Weniger digitaler Analphabetismus – Warum der Empathie-Button eine wichtige digitale Währung werden könnte

Der künftige “Empathie -Button”(Bezeichnung noch unklar) von Facebook dürfte Publishern aufgrund des täglichen News-Dilemmas eine wertvolle neue Interaktionsform in die Hand geben. Kein Zweifel. Doch wirklich freuen können sie sich erst, wenn dadurch ihre Postings im Rahmen des Newsfeed-Algorithmus aufgewertet werden. 

Community Manager von Medienhäusern kennen die Problematik: Sie bewerben publizistische Formate zu politischen Brennpunkten auf Facebook.  Wie die ausgelösten Likes zu den oft eher traurigen Themen zu interpretieren sind, bleibt Spekulation: Wird mit dem Like die journalistische Eigenleistung honoriert? Oder ist das Like als politische Parteinahme für Erdogan oder der Kurdenpartei HDP zu werten? Die Motive  hinter einem “like” lassen sich nur erahnen.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische  Zustimmung für den Protagonisten oder als Wertschätzung für die Exklusivität des Interviews werten. Oftmals sind die Zahlen der "Gefällt mir"-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

Ein erfolgreiches Posting bei der NZZ: Neben der hohen Klickrate löste der Beitrag viele Reaktionen aus. Das Like lässt sich in diesem Kontext als politische Zustimmung werten. Oftmals sind die Zahlen der “Gefällt mir”-Markierungen schwierig zu interpretieren. Quelle: Facebookseite der NZZ.

News-Dilemma auf Facebook

Die wenigsten User sind instinktiv geneigt, das vorgestrige Erdbeben in Chile mit Stärke 8.2 mit “Gefällt mir” zu markieren. Viele Fans von Newssseiten entgehen dem Dilemma, indem sie ein wertneutraleres Instrument nutzen und unterhalb des Postings kommentieren.

Nun schafft das grösste Social Network Abhilfe und testet eine “Empathie”-Funktion (diese wurde zuerst irrtümlich als Dislike-Funktion kolportiert) . Verschiedene Medien dürften darüber erfreut sein. Gerade aufgrund der Tagesaktualitäten und aufgrund der politischen Grosswetterlage haben Medienhäuser täglich mehrheitlich unerfreuliche Dinge zu vermelden (es gibt natürlich neue journalistische Ansätze wie der “Konstruktiv-Journalismus“, wie das beispielsweise Ulrik Haagerup propagiert, um diese Negativität zu minimieren, doch das soll hier jetzt nicht der Gegenstand sein).

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

Mit einem neuen Button gibt Facebook Usern eine neue non-verbale Interaktionsmöglichkeit. Quelle: Pixabay.com

“Like” bemisst die Importanz nicht die Zustimmung eines Users

Die Vermarktung der publizistischen Produkte scheint im Widerspruch mit der Social-Mechanismen zu sein, die dem Nutzer vorwiegend Erfreuliches in die Newsfeeds “spülen” soll. Mit bedeutenden Konsequenzen:”The choice of ‘like’ as a primary signal in the world’s biggest social network has substantive political consequencesschrieb die Tech-Soziologin Zeynep Tucefky in einem offenen Brief.

Mit dem Sympathie-Button erhalten die Medien ein neues Instrument, der diesen täglichen Widerspruch auflöst.  Das Online-Magazin Vice sieht darin eine wertvolle Handhabe:  ”Umständliche Erklärungen, wie man als User sein „Like” bei ernsten Postings meint, könnten sich damit erledigt haben”.

Die Gewichtung im Algorithmus wird entscheidend sein

Die Washington Post hingegen erachtet als kollektiven Denkfehler, ein “like” mit Zustimmung gleichzusetzen. Es handle sich lediglich um ein Signal, wie wichtig ein Thema für den User ist.  Die Einführung von “+1″ (wie beim  Netzwerk Google +) wäre das angemessenere Substitut.

Interessant dürfte die Gewichtung dieses neuen Faktors im Rahmen des komplexen Newsfeed-Algorithmus sein, dem Herzstück von Facebook. Auch wenn Nutzer in Zukunft – so von Facebook in Aussicht gestellt- mehr Autonomie in der Verwaltung ihres Streams zugestanden wird: Der Algorithmus verfügt weiterhin über eine hohe Macht in der Strukturierung unserer Aufmerksamkeit (da sich ein grosser Teil der Facebook-Community dieser Selektionsmechanismen nicht bewusst ist und sich an die Filtervorgänge gewöhnt hat, sogar zufrieden ist mit ihnen). Shares gelten in der aktuellen Version des Facebook-Universums als Gold, Kommentare als Silber und Likes als Bronze zu werten.

Zu differenziertem Online-Verhalten konditionieren

Das Mitgefühl wäre wie das “like” vorerst eine“schwache” Interaktionsform. Sind demnach 120 Mitgefühlsbekundungen zu einem bestimmten Inhalt ein Äquivalent zu 120 Likewerten? Bleibt das “Like”  zu einem Posting vom Autor als erstrebenswert, so werden Publisher ihre Content-Strategie weiterhin auf Good News und polarisierende effekthascherische Inhalte ausrichten.  Doch wenn Medien nur noch die Spielregeln der verzerrten heilen “Social Welt” mitspielen, so hätte das demokratiepolitisch verheerende Folgen.

Womöglich wartet der Konzern allfällige Verhaltensänderungen der Test-User ab, bevor die Datawissenschaftler über die Priorisierung innerhalb der Formeln entscheiden. Kommentieren User weniger, wenn ihnen eine andere Funktionen zur Verfügung gestellt wird? Wird damit Trollen Tür und Tor geöffnet, die Werbeanzeigen nach unten downvoten können, wie das “Vice” befürchtet?

Werden die Nutzer zu differenziertem Online-Verhalten konditioniert, wäre der neue Button in der Tat eine Bereicherung im nicht-verbalen Handlungsrepertoire von Facebook. Die ersten Usability-soziologischen Studien zu diesem Testversuch bleiben abzuwarten.

Die richtige Währung für Betroffenheit

Meine Hoffnung ist, dass dadurch die leisen Geschichten, die uns traurig, betroffen oder wütend machen, den ihnen gebührenden Respekt erlangen. Die Geschichten, denen wir bisher aufgrund der “sozialen Ontologie” nur mit digitalem Analphabetismus begegnen konnten.  So dass sie sich im täglichen aufmerksamkeitökonomischen Inhalte-Wettbewerb durchsetzen können.

Und dass wir, die Nutzer, Betroffenheit nicht verdrängen, sondern digital adäquat in die “richtige Währung” umwandeln können. Fast nach Immanuel Kant: Dass wir aus unserer (nicht selbst verschuldeten) “Unmündigkeit austreten können”. Vielleicht wird gar die daraus resultierende Debatte unterhalb des Postings zivilisierter geführt, wenn man a priori den “richtigen” Gefühlen Ausdruck verleihen vermag.

 

Update: Facebook hielt sich bedeckt, was die Bewertung innerhalb des Newsfeed-Algorithmus betrifft und verweist auf das Q&A mit Marc Zuckerberg: But over the years of people asking for this, what we kind of have come to understand is that people aren’t looking for an ability to down vote other people’s posts, what they really want is to be able to express empathy. Not every moment is a good moment and if you are sharing something that is sad, whether it’s something in current events, like the refugees crisis that touches you or if a family member passed away, then it may not feel comfortable to like that post. But your friends and people want to be able to express that they understand and that they relate to you, so I do think it’s important to give people more options than just like as a quick way to emote and share what they’re feeling on a post. We’ve been working on this – it’s surprisingly complicated for an interaction that you want to make that simple but we have an idea that we think we’re going to be ready to test soon, and depending on how that does, we’ll roll it out more broadly. That you for all the feedback on this over the years — I think we’ve finally heard you and we’re working on this and hopefully we’ll deliver something that meets the needs of our community

Update II: Angeblich wird die neue Funktion keinen Dislike-Button, sondern daraus entstehen Emojis: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Reactions-Facebooks-Like-Button-wird-um-Emojis-erweitert-2841015.html

4 Gedanken zu „Weniger digitaler Analphabetismus – Warum der Empathie-Button eine wichtige digitale Währung werden könnte“

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