Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen

Lesen Sie in Zeitungen und Online-Medienportalen? Hoffentlich ja. Wieviele Male pro Tage teilen und kommentieren Sie Links mit Bezug zu einem politischem Thema in Ihren sozialen Netzwerken? Höchstens einmal? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Lesen bedeutet nämlich auch Wahrnehmung. Warum die These der neuen jungen “News-Abstinenzler” nicht haltbar ist.

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Ich durfte bereits in der Kontextsendung von SRF mit Philippe Wampfler darüber reden (auch Input hat es aufgenommen). Da das Thema aber erst in der zweiten Sendungshälfte behandelt wurde und wohl kaum alle Zuhörer die ganzen 50 Minuten mitgeschnappt haben, wiederhole ich die Diskussion in schriftlicher Form. Es geht um die Studie des Nutzungsverhaltens bei Medieninhalten auf Social Media (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft -auch Fög genannt-  der Universität Zürich).

Nur süffisante seichte Kost wird geteilt

Sie besagt, dass die auf Social Media meistgeteilten Artikel von Medien der 61% der Kategorie “Soft News” zuzuordnen sind. Diese bieten also keine Einordnung eines politisch relevanten Themas und hätten mehr unterhaltenden als informativen Charakter (Anmerkung: die Studie bezieht sich auf die Schweiz. Dass es auch anders geht, zeigt die Social Media-Monitoring-Plattform Newswhip mit ihren jüngsten Befunden: Die meist geteilten Artikeln im Dezember waren allesamt “Hard news”-Themen aus Washington Post, Guardian etc.).

Fazit also : Die Jugend befasst sich lieber mit seichter Kost und vertreibt sich die Zeit eher mit Unterhaltungsangeboten als mit hard news.

So weit, so falsch. Wenn die Messmethode allein auf das Interaktionsverhalten (Kommentieren, Sharing, liken) und auf das Viralitätspotenzial beruht, dann ziehen Medienportale mit Qualitätsansprüchen natürlich schnell den Kürzeren (Zu den Indikatoren, siehe Zusammenfassung der NZZ: “Von den 200 Beiträgen, die im vergangenen Jahr am meisten verlinkt oder mit einem «Like» versehen wurden…”). Das Leseverhalten aus der Studie auszuschliessen, vernachlässigt jedoch eine wichtige Nutzungsform.

It’s the Verweildauer, stupid!

Mit der Lancierung des “Instant Articles”-Formats wird klar, dass Facebook vor allem der Rezeption von Artikeln zwecks Werbevermarktung enorme Bedeutung zumisst. Nicht mehr das Engagement allein ist massgebend, sondern auch die Verweildauer, die Scrolltiefe und die Klickaktivitäten innerhalb eines Formats.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. So sieht der Beginn eines entsprechenden Artikels aus.

Wir testen bei der NZZ ebenfalls das Instant Articles-Format. Ein entsprechender Artikel sieht beispielsweise so aus.

Die “Engagement-Müdigkeit” ist kein Phänomen, welches alleine auf die Jugend zutrifft. Dass sich die Interaktionsfreudigkeit generell immer mehr auf ein “Like” reduziert, hat auch Ingrid Brodnig in ihrem netzpolitischen Referat konstatiert: “Umfragen des Marktforschers GlobalWebIndex zeigen, dass im dritten Quartal 2015 nur noch jeder Dritte seinen Status aktualisierte. Im Jahr zuvor waren es noch 50 Prozent gewesen. Dafür wird Facebook zunehmend passiv genutzt: Man liest Artikel, schaut Videos oder hinterlasst Kommentare bei Freunden”.

Doch für den Giganten ist dies kein besorgniserregender Trend. Auch Brodnig gelangt zur Konklusion, dass Zuckerberg mit seiner Medienoffensive vor allem die Exit-Türen der Plattform unterbinden möchte. Mit anderen Worten: Verlasse nie wieder Facebook. Sie zitiert den Leiter der Studie von Global WebIndiex: “Die Verweildauer bleibt hoch. Für Facebook ist entscheidend, dass es weiterhin vielen Menschen Werbung einblenden kann”.

Nachrichten-Dilemma lädt nicht zur Interaktion ein

Die Seiten und Profile von Medienhäuser gehören erfahrungsgemäss zu den Fan-Magneten einer Plattform, was auch ein Grund dafür ist, weshalb die Technologiefirmen ein Interesse daran haben, neue tragfähige Geschäftsmodellen für Medien zu entwickeln. Junge Personen abonnieren diese Seiten genauso wie ältere Personen. Nur weil Postings und Tweets kein unmittelbaren Reaktionen auslösen, bedeutet nicht, dass sie nicht konsumiert werden.

Ein weiterer Grund für mangelndes Social Echo: Medienportale vermelden mehrheitlich “bad news”. Sich dabei in den vorhandenen “social”-Währungen adäquat zu artikulieren, wirkt manchmal deplatziert und unangemessen (das damit verbundene “Nachrichten-Dilemma” und die von Facebook versprochene Abhilfe durch Emojis-Button habe ich auf meinem Blog bereits einmal diskutiert).

Der Newsfeed von Facebook wird politischer 

Die These des Rückzugs in private konfliktfreie Katzenvideo-Filterbubble ist zwar nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Doch man darf nicht die Schuld der digitalaffinen politikverdrossenen Jugend zu schieben, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Agentur Munich Digital bei über 1000 deutschsprachigen Facebook-Nutzern zeigt.

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Viele deutschsprachige Facebook-Nutzer registrieren ein aufgeheiztes politisches Klima auf Facebook.

Die gute Nachricht der Studie: Der News-Feed wird immer politischer (gemäss der subjektiven Empfindung der Teilnehmer). Die schlechte: Die geäusserten politischen Meinungen und die aufgeheizten Stimmungen werden als zu extrem wahrgenommen, was neben der Nachrichtenlage (Flüchtlinge, Köln etc.) auch auf unser Filteralgorithmus-Problem zurückgeht, welches homogene politische Meinungsräume begünstigt. Dies schreckt immer mehr Nutzer ab und bewog in der Vergangenheit viele dazu, sich von ihren Kontakten zu “ent-freunden”.

Der Rückzug in ein lustiges heiles Refugium und die These neuen “News-Deprivierten” ist erstens eine masslose Übertreibung. Und zweitens ein hausgemachtes Problem von Facebook. Mir sind keine empirischen Zahlen bekannt, die auf ein sinkendes politisches Interesse von Social Media-Nutzern hindeuten.

Snapchat-Journalismus bietet Chancen

Gutes Anschauungsmaterial für diese Gegenposition liefert die Messenger-App Snapchat, die aufgrund ihrer Geschlossenheit (kein offenes Netzwerk) wohl kaum in der fög-Studie berücksichtigt wurde. Eine 16-jährige Schülerpraktikantin hatte mich im letzten Sommer gefragt, wann die NZZ denn mal endlich auf Snapchat präsent sein würde.

Sie selber hätte die Informationen über die Griechenland-Krise vollständig aus den Snapchat-Kanälen der Medien bezogen (wohlgemerkt auf Englisch, da bis jetzt nur Vox.com, Buzzfeed, CNN und andere Portale aus den USA für die App exklusiv produzieren dürfen).

In der Discover-Sparte bereiten ausgewählte Medienpartner Inhalte im Cardsstil (Informationshäppchen), Bewegtbilder wie Gifs und Video und Artikelabschnitte auf, durch die sich junge Nutzer mittels Wischbewegungen intuitiv navigieren können.

Wahrscheinlich waren wir alle noch nie so gut informiert wie heute.  Doch es fehlt bei den meisten oberflächlichen Informationen an Tiefe.  Das Medienportal Vox.com setzt daher auf Erklärstücke und visuellen hintergründigen Dossierjournalismus, ohne dabei sträfliche Komplexitätsreduktion zu betreiben und ins Triviale zu verfallen.

Die wichtigste Metrik bei Snapchat lässt sich nicht in Form von Aktivitäten erfassen, es zählt lediglich das “View”.  Und diese Zahl schnellte in den letzten 12 Monaten auf schwindelerregende Höhe. Martin Giesler hat die Vorteile des aufblühenden Snapchat-Journanalismus zusammengefasst.

Kurz und gut: Mit solchen rein positivistischen Studien wie die des FöG-Instituts der Universität Zürich wird man  der ganzen Komplexität des Nutzungsverhalten von Medieninhalten -besonders beim “unsichtbaren” passiven Konsum von audiovisuellen Erzählformen- nicht gerecht. Und zwar bei Jung und Alt.

 Update 26. Januar: Spannende Studie über die politische Radikalisierung auf Facebook und kognitive Wahrnehmung von Verschwörungstheoretikern: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

3 Gedanken zu „Wenn Forscher das Lesen vernachlässigen“

  1. Zuerst verdanken wir auch diesen Beitrag zu unserer Mediennutzungs-Studie. Allerdings müssen ein paar Dinge korrigiert bzw. richtig gestellt werden. Ihr Beitrag insinuiert, dass wir unser Resultat zur Zunahme der Gruppe der „News-Deprivierten“ ausschliesslich darauf abstützen, dass in Social Media – also jenen Plattformen, auf denen sich junge Erwachsene besonders häufig aufhalten – primär Softnews verbreitet würden. Das ist nicht korrekt. Unserer Studie basiert vielmehr auf einer repräsentativen Bevölkerungsumfarge zur Mediennutzung sämtlicher Informationsmedien seit 2009 bis aktuell. Abgefragt wurde u.a., wie häufig verschiedene professionelle Informationsangebote genutzt werden. Das Leseverhalten wurde also keineswegs vernachlässigt, wie auch die anderen Nutzungsformen nicht. Dabei zeigt sich dann tatsächlich, dass die Gruppe der „News-Deprivierten“ seit 2009 dramatisch zunimmt, während die Gruppe der Vielnutzer von professionellen Informationsangeboten – die sog. „Heavy News-Nutzer“ – wegschmilzt. Wenn überhaupt, dann bilden Pendlerzeitungen noch die primäre Informationsquelle der “News Deprivierten”. Auch die Mediennutzung professioneller Online-Informationsangebote wächst bei dieser Gruppe nur unwesentlich, zu wenig jedenfalls, dass dadurch der Nutzungsschwund der klassischen Informationsangebote aufgefangen werden könnte. Zur Frage, was die „News Deprivierten“ via Social Media ggf. zusätzlich an News auf ihren Bildschirm erhalten, müssen wir in der Tat mehr wissen. Ihre These aber, dass die „News-Abstinenzler“ via Social Media das grosse Fuder an News oder gar Hardnews konsumieren, ist wenig plausibel. Warum? Wir haben nämlich auch untersucht, welche Themen aus dem Vorjahr die verschiedenen Nutzergruppen am meisten erinnern. Dabei zeigt sich, dass die „News Deprivierten“, diejenige Gruppe, die also kaum mehr professionelle Informationsgebote nutzt, primär Softnews- und Sport-Themen erinnert, kaum aber Hardnews (vgl. hier: (vgl. hier: http://www.foeg.uzh.ch/de/analyse/alleanalysen/medienrepertoires.html
    ). Wir müssen also davon ausgehen, dass jene Nutzer, die kaum mehr professionelle Informationsangebote direkt ansteuern, solche News auch auf Social Media kaum nachfragen. Genau werden wir es wissen, wenn unsere Studie zur Nutzung von News via Social Media vorliegt.
    Wir laden Sie jedenfalls gerne an unser Forschungsinstitut ein, um mit uns die Thematik weiter zu vertiefen und Sie davon zu überzeugen, dass auf unserer Seite keine „Positivisten“ am Werk sind.

  2. Auch ich verdanke diesen Kommentar zu allererst. Und nehme die Einladung für die weitere Bearbeitung der Thematik bei Ihrem Forschungsinstitut gerne an.

    Ich gebe offen zu, diese Umfrage an sich habe ich ausgeklammert. Ich habe mich lediglich auf die Einordnung des Aktivitätsverhaltens gestützt, also wie Ihre Aussagen über die Verbreitung von reichweitenorientierten Unterhaltungs- und Soft News-Angeboten zu deuten ist. Gemessen anhand der Zahl der Likes, Shares, Comments. Diese Indikatoren greifen eindeutig zu kurz.
    Sie können mir jedoch im Gegenzug nicht unterstellen, dass ich News-Abstinenzler für verborgene “hard news”-User halte. Diese These habe ich in dieser Form nie behauptet. Ich tue mich lediglich schwer mit den von Ihnen formulierten Termini “aufsuchen” und “nachfragen”.
    Beim Scrollen meines Newsfeeds bin ich beispielsweise ein passiver Nutzer, ich sehe und nehme vom Algorithmus gefilterte Postings wahr. Ich steuere da kaum “aktiv” die Seiten von Medienhäusern aktiv an. Wenn ich in meinem Newsfeed somit mit Medieninhalten konfrontiert werde (aufgrund abonnierter Pages und Profile=) diese jedoch nicht anklicke oder weiterempfehle, “frage” ich diese gemäss Ihren Metriken denn nicht nach?

    Bewegtbildformate beispielsweise haben eine immer grössere Bedeutung bei Social Media (und insbesondere für die Präsenzen von Medienhäusern), besonders die direkt hinaufgeladenen Native Videos auf Facebook und Twitter, die vor allem mobile via App konsumiert werden. Beim automatischen Abspielen dieser Videos werde ich somit als aktiver Zuschauer mitgezählt, sofern ich nicht nach 3 Sekunden wieder “abspringe”.
    Solche Daten haben jedoch wohl kaum Eingang gefunden in Ihrer Studie, nehme ich an?

    Was ich vermute: Der Konsum und die Produktion neuer Medieninhalte für neuere Social Networks wie beispielsweise Messenger Apps (Snapchat und FB Messenger), die einen Schwerpunkt auf audiovisuelle Erzählformen legen, wurden wahrscheinlich nicht mitoperationalisiert. Damit tue ich mich schwer. Ausserdem verfügen die Medienportale über erhärtete empirische Zahlen zum Social Media-Traffic, zur Besucherschaft und Verweildauer auf nzz.ch. Man müssen diese Daten unbedingt bei den SocialMedia-Redaktoren nachfragen und mit-erheben, um das Nutzungsverhalten bei Medieninhalten auf Social Media zu messen und adäquat beurteilen zu können.

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