gibt es auf polithink.ch zu lesen.

Wer schlief während der Budget­debatte?

(Gastbeitrag für “Karl der Grosse”)

Die Zürcher Stadtratswahlen standen im Schatten des polarisierenden Abstimmungssonntags. Dies nicht zuletzt aufgrund des wenig aufregenden Ergebnisses von Ersterem: Bis auf die Schwächung des links-grünen Blocks durch den Einzug von Filippo Leutenegger (FDP) fanden keine Erdrutschsiege statt. Die Zeichen stehen also auf rot-grüne Kontinuität mit einem bürgerlicheren Anstrich (6:3-Verhältnis). Da ich als Wahlkampfbloggerin für Karl der Grosse genau hingeschaut habe, sind mir dennoch einige Dinge aufgefallen. Diese möchte ich im Folgenden rekapitulieren.

Zu diesem Wahlkampf wollte ich schon immer ein «Listicle» schreiben, sprich, einen Artikel mit prägnanten Punkten und hohem viralen Schleuderpotenzial. Los geht‘s:

1. Andres Türler (FDP) führte das Stadtratsranking mit den meisten Stimmen an und überholte damit sogar Stadtpräsidentin Mauch. Seinem eigenen Bekanntheitsgrad schien er wohl aufgrund der FDP-Wahlniederlagenserie der letzten Jahre nicht ganz zu trauen: Auf Wahlplakaten und Inseraten war stets prominent der «Bisher»-Status zusätzlich vermerkt. Die Sorge war vergebens. Der FDP gelang sogar der Sensationssieg mit drei zusätzlichen Sitzen. Ob damit der viel beschworene Niedergang der Freisinnigen abgewendet wurde? Wir werden es spätestens 2015 erfahren.

2. Nur die blockfreien «Outsider» Alternative und Grünliberale haben in diesem Wahlkampf ihre Budgets offengelegt (GLP: 250‘000 Franken; AL: 107‘000 Franken). Nicht mal die Transparenzbefürworter SP und die Grünen bezifferten die Höhe der eingesetzten Wahlkampfgelder für Gemeinde- und Stadtrat. Enttäuschend, wie ich finde.

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im "20 Minuten"

Die Kampagne des glücklosen Grünen Peider Filli im “20 Minuten”

Den ganzen Artikel gibt es hier zu lesen:

http://www.karldergrosse.ch/wer-schlief-waehrend-der-budgetdebatte/ 

Wir plagiieren täglich. Alle.

Es vergeht kaum ein Jahr, in welchem nicht irgendein/e Politiker/in aufgrund früherer Versäumnisse in der beruflichen Karriere öffentlich zerpflückt wird. Dank kollektiver Gruppenarbeit (die sogenannte Schwarmintelligenz) und neuer Software können wir die öffentlich einsehbaren Doktorarbeiten hochrangiger Politikerinnen auf Plagiatselemente überprüfen.

Die Schummeleisichtung ist in der anbrechenden Transparenz-Ära fast schon der neue Volkssport. Allein schon der Plagiat-Verdacht lässt oftmals Hoffnungen auf höhere politische Ämter sterben. Guttenberg (CSU), Schavan (CSU) und Fiala (FDP) mussten dranglauben.

Der Fokus liegt dabei oft nur auf wissenschaftlich verfasste Printerzeugnisse. Wenn es um Blogs geht, so werden fehlende Verlinkungen mit originären Quellen aber selten in der Webgemeinde angemahnt und gerne ein Auge zugedrückt.

Zeit neu zu definieren, was Plagiieren im Web bedeutet.

Die Idee zu diesem Blogpost hatte ich aufgrund von Martin Weigerts gestriger Kritik, gewisse ICT-Fachmedien hätten in ihren Artikeln zum Kurierfahrtentestprojekt des Startups “myTaxi” keinen Bezug auf seinen “enthüllenden” Netzwertig-Blogpost genommen. Er bedauerte, dass mit dem Gebot der gegenseitigen Verlinkung als Zeichen des Respekts in der Blogosphäre immer nachlässiger umgegangen wird. Diese Feststellung versetzte mich etwas ins Grübeln. Wo beginnt Plagiieren im Web 2.0?

Geistiges Eigentum soll geschützt werden. Wieso auch nicht die Kuratier- und Rechercheleistung?

Geistiges Eigentum soll geschützt werden. Wieso auch nicht die Kuratier- und Rechercheleistung?

Übertragung der Geschäftsmodelle ins Web 2.0

Wir überstülpen oft bewährte Geschäftsmodelle des 20. Jahrhunderts auf die digitale Sphäre. In Sachen Urheberrecht sollte die künstlerische Leistung geschützt werden; für bisher gratis konsumierbare Medienhalte im Web soll neu gezahlt werden. Viele halten diese Analogien für berechtigt. Andere fordern in ihren Arbeitsbereichen einen totalen Paradigmenwechsel: Der Forscher Stefan Heidenreich gab in einem Referat auf der re:publica 13 zu, dass man mit den bisherigen kommunikationstheoretischen Modellen die sich neu formierende politischen Öffentlichkeit nicht adäquat analysieren kann. Weil die Begriffe, die Definitionen und die richtigen Kategorien fehlen würden.

Unsere Verlinkungspraxis ist oft laisser-faire

Nur bei den Verlinkungen- also den eigentlichen Zitierungen- gilt die  ”laisser-faire”-Kultur. Unschärfen sind an der Tagesordnung. Warum eigentlich?

Klar, die Erstmeldung, wie aktuell zum Beispiel der Kauf der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos die zeitgleich tausendfach durch den digitalen Äther geschleudert wird, ist schwer zu orten. Dies war auch die Gegenfrage von Pascal Müller auf Google+ auf meinen Gedanken, ob man fehlende Verlinkungen mit Plagiaten gleichsetzen kann

Meine Meinung: Die massenfache Verbreitung über mehrere Kanäle desselben Inhalts entbindet uns NICHT von der Verantwortung, die “Stamminformation” zu verlinken. Es geht auch nicht zwingend darum, die RICHTIGE Originalquelle zu eruieren. Sondern den Bezug zum Fundstück herzustellen, über welches man zufällig im Netz halt zuerst gestolpert ist (im Fall von Amazon oben verlinkte ich auf den ersten Artikel, den ich morgens sah).

Internet-Archäologen sollen gewürdigt werden

So orthodox das vielleicht klingen mag.  Im Grunde weite ich ja nur die übliche Auslegung der Zitierregeln der (Print-) Schreibzunft auf die Online-Textproduktion aus. Nur so emanzipieren sich Online von Print-Schreiberlingen. Das Unterlassen, die Vorarbeit in Form von Recherche durch Andere zu kennzeichnen, ist demnach auch ein Plagiat.

Wieso? Wir sind alle Internet-Archäologen die im Netz auf Neuheiten stossen. Diese Kuratierleistung im Netz gilt es meiner Ansicht nach zu würdigen. Umso mehr wenn – wie im Fall der Netzwertig-Macher- keine weiteren Verlautbarungen im Web zu einem Thema vorhanden sind und man als Erstes das Novum entdeckte. Ein Erwähnung “gefunden via” oder “entdeckt von XY” ist daher in meinen Augen unabdingbar.

Gestohlene Gedanken im Web sind auch Plagiate

Dasselbe gilt natürlich für Gedankengang zu einer alt-bekannten Diskussion, den man irgendwo aufschnappt und weiterverwertet. Denn alles Andere mutet nach eigener Reflexion an. Und ist somit erst recht ein Plagiat. Die gelesenen Interpretationen in der Sekundärliteratur als seine Eigenen auszugeben, wird im Wissenschaftsbetrieb -bei Entdeckung- mit Aberkennung der Arbeit sanktioniert. Zu Recht.

Mir ist bewusst: Wir brechen diese Regel unbewusst jeden Tag (auch ich). Wir vergessen oft, wo wir was in welchem Zusammenhang gelesen haben. Aufgrund der Informations- und Artikelfülle im Netz wird unser Erinnerungsvermögen mehrfach herausgefordert.  Doch die Begriffe sind schnell im Fenster der Suchmaschinen eingetippt. Ich hoffe mit diesem Blogpost ein klein wenig zur Sensibilisierung dieser Thematik beigetragen zu haben.

Und wenn ein/e Leser/-in dieses Artikels einen Folge-Beitrag zu diesem Thema schreibt, so wäre ich glücklich, wenn er meinen Artikel als Denkanstoss verlinken würde ;-).

 

1 Jahr bei der OFWI: Die Verschmelzung von Content Marketing und wirtschaftlichem Enthüllungsjournalismus, TEIL 2

Nicht immer lassen sich die publizistischen Gattungen  ”Marketing/Unternehmenskommunikation” und “Journalismus” so scharf voneinander trennen, wie Dogmatiker dies gerne hätten. Als Beispiel: Mein eigener Job. Im zweiten Teil meiner Content Marketing-Arbeit erläutere ich den Interessenskonflikt zwischen Journalisten und PR-Fachleuten. Und versuche darzulegen, weshalb es eine spannende Aufgabe sein kann, ein Unternehmen mit grossem “Shitstormpotenzial” kommunikativ zu vertreten.

 Win-win-Situation? Marketeers und Journalisten haben einen unterschiedlichen Fokus

Aus der trockenen Materie “Wirtschaftsdaten” interessante Inhalte zu generieren, die zur spielerischen Auseinandersetzung anzuregen, erfordert Kreativität. Und auch einen interessierten wachen Geist, der das Tagesgeschehen aufmerksam verfolgt. Insofern unterscheidet sich meine Arbeitsweise kaum von derjenigen eines Journalisten.

Doch die Zusammenarbeit mit Medienschaffenden verläuft nicht immer so harmonisch, wie es die skizzierte win-win-Situation (Exklusivität der “Auswertungen” für den Journalist und Nennung der Orell Füssli Wirtschaftsinformationen AG (OFWI) als Datenlieferant) andeutet.  Dies wiederum ist in der “inhärenten Natur” der Berufsgattungen begründet:

Die Redaktionen gehe ich für meine Medienarbeit meist proaktiv an (im Fall der Abzocker-Initiative vermisste ich – im Nachhinein bemerkt- bei der hiesigen Journaille etwas die Eigenintiative). Ein/e Journalist/-in “springt” oft erst auf die Daten an, wenn sich eine spannende These oder ein Trend dahinter verbirgt, den ich ihm/ihr zuerst schmackhaft machen muss (welche ich aber gemeinsam mit dem Journalisten analysieren und herauskristallisieren möchte). Die OFWI als Informationsanbieter leistet somit “forfait” unternehmensinterne (unentgeltliche) Datenproduktion, die Ressourcen bindet und mehrere Arbeitsstellen involviert. Ohne Gewissheit, dass jenes Datenmaterial aufgegriffen wird von den Medien.

Exklusivität versus Reichweite

An diesem Punkt widersprechen sich also die Logiken der journalistischen und der Marketing-Arbeitsweise: Wir verfolgen das Prinzip “Mithilfe von Daten werden Trends analysiert, aus denen sich die Story ableiten lässt” während der Journalist den “Storyfokus” (aktueller Aufhänger löst Anfrage nach Daten zur Untermauerung/Widerlegung der These aus) im Auge behält.

Darüber hinaus hat die OFWI Interesse an einer breiten Streuung ihrer Infocube-Daten, während die Medienschaffenden (insbesondere der Sonntagspresse) stets auf Exklusivität pochen, um den Primeur-Status zu garantieren. Natürlich verbreitet sich dank Social Media eine spannende Mediengeschichte samt Datensätze wie ein flächendeckendes Lauffeuer.

Unterschiedliche Ansätze: Aus unserer Content Marketing-Arbeit  möchten wir aus Daten Geschichten ableiten...

Unterschiedliche Ansätze: In unserer Content Marketing-Arbeit möchten wir aus Daten Geschichten ableiten…

...während die Medienschaffenden in erster Linie die aktuelle Storyidee suchen (und in zweiter Priorität die passenden Datensätze dazu).

…während die Medienschaffenden in erster Linie die aktuelle Storyidee suchen (und erst als 2. Priorität die passenden Datensätze dazu).

Social Media nicht nur als Verbreitungskanal sondern als Quelle für neue Inhalte nutzen

Die Social Media-Sphären fungieren für mich als Inspirationsquelle, als Kommunikationsplattform und als Resonanzkörper. In der Weböffentlichkeit oder eben vor allem auf Twitter tummeln sich -wie wir alle wissen- haufenweise Journalisten, Medienschaffende, Kommunikationsfachleuten und sämtliche Politikinteressierte. Im Online-Dialog mit verschiedenen Nutzern entstehen so Ideen für neue Inhalte und Auswertungen zu aktuellen Themen (so zum Beispiel zur #LexUSA).

Meine aufgebauten Netzwerke über Twitter, Facebook und Google+ dienen mir natürlich ebenso als Katalysator für eine breite virale Verbreitung. Trifft ein Bloginhalt gerade einen Zeitnerv, so wird dieser mit der wertvollsten digitalen Währung belohnt: Dem sozialen Teilen oder eben “sharing” genannt.

Daten = Transparenz= Produkt und auch Content Strategie der OFWI

Marketing bedeutet per Definition auch Verkaufsunterstützung. Natürlich habe ich auch einen kommerziellen Auftrag zu erfüllen und den potenziellen Konsumenten anzusprechen. Übergreifende Zielsetzung ist schliesslich die Produktbewerbung unserer neu lancierten Online-Produkte (kostenpflichtige Informationsinhalte wie Bonitätsinformationen), die es “smart” in greifbare Stories und Anschauungsbeispiele zu packen gilt.  Expertise zu beweisen,  ist meiner Meinung nach die erfolgsversprechendere Content-Strategie, als im gewöhnlichem Corporateblabla-Marketingsprech die eigenen angebotenen Risikomanagementinstrumenten zu lobpreisen.

Neue Datensätze versuch ich jeweils multimedial (Infografiken, Tools) anschaulich aufzubereiten. Ziel der Content Marketing-Massnahmen ist es, Personennetzwerke der Wirtschaft abzubilden. Ohne diese in einen wertenden  Kontext abzubilden und erwähnte Persönlichkeiten an den Internet-Pranger zu stellen (wir bilden lediglich öffentlich zugängliche Handelsregister-Daten an).

Das Credo der OFWI  (welches auch meiner persönlichen Überzeugung entspricht) lautet somit “Transparenz in Wirtschaft und Politik mittels Daten” herzustellen: Eine populärer Begriff, der bei webaffinen Politikinteressierten und Open-Data- Befürwortern Zuspruch findet. Multiplikatoren, die für die OFWI eine genauso wertvolle Zielgruppe darstellen, wie potenzielle Kunden (Unternehmen, die ihre Risiken minimieren möchten). Diese gezielt anzusprechen und auf neue “teilenswerte” Inhalte aufmerksam zu machen, hat sich bewährt. So wurde beispielsweise unsere Verwaltungsrats-Infografik von vielen reichweitenstarken Politologen und Sozialgeografen weiterverbreitet.

Unternehmen mit grossen Shitstormpotenzial sind eine spannende Herausforderung

Ich gebe Peter Hartmeier recht, der beim Anlass “Brisante Seitenwechsel- Vom PR in den Journalismus und zurück” seinen Seitenwechsel zur UBS mit den Worten verteidigte:  Es ist eine spannende Herausforderung eine Branche zu vertreten, die sich bisher durch eine zurückhaltende Informationspolitik und teilweise grossem “Shitstirmpotenzial” auszeichnet. Denn gerade Wirtschaftsdatenbanken sind oft Gegenstand von Konsumentenschutzforen und -magazinen und anfällig für Empörungswellen im Web. Diesen proaktiv vorzubeugen und bei negativer Erwähnung (was ein zeitnahes systematisches Social Media Monitoring erfordert) rasch zu intervenieren, ist eine lehrreiche Aufgabe.  So versuchen wir mit unserer Content Marketing-Strategie für den wirtschaftlichen Nutzen jener Register zu sensibilisieren. Der grosse Sturm blieb bisher noch aus. Vielleicht auch gerade wegen unserer aktiven Content Marketing-Arbeit, die auch als Krisenprävention wirkt.

Wer den ersten Teil meiner Content Marketing-Arbeit noch nachlesen möchte: http://adfichter.wordpress.com/2013/05/30/1-jahr-bei-der-ofwi-die-verschmelzung-von-content-marketing-und-wirtschaftlichem-enthullungsjournalismus-teil-1/ 

 

1 Jahr bei der OFWI: Die Verschmelzung von Content Marketing und wirtschaftlichem Enthüllungsjournalismus, Teil 1

Die Idee zu diesem Blogpost kam mir vor mehreren Monaten bei der Veranstaltung “Brisante Seitenwechsel. Vom PR in den Journalismus und zurück.” Sind die Kommunikationsberufe wirklich so dichotom angelegt, wie sie der Veranstaltungstitel nahelegt? Und liefern wir PR- Verantwortlichen wirklich nur den geschliffenen Corporate Content, den die Journalisten gleich in den Email-Abfallkorb verbannen?

Nicht immer lassen sich diese Kommunikations-Sphären scharf voneinander trennen, wie Dogmatiker dies gerne hätten. Als Beispiel: Mein eigener Job. In diesem zweiteiligen Blogpost möchte ich die Verquickung dieser Kommunikationsformen (Content Marketing und Journalismus) aufzeigen und erklären, wieso “Markenjournalismus” in meinem Fall kein Unwort sein muss.

Was ich eigentlich genau bei der OFWI (Orell Füssli Wirtschaftsinformationen) tue?, wurde ich schon oft gefragt, von Marketing-Experten wie auch von Journalisten. Einige lesen vielleicht meine Blogposts und Tweets, in denen ich vermeintliche “Filzverbindungen” zwischen “Promis” und Unternehmen enthülle. Liest man die Artikel jeweils zu Ende, wird am Schluss eine Informationsquelle genannt: Infocube.ch. Im Grunde genommen also reines Marketing.

Was ich also tue? Ich nenne es eine Mischung zwischen Content & Social Media Marketing und Unternehmenskommunikation 2.0 mit journalistischer Narrenfreiheit.  Ich nehme damit eine “Hybrid”-Funktion ein, an der Schnittstelle von Social Media, PR und KonsumentInnen (und weiteren LeserInnen). Mein Ziel ist es, möglichst interessante Inhalte für LeserInnen umzusetzen und auf die üblichen Floskeln und Marketingsprech zu verzichten. Der Brand OFWI wird bewusst in den Hintergrund gerückt, die Daten (unser Produkt) sind im Fokus.

Das Content Marketing, welches ich betreibe, verstehe ich somit auch als journalistische Aufgabe im weitesten Sinne (auch wenn sich bei idealistischen getriebenen Medienschaffenden die Nackenhaare sträuben müssen, da sie dies als Anmassung und Affront gegenüber ihrem Berufsethos verstehen würden).

Storytelling auf Basis abstrakter Daten

Aus dem folgenden Grund: Das Hauptprodukt – wirtschaftliche Kennzahlen über Unternehmen und Privatpersonen- liefert genug Stoff für spannende Geschichten. Diese “hard facts” versuche ich in Fallbeispiele zu verpacken, die für den Leser einen publizistischen Mehrwert bieten (sollen).

Ich greife dafür in unserem “Inside Infocube”- Blog wirtschaftliche und politische Debatten auf und liefere dazu die wirtschaftsrelevanten Hintergründe. Den Namen “Inside Infocube” haben wir übrigens gewählt, weil wir eben “Insider-Geschichten”, die zwischen den Daten stecken, aufdecken und datenjournalistische Analysen fördern möchten.

Bei aktuellen Themen der Polit- und Medienagenda stellen wir uns die folgenden Fragen: Lassen sich unsere Daten oder Auswertungen in diesem Zusammenhang marketingtechnisch verwerten?  Kann die OFWI als Knowhow-Träger und Anlaufstelle für Wirtschaftsfragen die Debatte bereichern und neue Erkenntnisse zutage fördern?  Lassen sich beide Fragen mit Ja beantworten, fackle ich nicht lange, sondern entwickle meine Storiyidee weiter und bestelle das Zahlenmaterial bei der Data Management-Abteilung der OFWI.

BlogMarketing1

Content Marketing erfordert neben Marketing-Knowhow auch journalistisches Gespür

Content Marketing bei der OFWI ist für mich neben der Anwendung von Online- und Social Media-Knowhow, eine kommunikative Herausforderung, die kreatives journalistisches Gespür erfordert: Aus dem Datenuniversum spannende Fragestellungen herzuleiten, Ideen zu entwickeln und Auswertungen sowie Analysen zu produzieren,  die das Schlaglicht auf einen neuen Aspekt einer brisanten Debatte werfen.

Aufgestockte PR-Stellen leisten Vorarbeit für ausgedünnte Redaktionen

Vorarbeit für die “ausgedünnten Redaktionen” zu leisten, war gemäss Thomas Schaller, Leiter Hochschulkommunikation der ETH Zürich, eines der Hauptaufaufgaben in seinem beruflichen Alltag, wie er in der Veranstaltung “Seitenwechsel” sagte. Ähnlich erlebe ich den Abbau in jenen Medienredaktionen, die im Gegenzug (ohne es zuzugeben) von den PR-Verantwortlichen immer mehr journalistisches Handwerk abverlangen:  Ich bin somit nicht nur  dem Recherche- und Ideenprozess als Informationslieferantin vorgelagert . Oftmals begleite ich die Medienschaffenden bei den Interpretationen der Daten und formuliere die zündende These vor. So fungiere ich dabei manchmal sogar fast als “quasi-journalistische Erfüllungsgehilfin”.

Blogbegriff “Filzklausel” avancierte zum NZZ-Artikel zur Abzocker-Initiative

Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Die Entscheidungsträger in börsenkotierten Unternehmen, deren Saläre und Vergütungen mehrfach in negative Schlagzeilen gerieten.  So wurde lang von den obskuren “Abzockern” in den Chefetagen der multinationalen Konzerne gesprochen. Mit einem kleinen Bildausschnitt auf unserer öffentlich zugänglichen Datenbank habe ich den in den Medien verteufelten “Bad Boys” ein konkretes Gesicht gegeben und deren wirtschaftlichen Verbindungen aufgezeigt.

Wir beleuchteten somit unbeachtete Aspekte in der öffentlichen Diskussion, wie beispielsweise die in der Abzocker-Initiative vorgesehene Regulierung der Interessensbindungen von Managern und Verwaltungsräten. Ein Blogartikel über jene (von Medien unbeachtete) “Filzklausel” mündete nicht nur im Wortlaut (im Titel) sondern auch inhaltlich und datentechnisch (in Form einer Auswertung über die Wirtschaftskapitäne mit den meisten Mandaten in Börsenunternehmen) im Ideenaustausch mit der betreffenden Journalistin direkt in einen Artikel der “NZZ am Sonntag”.

Dass die Zusammenarbeit zwischen PR und Journalismus aber auch von Interessenskonflikten geprägt ist, erläutere ich in meinem zweiten Teil.

Fehlen die einflussreichen Politiker am Meisten während den Sessionen?

Politnetz veröffentlicht für die Sonntagszeitung zum Abschluss der einjährigen Legislatur die Liste mit den meisten Schwänzern. Prominente politische Köpfe und wirtschaftliche Schwergewichte führen die Liste der unentschuldigten Absenzen an. Laut dem Geschäftsführer Thomas Bigliel fehlen vor allem Politiker von bürgerlichen Kreisen, “die Firmeninhaber, Wirtschaftsführer und Politiker mit Doppelmandat” repräsentieren.  Handelt es sich dabei vor allem um wirtschaftlich einflussreiche Mandatekönige? Ich habe diese Hypothese anhand des Mandatetool “Floralies” von Infocube.ch (betrieben von Orell Füssli Wirtschaftsinformationen OFWI) überprüft.

Das Mandatetool (eine Anwendung von Infocube.ch) Floralies misst den Einfluss unserer Bundesparlamentarier anhand von wirtschaftlichen Kontakten. Dabei zeigt der innere Kreis die Zahl der direkten Kontakte (Mandate in Stiftungen, Firmen, Vereinen etc.) und der äussere Kreis der theoretische Zugang zu den Netzwerken aller Mit-Verwaltungsräte und -manager dieser Mandatsverpflichtungen. Ein Lesebeispiel: Spitzenreiterin Roberta Pantani Tettamanti (Lega) hält insgesamt 32 Mandate in unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Damit verschafft sie sich direkten Zugang zu 255 Entscheidungsträgern und indirekt zu 110’404 weiteren Personen (Mulitplikation der Netzwerke aller Kaderpersonen der 32 Mandate). Der wirtschaftliche Einfluss wird also über die Zahl quantiativer wirtschaftlicher Kontakte operationalisiert.

Unter den ersten 10 Namen fungieren gerade mal 3 Namen aus der von Politnetz veröffentlichten Schwänzer-Liste: SVP Peter Spuhler (Platz 2 ), FDP Fulvio Pelli (Platz 6) und FDP Olivier Francais (Platz 9).

Nationalräte mit der grössten Zahl indirekter wirtschaftlicher Kontakte (http://parlament.infocube.ch/floralies/)

Nationalräte mit der grössten Zahl indirekter wirtschaftlicher Kontakte. (Quelle: http://parlament.infocube.ch/floralies/)

FDP-Mann Filippo Leutenegger, der ebenfalls durch Abwesenheit glänzte, rangiert auf Platz 19 (70 direkte Entscheidungsträger, 6609 indirekte wirtschaftliche Kontakte). Und der ehemalige BDP-Parteipräsident Hans Grunder ist mit seinem wirtschaftlichen Umfeld im unteren Drittel aller Bundesparlamentarier (22 direkte Entscheidungsträger, 209 indirekte wirtschaftliche Kontakte) angesiedelt. Interessantes Detail: SVP-Vordenker/Stratege, Tribun, Ex-Bundesrat und Neo-Nationalrat Christoph Blocher verfügt trotz seiner beachtlichen politischen Laufbahn nur über einen begrenzten wirtschaftlichen Einfluss (21 direkte Entscheidungsträger, 463 indirekte wirtschaftliche Kontakte).

Mein Fazit: Es fehlen nicht zwingend die wirtschaftlich best vernetzten Politiker während den Sessionen. Natürlich handelt es sich sowohl beim Politnetz-Ranking als auch beim Floralies-Tool um rein quantitative Auswertungen. Interessant wäre in einem nächsten Schritt eine qualitative Untersuchung der Mandatsart (Firmeninhaber, Verwaltungsrats-Präsidien, Stiftungsräte etc.) der abwesenden parlamentarischen Volksvertreter. Eine solche Auszählung würde einen Rückschluss auf zeitintensive Mandate und die damit verbundene berufliche Belastung erlauben. Dieser Frage widme ich mich in einem nächsten Blogpost.

Hier ist die ganze Liste der Politiker mit den meisten direkten/indirekten Mandaten und ihrem Einfluss zu wirtschaftlichen Kreisen einsehbar.

Die OpenData-Bewegung: Warum ihre eigene Wiege, das Gratis-Web, ihr im Weg stehen wird

Ein Thema, zwei unterschiedliche Meinungen: Mein Besuch bei der OpenData-Konferenz letzten Donnerstag in Zürich und meine anschliessende Lektüre zweier kritischer Blogartikel zur Transparenz-Gesellschaft (Philippe Wampfler) und Echtzeit-Archäologie (Sascha Lobo) offenbarten mir am gleichen Tag zwei kontradiktorische Perspektiven auf dasselbe Phänomen. Die postmoderne idealistische OpenData-Bewegegung beschwört Heilsbringerwirkung durch öffentlich zugängliche Daten. Die Transparenz-Kritiker befürchten einer gläsernen Echtzeit-Datengesellschaft den Zerfall unserer Kultur und Werte. Welche Seite hat nun Recht?

Vereinfacht lautet der Grundkonflikt : Permanenter Veröffentlichungszwang aller Daten zwecks Weltverbesserung versus Recht auf Schutz und Privatsphäre in einer gläsernen Gesellschaft. Beide Meinungen haben legitime Forderungen und Bedenken. Ich halte jedoch beide Postulate etwas für übertrieben und unrealistisch. Viel wichtiger für den richtigen Umgang mit mehr Transparenz scheinen mir zwei rare Ressourcen: Die Kompetenz, öffentlichen Datenquellen richtig zu interpretieren. Und Zeit.

Daten lesen will gelernt sein

Beginnen möchte ich diesen Artikel mit zwei Zitaten der Kritikerseite:

Wampfler zitiert aus dem Büchlein des Medientheoretiker und Philosoph Byung-Chul Han zur “Transparenzgesellschaft”: “Zweitens gibt es in der Transparenzgesellschaft kein Nicht-Wissen mehr und damit auch kein Vertrauen. Wenn man alles weiß, ist Vertrauen unnötig. Es gibt auch keine Wahrheit und keinen Schein mehr, alles ist wie es ist”

Und noch einen Punkt von Sascha Lobos Kolumne “Aus dem Archiv des Grauens”: „Es wird ekelhaft werden, wenn die jüngste, politische Geschichte digital immer schneller und einfacher nachvollziehbar wird, die absurde Unfähigkeit, die unfassbaren Mauscheleien, das unwürdige Kleinklein. Vor allem aber wird es für jeden recherchierbar bleiben. Informationen, die früher in Archiven nur für Experten und Redakteure zugänglich waren, bleiben öffentlich gespeichert und sind in Millisekunden nach Stichwort auffindbar. Wer zur Ermittlungsarbeit über den Nazi-Terror der NSU ein wenig herumgoogelt, wird darüber stolpern, dass die Hamburger Polizei einen Hellseher engagierte“

Beide kulturpessimistischen Zukunftsszenarien haben ihre Berechtigung. Doch bezweifle ich ihr Eintreffen. Ich glaube weder an das plötzliche Aufkommen massenweiser eifriger Amateur-Webforscher noch an die Möglichkeit„des Nicht-Wissens“ infolge vollständiger Transparenz. Die Offenlegung aller Verwaltungsdaten alleine wird keine Revolution auslösen. Wissen ist schliesslich ein schöpferischer Akt und Produkt eines Denkprozesses.

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Als ich auf die kryptischen Abstimmungsprotokolle der Parlamentsdienste gestossen bin, benötigte ich zuerst ein paar Minuten bis ich die + und – Positionen auf korrekte Weise der Positionen (JA/NEIN) unseren Nationalräten zuordnen konnte. Dann wurde mir bewusst, welche immenses Potenzial eine ansprechende Aufarbeitung des Entscheidungsverhaltens unserer Nationalräte (inklusive den Fakten, ob sie überhaupt anwesend waren) hätte und unsere Wahrnehmung der Politik in Bundesbern beeinflussen wird. Um diese Idee umzusetzen, braucht es den Konzepter (in diesem Fall ich), den Graphic Designer, den Entwickler und Programmierer. Und am Schluss die Verbreitung und Veröffentlichung via Online-Kanäle. Ein arbeitsteiliges Gemeinschaftwerk also. Erst wir, die Entdecker, Übersetzer und Vermittler dieser Daten, die schon lange online auf der Website der Parlamentsdiensten verfügbar waren und in ihrer maschinenlesbaren Form kaum jemanden interessierten, machten das politische Geschehen auf anschauliche Weise für jedermann anschaulich.

Das „Weiterverarbeitungsrecht“, neben dem offenen Zugang von Behördendaten gemäss dem Referenten Daniel Dietrich die zweite wesentliche Komponente für OpenData, erfordert neben dem Interesse an der Weiterverarbeitung also eine weitere wesentliche Voraussetzung: Die Kompetenz der richtigen Aufbereitung und Visualisierung.

Auch die Aussage der Zürcher Finanzdirektorin Maja Menn, die eine eher kritische Haltung gegenüber den Forderungen der Open Data Government-Community an der Konferenz einnahm, ist mir in diesem Zusammenhang hängengeblieben: „Eine Behörde wie die Finanzverwaltung hat die Aufgabe, die Komplexität zu reduzieren und in ihren Publikationen ,intelligent zu trivialisieren’. Vollständige Transparenz bedeutet daher auch die Wiedergabe vollständiger Komplexität”. Die Komplexität der Daten in ihrer Gesamtheit würde also leiden, wenn sich jeder daran „vergreifen“ und damit rumbasteln würde.

Gratiskultur erschwert Nachhaltigkeit von OpenData-Projekten

Es braucht also die hellen Köpfe und Cracks, die sich dem “Crowd Sourcing”-Gedanken verpflichtend die Informationen vorsondieren, Wichtiges herausextrahieren, filtern, verarbeiten und gestalten. Es braucht –wie in der Konferenz von verschiedenen Speakers gefordert wurde- für eine produktive OpenData-Industrie gar eine Bildungsoffensive, beispielsweise dem Aufbau sogenannter „Data Schools“.

Die Institutionalisierung und Professionalisierung der aufkeimenden Bewegung wird massgebend für den Durchbruch von OpenData werden. Denn was passiert, wenn der Pioniergeist der visionären OpenData-Community erlahmt? Sind die entstandenen Ideen und Konzepte der OpenData-HackDays überhaupt noch nachhaltig?

Gerade das Problem der Entschädigung des Mehrwerts durch OpenData-Projekte ist meiner Meinung nach auf den Entstehungsort der “Open Data”-Bewegung zurückzuführen:  Im Internet. Wo die meisten Informationen gratis verfügbar sind.

Wer bezahlt nun diese Dienste, die Apps, die NICHT ein Bürgerbedürfnis mit einem unmittelbaren persönlichen Nutzen wie den Wetterdiensten, den Information nach umliegenden Unfallstellen etc. erfüllen? Wer sind die Abnehmer? Die Behörden? Jene Institutionen, die man in einem langwierigen Prozess zur Offenlegung ihrer Dokumente zwingen musste, sollen im Sinne eines gemeinnützigen öffentlichen Interesses für die Kosten der Verarbeitung aufkommen? Besteht überhaupt ein legitimierbares öffentliches Interesse nach offenen Behördendaten? Oder soll das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage darüber entscheiden? Solange die Marktteilnehmer und die Geschäftsmodelle noch nicht definiert werden können, wird wohl kaum ein florierender Wirtschaftszweig aus der Bewegung sich entwickeln und etablieren können. Die Empfehlung des Directors der Open Knowledge Foundation Rufus Pollock an der Konferenz, nicht aufs Geratewohl Daten zu sammeln, sondern problemlösungsorientiert vorzugehen und Daten „on demand“ zu veröffentlichen, halte ich daher für einen richtigen Ansatz.

Stell Dir vor, es gibt überall Daten…Und keiner schaut hin

Eine andere mögliche kontraproduktive Wirkung von Opendata mag ihre zunehmende Nicht-Wahrnehmung sein: Werden wir vielleicht „oberflächlicher“, wenn alle gesammelten Daten öffentlich und frei im Web diffundieren? Führt eine Omnipräsenz von Protokollen, Tabellen, Listen zur Abstumpfung, so dass wir ihnen gegenüber sogar „taub“ werden? Ich glaube nicht, dass frei flottierende abstrakte Behördeninformationen über Budgetposten dieselben Effekte haben werden, wie die  Dauerberieselung durch omnipräsente Werbebotschaften. Permanente provokative – wie zum Beispiel sexualisierte oder gewaltverherrlichende- Werbung bewirkte in den letzten Jahren bekanntermassen eine gewisse Abstumpfung in unseren Köpfen gegenüber jenen Reizen.

Bei Rohdaten des Staats verhält es sich wahrscheinlich anders: Die Masse wird diese nämlich schlichtweg ignorieren. Vielleicht mag ich von einem zu negativen Menschenbild ausgehen. Doch auch hier argumentiere ich wieder mit der notwendigen “man power”, die zuerst in die Wertschöpfung von OpenData investiert werden muss. Die Zeit und Musse für die Verarbeitung komplexer Informationen, werden nur wenige Personen und Institutionen aufbringen. Daten einfach zum Selbstzweck zu publizieren, ohne damit ein konkretes Informationsbedürfnis zu befriedigen, finde ich daher weder gefährlich noch von grossem Nutzen.

Daten-Architekten werden wichtiger als die Archäologen

Den Hauptgrund für diese Gleichgültigkeit orte ich wiederum in der naturgemässen Keimzelle des OpenData-Schauplatzes, im Web 2.0: Je schnelllebiger und dynamischer unsere Informationsgesellschaft, je mehr Social Media unser Aufmerksamkeitsvermögen und unsere Auffassungsgabe prägen und je nervöser wir durch langatmige Klickpfade werden, desto seltener, gefragter und relevanter werden diejenigen „Geeks“ sein, die sich diesen Informationen geduldig annehmen. Besonnene, ruhige und nachdenkliche Wissensträger, die die Daten verknüpfen, interpretieren und Zusammenhänge darin erkennen.

In einem Echtzeit-Datendschungel -oder wie es Sascha Lobo nennt„Echtzeit-Archäologie“- braucht es die Denker, die eine Architektur aus den Informationen fabrizieren. Und die Leute, die Fähigkeit mit sich bringen, diese Gerüste immer wieder kritisch zu hinterfragen. Beide Gruppen müssen aber für ihre Denkarbeit auf irgendeine Art und Weise entlöhnt werden.

Im falschen Film: Ständerat gegen “Verfassungsgerichtsbarkeit light”

Lag es an dem bevorstehenden Euro-Auftakt, anderen vermeintlich wichtigeren Abstimmungen (wie zum Beispiel der “Kiffer”-Busse) in der Session oder den tragischen Tod des berühmten Nationalrats Otto Ineichen, der diese gesamte Sessionswoche überschattete? Anders kann ich mir nämlich kaum erklären, weshalb diese wichtige Entscheidung des Ständerats spurlos an der öffentlichen Wahrnehmung vorbeiging: Ich spreche vom “Nein” der kleinen Kammer zu einer Einführung einer Verfassungsgerichtbarkeit.

Ich dache zuerst, ich hätte nicht richtig gelesen. Auch die twitternden Politiker schwiegen sich zu dem Thema seltsamerweise aus. Bis auf Barbara Schmid-Federer, die sich mit mir zusammen genauso darüber empörte.

Wir erinnern uns: Am 6. Dezember fiel der Nationalrat (das in jener Session zum ersten Mal in der neuen Zusammensetzung tagte) den historischen und längst überfällen Entscheid, dass das Bundesgericht keine verfassungswidrige Bundesgesetze mehr im konkreten Fall anwenden muss. Dieser staatspolitischen Zäsur haben die neuen Mittekräfte (GLP und BDP-Fraktion) massgeblich zum Durchbruch verholfen (siehe Politnetz-Visualisierung unten). Das prompte Ja hat mich damals selber überrascht. Hatte ich doch unsere Volkskammer eher eine populistische Neigung in dieser wichtigen Frage zugetraut, trotz der unsäglichen Vorgeschichte wie dem  Minarettdebakel und der Diskussion, wie die angenommene Ausschaffungsinitiative bei Einhaltung aller internationalen Konventionen und Verpflichtungen wortgetreu umgesetzt werden kann.

Hier der direkte Link auf die Abstimmung im Nationalrat auf politnetz.ch

Nun hat der Ständerat mit einer Mehrheit von 27 gegen 17 Stimmen diesen Vorstoss wieder rückgängig gemacht.  Dabei schienen in der Debatte laut NZZ Wortmeldungen gefallen zu sein, wie zum Beispiel man wolle keinen “Richterstaat” einrichten, die “Gewaltentrennung ” sei genügend austariert. Ich wähnte mich im falschen Film, als ich diesen Artikel las. Da im Ständerat nach wie vor kein elektronischen Abstimmungssystem existiert, mit welcher die sogenannte “Dunkelkammer” ausgeleuchtet werden kann, kann man nur vermuten, welche “liberalen” CVP und FDP-PolitikerInnen sich gegen eine Stärkung des Rechtsstaats entschieden haben (einen interessanten Beitrag zur aufgeflammten Transparenz-Debatte über das Stimmverhalten des Ständerats gibt es übrigens auf dem Blog von SoMePolis zu lesen: http://somepolis.ch/2012/06/offentliche-abstimmungsergebnisse-im-standerat/)

Der Ständerat, dem Chambre de Réflexion, in welchem Staatsräson und Besonnenheit hochgeschrieben und Parteipolitik hinten angestellt wird, hätte ich in dieser bedeutenden Frage mehr Mut zugetraut. Zumal es sich bei diesem Vorstoss gar nicht um eine wirkliche Verfassungsgerichtsbarkeit gehandelt hätte: Mit dem Vorstoss würde kein Richterobrigkeit geschaffen werden, die politisch über demokratisch gefällte Entscheidungen richten und diese korrigieren würde. Sondern der Vorstoss wäre lediglich ein präventiver Filter, der die Bundesparlamentarier und Parteien dazu anhalten würde, nicht gegen die Verfassung zu politisieren und keine völkerrechtswidrige Initiative zu lancieren. Die Entscheidungen des Souveräns hätten nach wie vor Vorrang, das Bundegericht hätte ja nur im Streitfall (also bei Klage vor Gericht) etwas zu melden…

Natürlich ist damit angesichts der Modi und der bekannten Langsamkeit des Schweizerischen Gesetzgebungsprozess noch nichts definitiv entschieden.  Die Vorlage wird wieder zurückgewiesen an den Nationalrat. Dieser- so hoffe ich- soll bei einem zweiten Anlauf an dieser “Verfassungsgerichtsbarkeit light”-Version bitte festhalten.

Update: Just am selben wie Tag wie der Veröffentlichung dieses Blogartikels hat der Ständerat – es grenzt fast an Ironie- eine kleine Sensation beschlossen und scheint sich zumindest in einer Sache demokratiepolitisch vorwärts  bewegen zu wollen.  Mit 22 gegen 21 Stimmen beschloss die kleine Kammer die elektronische Stimmabgabe (Initiative des Glarner Ständerats This Jenny)  und damit seinen Ruf als ominöse Dunkelkammer abzustreifen. Bald erhalten wir mehr also endlich mehr Transparenz darüber, was mit unserer politischen Stimme im “Stöckli” genau passiert.